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Neue jüdische Presse · 1906-08-10 · Heft 31 (10.8.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 31 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Avonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Ml. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— ------—» und chsschäftsftMs Frankfurt a. m.. Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße T-r-fo« 10507. I y i H-pattsgsVer: Salg Hsls. Jnsertionspreise: Die viergespältene Petitzelle. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. .. . Beilagen: Preis nach Uebereirkkunst. » '*7 ..._;______- : 4 Jahrgang. Freitag, de« 19. Aw 5666 (19. August 1906). Ro. 31. In der heutigen Nummer beginnt der Roman: „Getrennt und Vereint." Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann- Dieser Roman wird nicht nur durch seine spannende Handlung, sondern auch durch kulturhistorisch wertvolle, wahrheitsgetreue Schilderungen das Interesse unserer Leser in Anspruch nehmen. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus Rußland. — Die Industrie Palästinas von Davis Trietsch, Jaffa. — I. T. O. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: »Getrennt und Vereint"' aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. — Kunst und Literatur. — Aus der Geschäftswelt. — Briefkasten. — Woch.-Kal. Brief aus Rußland. (Schluß.) Wäre das Gesetz über die bürgerliche und politische Gleichberechtigung der Juden von der Duma angenommen worden — was nicht zn bezweifeln ist — so hätten es Reichsrat und Kaiser genehmigen müssen; standen doch viel wichtigere und für das Land schwerwiegendere Fragen (z. B. die Agrarfrage) bevor, bei denen eine Meinungsverschiedenheit zwischen Reichsrat-und Duma vorhanden war, und deshalb würde der Reichsrat in dieser viel unbedeutenderen Frage nachgegeben haben. Jetzt ist nun wieder die Lösung der Judenfrage aus eine lange Zeit hinausgeschoben! — Zwar kursieren Gerüchte, daß Stolypin 'die Absicht habe, den Juden Gleichberechtigung zu geben; aber wir Juden verhalten uns dieser Nachricht gegenüber sehr skeptisch. Möglich ist es, daß auch er, wie seine Vorgänger, uns . einen ansgetrockneten Knochen zuwerfen wird. Er wird dem Ansiedlungsrayon noch einige hundert Städte — für Pogrome — anreihen, damit die Kraft der Revolution schwächer werde, denn das ist-ein eingefleischter Irrtum der Regierung, daß die Juden die Hauptansiister der Revolution seien und darum wird ihnen die Regierung geringere Konzessionen zu ihrer Beruhigung machen wollen. ' Auf dieses Geschenk von Stolypin's Gnaden verzichten wir! Uns ist lieber, unser Blut in dem Kampfe mit der henkerischen Regierung zu vergießen, bis sie unschädlich gemacht ist, als in Pogromen eines schmachvollen Todes .durch Räuber und Mörder zu sterbem Die Vernichtung der Regierung ist, wie wir uns Bereits überzeugt haben, unsere Rettung, und wir glauben, nicht fehl zn gehen.. Traurig ist der gegenwärtige Moment; es herrscht eine allgemeine Verwirrung. Der Würfel ist gefallen; — die Duma-Abgeordneten, die in Wiborg versammelt,waren, haben, wie bekannt, .den friedlichen Weg verlassen und den Weg des Kampfes eingeschlagen, indem., sie sich in einem Aufruf, der zur passiven Ressistenz gegen die Regierung auffordert, an das Volk wandten. - -; , Diesen Aufruf haben auch — wie wir glauben: mit Recht — die jüdischen Abgeordneten unterzeichnet; gebietet doch die Lage der Juden, daß sie gegen und nicht zu der Regierung halten. Die Auflösung der Duma ist ohne Zweifel ein Schritt nach rückwärts;. die Regierung ist nicht gelvillt, die Zügel aus der Hand zn geben, aber auch uns Jndeii bleibt kein anderer Weg/ als der Regierung Sturz herbeiznführcn: das ist für uns eine Frage des Lebens und des Todes! Unsere Vertreter in der Duma haben das Manifest an das Volk mitunterschrieben; cs ist also ein Gebot der Pflicht, dieser Aufforderung nachznkoinmen. Und doch — wie soll dies in der Praxis befolgt werden? Keine Steuern zu zahlen! Ist das bei uns Juden, die vom Handel leben, überhaupt möglich? Keine Soldaten der Regierung stellen! Ist das den schwachen, unterdrückten, eingeschüchtertcn Juden zuzumuten, ihnen, die noch obendrein eine Strafe von 300 Rubel bei Entziehung eines Angehörigen vom Militärdienst zu zahlen haben? , Anders die anderen Schichten der Bevölkerung! — Drei Monate sind es noch bis zur Einberufung der Rekruten, und es ist dnzunehine», daß die anhaltende Agitation, die in dieser Zeit seitens, der freiheitlichen Elemente betrieben wurde, gelingen wird. Voraussichtlich werden dabei offene Revolten vermieden werden; allein man wird bestrebt sein, die Tätigkeit der Behörden lahm zn legen, indein die einberufeiien jungen Leute sich nach Art der Finnen der Musterung durch fortwährenden Wegzug nach anderen Orten entziehen. Jedenfalls darf darauf gerechnet werden, daß unter dem Einfluß des Manifestes die Musterung dieses Jahr sehr lückenhaft sein wird. Ebenso ist die Verweigerung der Steuern wahrscheinlich; ist doch der russische Bauer geradezu ein Meister in dieser Weigerung (Nc-doimki), sodaß es viele Dörfer gibt, die Jahre lang hartnäckig keine Steuern zahlen. Als drittes ist noch der politische Streik möglich; an diesem können sich auch wir Inden beteiligen. Wohl herrscht jetzt im Lande eine unerwartete, Stille; allein die Ruhe, mit welcher die Auflösung der Duma entgegcngenonimen worden ist, ist keine Ruhe der Gleichgültigkeit, sondern die Ruhe vor einem Sturme. Wir gehen schweren Zeiten entgegen, furchtbare Zeiten erwarte» uns, glücklich jeder, der die Wogen dieses brandenden Meeres durchzogen hat und am ersehnten User gelandet ist. Denn nur dort am liser liegt unsere Zukunft. Sch. Tschernowitsch. Die Industrie Palästinas.») Von Davis T r i e t sch, Jaffa. Wie im ganzen türkischen Reiche, so ist auch in Palästina die Industrie bisher noch sehr'wenig entwickelt. Außer einigen primitiven JNdustrieen, wie Mahlmühlen, Oelmühlen, Handweberei, Färberei, Töpferei, usw., die meist nur lokale Bedeutung haben, *) Mit Genehmigung des Verfassers, nach dem im Druck befindlichen Palästina-Handbuch I. (über die allgemeinen Landesverhältnisse), Berlin 1906. Orient- Verlag." •' ‘ ' " kam bisher von Industrie-Produkten Palästinas wohl nur billige („arabische") Olivenöl-Seife auf den ausländischen Markt (meist Aegypten) tiud allenfalls noch Schnitzereien aus Olivenholz mit Perlmutter-Einlage» und ähnliche Arbeiten mehr, die meist in Amerika und England einen Markt finden. Bis vor wenigen Jahren wurde ein Aufblühen der Industrie schon durch die hohen Binnenzölle verhindert, durch die die türkischen Erzeugnisse gegenüber den europäischen stark im Nachteil waren. Statt nämlich, wie überall anderwärts, durch Fabrikation ini Lande die Einfuhrzölle 311 sparen, wurde hierbei Beförderung von einer Provinz zur anderen derselbe Zoll von 8»/o erhoben, der auch ausländischen Industrie-Produkten gegenüber zur Anwendung kam. Auf diese Weise behielt die längst eingeführte Industrie des Auslandes einen nicht mehr einzuholenden Vorsprung gegenüber jeder etwa beabsichtigten Jndustrie-Neugründnng in der Türkei. Man suchte sich zu helfen, indein man für jede ileue Industrie eine Konzession für die steuerfreie Ausfuhr .der Industrie-Produkte in die Provinzen nachsnchte. Diese Abgabenfreiheit wurde aber nicht immer gewährt, und wenn ja, so stets nur auf wenige Jahre, nach deren.Ablauf die Konzession von neuem nachgesucht werden mußte, was jedesmal mit Risiko und Unkosten verbunden war. Seit nun vor kurzem der JUlandszoll bis auf l°/o ermäßigt wurde, ist ein ivesentliches Hemmnis beseitigt, und es scheint, als ob in ganz (kurzer Zeit eine Anzahl größerer und kleinerer Fabrikationen in's Leben gerufen werden wird. In jüdischere Härrden waren bis vor kurzem außer den großen Weinkellereien von Rischon-le-Zion und von Sichron-Jacob nur eine Eisengießerei in Jaffa (Stein's), sowie einige Mahlmühlen im Lande. Neuerdings (1905) gründete Wilbuschewitsch eine Oelmühle bei Lydda, außerdem würde in Jaffa eine Parfüm- Fabrik (Geranium), eine Korkstopfen-Fabrik, eine Selterswasser-Fabrik und einige weitere kleinere Unternehmungen begründet. Zur Verwertung der Weintrester von Rischon baute der Ingenieur Klimker vor zwei Jahren (1901) eine'kleine Fabrik. In Jerusalem wird zur Zeit eine größere Mahlmühle gegründet usw. Alles in allem kann.man annehmen, daß die industrielle Betätigung der Juden, nachdem die ersten. Versuche recht gut geglückt sind, sich von Jahr zu Jahr mehr ausdehnen wird, und damit würde zweierlei erreicht sein: Erstens bietet die Industrie die Möglichkeit einer Beschäftigung vieler Menschen, mit verhältnismäßig wenig Kapital pro Arbeitskraft. Zweitens aber käme damit die gesamte jüdische Kolonisationstätigkeit in ein gesunderes Fahrwasser. Denn das Haupt-Kontingent der jüdischen.Auswanderer und der Juden überhaupt eignet sich wohl unmittelbar oder nach kurzem Uebergangs-Stadium zu industrieller Betätigung, selten aber zn landwirtschaftlicher Kolonisation. Und wenn bisher ein solches Mißverhältnis bestand zwischen Anstrengung und Kosten-Aufwand einerseits und andererseits dem Erfolg der jüdischen Ackerbau- Kolonisation in Palästina, so lag das in der Hauptsache eben daran, daß man sich nicht genug über die speziellen Vorzüge und die speziellen Mängel der

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