Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 30 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. - Die Kultutwelt wird jedenfalls nicht viel bei dem. Ausbleiben dieser Reformwerke verloren haben, allein die Tatsache, ihrer Versprechung beweist zur Evidenz, daß, wie wir auch in der vorigen Nummer behauptete», der russische Hof bis dato nicht einmal ernstlich an wirkliche Reformen dachte. Alle bisherigen schönen Versprechungen waren nur pures Blendwerk — und jetzt? Die letzten Nachrichten sprechen .vom Eintritt des Grafen Heyden, Fürsten Lwow und anderer Volksmänner in das Kabinet. Das wäre immerhin eine gewisse Bürgschaft für einige Reformen!— Zwar saßen auch im Ministerium Witte einige Liberale, die zur bloßen Dekoration'oder als beruhigendes Blendungsmittel — worin Witte Meister war — dienten; allein die Situation ist jetzt eine andere, und es ist sehr wahrscheinlich, daß der Hof sich zu kleinen Reformen entschließt. Und doch glauben lvir an eine ruhige Entwicklung des Landes nicht! — Es ist eine verhängnisvolle Art der Russen, etwas zu spät zu kommen. Kleine Reformen würden früher — zur rechten Zeit — genützt haben, jetzt aber nicht mehr. Nicht nur die extremen Parteien werden einem ruhigen Verlauf der Dinge hinderlich sein, auch die liberalen, intelligenten Kreise, die man mit der Auflösung der Duma tief gekränkt und verletzt hat, werde» gegen die Regierung wühlen. Und daß es in der bis zum Siedepunkt erhitzten Luft Rußlands nicht schwer fallen wird, gegen ein Ministerium, an dessen Spitze ein Bureaukrät, .ein Pogrommacher, steht, zu hetzen, braucht nicht gesagt zu werden. Schon die Tatsache, daß das Ministerium kein parlamentarisches, sondern ein vom Hof erkorenes ist, genügte, um das Mßtrauen des Volkes zum Ministerium wachzurufen; — ist doch der Haß und das Mißtrauen zum Hof ob seines' falschen Spieles und seiner Verbrechen auf das Aeußerste gestiegen! Mag sein, daß dem'Hof ein Musterpolizeistaät wie der unsrige vorschwcbt; dochivas bei uns!.möglich ist, scheint uns in Rußland gegenwärtig unmöglich. Wie es scheint, wird Stolypin die Witte'sche gemäßigte Partei zu stärken suchen, um bei der zweiten Duma mit ihrein Program,n regieren zu können, doch werden die schon ausgeheckten Stolypinischen Pläne wahrscheinlich im Sand verlaufen, wie die all' seiner Vorgänger. Die Unruhen haben bereits begonnen, sie werden zum Herbst gewiß größere Dimensionen annehmen; es kommt darauf an, wie weit die Planmäßigkeit und Einheitlichkeit der freiheitlichen Parteien reichen. Die Regierung mit ihrer plötzlichen Reformsucht — wie der Telegraph meldet, hat das Ministerium für Handel und Industrie an die Vertreter der Industrie Entwürfe von Arbeitergesetzen zur Begutachtung versendet, die von vielen schönen Dingen spreche» — wird manchen ködern und somit die Einheitlichkeit brechen; auch haben die Revolutionäre mit ihrem Heberet f e r für die Sache des Proletariats viel von ihrem Nimbus eingebüßt und manchen Freund zum Feind gemacht: doch die abwartende Haltung der extremen Parteien, die von Besonnenheit zeugt, ist ein gutes Zeichen; die Zeiten haben sich geändert, heute nützt der Sturm nicht mehr. Die Besonnenheit aber tut dem Volke in einem Kampf um die Freiheit doppelt Not. Und die Juden? Wir haben des öfteren ausgeführt, daß das Schicksal der Juden Rußlands vom Sieg der Freiheit 'abhängt. Gewiß sind die Russen keine Engel, und auch sie, werden ihnen vielleicht manches nationale Recht vorenthalten; die Diaspora kann eben unmöglich die Judenfrage v o l l - ständig lösen, das kann nur die eigene Heimat. Allein das ist sicher: lvenn die freiheitlichen-bewußten Elemente des russischen Volkes in ihrem Kampfe siegen, so erlangt die russische Judenheit ihre vollen bürgerlichen und auch gewisse nationale Rechte; allerdings sind Rückschläge nicht ausgeschlossen; aber davor kann sich das jüdische Volk bis zur Erlangung seines Heims nicht schützen. ' * * Wir befinden uns in den Tagen der Trauer und des Trostes, eben stehen wir vor „Schabbos Nachamu". Noch steht der ganze Jammer vor unseren Augen: Das Land verwüstet, das Heiligtum zerstört, das Volk entführt, alles, alles dahin; — doch du darfst nicht verzagen: Nachamu, nachamu ami! Alles Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Fleisch ist Gras — verdorrtes, verwelktes Gras — auch das Volk ist Gras —verdorrtes, verwelktes Gras—; doch Nachamu, nachamu ami! So war es einst und heute? Des Landes beraubt, in aller Welt zerstreut, Pogrome hier, Pogrome dort,' wo den Körper, wo den Geist! Doch! Nachamu, nachamu ami. Alles Fleisch ist Gras, welkes Gras, keine Hilfe, keine Rettung; — auch nicht von deinen eigenen Söhnen. Doch: Nachamu, nachamu ami! So will es dein Gott, so spricht dein Gott, und das Volk hörte einst auf die Stimme seines Gottes und ward gerettet, und das Volk hört noch auf diese Stimme und trotz alles Unglücks noch harrt und hofft es! Wahrlich ein großes Volk, daß es s o zu sein vermag. Aus crU'er Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M-, 31. Juli. Heute Vormittag kamen zwölf Waisen, deren Eltern ermordet worden sind, aus Kiew und Bjelostok hier an. Sechs von ihnen finden in der israelitischen Waisenanstalt Aufnahme. Die anderen sechs werden in der israelitischen Suppenanstalt verpflegt und dann anderen Anstalten überwiesen. Unter den sechs Kindern, die in die israelitische Waisenanstalt kommen, sind fünf Geschwister, das älteste Kind ist 15 Jahre, das jüngste zehn Monate alt. Stuttgart. In unserer Religionsgesells ch a f t hatten wir am Schabbos Parschat Pinchos einen feierlichen Gottesdienst. Diese besondere Feierlichkeit galt deni ersten Gottesdienste in dem neu gemieteten Lokale, welches von nun an als Synagoge dienen soll. In beredten, ergreifenden Worten gab Herr Lehrer Sulzbacher der Freude Msdruck, daß die Religionsgesellschaft festen Fuß 'fasse, wie dies aus der Vermehrung der Mitgliederzahl in jüngster Zeit ersichtlich sei, und sprach den Wunsch aus, daß in nicht zu ferner Zeit der gemietete Raum einein eigenen Hanse iveichen möge. Bunzlau. Schächtverbot? Ein Schacht- Verbot will der Magistrat erlassen. Er hat den Beschluß gefaßt, das Schlachten nach jüdischem Ritus zu untersagen. Ein« entsprechende Vorlage wird der Stadtverordnetenversammlung zugehen uild schon in der nächsten Versammlung zur Beratung kommen. Posen, (k.) Auf dem Grundstück, auf dem sich nunmehr die neue Synagoge erhebt, befanden sich vordem die S. B. Latz'sche Studier- und Siechenanstalt und eine städtische Schule. Mit der Latzsch'en Anstalt schloß man eineir Tanschvertrag dahingehend, daß die Anstalt die Grundstücke der Men und der Neuen Betschule erhält. Sobald die neue Synagoge in Gebrauch genommen werden kann, werden beide Schulen abgebrochen und an ihrer Stelle wird ein Neuban zwecks Aufnahme der Anstalt entstehen. Die neue Synagoge wird die Teichstraße entlang das ganze Grundstück füllen, während an der Wronkerstraße ein Vorplatz geschaffen wird und an der Kleinen Gerberstraße gärtnerische Anlagen vorgesehen find. Die Synagoge wird nach den Plänen der Herren Krämer und Wolffenstein in Berlin erbaut, welche auch die Oberleitung der.Ausführung in Händen haben. Der Bau, ein monumentaler Kuppelbau im romanischen Stil, wird mit Rathenower Ziegelsteinen im Klosterformat verblendet werden. Der Rohbau wird voraussichtlich bis zum Herbst 1906 vollendet sein. Die Gesamtkosten des Baues belaufen sich auf etwa 800 000 JL Der Haupteingang zur Synagoge wird an der Wronkerstraße liegen. Daneben werden sich zwei Eingänge zu den Frauenemporen, die das erste Stockwerk bilde» werden, befinden. Vom Haupteingange aus gelangt man durch einen Vorraum in die große Halle, welche 650 Männersitze enthält. Die Zahl der Frauensitze ist 'etwas geringer. Im Hintergründe, also nach der Judenstraße zu, wird sich das Ällerheiligste befinden und zu seinen Seiten ein Raum' zur Aufnahme eines Männerchores von 30 Sängern. Außer der Hauptshnagoge wird in.dem Gebäude noch' eine Wochentagssynagoge sein, welche 60 Sitze umfassen soll. Ein Rabbiner- und ein Kantorzimmer, die Wohnung des Hauswarts, sowie Garderoberäume usw. werden gleichfalls in (dem Gebäude vorhanden sein. Elektrische Beleuchtung und Gasreservebelcuchtung, ferner Zentralheizung, werden nicht fehlen. Die neue Synagoge wird eine Zierde Posens werden. Es gibt nur sehr wenige Bauten in ünserer Stadt, die so günstig gelegen sind, wie die neue Synagoge. Sie kommt nach alten Seiten hin zur Geltung und wird in den verschiedensten Perspektiven eine wirkungsvolle und das Gesamtbild verschönernde Stelle einnehmen. Das Aussehen des Wronkerplatzes aber 'wird sie mit einem Schlage zu seinem Vorteil verändern, insbesondere, wenn die verkehrshemmende Ecke an der Wronkerstraße beseitigt und so der Bau in seiner ganzen -Erscheinung nach dem Platze zu freiaelegt sein wird. Seite 3. Oesterreich-Ungarn. Wie«. Das Gesetz über den Hausierhandel ist nunmehr angenommen worden. Auch dieses Gesetz ist ein Produkt jener Parteiströmung, der die neue Gewerbenovelle ihre Entstehung verdankt. Das Herrenhaus hatte einige Verbesserungen vorgenommen, doch das Abgeordnetenhaus hat dieselbe wieder im ungünstigen Sinne geändert. — Mit diesem Gesetze ist man wieder eine Etappe auf dem Wege der Verelendung der jüdischen Masse vorwärts gegangen. Budapest. Rach heißem Wahlkampfe wurde der bekannte Judenfreund unv Verteidiger von Tisza- Eszlar Karl Eötvös gegen den offiziellen Kandidaten der koalierten Regierung Bela Barabas mit fast 1000 Stimmen Majorität zum Abgeordneten für den siebenten Bezirk der Hauptstadt gewählt. Diese Wähl ist auch für die Juden von nicht geringer Bedeutung, weil der Wahlkamps — und zwar gerade von Seite der Barabäspartei — zu einem Kampfe zwischen Antisemiten und Juden gestaltet wurde. Budapest. Dasselbe trostlose Bild einerAssimilicrung wie in änderen Ländern bietet auch Ungarn. Im Jahre 1901 sind allein vom Judentum zum Christentum 171 Personen übergetreten; hierbei sind noch nicht berücksichtigt die religionslos Gewordenen und die in eine Mischehe Eingetretenen. Chrzauow (Galizien). 24 aus Rußland stammenden jüdischen Familien, die seit vielen Jahren hier ansässig sind, hatte die Ortsbehörde den Befehl erteilt, binnen 8 Tagen Galizien zu verlassen; die Statthalterei in Lemberg hat aber diesen Ausweisungsbefehl wieder aufgehoben. Creruowitz. Wegen der Ausweisung russischer Flüchtlinge veranstalteten die Sozialdemokraten am 25. dss. eine Volksversammlung. Die „Bolkspresse" berichtet über diese überraschend kommenden Ausweisungen durch die Staatspolizei: „Es wird jeder russische Arbeiter vorgeladen und ihm kurzerhand mitgeteilt, daß er binnen 11 Tagen Czernowitz verlassen müsse, widrigenfalls er an die russische Grenze gebracht wird, obwohl eine Ausweisung einen schriftlichen Befehl erfordert. Da die Polizei jedoch nur die Adressen derjenigen hat, die längst gemeldet sind und in Arbeit stehen, werden gerade diese zuerst ausgewiesen. Auf unsere Intervention bei der Landesregierung wurde uns erklärt, daß dieser Vorgang allerdings ungesetzlich sei. weil dadurch den Russen ein Rekurs unmöglich gemacht werde, daß auch in der Landesregierung an eine pauschale Ausweisung nicht gedacht sei, vielmehr solle jeder Fall individuell geprüft werden und nur die ausgewiesen werden, welche sich, sei es auch ein leichtes Vergehen, haben zu Schulden kommen lassen, selbst wenn sie Deserteure sind, da auch Rußland in der letzten Zeit an Oesterreich Deserteure änsliefere." Frankreich. Paris. Das Schreiben, mittels dessen des Pariser Zentral-Komitee der Alliance Israeli e Universelle das französische Ministerium des Auswärtigen ersucht hat, Schiffe na-'> Odessa zu schicken, um den von einem Pogrom bedrohten israelitischen Einwohnern dieser Stadt eine Zuflucht zu gewähren, hat folgenden Wortlaut: Paris, den 21. Juli 06. Herr Minister! Mitteilungen aus Rußland lassen uns eine neue Metzelei in Odessa befürchten. Der Gouverneur dieser Stadt hat böse Aeußerungen getan. Die israelitische Bevölkerung ist in Schrecken gesetzt. Wir müssen fiirchten, sie zuni anderen Male Räubern und Mördern überliefert zu sehen. Die Bevölkerung^ weiß nicht, von wem sie Schutz erwarten darf. Es Abt immerhin einen Schutz, den die französische Regierung den Un- .glücklichen, die ihn suchen wollen, gewähren kann: indem sie in den Hafen von Odessa Schiffe schickt, um die Unglücklichen aufzunehmen und ihnen unter der französischen Flagge eine Zuflucht zu geben. Keine politische Rücksicht könnte solche Maßnahme hindern und Menschlichkeit verlangt sie. Wir kennen Ihre persönlichen Gefühle zu gut, um an der freundlichen Aufnahme unseres Gesuches zu zweifeln. Genehmigen Sie, Herr Minister, den Ausdruck unserer ehrerbietigen Achtung. (Folgen die Unterschriften.) Paris. Der Kassenbericht der Alliance JsraKlite Universelle über das Jahr 1905 stellt sich wie folgt: Einnahmen: Jahresbeiträge 162 606 Fr., Geschenke für das allgemeine Werk 11301 Fr., Verschiedene Einkünfte 886 989 Fr., Einkünfte der Domäne der Reghaia 21922 Fr., Einkünsie der Borsorgekasse, 13 681 Fr., diverse Subventionen für die Schulen 13 312 Fr., Subvention der Jca 263 700 Fr., Subvention der tunesischen Regierung 10000 Fr., für das Erziehungswerk in Algerien 11307 Fr., Immerwährende Beiträge 46127 Fr., in Summa 1504251 Fr. Ausgaben: Borbereitnngsschnlen für Mädchen 66913 Fr.,, Elementarschulen für Knaben und Mädchen 732144 Fr., Verpflegung 56528 (Fr., Beklei-