Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 30 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. Frankfurter Israelitische« Familirndiau Seite 5. ersten Toten - vorbeigetragen wurden, da wurde manches Antlitz bleich. Wilde Flüche wurden gemurmelt, man wollte blutige Vergeltung üben, der Tanz fing ja erst an. Doch halt, was ist das, da nuten im Tale geht sprungweise feindliche Infanterie vor. Mau sieht sie ganz deutlich. Nun fangen sie an, die Hügel cmporzuklimmen, doch franz. Kugeln treffen gut, zu Hunderten taumeln sie und fallen, um nicht wieder anszustchcn. Aber immer neue springen ein und füllen die Lücken wieder aus. Diese Preußen scheine» aus der Erde hervorzuwachsen! Fliegend rasch vergeht die Zeit, stundenlang wogt schon der Jnfanteriekampf, der Feind muß schon schwere Verluste haben und »och hat er kaum Boden gewonnen. Warum liegt man immer noch untätig, warum geht mau nicht selbst vor? — Was ist das, das 17. Linienregiment von Orleans, das in den vordersten Reihen lag, geht zurück. Großer Gott, sie flüchten sogar! Ein Lldjudant bringt dem Oberst der 4. Tirailleurs, Grafen Roger de La Rosöe eine Meldung. — Endlich! Die Tiraillenrs gehen vor. Vorn die zweite Kompagnie und in ihr Marcel Lövh, in der ersten Reihe. Eine fieberhafte Stimmung hat alle ergriffen, lvic im Traume geht man vor, die Trommler an der Spitze, sie wirbeln unaufhörlich. Irgendwoher tönt die Marseillaise, siegestrunken und majestätisch wie immer. Eine 'heilige Begeisterung, eine übermenschliche Ekstase ist in allen. Jetzt unterscheidet man schon jeden einzelnen Mann, die Visiere werden auf 500 Meter eingestellt; man beginnt zu schießen, ohne zu zielen. Ob man wohl trifft? Doch auch die unten treffen. Dem armen Gaston Duval haben sie den Köpf zerschmettert. Charles. Crozier, der lustige Bretone, bricht blutüberströmt zusammen. „Louvres — vous,“ ruft Leutnant G.esfulhe — da wankt er und stürzt nach Hinte». Nun hört man Von nuten trotz des Gewehrgeknatters schon einzelne deutsche Kommandoworte. Levy versteht deutsch sehr gut, ganz deutlich verninlint er das „Sprung, auf! Marsch, Marsch." Immer näher kommen sie, die Preußen sind des Teufels, 300, vielleicht gar nllr noch 200 Schritt liegen und schießen sie. Jetzt stürmen sie schon wieder, /große kräftige Leute. Marcel Lövh ist mcrktvürdig ruhig, er erstaunt über sich selbst; die Kameraden schreien verworrenes Zeug, er schlveigt und schießt. Die feindlichen Geschosse zischen über und neben ihm, er bleibt unversehrt. Neben ihm fiel Leutnant Grefsulhe, da kocht es' in ihm! Rache, Rache für den Leutnant. Er zielt scharf und 100 Schritt weiter unten stürzt einer, der Fahnenträger, da — auf einmal denkt er an die Worte des Leutnants von vorgestern Wcnd: „Marcel Levy, ich gebe 50 Franken," er schnellt in die Höhe uild springt vor, mit ihm die tapferen Kameraden. Man schießt nicht mehr! Das Bajonett ist aufgepflanzt, nun heißt es Einzelkampf! Auge um Auge, .Mann gegen Manu, stehen sie gegenüber.. Warum? sie wissen es nicht, aber sie brennen vor Begierde, einander zu töten. Wer kennt Marcel Levy noch? — Er, der kein Blut sehen konnte, in der bordcrsten Reihe am unerschrockensten fechtend!. Die Fahne drüben hat schön fünfmal den Träger gewechselt, immer auf's neue greift sie ein Braver und fällt nach wenigen Augenblicken, im Sterben noch den brechenden Blick auf das große Heiligtum gerichtet. Nun faßt sie wieder ein bärtiger Krieger und stürmt mit ihr vorwärts. Marcel Lövh flimmert es vor den Augen, das Bajonett gefällt, springt er vor und stößt es dem Fahnenträger in die Brust, Der wankt und fällt, die Fahne nimmt ein Anderer. Marcel Levy ist einen Augenblick wie betäubt, er hat einen Stich im Oberarm, er merkt ihn kaum; was war das, was der da, den er soeben zu Fall gebracht, mit erlöschender Stimme und so schmerzlich rief: „Schma Jisrocl, Haschem Elaukenu," mehr hatte er nicht mehr gehört, gewaltsam riß ihn Paul Vautier, sein bester Freund, mit sich fort, nach rückwärts! noch eine Sekunde, und man hätte auch nicht mehr rückwärts gekonnt, von allen Seiten kamen die Preußen, Hurrah rufend und trieben die Franzosen vor sich her. Ganze Kompagnien wurden umzingelt und mußten sich ergeben. Die Hörner blasen zum. Rückzug. Und es geht zurück, erst gehend, daun laufend und immer laufend und die Preußen immer hinterher. Den ganzen Tag nichts gegessen, bei glühender Augusthitze ohne einen Tropfen Wasser, totmüde, abgehetzt und verzweifelt, die Reihen aufgelöst, wälzen sich die Trümmer des Frossard'schen Korps gen Saargemüud zu. Der Feind, im Siegeselan die eigene Erschöpfung nicht achtend, ist immer hinterdrein. Das war schrecklich ...... Ani Abend des 6. August hatte der Kaiser Napoleon eine große Schlacht verloren. Mit unerhörter Tapferkeit war cs den Preußen gelungen, die Franzosen aus den für uneinnehmbar gehaltenen Spicherer Höhen hinauszuwcrfen. In unbegreiflicher Verblendung hatte es der Marschall Bazaine unterlassen, mit dem 3. Korps ans dem nahen Metz zu Hilfe zu kommen, sonst wäre dem preußischen General von Steinmetz der tollkühne, auf eigene Faust untcruommene Angriff wahrscheinlich nicht geglückt. Lothringen stand jetzt den deutschen Heeren offen, die es rasch überfluteten. Der Tag von Spichern kostete den Franzosen etwa % ihres zweiten Korps, der Verlust auf preußischer Seite war sogar noch größer, aber dafür hatten diese eine große Schlacht geloonnen. Der Siegesübermut der Franzosen war rösch der schlimmsten Verzagtheit gewichen. Das geschlagene Heer mußte sich bis unter die Kanonen her Festung Metz zurückziehen, erst dort konnten die erschöpften Regimenter wieder geordnet werden. Das 4. Tiraillcurregimeut hatte enorme Verluste zu verzeichnen. Sei» Oberst liebst 14 anderen Offizieren lvareu gefallen, 600 Mann waren getötet oder verwundet. Die Wunde des Tiralleurs der 2. Kompagnie, Marcel Levy, war nicht schwer; schon am 16. August, am Tage von Vionville, konnte er wieder Dienst tun. Für die von ihm bewiesene Tapferkeit uird Unerschrockenheit wurde er zum Unterosfizier befördert. Er lebt heute noch, und jedes Jahr, am Tischobaaf, dem Jahrestage des 6. August 1870, sagt er Kaddisch für den 'gefallenen preußischen Fahnenträger. Kunst und Literatur. Leo Moden a's Briefe und Schrift st ücke. Zum erstenmale herausgegeben, mit Anmerkungen und Einleitung versehen, von Prof. Dr. Ludwig Blau. Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht der Land.es-Rabbinerschule in Budapest 1905. 203 und 96 S. 8». Jedem Teile geht ein kurzes Vorwort voran. Der bewährte Gelehrte, dessen Arbeiten mehr als nach einer Seite hin von Bedeutung sind, hat abermaE die jüdische Literatur mit einer sehr schätzenswerten Schrift bereichert. Jehuda Leo Modena's Charakter bleibt uns allerdings ein Rätsel. Er hat nicht selten das einemal ebenso begeistert pro, wie das anderemal contra den einen und denselben Gegenstand geschrieben. So z. B. schrieb er eine Abhandlung, welche sich ,Ben David" betitelt (editio Kirchheim 1854 *), in welcher er den Glauben an die Seelenwanderung aufs entschiedenste bekämpft. Tritt aber später in seiner Selbstbiographie, Chaje Jehudo. von welcher bis heute blos ein Teil gedruckt ist, während das ganze Werk verloren zu sein scheint, das aber Asulai noch Vorgelegen hat, wieder für denselben Glauben ein. wobei er seinen Ueberzeugungswechsel durch folgendes Erlebnis zu begründen, sucht. „Es ereignete sich", sagtModena daselbst, „daß seine Nachbarin eines Söhnchens genas, bas aber schon innerhalb des ersten Monats schwer erkrankte. So plagte es sich 6 Monate, dann ging es aber zur Neige mit ihm. Nach damaligem italienischem Brauche ließ die Mutter ihn, den Rabbiner I. Leo da Modena zu sich bitten, damit er beim Hinscheiden des Kindes das übliche Gebet, untermischt mit Worten der Thora, verrichte. Kaum hat er aber einige Psalmen gelesen, da plötzlich schlug der kleine Patient die Augen auf und rief laut, mit vernehmbarer Stimme: Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Einige, er ist einzig-einzig! Beim Worte „einzig-einzig", hauchte es seine Seele aus. Bon dieser Stunde an, berichtet weiter da Modena, hat er gegen seine ftühe-e Ueberzeugung wohl an die Seelenwanderung geglaubt. Hat er ja selber, schließt er, ein 6 Monate altes in Agonie liegendes Kind das Schema-Bekenntnis laut sprechen hören."") Daß wir es hier mit einer Erdichtung zu tun hätten, ist nicht anzunehmen. Ob ihm aber seine reiche Phantasie und die noch stärkere Einbildungskraft nicht einen Streich gespielt hat, ist kaum von der Hand weg zu verneinen. Es hat einmal im Charakter i) Das Werk, worin diese Abhandlung gedruckt, heißt Taam Sekeinim von Elieser Aschknasi. °) Asulai, Schem ha-Gedolinr s. v. Jehuda Arjeh da Modena. des I. Leon da Modena gelegen, sich selbst zu desavouieren. Auf theoretischeni Wege hat er es in unserem Falle kaum vermocht. Ist er ja in seinem Leu David die Quellen durchgegangen, die Ansichten, sowohl die pro als contra — zu welch letztem kein geringerer als auch Saadia Gaon zählt — hat er aus die Wagschale gelegt, wie Vermochte er nun erstem das Uebergewicht zu Verleihen, wenn sie tatsächlich Von den letztern ausgewogen wurden? Wie aber, wenn ihn die Erfahrung Lügen strafte? Dieser Gedanke mag ihm oft während seiner langjährigen Praxis gekommen sein, so oft. daß er schließlich daran zu glauben anfing, daß er wirklich eines bessern noch belehrt werden würde. Und siehe, öktisch kam es so! Wie dem aber auch sei, der Fall steht nicht Vereinzelt im Leben Juda Modena's da. Daß er aber ein geheimer „Talmudbekämpfer", oder, was noch schliminer, gar ein „Verräter des Judentums" gewesen wäre, dagegen verteidigt ihn Blau mit großem Geschick. An der Hand von unleugbaren Tatsachen, die Blau ans Tageslicht gezogen, weist er treffend die Haltlosigkeit euer schweren Verdächtigungen nach. Ein Verdienst, )as dem Editor gutzuschreiben ist. Das ganze Werk zerfällt in zwei Teile. Der hebräische Teil, die eigentlichen Schriftstücke enthaltend, zumeist Briefe, welche zusammen 214 Nummem zählen, umfaßt 195 Seiten, die mit fortlaufenden Fußnoten versehen sind. Hierauf folgt: Nausofaua (196—197): Heoraua Weheoraua Rabbi JoseF Chajim jore aus Ferrara. (198—199); Scheimaus HasForim (200); Scheimaua Hoanosclnm (201—206); Scheimans Hoarozous (207—208). Der Text hat für uns ein doppeltes Interesse, sprachlich sowohl wie geschichtlich. Mit Recht bemerkt daher der gelehrte Herausgeber auf dem Titelblatte: „EinBeitrag zur Geschichte der Juden in Italien und zur Geschichte des hebräischen Privatstils". Die Einleitung, deutsch (und ungarisch), der ein kurzes Vorwort vorangeht, 96 Seiten stark, behandelt folgende Kapitel: Die Handschriften; Der hebräische Stil; Die poetischen Stücke; Inhaltsübersicht; Zu Leos Biographie; Anhang (I), Leos Stellung zum Talmud; Anhang (II), Venezianische Kundmachung gegen die Bekämpfer des Talmuds im Jahre 1618. Die Abhandlung ist belehrend, wegeweisend zu weiteren Forschungen, die Sprache natürlich, ungekünstelt, dennoch elegant, die Anmerkungen zutreffend, wenn auch nicht durchgehends erschöpfend. So scheint mir,, daß anstatt Kausewiem, S. 9, Note 2, Nanselim zu lesen sei. Maisti, S. 31 dürfte vielleicht verschrieben sein aus Llaestro, ein Gelehrtentitel im Spanischen, der sich nicht selten in der jüdischen Literatur wiedeifindet. „Memm, beth, tow“, S. 52 und sonst, ist die Abbreviatur ftir Minoschim boauhel tlieworech. In leckhnin, S. 95 (oben) ist das „Chea“ geflissentlich des Tadels wegen, welcher hier ausgedrückt werden soll, weggelassen, was mit dem darauffolgenden „nikzaz“ angedeutet ist. Danach fällt die Note weg. Anstatt igerea, S. 119, Nr. 4 ist Igeraus zu lesen. ,Lamed, kuF/lamed, schin“, S. 120, Nr. 2 heißt lekroseinu leackolanm. Im lau boso ’najaum el Höajin, S. 160, Nr. 2 ist eine Anspielung aus sein Alter, daß er noch zur Zeit kein Siebenziger war, wie denn der Zahlenwert des Ajin 70. Leo zählte damals, wie er um zwei Zeilen weiter bemerkt, erst 68 Jahre. Beaachthei Osor, nach dem Ajin, ist deshalb angezogen, damit nicht etwa „lud. Nun“ zugezählt werde. Diesem möglichen Jrrtume ist dadurch vorgebeugt, indem in den darauffolgenden Wörtern nur „Ajin" allein enthalten ist, ohne „lud. Nun". Indem ich nur noch die elegante Ausstattung und Korrekcheit des Druckes rühmlichst hervorheben möchte, glaube ich in der Ueberzeugung schließen zu dürfen, daß die Gelehrtenwelt Blau für seine schätzenswerte Gaoe nur Dank wissen wird. Jerusalem. Dr. Grünhut. VKrnbaehrr vriisrlutt-Anlage Telefon 128. Offenbach a. ffl. Telefon 128. Unübertroffene bewährteste TepplchrsInllJUng. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 4. August (—13. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 30 Min., Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Ühr. Berlin 8 Uhr 45 Min. Der dieswöchentliche Sabbat führt den Namen „Schabbos Nachamn“, nach dem Einleitungsworte der zu verlesenden Haftara: „Nachamn nachamn ami, tröstet, tröstet mein Volk." (Jesaja, Kapitel 40.) Der freudige Trostsabbat bringt uns eine liturgische Einschaltung im Morgengebct: Das Jauzer „Aroinimcho", ferner ein „Anphan", gewöhnlich mit Melodie vvrgetragen und ein Sulas. In der Ked u s ch a des Mussafgebetes wird eine Einschaltung — Elauhechem — hinzugefügt. — Der Wochenabschnitt Wo-es-chanan berichtet von Moses Bitte, das gelobte Land sehen zu dürfen; Ermahnungen zur Treue gegen das Gottesgesetz, darunter den bekannten Satz: „Denn das ist eure Weisheit und Vernunft vor den Augen der Völker" usw.; Erinnerung an die Zeichen und Wunder bei der Erlösung aus Egypten, bei der Offenbarung am Sinai. Die sechs Zusluchts-- städte. Die 10 Gebote als Wiederholung, in einigen Punkten von der Fassung im 2. B. M. abweichend: