Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 30 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692490--02580-2697198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IlrartLfHtrLer Istiklitislhes fBmiUrnblatt Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Aüonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. äfft. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland äfft! 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— KedaKttoil und chefchäsrsstelle: ßrankfurt s. M.. Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße T-r-f-« 10507. HeransgeVeP: KakZ Heis. -- JnsertionSPreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Nebereinkunst. 4 Jahrgang. Freitag, den 12. Aw 5666 (3. August 1906). Ro. 30. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus Rußland. — Zur neuesten Aktion der ungarisch - israel. Neologie. — Die Fortführung der durch die Pogrome verwaisten Kinder aus Rußland. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Unteroffizier Marcel Lüyy — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Briefkasten- — Barmizwohs. I Gtolypin's verraten von Liberalismus nichts. Im Brief aus Rußland. Der Barometer des politischen Lebens Rußlands steigt und sinkt, sinkt und steigt, wie die Luft im Herbst. Diese sonderbaren Sprünge machen es fast unmöglich, mit nur einigermaßen Bestimmtheit die Prognose für die nächste Zukunft zu stellen. Während ich meinen vorigen Brief schrieb, war noch vor den Augen Rußlands jener glänzende Horizont, jene glänzende Zukunft, die wir von der Duma erwarteten. Und heute ist die Duma nicht mehr da, das Seil der Rettung ist zerrissen, und wir schweben wiederum in der Luft — keinen Boden unter den Füßen. Die Duma ist tot, es lebe Stolypin! Die Hofkamarilla, der die Duma im Weg stand, die Hofkamarilla, die da spürte, daß ihr der Boden entzogen und die Duma allmählich für immer der Bureaukratie das Grab graben werde, hat gesiegt. Sofort nach dem plötzlichen und unerwarteten Auflösen der Duma brach unter den Inden eine große Panik ans. Hatten sie damit doch jenes Institut ver loren, von dem.sie so viel erwarteten, und war ihnen doch sofort klar, daß ihre einzige Stütze dahin sei. Wohl hat die Dnma uns Inden de facto nichts Positives gebracht, aber ihre starke moralische Kraft brachte uns sehr viel. Die unterdrückten Inden, die seit Jahrzehnten von einem wütenden, reaktionären Regime unsäglich gepeinigt und gemartert worden,, hatten bis dahin keinen Trost in ihrer furchtbaren Not, weder sahen sie Teilnahme seitens des Volkes, noch konnten sie sich moralisch an ihren Peinigern rächen, ihre Mörder, blieben unbestraft, nicht einmal die öffentliche Meinung saß über sie zu Ge richt; erst die Duma >oar es, die zum ersten Male die Untaten der Henker des jüdischen Volkes brandmarkte, indem sie gelegentlich des Bjelostoker Pogroms das ganze Machwerk der Hofkamarilla, der Helden der Pogrome, anfdeckte. Vor aller Welt standen jetzt diese Kains mit Schmach bedeckt, und darin fanden die Juden Rußlands einen moralischen Trost, eine geistige Rache. Auch hegten sie die feste Zuversicht, daß über die Henker selbst doch endlich ein Gefühl der Scham kommen und sie sich bemüßigt sehen .werden, ihre Waffen niederzulegen. Dazu kani noch, daß die Duma sehr erzieherisch auf die unwissenden Massen, die sie .die Lehre der Menschlichkeit lehrte, wirkte, denn cs ist'unstreitig, daß die Duma eine politische Tribüne von großem Einfluß ivar. Das Volk gewöhnte sich, auf die Duma zu schauen wie auf ein autoritatives Institut, und ihre Worte waren ihm geradezu heilig. Was nun? — Ohne die Duma sind wir wiederum der barbarischen Bureaukratie ausgeliefert, die ge wohnt ist, ohne menschliche Rücksichten zu schalten und zu walten. Zwar entwirft Stolypin ein liberales Programm, und verspricht, wie alle seine Vorgänger, gar viel, aber das ist wahrscheinlich nur Schönrede. Die Fakten im Laufe der ersten Regierungswoche Gegenteil: ein sehr schlechtes Zeichen ist die Unterdrückung der liberalen Presse, eine Unterdrückung, wie man sie von Swiatipolsk-Mirsky bis heute — elbst unter Durnowo — nicht gesehen hat. Jeden ag erhalten die Preßkvmitees — unter diesem Namen fungieren die Bureaus der Zensur, ivelche, bevor Rußland eine sogenannte Freiheit der Presse bekam, existierten — Zirkulare der Stolypiu'schen Kanzlei, 'odaß es den Zeitungen nur daun möglich ist, nicht der Zensur zu Verfällen, wenn sie ganz im Sinne der Regierung schreiben, oder wen» sie ans den offiziösen „Nowja Wremja" und „Roßja" abschreibc». In Petersburg sind nicht nur die sozialistischen,.sondern auch fast alle fortschrittlichen Zeitungen aufge hoben worden, Zeitungen, wie „Nascha Schisin", die sich, ohne je eine Warnung zu erhalten, seit Swatopolsk-Mirsky bis Gorymikin erhalten haben, sind in der kaum begonnenen Regierungszeit des liberalen Stolypins bereits für immer geschlossen worden. Sogar eine akademische Zeitung, wie die des Professors Kowalewski, die als sehr gemäßigt gilt, hat man untersagt. Und die einzige Sünde all' dieser Zcitüngen war, daß sie die Wiborger Erklärung der Duma-Abgeordneten Wiedergaben. Auch 'die einzige hebräische Tageszeitung- „Hasman" hat sich dieses Vergehens schuldig gemacht, woraufhin die Druckerei des „Hasman" geschlossen wurde und, wie es scheint, auch die Zeitung selbst demselben Schicksal wie zahlreiche Kolleginnen überliefert worden ist, ivührcnd derselbe „Hasman" für die Veröffentlichung des bekannten Manifests des Rates der Arbeiter-Organisatianen, das viel schlimmer war, nicht einmal eine Rüge erhielt. Welches ist nun die Lage, in der wir Inden uns befinden? — Außer der Angst vor Pogromen, die uns zur panikartigen Flucht, zur furchtbaren Emigration treibt und die eine Unterbrechung des Handels und eine Stockung des normalen Lebens zur Folge hat, haben wir mit der Aufhebung der Duma die Hoffnung verloren, daß endlich die Jndcnsrage Rußlands aufhören und daß auch wir Menschenrechte erlangen werde». Denn wie ich in meinem vorigen Brief sagte, war es kein Zweifel, daß die Frage der Gleichberechtigung in der Dnma positiv gelöst worden wäre. Leugneten doch selbst die rechtsstehenden Abgeordneten, die sich um Graf Heyden, Lewow und Stachowitsch, um die Fahne der Vereinigung zur Erneuerung Rußlands auf dem friedlichen Wege scharten, leugneten doch selbst diese nicht die Notwendigkeit, uns Juden die Gleichberechtigung zu gewähren. Jeder, der nur einmal einer Duma-Sitzung beigcwohnt hat, jeder, der die bedeutenden Mäimer der ersten Duma, die Männer, die mustergültig an Geist, Charakter und Intelligenz, sah, jeder, der die Atmosphäre, übersättigt von Brüderlichkeit und Menschenliebe zu jedem Geschöpfe und von unüberwindlichem Haß zu jeglicher Unterdrückung und Verfolgung, nur einmal geatmet hatte, der wußte, daß die Männer der Duma keinen Augenblick zögern werden, deni unterdrücktesten Volke aller Völker Menschenrechte und volle Freiheit zuzuerkennen. Hatten doch diese Männer selbst an sich den ganzen Druck und Haß. der Regierung, eine Folge des. alten Regime, verspürt? Ich hatte Gelegenheit, in der Duma einen einfachen Bauer zu sprechen, und da war ich erstaunt über seine Ansicht bezüglich der Judenfrage. „Die Jüdeu", sagte er, „sind ebenso unglücklich wie wir, uns und sie bedrückt die Regierung. Anfangs sagte man uns: „Die Inden sind es, die Euch bedrücken". Man tat dies in der Absicht, uns von den wirklichen Blutsaugern, der Regierung, abznlenken; jetzt aber wissen wir, woran wir sind, daß eine volle Freiheit das russische Volk erst dann genießen wird, wenn auch die anderen Nationalitäten an ihr Anteil haben." Sch. Tschernowitsch. (Schluß folgt.) Zur neuesten Aktion der ungarischisrael. Neologie. Wie in anderen Ländern, so hat sich a u ch h i e rzulande stets das Bestreben kundgetan, eine gewisse Einheitlichkeit in die Leitung der jüdischen Gemeinden zu bringen, eine Art religiöse Zentrale zu schaffen, von welcher aus die einzelnen Gemeinden ihre Direktive erhalten sollen. Das Streben nach einer solchen Uniformierung des religiösen Lebens, nach einer staatlichen Organisation hierzulande, ist nicht von heute, sondern datiert schon aus der Zeit,, da die Emanzipationsbewegung der Inden Ungarns noch in ihren Anfängen war, deren Verwirklichung aber noch in ferner Zukunft zu liegen schien. Aktuell ward die Angelegenheit der Regelung der religiöse» Verhältnisse der Juden Ungarns, als im Jahre 1868 der Reichstag ihre Gleichberechtigung aussprach und das Verhältnis der Gemeinden den Staatsbehörden einer Regelung auch wirklich bedurfte. Zu diesem Behufe trat noch im selben Jahre der allgemeine jüdische Kongreß zusammen. Gleich beim Zusammentreten des Kongresses eigte sich der klaffende Gegensatz zwischen den verschiedenen Richtungen im ungarischen Judentume; gleich im Anfang mußte es jedem, der die Lage nur einigermaßen überschaute, klar sein, daß es hier nicht zu einer Einigung kommen könne. Es wäre gewiß zu wünschen gewesen, wenn eine Einigung ohne Gefährdung der vitalsten Interessen des Judentums hätte hcrbeigeführt werden können. Diesen Wunsch hegten wlohl ja auch die Orthodoxen, die zum Teil die äußersten Anstrengungen machten, um den Riß zu verhüten. Die dahingehenden Verhandlungen aber mußten sie schließlich zu der Ueberzeugung bringen, daß die Einheit wohl schön, gut und wünschenswert wäre, in der Wirklichkeit aber nur zu ewigen Uneinigkeiten, nur zu unaufhörlichen Gravamina führen müßte. Der Umstand allein, daß, um die Möglichkeit gemeinsamen Vorgehens zu schaffen, alle religiösen Angelegenheiten ans dem Verhandlungsmaterial eliminiert werden mußten, zeigte zur Genüge, daß hier kein Resultat zu erwarten sei. Was ist es denn anders als ein Monstrum, eine jüdische Organisation zu schaffen, die sich um die religiösen Angelegenheiten nicht zu kümmern hat.*) Ja, wozu dann die Organisa-- *) Wir haben schon wiederholt ausgeführt, daß eine Organisation der Juden eines Landes, sobald nur das Konsistorial-System ausgeschaltet wird, nicht nur denkbar, sondern auch für die Gesamtjudenheit