Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 29 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Franksurier Israelitisches Familienblatt. Str. 29. liberalen, gcmischtkonsessionellcn bayer. Volksschüllehrer-Verein zu sprengen. In der Notwehr schuf der bahr. Lehrerverein einen neuen Paragraphen, wonach jeder Lehrer, der einem konfessionellen Lehrerverein angehöre, sich dadurch vom daher. Lehrerverein ausschließt. Da verlangten die Mitglieder des katholischen Lehrervereins auch den Ausschluß der Blitglieder des Jsr. Lehrervereins. Dieser Ausschluß wurde jedoch mit der Begründung abgclehnt, daß die Israeliten innerhalb ihres Vereins nur ein berechtigtes Eigenleben führten; man achte und ehre die Eigenart des jüdischen Stammes, sofern sie gepflegt würde; der israel. Lehrerverein sei kein konfessioneller Verein. Die Beratungsgegenständc entbehrten nicht des allgemeinen Charakters; insbesondere der Vortrag des Herrn Dingfelder-München, welcher Gründung eigner jüdischer Volksschulen und Bildung einer Zentralkasse für die daher. Kultusgemeinden forderte. Letzter Anregung wurde auch diskutiert, die anwesenden Herren Rabbiner waren aus orthodoxen Befürchtungen gegen irgend welche Zentralisation, während die Lehrer z. T. sehr energisch dafür eintraten. Herr Distrikts-Rabbiner Dr. Kvhn-Ansbach versuchte seiner Warnung durch die mysteriöse Mitteilung Bedeutung zu verschaffen, daß er wisse, was „o b e n" vorgehe, daß man eine Zentralisation, aber ohne Kasse, plane. Es scheint, daß diese Herren wohl wissen, wie „o b e n" der Wind weht; aber der Sturm von unten berührt sie nicht. Die großen jüdischen Zeitsragen, das Judenweh der ganzen Welt, wird erstickt von kleinlichen Vereinsschmerzen. Es gibt wirklich Noch Juden, die dazu noch in den oberen Regionen Bescheid wissen wollen, die da meinen, die Organisationsfrage sei eine Geldfrage, während man doch jetzt wissen könnte, daß nur große Ideen imstande sind, Organisationen zu schassen. Wann wird auch der jüdische Lehrer einsehen, daß die abnorme Lehrerfrage nur ein Teil der großen Judenfrage ist; wird er endlich erkennen, daß die Lösung der Judenfrage alle Te-ilfragen löst!? Lehrer Oppenheimer. Göttmgen. Versagte Bestätigung. Der vor Kurzem erfolgten Wahl des Herrn 'Dr. Sonderling in Berlin zum Rabbiner der Synagogen- Gemeinde Göttingen ist die ministerielle Bestätigung versagt worden, weil, der Gctvählte Ausländer ist. Die Gemeinde hat sich nun noch einmal mit einem Gesuche um Genehmigung an den Mnister gewandt. Pose», lk-1 Eine settene Feiec fand am vergangenen Sonnabend in der Synagogengemeinde zuWreschen statt. Herr Oberkautor G.J.Czechan o w i c z beging iwch körperlich und geistig frisch seinen 70. Geburtstag. Anläßlich des Jubeltages hatte es die Gemeinde an Aufmerksamkeiten nicht fehlen lassen. Außer einem ansehnlichen Geld-Geschenke wurden dem Jubilare noch mancherlei Ueberraschnngen zuteil. Auch die christlichen Mitbürger waren Zeugen des schönen Festes. Man konnte recht deutlich die Liebe und Achtung gegen den Jubilar wahrnehmcn. Den Festgottcsdienst in der Synagoge leitete ein Sohn des Gefeierten, Schüler des' berühmten Musiklehrers Juan Luria in Berlin. Lemcs. Zum Rabbiner der hiesigen aut.-orthod. Gemeinde wurde Herr Rabbinatskandidat Moses Deutsch aus Bonyhad gewählt. Pruchnik (Galizien). Sterbefall. Unsere Gemeinde beklagt das Ableben Rabi Israel Rechtszaffen's, der hier als zweiter Rabbiner lange Jahre segensreich wirkte. Der Verstorbene hat zahlreiche druckfertige Seforim hinterlassen, die von seinem großen Thora-Wissen Zeugnis ablegen. Reises! iz zerr. Von Sch. Asch. I. Der „Held". Uebersetzt von ß. Brausend und knirschend eilt der Zug der deutschen Grenze zu.. ■ Die ln Schmutz und Armut tief versunkenen Dörslein und Stationen der Warschauer Weichselbahn fliehen rasch vorüber . . . Ich sitze in der dritten Klasse hart am Fenster und stecke fortwährend den Kopf hinaus, um die laue, staub- und kohlenrußerfüllte Luft durstig zu trinken: drin, im Waggon, ist' es erstickend dumpf und heiß. Das Coupe ift 'vollgepropft: mit großer Mühe gelang es mir, meinen Reisesack-unter meine Füße unterzubringen. , Ach, es ist so unbequem, zu sitzen. . . Ich bin müde. ... Es täte mir so wohl, ein klein wenig zu schlafen ... Meine Nachbarn aber denken ja gar nicht an Ruhe! Es zittert in der Laterne das rote trübe flämmchen des Nachtlichtes . - . Trüb' blicken urch den Nachtnebel die roten und grünen Augen er Bahnsignale. . . . Im Waggon aber wird noch laut und aufgeregt gesprochen, diskutiert. . . Lithaucr Juden, Auswanderer mit Frau und Kind und mit vielen Paketen und Pakctchen, müde und abgemagert, die Augen voll finsterer Angst vorder Zukunft. ... - i Mir gegenüber: — zwei Juden mit kurzgeschnittenen roken Schnurrbärtchen, kleinen, scharfblickenden Katzenäuglein, langen dünnen Nasen, Sommersprossen auf den blassen Gesichtern und lange Finger an den lappigen, wie aus weichem Teig gekneteten Händen . . . Und mir schräg gegenüber — ein polnischer Jude mit silberner Uhrkette und hohem Zylinder. Er wird stets „Herr" angesprochen ... Er scheint Deutschland genau zu kennen . . . Und nun gibt er Ratschläge, empfiehlt Herbergen, bezeichnet die kürzesten Routen und erteilt Auskünfte über verschiedene Preise und Reisekosten. Die Andern lauschen mit gespannter Aufmerksamkeit, um sich ja kein Wörtchen entschlüpfen zu lassen, und machen entsprechende Bemerkungen in ihren schmutzigen Notizbüchlein. Sobald nur der Schwätzer mit dem Zylinder zu sprechen aufhört, erhebt sich gleich ein lebhaftes Gesprächs Frauen und Kinder, die schläfrig hier und da kauern' — auch sie stimmen in das große Chor ein. Mit jeder Station kommt wenigstens ein neuer Passagier hinzu. Meine Angen beginnen zu suchen . . . Schon lange beachte ich/nicht mehr das laute Gespräch der Reisenden. Ich starre vor mich hin ... da fallen mir plötzlich zwei große, mit Kot bespritzte Stiefel auf, die unter der Bank hervorgucken. Wie kommen sie dorthin? Ich beginne darüber nachzugrübeln. Da fällt mir nun ein, daß ich schjon heute morgen, als ich in's Coupe einstieg, auf sie gestoßen war. . . . Dr,um lagen sic auch sp, in dieser Situation — und der Inhaber regte sich nicht. - - - Lange betrachtete ich diese Stiefel. Es trat Stille ein. Nur der Schwätzer im Zylinder sprach noch; er sprach jetzt halblaut, ruhig und ernst: von Hambourg, Lloyd-Compagnie, billigen Dampfschiffen und ermüdenden Reisen. . . . ■ Allmählich wurde es ganz still um mich. All' die elenden, müden Wanderer mit ihren Sorgen und Qualen; der dunkle, dumpfe Waggon; das flimmernde Licht; die tiefe, kühle Nacht — alles versank in ein tiefes Schweigen. Etwas Stilles, Friedliches lagerte über uns allen — und mich ergriff bald der Schlaf. * Plötzlich — eilt Rauschen .,. . ein heftiger Stoß . . „ Ich öffne die Augen. Grau schaut der dämmernde Tag durch das matte Fenster. Der Zug knirscht über eine Brücke. . Mein Ncisesack lag schon auf meinen Füßen. Ich beuge mich hin, ich/ lege ihn zurecht — und sieh'! die Stiefel sind fort ... Anstatt dessen sitzt da ein starker, großer Mann, auch ein Jude, mit krausem Bart und sehr beweglichen Schultern; er sitzt dicht neben mir, am Fenster angelehnt. Er erzählt etwas ganz leise. Mit lebhaften Handbewegungen und lauerndem Augenschmunzclnl Die meisten schlummern. — Nur der „Herr" im Zylinder und noch einer, ein sehr blasser, mit großen hungrigen Augen— nur die zwei hören den Erzähler an. „. . . . Da erhielten wir nun einen neüen Stadtaufseher ... Er war nicht gut. . . wie Väter ist. Sofort am ersten Tage noch, wußten wir bereits, was wir von ihm zu -,rwarten hatten . . . Und wahrlich . . . Unser Schneider begegnet ihm auf der Straße — — — „Guten Morgen, Ew. Wohlgeboren . . ." Der „Odaun"*) geht stolz weiter, als habe er es nicht gehört. Da dachten wir hin und her, wie man ihn freundlich stimmen könne, und machten einen Versuch. Wird sandten den Schneider, der leidlich russische verstand und schöne Sieben halten konnte, — wir sandten ihn mit drei Pfund Zucker und Vi Psd. Tee zum neuen Aufseher... Das Geschenk wurde angenommen, der Schneider aber — herausgeschmissen. — ' Es kamen strenge Verordnungen und itzerbote— um uns, verstehen sie, zu reizen und knechten. *) „Odaun" („Herr") ist die von Juden häufig gebrauchte konspirative Bezeichnung eines russischen Beamten. Da sollen eines Tages sämtliche Pfründe und Zäune mit Kalk getüncht werden . . . verstehen sie? Solch eine „Gscireh!" ... Unsere Jüdchen gehorchten augenblicklich. Nur ich nicht — Da kam er, der „Noschc", schon am nächsten Tage zu mir und begann zu schimpfen: „Du, Mosche, Dü verfluchter Jude — wo ist der Kalk, Spitzbub' du. . . Na?" Ich aber denke mir: Schimpfe n'ach, Belieben, was geht es mich an? . . . Ich will schweigen . . . „Weshalb schweigst Du, schmutziger Jude?" — schrie er mich, gereizt an, indem er mir eine Ohrfeige gab, daß mir fast Hören und Sehen verging ... Ich aber sage mir: Ich mache mir nichts daraus. Was geht's mich an? Hole dich der Teufel! Ich spotte ja deiner, so wahr Gott ein Vater ist! Der Aufseher schleppt mich mit '— aufs-Polizeirevier. Nun, da ist nichts zu machen. Ich folge ihm. Der Aufseher und sein Schreiber machen sich an das Protokoll. " Ich denke mir: was gehts mich an? Schreibt soviel ihr wollt. Da rief der Aufseher: In's Gefängnis. „Oh, das — das schon nicht!" sagte ich mir. Ich trat an ihn näher und jammerte und seufzte. Wie kann man nur kein Mitleid haben. Weib und Kinder. Elend und Hunger. Ich küßte ihm die Hand — aber ich dachte mir dabei: Du Hund, scheere dich zum Teufel. Ich lache ja über dich, unwürdiges Geschöpf. Ich spotte deiner, so wahr Gott ein Vater ist! Und höre zu, Juden. Ich stehe so gebeugt vor ihm und küsse ihm die Hand und flehe und weine — da versetzt er mir plötzlich einen Schlag ins Gesicht, daß mir helles Blut auf den Wangen aufströmte. „Mache, daß Du fortkommst,' verfluchter Jude!" Ich war natürlich ganz glücklich. Ich eilte fort und dachte mir: Ei, Dummkopf du. - Ich lache doch über dich. * - Die Türe ging auf, der Schaffner trat in unser Coupe ein. Im Nu war der Erzähler unter der Bank. Und wieder ragten die schmutzigen Stiefel hervor. Der Schaffner verlangt die Billets. Er tritt an mich heran — und da stolperte er über die Stiefel. Wütend packt er den Juden am Bein und schleppt ihn -heraus. „Ech, du Jude, du Spitzbub!" schreit er dem Juden ins Gesicht und. zupft ihn am Bart. Der „Held" mußte ihm folgen. Bevor er aber das Coupe verläßt, dreht er sich um, wendet sich an uns und flüstert uns lächelnd zu: „Ich lache über ihn. Ich spotte seiner, so wahr Gott lebt." Kunst und Literatur. Zur Geschichte der Juden in Böhmen^ -Mähren u n d >T ch l e s i e n von 906—1620. Herausgegeben von Gvttlieb Bondy, cm. Präsidenten der Handels- und Gewerbckammer in Prag. Zur Herausgabe vorbereitet und ergänzt von Franz Dworsky, ein. Direktor des Landesarchivs des Königsreichs Böhmen. Herausgeber und Verleger Gottlieb Bondy. 2 Bde., XII und 1149 Seiten Lexikonformat. Kommissionsverlag von Gustav Neugebauer, k. k. Hofbuchhandlung, Prag. Preis beider Bände 20 Kronen. .Schon das Titelblatt gibt zu denken. In der jüdischen Literatur ist man es nicht gewöhnt, ein umfangreicheres Werk unter einem so anspruchslosen Titel zu vermuten. Die meisten der sich stolz „Geschichte der Juden in X." nennenden Werke erreichen selten den Umfang einiger Druckbogen, die als „Beiträge" oder „Zur Geschichte . . ." auftretenden kaum ein paar Blatt. Und nun erscheint, den meisten Interessenten ganz unverhofft, ein stattliches Werk von fast 1200 Seiten zur Geschichte der Juden eines-räumlich ziemlich eng begrenzten Länberkomplexes. Noch viel ungewöhnlicher, ja in der jüdischen Literatur geradezu befremdend, erscheint die Person des Herausgebers, eines em. Präsidenten der Handels- und Gewerbekammer in Prag, der sich in seinem kurzen Vorwort bescheiden mit seinem steten Interesse für Juden und Judentum entschuldigen zu müssen glaubt, daß er „seinem Berufe nach Kaufmann.und Industrieller und seit mehr als 40 Jahren im politischen Leben tätig", gewissermaßen als Saul unter den Propheten anftritt. Blit König Saul hat der Verfasser auch noch das gemein, daß er — wenn auch nicht physisch — um Haupteslänge seine Mitbürger überragt, ist er doch einer der sozial höchst stehenden Juden Oesterreichs, einer der bedeutendsten Industriellen, mit staatlichen und städtischen Ehrenämtern überbürdet, dabei aber ein liebenswürdig bescheidener alter Herr, der seine 70 Jahre mit jugendlicher Elastizität trägt, .still seine