Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 31 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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-K. 31. hundertjährigpn Heimat vertrieben, die sie so innig geliebt. Hier sind sie arme Lastträger, die zur Erwerbung ihres kärglichen Unterhaltes bereit sind, sich ins Wasser zu stürzen, um die Reisenden und ihr Gepäck ans Land zu tragen; — sind doch Brücke oder Landungsstätte nicht vorhanden! Ihre Augen glühen bei dem Anblick der Silbermünze, die man ihnen für ihre schweren Mühen verabfolgt. Wahrlich, diese Menschen essen das Brod des Elends, sie haben den Leidenskelch bis zur Neige geleert; doch sie haben sich in ihr Geschick ergeben und sind froh, wenn sie ihr armseliges Dasein unverfolgt und nngepeinigt fristen können, wenn man sie die freie Luft in Ruhe atmen läßt J-!!! Wir sind ani Lande. Kaum aber hat unser Fuß den afrikanischen Boden betreten, als die unleugbare Tatsache uns verblüfft, daß die schöne Kunst des Fegens hier zu Lande weder gekannt noch geübt wird; Gegenstände, sauber und unsauber, lebend und tot, liegen wüst und ungestört herum. Ein nachdenklicher Esel, über die neueste Entdeckung eines jungen Forschers mit - Bezug auf seinen Stammbaum philosophisch gleichgültig, erhält einen kräftigen Stoß von dem glücklicherweise uiibestiefelten Fuß unseres .Trägers; doch das Grautier bleibt ruhig stehen, ohne eine Miene zu verziehen, ohne seine Stellung zu verändern. „Wir sind ja längst daran gewöhnt," würde es sicherlich sprechen, besäße es die Rednergabe wie sein berühmter Vorfahr unter Bileains Leitung -. Armes Vieh! Und dochmit dem Schicksal des Trägers verglichen, führt es ein beneidenswertes Dasein. Es hat doch keine Religion, für die es noch besonders leiden muß-- die frommen Besucher der vielen Moscheen haben für es noch keine besonderu Qualen und Strafen. Unsere Koffer werden vor einem Tribunal beturbanter, langbärtiger Muselmänner in weißen, flatternden Mänteln geöffnet und mit gravitätischem Ernst Untersucht. Jeder Gegenstand wird umständlich herausgenommeil und betastet und nach einem bezeichnenden Köpfschütteln für zollfrei erklärt. Wir werden endlich sehr höflich entlassen und können jetzt, hoch zu Esel, die Stadt ungehindert betrete». Im Jahre 1874 wurden die Bewohner Tangers durch eine ungewöhnliche Himmels-Erscheinung unliebsam aus ihrer gleichmütigen Trägheit aufgerüttelt. Ein Komet von 'ungewöhnlicher Größe, der allabendlich an Glanz und Umfang zunahm, war der Grund der Bestürzung für Juden und Muselmänner in gleicher Weise. Unglück verkündende Propheten sprangen aus dem Boden, wie Pilze irach einem warmen Regen, je mehr der „Sternen-Schweif", wie er von jedem genannt ivurde, sein Strahlenlicht am nächtlichen, geheimnisvolle» Himmel entfaltete. Tausende bleicher Gesichter waren nach ihm gerichtet. Was mag es nur bedeuten? Was mag es uns nur verkünden? Gutes gewiß nicht — — — darin stimmten alle überein-. Ob es aber Pest, oder Krieg, oder Hungersnot, oder gar das Ende der Welt sein wird, das -vermochte keiner zu entscheiden, nicht einmal Rabbi Nachum, der doch der klügste Kopf nicht nur in der „Mellah" (das jüdische Viertel), sondern gewiß von ganz Tanger war. Seiner Frau hat er allerdings anvertraut, daß es das Herannahen der schrecklichen Epoche von „Gog und Magog" bedeute, wo die Menschheit vor dem Erscheinen des Messias die gräßlichsten Prüfungen durchzumachen haben wird. Die gute Frau berichtete es, im strengsten Vertrauen, einigen Freundinnen, die es besorgt ihren geliebten Angehörigen als Geheimnis mitteilten, sodaß „Gog und Magog" bald die stehende Unterhaltung in Tanger bildete. Ueberall tauchten neue Propheteil auf; eine phantastische Deutung verdrängte die andere, bis die ganze Judenschaft durch ein besonderes Ereignis, wie es Sterblichen selten passiert, zu einer rasenden Begeisterung entflammte. Die Ursache war folgende: - Ben Uliel, ein frommer, schwärmerischer Jüngling, wollte die Bedeutung der himmlischen Erscheinung auf eine besondere Weise ergründen. Er betete viele Nächte hindurch, fastete viele Tage, und hielt seine Blicke fast unausgesetzt auf den Kometen gerichtet — — —. Und ha geschah es, um Mitternacht, daß er am Rande des Kometen eine schwache rosa Färbung wahrnahm, während die Mitte desgrankfurtrr Israelitischer Familienblatt. selben wie eine leuchtende Sonne erglänzte. Bald aber wechselte die Erscheinung ihre ganze Gestalt: Der Schweif wurde noch dünner als zuvor, der Komet selbst hingegen erweiterte sich zusehnds, bis er vollständig die Form einer Trompete annahm, die mit ihrer regenbogigen Pracht und Herrlichkeit das Auge blendete. Ehe Ben Uliel sich von seinem Staunen erholt, hrach aus dem Hintergründe des besternten Himmels ein noch nie gesehener 'Glanz hervor, aus dem sich ein „Etwas"- mit zivei feurigen Flügeln löste, das zu der Trompete leise hinschwebte, und das ätherische Instrument erfassend, wurde der ganze Raum, bald mit einer Musik erfüllt, wie sie meiischliche Ohren noch nie vernommen. Als die lieblichen Töne verklungen waren, da vollzog sich mit der Trompete abermals ein Wandel, sie nahm die Gestalt eines flammenden Thrones an, auf dem das „Etwas", sich niederließ, jetzt mit einer goldenen Krone auf dem Haupte und einem großen Szepter in der Hand, das nach Osten gerichtet war. Hierauf erfolgte ein Ruf,, mächtig und gewaltig, der den ganzen Weltenranm wie Meeresbransen erfüllte: „Erwache Jcrusaleni! Wache auf!" Ben Uliel, von Schauer und heiliger Andacht überwältigt, fiel anbetend auf sein Angesicht, und als er wieder aufstand, da war alles verschwunden, und nur der Sternen-Schweif leuchtete ruhig weiter, und tiefe Stille herrschte ringsherum. Eine wahnsinnige Aufregung bemächtigte sich der Juden, die sich bald auch der niaurischen Bevölkerung mitteilte. Der schwärmerische Jüngling wurde nicht müde, seine Vision mit allen Einzelheiten immer und immer wieder zu berichten, und die Gläubigen stimmten sofort darin überein, daß der „Schofor" aus Licht, der goldene Thron, der himmlische König, das Szepter ostwärts gerichtet und. gar erst der Ruf „Erwache Jerusalem" nichts anderes als die sichere Ankunft des Messias bedeute. Rabbi Nachum sagte zu allen: kein Wort, sondern schüttelte bezeichnend sein greises Haupt, was aber den Gläubigen schon genügte, um sie in Fieberhitze zu erhalten, zumal die Frau des Rabbi zu diesem Kopfschütteln wiederum einen lange» Koininentar zu gebe» wußte. Die fremden Konsuln lächelten schweigend zu dieser phantastischen Erregung, doch der Pascha faßte die Sache gar ernst auf. 'Er ließ sich von Ben Uliel noch einmal alles wiederholen, gab ihn: ein wertvolles Geschenk als Zeichen seiner Freundschaft und ließ ihn auf einem seiner Maultiere nach Hause reiten. In Anbetracht der wilden, despotischen Natur des Pascha und seiner ausgesprochenen Feindschaft gegen alle Nicht-Muselmänner konnte man die ehrenvolle Behandlung eines einfachen Juden nur dem Umstand zuschreiben, daß die Zeiten sich ändern, daß es ein Vorläufer der messianischen Periode sei! Um dieselbe Zeit hielt sich in Tanger ein Fremder auf, der weder für den Sternen-Schweif noch für irgend etwas ein Interesse zu haben schien. Er erregte Aufsehen, wohin er kam. Er sprach mit keinem, und verkehrte mit keinem außer mit Rabbi Nachum, und das auch nur geheimnisvoll, bei verschlossenen Türen. Wer war dieser Mann? Woher kam er, und was wollte er? Diese Fragen konnte selbst die Frau des Rabbi nicht beantworten. Seine einzige Beschäftigung war, den Leuchtturm von Cape Spartel zu besteigen und über die Säule des Hercules hinweg Ausschau auf-der Meeresfläche zu halten. Er sprach selten ein Wort, und nur leise murmelten seine Lippen: „Die Winde, die Winde; wer kann dem Sturm gebieten?!". Jetzt stand er wieder da oben, unbekümmert um die vielen Schauplätze einer wechselvollen Vergangenheit, die zu seinen Füßen ausgebreitet lagen. Der Berg Myla zur rechten und der Berg Calpe zur linken erweckten Erinnerungen teuer den jetzigen Geschlechtern, aber auch wohl bekannt den alten Völkern, den Phöniciern, Juden, Griechen und Römern. Der Wandel gräbt seine Spuren überall ein, nur nicht in den Sternen und nicht in der Menschenseele. Seit der sabelhaften Katastrophe von Atlantus sind schon manche Menschenwogen über jene Meerenge dort hinweggefegt worden! Die Anbeter des Baal und der Astarta, die Verehrer Jupiters, die Anhänger des einzigen Gottes, die Frommen,-des Nazareners, die Gläubigen des Koran — — :— hier kämpften sie alle um die Herrschaft, hier strebten sie, um sich Denkmäler für die Ewigkeit zu setzen. Die schweren Seite 5. Kämpfe, die Rom mit Karthago, mit den Gelten, Vandalen und Franken hier geführt, waren ja nur ein mildes Vorspiel zu den wildfanatischen zwischen Gothen und Arabern, beginnend mit dem Fall des letzten Gothen-Königs Don Roderik und endend mit dem Sturz Boabdyls, des letzten maurischen Fürsten in Granada. Welche Stoffülle für ein Heldengedicht, welche lohnende Aufgabe für den fleißigen Geschichtsforscher — — —! Doch der Fremde widmete diesen Phantomen der Vergangenheit nicht den geringsten Gedanken; für ihn schien die ganze Umgebung nicht vorhanden zu sein. In seinen Händen hielt er ein Telegramm, das „Ezra und Hulda" unterzeichnet war, und dieses las er wieder und wieder, jedesmal hinzufügend: „Die Winde, die Winde, wer kann dem Sturm gebieten?!" Auf seinem Rückwege zum Stadttor Murmelte er noch weitere abgebrochene Sätze, während große Tränen unaufhaltsam aus seinen Augen stürzten: „Mein süßes, herziges Kind," „Der liebe, gute Ezra," „Der Bote aus Zion, der hochherzige Jüngling," „Gottes Allmacht ist groß, feine Wege wunderbar," „Der Bote aus Zion," „Aus Zion geht die Lehre aus, und von dort ist auch mir Hilfe geworden!" „Der Wind, der Wind, wer kann wohl dem Sturm gebieten?!" l Ehe wir uns mit dem 'Fremden noch weiter beschäftigen, müssen wir über den „Boten aus Zion" etwas Näheres zu erfahren suchen. ' (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. Die In den Metzeleien in Rußland. Ein offener Brief an die regierenden Fürsten und Staatsoberhärlpter der Kulturwelt von Dr. Wilh. Münz, Rabbiner in Gleiwitz. (Preis 20 Pfg.) Breslau, Kocbner'sche Buchhandlung. Das Heftchen geht von der These aus, daß in Rußland die Wächter des Gesetzes zu Mördern des Gesetzes geworden sind, und appelliert an die Staatsoberhäupter, daß sie den Judenmetzeleien ein Ende setzen. Die rechtliche Stellung der Israeliten nachdemStaatskirchenrechtdesGroßherzogtums Kessen, von. Dr. jur. Leop o l d K a tz, Referendar in Gießen. 96 S. JL 1,60. Verlag: Alfred Töpelmann, Gießen. Das Buch, eine fleißige Arbeit, stellt die für die Juden des Großherzogtums Hessen geltenden staatskirchenrechtliche Grundsätze zusammen und betrachtet sie vom juristischen Standpunkt aus. Im Anhang Hibt der .Verfasser einen Ueberblick über die geschichtliche Entwickelung des Rabbinats /der Provinz Oberhesseu und bringt die Abschrift mehrerer Dokumente (Bann von 1603, Bann von 1719 rc.). Monatsschrift-für Geschichte u. Wissenschaft des Judentums, herausgegeben von Dr. M. B r a n n. 50. Jahrgang, Heft 5/6. Breslau, Kocbner'sche Verlagsbuchhandlung. Inhalt: R. Urbach, Judentum und Christentum; S. Janipel, Studien zum Buche Esther; M. Lewin, Die Blutbeschuldigung in oberbadischen Liedern aus dem 15. und 16. Jahrhundert; Moritz Steinschneider, Mathematik bei den Juden; L. Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur; M. Wolf, Ein Brief- David Friedländers an Moses Moser. Notizen von L. Löwenstein und bon M Brann; Besprechung: Lambert, Mayer. A. Brandin, Louis, 6Ioss»irs dsdrsukraoyais cku Xllk. sitzols von S. Poznanski. Kaufmann, H. E. (Dr.), Vorlesungen und Essays anläßlich der ersten jüdischen Reisegesellschaft nach dem hl. Lande. 3 u. 109 S. nebst Anhang. 1906. Druck: L. Kleins Nachfolger in Pozega. Zu beziehen durch den B. Virovittca (Slavonien). Unter den bis heute über dasselbe Thema erschienenen Broschüren zeichnet sich die vorliegende nicht so sehr durch Reichhaltigkeit des Stoffes vor ihren Vorgängern aus, als vielmehr durch das ungetrübte Urteil, welches V. sich zu wahren gewußt hat. Nicht feinen eifrigen Zionismus, auch nicht die begeisterte Liebe zum Lande der Väter, sondern die nackten Tatsachen, wie sie sich nicht anders dem objektivsten Beobachter darstellen, läßt der Verfasser das Wort führen. Die Schrift verdient daher weitern Kreisen bekannt gegeben zu werden. Im Ganzen zerfällt sie in folgende 13 Kapitel mit nachstehender Ueberschrift: Vorwort; Gedanken über jüdische Gesellschaftsreisen nach dem Lande Israels; Die Reise nach Aegypten . . .; In Kairo und Alexandrien; Ben-Jehuda's berühmter Millon; Das jüdische Pilgerhaüs „Eschel Abraham" . . .; Aufgeklärt: Der Ausslug zum Jordan . . . .; Die Chaluka; Der Ausflug von Jaffa nach Petach Thikwa und Rischon-l'Zion; Die talmudischen Hochschulen in Jerusalem; In den Mauern Jerusch'laims; Der Abschied; (Anhang). Begrüßungsschreiben des Chacham Baschi in Alexandrien. Hierzu mannigfache Fußnoten,