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Neue jüdische Presse · 1906-08-10 · Heft 31 (10.8.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 31 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 1 Frankfurter Israelitisches FamilienLlatk. -K. LI. jüdischen Einwanderer-Elemente klar geworden war. Jüdische Kolonisaiton kann nicht in die Richtung gezwungen werden, in der sich die Kolonisation anderer Volker ganz von selbst bollziehen mußte, sondern — abgesehen von den wenigen Fällen, in denen es sich bei üns um Ackerbau-Gewöhnte oder ackcrbaufähige Elemente handeln "kann — muß unsere Kolonisation bestrebt sein, auf dem Wege über Handel und Industrie einen entsprechenden Bruchteil der Natiyn allmählich zu landwirtschaftlicher Betätigung überzuführen. I. T. O. Der Jntcrnationalrat der Jüdischen Territorial Organisation hielt seine Sitzungen am Mittwoch und Donnerstag, 1. und 2. August, im Saale Essex Hall, London, ab. Der Präsident, Herr Israel Z a n g - will, führte den Vorsitz. Außer England, waren Delegierte aus Belgien, Deutschland, Frankreich, 3iußland, der Schweiz und den Vereinigten Staaten anwesend. Entschuldigungen von abwesenden Mitgliedern kamen aus Bulgarien, Palästina, Rumänien und Süd-Afrika. Bcgrüßungsdcpeschen liefen u. a. aus den folgenden Ortschaften ein: Antwerpen, Berlin, Bern, Bialystok, Ekatcrinoslav, Elisavetgrad, Johannesburg, Kattowitz, Kiew, Kowno, Krementschua, Krugersdorp, Manchester, Mendzyrzec, Odessa, Otschakow, Philipopolis, Plovdiv, Posen, Stralkowo, Warschau und Zürich. Dr. Jeremias in Posen übermittelte telegraphisch der ersten Jnternationalratversammlung die herzlichen Wünsche seitens der dortigen Zionisten. Dr. Krenberger, Wien, drückte jein lebhaftes Interesse für das Jtowcrk aus, wie auch seine Bereitwilligkeit, die von ihm geleitete „National - Zeitung" zu Diensten der Sache zu stellen. Der Redakteur des in Odessa erscheinenden Blattes „Rußki Jevrey" bot ebenfalls seine Mitwirkung in einem Briefe an, der mit den Worten beginnt: ° < „Ich begrüße den Rat in einem Augenblicke, wo vor mir die noch warmen Leichen dreier jüdischer jungen Deute liegen, von Kosakenkugeln durchbohrt." Ein Brief von Dr. .Paul Nathan, Berlin, dem Präsidenten des „Hilfsverein der Deutschen Juden", wurde verlesen, in welchem er seine warme Sympathie mit den Jtobestrcbungen ausdrückte. Begrüßungen und Petitionen liefen ferner aus Bendery (Bessarabien), Bialystok, Drabow, Kriwoy Rog, Peresyp und von der jüdischen Gemeinde von Solotonoscha, im Poltawa Gouvernement, ein, während die Einwohner von Ekaterinoslaw und Krementschug ihr vollstes Vertrauen dem Jtorate durch Adressen mit mehr als tausend Unterschriften ausdrückten und denselben an die dringende Notwendigkeit einer Auswanderung aus Rußland erinnerten. In seiner Eröffnungsrede schilderte der Präsident die Fortschritte der Bewegung und legte die bevorstehenden Ausgaben dar. Durch die Verhaftung des Herrn Joselcw in Warschau, bei welcher die bei ihm befindlichen Schriftstücke konfisziert wurden, wurde die Vorlage des Berichts des russischen Zentralkomitees unmöglich gemacht. Der Ehrensekretär, Herr Clement I. Salam a n, stattete einen Bericht über die passendsten Territorien in den verschiedenen Kontinenten ab. Frau Auerbach, aus Südafrika und London, die das britische Schutzgebiet in Ostafrika bereist hatte, stattete über das Land und dessen Zustände einen Bericht ab, der zu dem der Gibbons-Kayser-Expedition von Mai 1905 in schroffem Gegensatz stand. Nach eingehender Debatte wurde auf den Antrag von Dr. Klee, Berlin, einstimmig beschlossen, eine Kommission zur Erwägung aller vorliegenden Angebote und Projekte einzusetzen, eventuell Expeditionen auszusenden und die Kommission zu verpflichten, ihren Bericht spätestens im Frühling 1907 abzustattcn. Die Ernennung der Kommission wurde dem Präsidenten übertragen. Das Angebot eines Beitrages von '400000 JL seitens des Herrn Joseph Fels zu einer Jtoniedcrlassung unter Bedingung des Gemeinbesitzes am Grund und Boden wurde deni Exccutiv-Komitee überwiesen, wobei der Jnternationalrat feinen herzlichsten Da.nk für das Geschenk ausdrückte. Der Jnternationalrat drückte gleichfalls seine dankbare Anerkennung der Privattätigkeit des Herrn Samuel Schriro aus Baku aus, der sich damit beschäftigt, den Umfang derjenigen bcinittelten Kreise in Rußland festzustcllen, die zur Auswanderung in eine Jto-Kolonie bereit wären. Die Verhandlungen schlossen mit den von Professor Dr. Mandel st a m in, Kiew, beantragten Dankvoten. — Sonnabend Abend fand ein Massen-Meeting statt, das von etwa 7000 Personen besucht war. Professor Dr. M a n d e l st a in in - Kiew, brachte mit Unterstützung von Herrn Oscar Straus, dem früheren amerikanischen Botschafter in Konstantinopel, eilte Resolution zu Gunsten der Bestrebungen der Jto ein, die einstimmig angenommen ivurde. Herr Z a n g w i l l teilte mit, daß Lord Rothschild der Jto seine wärmsten Synlpathien aussprechen lasse. Die Woche. Der „Jnternationalrat" der Jto hielt am 1. und 2. August in London seine Jahressitzung hinter verschlossenen Türen ab; doch, was die Führer der Jto auf dem anschließenden großen Massennlecting der Oeffcntlichkeit verkündeten, zeigte, daß die territorialistische Bewegung in dem ersten 'Jahre ihrer Arbeit keinerlei praktische Resultate gezeitigt hat. Dieses Ergebnis hat trotz der Begeisterung auf dem Meeting allgemein enttäuscht, und mit Recht fragt man sich, warum mußte der Zionismus gczweitcilt werden, wenn auch der Territorialismus der Not der Gegenwart keine Abhilfe zu schaffen weiß. Eine Erklärung hierfür scheint der merkwürdige Titel „Jnternationalrat"" zu geben, der unseres Wissens auf dem Massenmeeting zum ersten Male offiziell gebraucht worden ist, JUtcrnationalrat — also: nicht national! Man hat also dem Gelde der jüdischen Millionäre zu "Liebe, auf das man nicht verzichten zu dürfen glaubte, und das dem Zionismus verschlossen ist, eine Konzession gemacht, die, den Territorialismus seines nationalen Charakters beraubt. Es handelt sich demnach auch/nicht mehr um eine Spaltung der jüdischen Nationalbewegung, denn die internationale Jto steht zu dem nationalen Zionismus weder in "koordiniertem noch in kollegialem Verhältnis. Diese Auffassung dürften auch die auf dem genannten Meeting gehaltenen Reden, die eine Betonung des nationalen Momentes vermissen ließe», bestätigen. Will aber die 'Jto nur eine philantropische Bewegung, nur eine Notstandsaktioii sein, so ist es unverständlich, daß sie dem gewaltigen Auswandcrerstrom, der sich Tag für Tag gleich einem Flutmcerc von Ost nach West ergießt, untätig gegcnübersteht. Zum Schlüsse fei?roch gesagt: Wenn die Jto ihre Ziele in die Zukunft setzt, dann wäre es besser gewesen, die Kräfte nicht zu zersplittern und den Weg der Zukunft in der Heimat des jüdischen Volkes zu suchen. Die Rabbinen Rußlands und Jerusalems rufen die gesamte Judenheit zu einem allgemeinen Fasttag, „Taanis zibur", am Eingang des kommenden Monats Elul (Erew rausch.chaudesch) auf. Dieser „Taanis"" gilt der verzweifelten, gefahrvollen Lage der russischen Juden. Dieser Schritt ist gemäß der Tradition; die Rabbinen handeln einfach nach dem „Din"", sie berufen sich auch auf den Ranibam. Daß es unfern geistigen Führern zusteht, einen solchen Schritt zu machen, wer wollte das 'bezweifeln. Wohl wird sogar mancher gläubige Jude nicht umhin könne», gegen die Rabbinen den Vorwurf zu erheben, warum sie alles a u s s ch l»i e ß l i ch dem Himmel überlassen und nicht, wie cs unsere Weisen •;» tun pflegten, auch an ein Handeln seitens des Volkes denken wollen. Allein, wir wollen nicht des nähern darauf eingehen und eine andere Seite hervorkchren. Beim Taanis zibur kommt in erster Linie die Einheit Israels in Betracht, und was nun diese anbelangt, hegen wir Zweifel. Mancher Raw wird vielleicht der Anordnung sich entziehen; hat man es doch fertig gebracht, gegen die Totgcschlagenen, statt sie zu beweinen, Anklagen zu erheben . . . und'wie soll man da für die Lebenden' cheten?! . . . . Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Einem dem Hilfsberein der Deutschen Juden von den Vorsteherinnen der H aus haltungs schule „Lumina" in G a l a tz (Rumänien) erstattete» Bericht entnehmen wir die folgenden Zeilen: Galatz, 24. IM 1906. „Es freut uns. Ihnen giitteilen zu können, daß die diesjährigen, in Gegenwart eines zahlreichen Publikums stattgehabten Prüfungen über alle Erwartungen gut ausgefallen sind. Alle Welt war auf's Angenehmste von den trefflich gegebenen Antworten der Schülerinnen überrascht, die in allen drei Sprachen — rumänisch, deutsch und hebräisch — mit festem, sichern Auftreten jede Frage zu beantworten wußten. Es wurde allgemein die gute Anssprache beim Deutschen bemerkt, aus dessen Unterricht wir sehr viel Gewicht legen, denn von Anbeginn war es unser Wunsch, unsere Schülerinnen 7— dank einer weiteren Ausgestaltung der Schule — zu Bonnen heranbildcn zu können. Einen tiefen Eindruck haben bei den Prüfungen unsere Barfüßler gemacht, für die mehrere Spenden gegeben wurden, womit wir ihnen gleich Schuhe anschaffen konnten. Auch sind sehr viele Geschenke für die Preisverteikung, die vor einigen Tagen in Gegenwart einer zahlreichen Versammlung stattgefnndcn hatte, eingcläusen, und es sind auf diese Weise viele arme, fleißige Schülerinnen, die sich bei dieser Gelegenheit mit rumänischen, deutschen Liedern und Gedichten, wie auch kleinen Theaterstücken produzierten, beschenkt worden. Es war rührend, die glückstrahlenden Gesichter der "armen Eltern und Schülerinnen zu sehen, die nicht ermüdeten, für die ihnen erwiesenen Wohltaten zu danken."" Eine weitere Ausgestaltung der Schule, die, wie ersichtlich, schon in ihrer jetzigen Form eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet, ist von den Leiterinnen ins Auge gefaßt Wörden, und der Hilssverein der Deutschen Juden hat seine Prinzipelle Bereitwilligkeit erklärt, das Unternehmen, das den jüdischen Mädchen eine tüchtige und vor allein praktische Bildung gewährt, weiter auszugestalten. Frankfurt a. M. Wir erhalten vom HilfsvereinderDeuts che n Juden die nachstehende Mitteilung: Die Aktion zu Gunsten der russischen Waisenkinder, die, was Deutschland anlangt, unter Führung der Großloge für Deutschland stattgcfunden hat, kann nunmehr in ihren wesentlichsten Teilen als abgeschlossen betrachtet werden. Es ist gelungen, für sämtliche Kinder in bester Weise zu sorgen, und insbesondere ist darauf Bedacht genommen worden, daß Geschwister, wenn nicht in demselben Institut oder in derselben Familie, so doch zum wenigsten in derselben Stadt untergebracht werden konnten. Das Alter der Kinder geht von 1 Jahr aufwärts, und einige der Kleinen sind auch von erwachsenen Schwestern von 16, 18, 20 Jahren begleitet. Die. große Mehrzahl sind 8, 9, 10 .und 11 Jahre. Von der Gesamtzahl der 110 Kinder gehen 33 nach Amerika, 17 nach England, 2 nach der Schweiz, 3 nach Italien, 9 nach Oesterreich durch Vermittelung der Israelitischen Allianz-Wien, 4 nach Argentinien. In Deutschland sind ferner 37 Kinder untergebracht in gemeinsamer Tätigkeit der Großloge für Deutschland, des Frankfurter Hilfskomitees für die notleidenden osteuropäischen Juden und des Hilfsvereins der Deutschen Juden. Für die Unterkunft von 5 Kindern hat die Alliance Jsraülite Universelle Sorge getragen. Die Sorgfalt, mit der die JUstitute und die Pflegestellen, wo die Kinder untergebracht werden sollen, ausgcwählt worden sind, bieten eine Garantie dafür, daß, was im Bereiche der Möglichkeit liegt, geschehen ist, um hen Kindern, hie so Furchtbares gelitten, eine gute Zukunft zu sichern. Insofern als geeignete Pslegcstellen in Deutschland für die Kinder nicht gesunden werden konnten, hat der Hilfsverein der Deutschen Juden die finanziellen Lasten für die 'Waisen übernommen. Fulda, 5. Äug. Auf Anordnung der Hanauer Staatsanwaltschaft wird auf" dem hiesigen israelitischen Friedhof die Leiche des russischen Juden M o s e s B o g u s ch e n e x h u m i e r t und seziert. Dieser alte Mann übernachtete am 10. Juli d. I. auf dem Heuboden über dem Viehstall des Jakob Goldschmidt hier und wurde am anderen Morgen mit einem Schädelbruch tot im Viehstall aufgefunden. Er soll durch die Bodenluke auf's Pflaster gestürzt sein, doch fiel cs ans, daß seine drei Begleiter spurlos verschwunden waren. Weiuheim a. Bergstr. Letzten Freitag fand unter Teilnahme der gesamten Bevölkerung die feierliche Einweihung der neuen Synagoge statt, nachdem am Donnerstag der Abschiedsgottesdienst in der über 200 Jahre alten Synagoge abgehalten worden war. Die Fcstpredigt hielt Herr Rabbiner Dr. P i n k u ß - Heidelberg. < Karlsruhe. Dem Geschäftsberichte des Grvßherzogl. Oberrats der Israeliten zufolge verausgabte die israelitische Zentralkasse im Jahre 1905 für Gehaltsaufbesserungen <m Religionslehrer ca. 19 000 JL, für außerordentliche Unterstütz-

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