Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 30 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite ö. Ikon? Etwa um gegebenenfalls gegen antisemitische Anrempelungen desto feierlicher protestieren zu können, welche Proteste doch nichts nützen, oder etwa, um des Glückes teilhaftig zu werden, leibhaftige offizielle Vertreter des Judentums im Magnatenhause sitzen zu sehen? Schallet man alles, was mit der Religion zu tun hat, aus dem Bereiche der Kompetenzen einer Organisativnsbehöcde aus, so würde es wirklich schwer Hallen, .weitere gemeinsame oder allgemeine Momente, als die erwähnten, zu entdecke». Dazu kommt aber, daß in der Praxis ein solches Monstrum ganz unmöglich ist. Lrempla äoosnt. Man braucht nur einen Blick in jene Länder zu tun, die sich des Segens einer solchen einheitlichen Organisation in der Form eines „Oberrats der Juden" oder einer Konsistorialverfassung erfreuen, um zu erkennen, daß eine jüdische Organisation trotz aller Klauseln vor der Grenze des Religiösen keinen Halt macht und auch keinen Hall machen kann. Da gibt es ewige Klagen, ewige Eingriffe in die religiösen Befugnisse der Rabbinen, ewige Molestierungen der Minoritäten durch die Ma'oruntcn, was übrigens mehr als natürlich ist. Man muß sich wundern, daß die Führer der u ^arischen Neologie, die Distriktspräsidenten, ihre fo. -nährenden Versuche, eine solche Vereinheitlichung der ungarischen Judenheit herbcizuführen, noch immer nicht aufgegeben haben. Sell 1870, da die orthodoxe Partei als solche die provisorische Bestätigung sellens der Regierung und des Königs -erhalten, erneuern die Neologen bei jeder Gelegenhell den Versuch, eine einheitliche Organisation mll einer Zentraloberbehörde zu schaffen. Nun traten vor einigen Wochen gelegentlich des Regierungsantritts des neuen Kabinets und der Begrüßung des neuen Kultusministers durch die Distrittspräsidenten diese wieder mit dem Verlangen hervor, der Minister möge ihrem allen Wunsche gemäß einen allgemeinen jüdischen Kongreß einbcrufen, dessen Bestimmungen bindende Kraft für alle Teile (!!) haben sollten .Wie absurd es ist, in religiösen Dingen das Majoritätsprinzip anzuwenden, geht aus der Antwort des Ministers hervor, der, obwohl in die Verhältnisse nicht eingeweiht, es aber trotzdem sofort herausfühlte, daß eine solche Majorisierung zur unbedingten Unterdrückung der Willensfreihell führen müsse. Der politisch gutgeschulte Minister mußte auch wissen, wie es mll der seitens der Neologen gnädig versprochenen Wahrung der berechtigten Interessen derMinorität ausschen würde, wenn diese Minorllät einer solchen Oberbehörde auf Gnade und Ungnade unterworfen wäre. Er wußte auch jedenfalls — sonst hätte er die Wahrung der unbedingten Willensfreiheit nicht so sehr betont — daß die berechtigten Interessen der Minorlläten nur dann als solche anerkannt würden, wenn sie die Einheit nicht gefährden. Wo dann also die Grenze abstecken, innerhalb welcher diese Interessen als berechtigt gelten und über welche hinaus diese Interessen hinter der Einheit zurückstehen müssen. Diese Antwort besagt mit anderen Worten, daß, wenn die Neologen auch versprechen» im Rahmen der Gesamtorganisation auch die berechtigten Interessen der Minorität wahren zu wollen, sic damit ein Versprechen abgaben, welchem sie nicht nur nicht nachbnnmen wollen, sondern dem sie auch nicht Nachkommen können. Die Neologie betont immer, daß ein einheitlich organisiertes Judentum dem Staate gegenüber biel mehr ausrichten könnte, als ein in mehrere Lager geteiltes. Besonders wirkungsvoll müßte, wie die Herren meinen, ein geeintes Judentum für seine Rechte, die ihm Kraft des G. A. XX. vom Jahre 1848 zustehen, einstehen können. Was man übrigens ganz ruhig zugeben kann. Es wäre gewiß sehr wünschenswert, wenn durch die Durchführung des genannten Gesetzes, hauptsächlich betreffend die staatliche Dotatum der seit 1895 in die Reihe der rezizierten Konfessionen eingetretenen jüdischen Religion — der mihdon Segen ist. Es gibt eine Anzahl von Angelegenhellen, die die verschiedenen Richtungen im Judentum trotz religiös entgegengesetzter Anschauungen gemeinsam und nur gemeinsam bewerkstelligen können; es sind dies die rechtliche Stellung der Gemeinden und ihrer Beamten, das Schaffen von Hell-, Blinden-, Taubstummen- und Irren-Anstalten nach innen und die Vertretung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden nach außen. Anmerkung der Redaktion. HsranHurker JsraeWscheI Hamilrenblatk. lichen pekuniären Lage der vielen armen, über alle Maßen besteuerten Landgemeinden abgeholfen werden könnte. Es ist dies ein Punkt, in welchem beide Richtungen einhelllich Vorgehen könnten, wie überhaupt auch in anderen ähnlichen Fällen, die ein einheitliches Vorgehen erfordern und die — außerhalb der Sphäre religiöser Ueberzeugungen liegen. Gewiß wäre in einem solchen Falle ein einheitliches Vorgehen wünschenswert und dürfte einein solchen Ansinnen auch von orthodoxer Seite nicht entgegengesttebt werden. Dazu aber ist doch keine einheitliche Organisation, keine gewaltsame Verschmelzung sich abstoßender Elemente nötig. Man schafft doch keine Organisatton, um nach Außen hin ein einheitliches Gebilde repräsentieren zu können, während doch ein solches Gebilde nach Innen keinen festen Fuß fassen kann, sondern zu ewigen, unleidlichen Zänkereien unter den verschiedenen Richtungen führen muß. Es wäre an der Zeit, daß die Führer der Neologie oft’ diese selbstverständlichen Dinge einzusehcn begännen und sie endlich aufhörten, nach etwas zu streben, was nicht nur für das gesetzestreüe Judentum, sondern auch für sie selber von keinen segensreichen Folgen begleitet wäre. Es wäre endlich an der Zeit, daß sie der Orthodoxie in dem Bestteben, ihren religiösen Angelegenheiten nunmehr eine sichere Basis zu geben, nicht mehr hindernd im Wege stünden. Lassen sie die Orthodoxie ihre eigenen Wege gehen und bestteben sic, die Neologen, sich, in ihrem Lägest das Judentum in einer Weise zu fördern, daß das Mißtrauen, welches ihnen bis jetzt von gesetzestreuer Seite entgegengebracht wurde, aufhöre oder doch eine Milderung erfahre. Durch ein solches Bestteben würde die Neologie dem Einheitsgedanken viel größere Dienste leisten, als es alle Zwangsorganisattonen, mit behördlicher Macht ausgestattet, tun würden und könnten. Durch ein solches Vorgehen, durch eine Schwenkung von der bisherigen Politik würden die Gelegenheiten und Fälle, die ein einmütiges Vorgehen seitens der verschiedenen Richtungen möglich machten, immer mehr sich häufen und das, was von der Neologie — so ihre Beteuerungen aufrichtig sind — einzig erstrebt wird, ein wirkungsvolleres Auftreten nach außen hin, am ehesten erreicht werden. Ihre bisherige Polittk aber ist nicht geeignet, das Verttauen in ihre Aufrichttgkeit zu steigern oder nur aufkonrmen zu lassen. Wirwären somit bei einer Bedingung angelangt, deren Erfüllung jeder Möglichkeit einer Regelung dieser unerquicklichen Verhältnisse vorangehen muß, diese Bedingung wäre — unbedingte Aufrichtigkeit.^ F. Die Fortführung der durch die Pogrome verwaiste« Kinder aus Rußland. Die Transporte der Kinder kamen am 25. Juli in Podwoloczyska (galizische Grenzstadt) an. Es trafen ein: 16 Kinder aus Kiew, 28 Kinder aus Ekaterinoslaw, 12 Kinder aus Odessa, 5 Kinder aus Kischinew, 3 Kinder aus Kalarasch, 1 Kind aus Bogopol, und es wurden noch erwartet bei Abfassung dieses Berichtes 8 Kinder aus Semionowka. Ferner trafen ei» 34 Kinder aus Bialystok, die durch den letzten Pogrom verwaist wurden. Die Kinder wurden sofort nach Lemberg überführt. Der Empfang in Lemberg war ein geradezu großarttger. Herr Ritter von HoroWitz und die Leopolis-Loge hatten ans Veranlassung von Herrn B e r g e l, des Vertreters der Großloge für Deutsch- *) Wir erkennen an, daß die Neologie es verschuldet hat, wenn die Orthodoxie in ihre Aufrichttgkeit kein Vertrauen setzt. Die Führer der Neologie — einerlei ob sie in Land oder in Gemeinde die Führer — waren immer bemüht, einseitig und hartnäckig ihre Sonderinteressen zu wahre». So haben sie, da die Massen religiöser veranlagt sind als ihre einen akademischen Titel oder entsprechenden Geldbeutel besitzenden Führer, unter Htntenansetzung von Recht und Billigkeit stets mit aller Kraft die Demokratisierung der Gemeindestatuten zu verhindern gesucht. So haben sie ferner bei ihren Organisattonsbestrebungen nie das Gesamtwohl, sondern ein Aufzwingen ihrer Anschauungen der Gesamtheit im Auge gehabt und deshalb all' ihre Organisattonsbestrebungen auf. der Grundlage des Konsistoriums aufgebaut. Wir möchten daher wiederholt den Persönlichkeiten der Neologie an's Herz legen, endlich einmal eine Praxis zu beginnen, die mll dem „Freisinn" im Einklang steht. Anmerkung der Redattion. - __/_Nr. 30. land, alle nötigen Veranstaltungen für die Aufnahme der Waisen getroffen. Aber auch die Bevölkerung-bewährte eine im höchsten Grade sympathische Haltung. Tausende erwarteten die Kinder vor dem Bahnhof; Pferdebähnwagen standen für dieselben bereit, und sie wurden alsdann sofort in das dortige jüdische Schulhaus überführt, das für die Aufnahme der Elternlosen hergerichtet und zur Verfügung gestellt worderr war. Für die Stimmung in Lemberg ist es - bezeichnend, daß das dortige Generalkommando seine Beihilfe für eine zweckmäßige Aufnahme der Kinder in hü'mänster Bereitwilligkeit gewährt hat; es hat nämlich aus dem militärischen Depot 120 Mattatzen, 120 Decken und 120 Kopfkissen zur Verfügung gestellt. Auch der Stadtrat bezeugte seine Sympathie, indem er eine Spende von 300 Kronen für die Kinder bewilligte und eine scharfe Resolution der Entrüstung gegen die Urheber der Pogrome annahm. . Nach einer gut verbrachten Nacht würben die Kinder am folgenden Tage wiederum in zweckentsprechendster Weise verpflegt, und nunmehr begann für die anwesenden zugereisten Komiteemitglieder (Fräulein P a p p e n h e i in vom Jsr. Hilfsverein in Frankfurt a. M., Dr. Kahn, Generalsekretär des Hilfsvereins der deutschen Juden und S. Berget voll der Großloge für Deutschland) eine außerordentlich schwierige Tätigkeit. Die Kinder mußten durch anwesende Aerzte, die für den Zweck freiwillig arbeiteten, untersucht werden. Sie mußten gesondert werden, und es waren Dispositionen zu treffen, für die Unterbringung der Kleinen, entsprechend den Bedingungen, die für ihre Aufnahme von Privaten, von Vereinen und von den großen jüdischen Organisationen gestellt worden waren. Diese Arbeit wird in Lemberg noch einige Tage in Anspruch nehmen, da sie mit größter Vorsicht, um allen ausgedrückten Wünschen entsprechen zu können, ausgeführt werden muß. Es braucht nicht hervorgehoben zu werden, daß diese mehr als hundert Kinder nicht die gesamte Zahl der Waisen darstellen, denen durch die Pogrome ein so entsetzliches Schicksal bereitet worden ist. Vielfach haben sich die russischen Verwandten von den verwaisten Kindern nicht trennen wollen, vielfach war es auch möglich, die Kinder in russischen Änstalten -unterzubringen. Nur dann, wenn unter Berücksichttgung aller Umstände die Fortführung der Kinder als das Geeignetste erscheinen inußte, wurden sie in die Transporte aufgenommen. Der zweite Teil der Aufgabe, der nun noch Unter der bewährten Leitung der genannten Persönlichkeiten zu lösen bleibt, ist die Unterbringung der Kinder, in ihrer neuen Heimat. Wir zweifeln nicht'daran, daß die Opserwilligkeit unserer Brüder nicht Nachlassen wird und daß es möglich sein wird — sollten sich auch hier und dort Schwierigkeiten ergeben — die Kinder doch ausnahmslos in bester Weise unterzubringen. Die Anmeldungen, die bei Fräulein Pappenheim, ber Vorsitzenden der jüdischen Frauenvereine Deutschlands, sowie bei der Großloge für Deutschland und beim Hilfsverein der deutschen Juden in Vervollständigung der Londoner Vereinbarungen eingelaufen sind, lassen es nicht zweifelhaft erscheinen, daß, so weit es in menschlicher Macht steht, die Kinder einer helleren Zukunft entgegengesührt werden. Die Woche. Was wir in der wöchentlichen Betrachtung der vorigen Nummer unseres Blattes ausführten, trifft jetzt ein: Herr Stolypin macht verzweifelte Anstrengungen, Verttauen seinem Lande und dem Auslände abzüringen, er läßt der „Voss. Ztg." verkünden, daß er gedenkt: „Die Agrarfrage weder konservativ noch liberal' zu lösen, sondern real." (Das heißt: ein paar Brocken Erde — Kronland — an landlose Bauern zu verschenken. D. Red.) Auch „die Judengesetzgebung will er abgeändert wissen". (Sollen die P o g r o m e, die augenscheinlich zur.bureaukrätisch-russischen Gesetzgebung gehören, fortan zwei Tage statt wiebisherdreiTage dauern?) „Die 200 Tage bis zur neuen Duma will dr zur Schaffung von Gesetzentwürfen auf allen Gebieten (wie produktiv!) des Staatslebens verwenden," „Die aufgelöste Duma arbeitete unfruchtbar, weil die Regierung es leider unterlassen hatte, mtt einigen Gesetzentwürfen an sie heranzutreten." ..^ .