Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 30 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4. Nr. 30. düng 28602 Fr., Mittlere und höhere Schulen 10 835 Fr., Reparaturen der Schulgebäude 32 279 Franken, Lehrlingswerk für Knaben im Orient 61017 Franken, Lehrlingswerk für Mädchen im Orient 23 014 Franken, Werkstättc zu Jerusalem 71431 Fr., Ackerbauschulc zu Jaffa 78618 Fr., Meierei zu Djedeida 68127 Fr., Ausgaben für die Doniäne Reghaia 37 433 Fr., Verschiedene Unterstützungen 46 511 Ir., Bibliothek 8557 Fr., Drucksachen 16 960 Fr., Frankatur 5374 Fr., Miete 8570 Fr., Verschiedene Kosten 60 894 Fr.,. Berliner Bureau 10 069 Fr., der Vorsorgekasse übergeben 13 681 Fr., Immerwährende Beiträge, die zum Kapitel kommen 46 427 Fr. in Sa. 1486 000 Fr. Rußland. Bjeloftok, 25. Juli. Hiesige Offiziere beschlossen, 'einen der Ihrigen nach Petersburg zu Professor Schtcpkin zu senden, um ihn, weil er sie in seiner Duma-Rede der Beteiligung an den hiesigen Judeninassakres beschuldigt hat, zum Duell zu fordern. — Die Auswanderung nimmt hier und in der Umgebung von Tag zu Tag zu. Der wohlhabende Fabrikant A. Schonek hat seinen Fabrikbetrieb eingestellt und ist mit seiner Familie nach Palästina gefahren, wo er eine Fabrik errichten will. Mkolajew, 25. Juli. Eine Zeit der Angst und des Schreckens, schlimmer wie bei den Oktober-Pogromen, durchlebt jetzt die jüdische Bevölkerung. Die reaktionären Parteien hetzen in schlimmster Weise zu Pogromen. Den Vorstehern der jüd. Gemeinde gegenüber erklärte der Gouverneur, er könne für einen dauernden Schutz der Juden nicht bürgen. Shitomir. Die Patriotische Gesellschaft hat in der Gouvernemcntsdruckcr e i in 1000 Exemplaren die Rede Kusmenko's abdrucken lassen, in welcher Rede dieser die Duma-Abgeordnetcn „Trinker und Anarchisten" nennt und die Duma als ein Teufclswerk der Juden hinstellt. Tiraspol, 26. Juli. Die Züge, die hier von Odessa ankommen, sind überfüllt in i t f l i e h c ndcn Odessacr In den, die die Stimmung der Kosaken fürchten. Odeffa, 24 Juli. Wie bekannt batte am 20. Ju'i auf der Prvchorower Gasse ein Kosak mit gezogenem Säbel alle Juden, deren er habhaft iverden konnte, angegriffen und war darmifhin von jungen Leuten getötet worden. Durch diesen Vorfall drohte ein Progrom auszubrechen, indem die Kosaken ihre» Kameraden mi den Juden rächen wollten, und nur mit Mühe konnten durch anderes Militär die Kosaken znrückgehalten werden, nachdem sie freilich bereits mit dem Zerstören Won Geschäften begonnen und einige JUden getötet hatten. Infolge der gefahrdrohenden Situation begab sich' eine jüd. Deputation zu General Kaulbars, und cs ist nun interessant, über den Verlauf dieser Unterredung zu berichten. General Kaulbars empfing die Deputation sehr ungnädig. Ihr Deputat Schtepkin habe in der Duma die Aufhebung des über -Odessa verhängten Kriegszustandes verlangt, trotzdem die Juden wüßten, daß nur das Militär vor Pogromen schützen könne. An den Pogromen seien die JUden selbst schuld, da zu viel Revolutionäre unter ihnen seien. Hierauf fragte Dr. Schaposchnikow den General, was die 'ohnmächtige jüdische Gesamtheit gegen ihre Revolutionäre tun könne, wenn sogar die mächtige russische Regierung der revolutionären Bewegung machtlos gegenüber stehe. Der General erwiderte, daß nicht nur die jüdische Jugend, sondern auch die älteren Inden Revolutionäre seien, denn zur Zeit der Oktober-Pogrome habe er von den Odessaer Juden vcrlmigt, eine, patriotische Manifestation mit nationalen Fahnen und mit des Kaisers Bild zu machen, er würde in eigener Person dem Zuge voranschrciten, diese Manifestation würde den Pogrom aufhören lassen, und diesen Vorschlag haben die JUden abgelehnt, also seien sie alle samt und sonders Revolutionäre. — Trotzdem versprach der General, Pogrome nicht zulassen zu wollen. Argentinien. Buenos - Aires. Die jüdischen Einwanderer aus Rußland haben hier, wenn sie nicht im Besitze von Geldmitteln sind,, sehr schwer zu leiden. Die hiesige jüdische Gemeinde ist nur klein und finanziell nicht leistungsfähig. Die Unkenntnis der Sprache macht eine Anstellung in Fabriken oder Geschäften unmöglich. . Und als Landarbeiter ist 'nur in der Erntezeit — Dezember, Januar — Arbeit zu finden. Palästina. Jerusalem, 23. Juli. Der Chacham Baschi von Jerusalem, Rabbi Jakob Saul Eljaschar hat ans gelitten. Am 21. d. M. gegen 5 Uhr nachmittags schloß er seine lebensmüden Äugen zum ewigen Schlafe. Eljaschar hat ein Alter von über 90 Jahre» erreicht. Seine Urahnen, aus Wilna stammend, waren Aschkenasim, da es aber bei ihrer Einwanderung noch keine aschkcnasische Gemeinde in der hl. Stadt gegeben, schlossen sie sich den Sephardim an, verschwägerten sich mit ihnen, fügten sich ihren Minhagim, Frankfurter JsraeMMs FamiÜenblaS. so daß sie sich bald völlig spaniolisicrten. Dessenungeachtet betrachtete sich Eljaschar als Vollsepharbi. In seinen! Wesen kam auch das Sephardische in ihm, ohne cs zu wollen, zum Ausdruck. Lag aber schon in seinem Aeußern — eine imposante Erscheinung darstellend — etwas Majestätisches, so trat dieses durch den inneren Seclcnadel, von welchem sein lenchtcndcs Antlitz wiedcrstrahlte, nur noch mehr zum Vorschein. Eljaschar war, allerdings im orientalischen Sinne, ein würdiger Repräsentant seiner Gemeinde — nach außen. Zu deren Hebung nach innen dagegen hat er soviel wie nichts getan. Er Predigte sehr selten, kümmerte sich blutwenig um den Jügendunterricht, war zwar kein Gegner von Schulbildung, suchte sic aber in keiner Weise zu fördern. Und gerade hier hätte sich ihm ein großes Arbeitsgebiet eröffnet, wenn er es nur gewollt hätte. Verständnis hatte er dafür, doch, wie cs scheint, den Mut nicht, de» Schulunterricht zu regeln und zu reformieren. Die Jugend wächst, durch die einseitige Erziehung, die ihr in der Talmnd-Thora zuteil wird, zumeist ohne Derech Ercz heran, später, sobald nämlich der Ernst des Lebens an sie herantritt, auch leider dem Thora-Studium den Rücken kehrend. Das ist ja die gewöhnliche'Folge der einseitigen Erziehung. Seine Jugendjahre hat Eljaschar im Auslande, teils in der europäischen Türkei, teils in Italien verlebt. Dort eignete er sich diese beiden Landessprachen an, was ihm später im Amte sehr zu statten kam. In letzterer ist er auch 1898 vom deutschen Kaiser, als er mit seinem Amtskollegcn S. Salant, dem Oberrabbincr der aschkenasischcn Gemeinde, zur Audienz befohlen wurde, angcrcdet worden. Beiden wurde auch damals der Adlerorden verliehen. Nach Jerusalem zurückgekehrt, ward er zum Vorsitzenden des Rabbincrkollegiums ernannt. IN dieser Eigenschaft blieb er bis Ende 1892. Während dieser Zeit hat er zwei Oberrabbincn überlebt, Aschkenasi und Panigel. Er. war sozusagen ihre rechte Hand gewesen. Die meisten Gemeindefunktionen oblagen ihm. Alle, jung wie alt, wandten sich vertrauensvoll mit ihren Anliegen an ihn, gleichviel wie geartet sie waren. Außerdem sind viele der religiös-rituellen Anfragen, die an den Chacham Baschi gerichtet waren, ihm zur Beantwortung überwiesen worden. Für einen andern, von schwächerer Konstitution, wäre diese anstrengende Arbeit aufreibend gewesen; Eljaschar hat sie mit Leichtigkeit bewältigt. Kräftig gebaut, stets gesund, vermochte er vieles zu ertragen. Hoch in den Siebenzig stehend, trat er das Oberrabbinat an und hatte das Glück, demselben noch zirka 14 Jahre vorzustehen. Während dieser Zeit gab er drei Teile seiner Ncsponsensammlungcn heraus. — In der Sch'mitta-Frage, die für den Anfang der jüd. Kolonien geradezu eine Lebensfrage war, nahm er ini Gegensatz zu den hiesigen aschkenasischen Rabbinc» einen erleichternden Standpunkt ein. — Nicht lange nach seinem Amtsantritte lvard ihm die eine seiner zwei Frauen durch den Tod entrissen. Nun ist er ihr selber gefolgt, ohne vorher ernstlich krank gewesen zu sein, wie er denn überhaupt nie im Leben krank war. Das hohe Alter kündigte sich bei ihm bloß in der Berdauungskraft an, sowie daß ihn die Sehkraft allmählich zu verlassen anfing. Sonst war er bis zur letzten Minute bei vollem Bewußtsein. Schmerzlos ist er hinüber geschlummert — ein einziger Seufzer und er 'lag entseelt da. Während und nach der Tahara wurden Hcspcdim im Trauerhause gehalten, während draußen Bittul Melacha eingetrcten war. Das Leichenbegängnis hatte sich zu einem der imposantesten gestaltet, die je die hl. Stadt gesehen. Mehr denn 20000 Menschen gaben ihm das Geleite. Die Konsuln schickten ihre Kawassen, die vereint mit der Polizei und dem aufgebotenen Militär die Ordnung aufrecht erhielten. Mühsam bewegte sich der Kondukt vorwärts, an jeder Synagoge Halt machend. An all' diesen Stellen wurden Hespcdim abgehalten. Eljaschar hiuterläßt zwei Söhne, von denen der jüngere, R. Chajim, der Nachfolger tverden soll. Er ist aber auch der einzige, der würdig ist 'gewählt zu werden nach R. Jäkob Saul Eljaschar... Haamitti. Unteroffizier Marcel L6VY. Erzählung von Sally Willy Heß, Frankfurt a. M. Bei Ausbruch des Krieges von 1870 diente Marcel Levy aus Nancy im 4. Tirailleur-Negiment. Seine Vorgesetzten sowohl wie seine Kameraden mochten ihn gut leiden. Immer liebenswürdig, immer gefällig und dienstbereit, war er mit allen gut befreundet. Gegen die Disziplin fehlte er nie, im Dienste gab er sich wenigstens Mühe, ohne daß man seine militärischen Leistungen indes hätte hoch bewerten können. Als das Regiment Ende' Juli ausrückte, war alles, Offiziere wie Soldaten,, in hellster Siegeszuversicht. Mit welcher Verachtung schaute man auf die Prussiens herab, diese Sauerkrautfresser, die cs gewagt hatten, mit Frankreich anzubinden. Wer man wollte sie schon jagen! Und als gar am Abend des 2. August das kaiserliche Telegramm von dem glorreichen Siege und der Einnahme von Saarbrücken bekannt wurde, da kannte der Uebermut keine Grenzen mehr. Es würde wohl rasch gehen: Mayence, Jena, Berlin, so etwa sollte der Weg ja sein. Wer es kam anders, ganz anders! Das Regiment war dem 2. Armeekorps des Generals Frossard zugeteilt worden. Am 4. August rückte es in die ihm angewiesene Stellung auf den Spichercr Höhen, auf welchen sich das ganze Korps zusammengezogcn hatte. Man war den Tag über tüchtig marschiert, und jedermann freute sich auf die ersehnte-Ruhe. Es wurde abgekocht und eine Kompagnie aus Vorposten geschickt. Die übrigen Kompagnien waren dienstfrei. Schnell entwickelte sich lebhaftes und fröhliches Treiben. Die Offiziere saßen zusammen und freuten sich auf den baldigen Sieg. Mit Turkos, Chasseurs d'Afrique und Chassepot- Gewchren mußte er unschwer zu erringen sein. Der Champagner perlte in den spitzen Kristall-Gläsern, und der Oberst der Tirailleure brachte einen feurigen Trinkspruch auf den Ruhm und das Glück Frankreichs aus. Der Unterleutnant Jean Aiarie Grcffulhc de St. Pierre gab allerhand Pariser Erlebnisse zum besten und krzählte die neuesten bons mots aus der Welt, in der mau sich, nicht langweilt. Schließlich brach der Oberst auf und die Offiziere zerstreuten sich. Leutnant Gresfulhe trat zu den Leuten seiner Kompagnie, um sich mit ihnen leutselig zu unterhalten. Den Marcel Lövy konnte er besonders gut leiden, zu ihm sagte er: „Marcel, unsere Kompagnie muß unbedingt eine preußische Fahne erobern; mit Gewalt oder durch Ueberredung, das ist gleich. Vielleicht sehen Sie drüben unter den Fahnenträgern eine» Ihrer Glaubensgenossen, kaufen Sie ihm die Fahne ab. Ich gebe 50 Fr. dazu, so wahr ich Ihr Leutnant bin." Mes lachte, nur Levy wurde blutrot im Gesicht und antwortete nicht. Dem Leutnant tat es leid, seinen Untergegebencn verletzt zu haben, darum sagte er ihm jetzt besänftigend : „Na, Marcel, es war nicht böse gemeint; Sie sind sicher ebenso brav, wie die anderen, ich hoffe, daß Sie bald Unteroffizier sind." Sprachs, nickte allen noch freundlich zu, grüßte mit einer leichten Handbewcgung und verschwand in der Richtung auf die improvisierte Offiziersmesse. . Am nächsten Tage gab cs ziemlich viel Dienst. Es wurden Gräben ausgchoben und Verschanzungen errichtet. Patrouillengänge mußten - gemacht werden und noch manches andere. Es schwirrten allerhand Gerüchte im Lager umher; Mac Maho» sollte die Preuße» bei Weißenburg geschlagen haben, einige wollten allerdings wissen, die Preußen hätten einen kleinen Erfolg errungen, doch dies glaubte fast niemand. Das 2. Armeekorps hatte sich vollständig auf den Spichercr Höhen, die südlich von Saarbrücken liegen, zusammengczogen, die Dörfer Spichern und Sticring-Wendel, die pon Natur aus schon ein festungsartigcs Aussehen haben Und vermöge ihrer eigentümlichen Lage leicht zu verteidigen sind, waren künstlich sehr stark befestigt worden. Der sogenannte Rote Berg bot ebenfalls eine vorzügliche, anscheinend kaum angreifbare Verteidigungsstellung. Ucbrkgens stand auch der Marschall Bazaine mit einer sehr starken Armee ganz in der Nähe, in Metz. Man konnte also einstweilen abwartcn, was diese Preußen eigentlich wollten. Endlich, am 6. August, morgens in aller Herrgottsfrühe, fing es an. Unaufhörlich donnerte» die Kanonen und zischten die Mitrailleusen; aber nicht allein oben bei den Franzosen, sondern auch unten bei den Sauerkrautfressern verstand man sich anscheinend auf die Schießerei gar nicht so schlecht. Während des Vormittags lägen die Schützen untätig in den gedeckten Gräben, einstweilen, sprachen erst die von der Artillerie. Die Sonne brannte glühend heiß. Früh' sah man die ersten Verwundeten, dann mehr, immer mehr, viele! Und als die