Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 29 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11. Nr. 29. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Wie das Äemeiudelcben, so pflegte Alfred Geiger die jüdische Wissenschaft, die Schule und die Synagoge. Mit l>ohem Danke gedenken aus diesem Gebiete seiner Tätigkeit der T a l in n d t h o r a v e r e i n und „Ä er Verein für jüdische Geschichte und Literatur". Letzterem gehörte er lange Zeit als Schriftführer, nach dem Tode Dr. Heinemanns als ' Präsident, seit vorigem Jahre als Ihrenpräsident an. Der Umstand, daß dieser Verein unter schwierigen Verhältnissen seine Stellung und sein Ansehen zu wahren wußte, ist vorzüglich der Wirksamkeit und der eifrigen Tätigkeit des Dahingeschiedenen zu danken. Die Verwaltung der Religionsschule besorgte er in seiner Eigenschaft als Schriftführer und Kassierer, ihm danken die Lehrer die Sicherstellung ihrer Zukunft. An der Errichtung dreier Synagogen, der Großsynagogc im Börneplatz, der Synagoge Hermesweg und der Westend s y n a - g o g e arbeitete er mit, letzterer galt seine besondere Sorge. Außerdem war er lauge Jahre Präsident der Beerdigungsgesellschast G e g e n s e i t i g ke i t, die unter seiner Leitung zu der imponierenden Mitgliederzahl von 5000 anwuchs. Wollte man Alfred Geiger aber kenne» lernen, wollte mau seine ganze Herzensgute erfahren, dann mußte man seine Tätigkeit auf dem Gebiete der Wohltätigkeitspflege beobachten. Das war seine ureigcntliche Domäne. Dem isr. Hilf sverein in Frankfurt a. M. gehörte er als Schriftführer an, d er Verein L e m a a n - Z i o n, der Waise n h a u s v e r e i n in Jerusalem, die jüdische H a u s h a l t u u g s s ch n l e in Jranksurt verlieren in . ihm ihre Stütze und'Leiter. Denn, ob Alfred Geiger diesen Vereinen als Schriftführer oder als Kassierer oder als Vorsitzender augehörte, er mar es, der die Geschäfte besorgte und die notwendigen Mittel znsammenbrachte. Zu diesem Zwecke unterhielt er ein eigenes, nach kaufmännischen Prinzipien geleitetes B u r e a n. Für seine Vereine zu arbeiten, betrachtete er als seine Lebensaufgabe, er tat dies in der uneigennützigsten Weise, persönliche Eitelkeit kannte er nicht Und um Dank und Anerkennung war cs ihm nie zu tun. Für die öffentliche Wohlfahrt arbeitete er Tag und Nacht. Auch, als in den letzten Jahren Kränklichkeit und Altersschwäche ihn zwangen, seine gemeinnützige Tätigkeit etwas einzuschränken, behielt er nach wie vor die Tätigkeit fiir die Wohltütigkeitsvereiuc und religiösen' Vereine bei. Bis in die letzten Tage seines Lebens arbeitete er für das öffentliche Wohl und auch während seines alljährlichen Ferienaufenthaltes in Homburg wurde diese Tätigkeit fortgesetzt, bis, der Allbczwinger Tod ihn dort am Donnerstag voriger Woche nach einem am Dienstag erlittenen-Schlaganfalle von der Stätte seiner reichen und reichgesegneten Tätigkeit abberief. Am Sonntag früh haben wir ihn zu Grabe geleitet, ein ungemein zahlreiches Trauergesolge erwies ihm die letzte Ehre, viele Freunde hatten ihren Kuraufenthalt unterbrochen und waren herbcigecilt, um dem Verblichenen das letzte Geleit zu geben. An der Bahre entwarf Rabbiner Dr. Horov i tz ein treffendes Lebensbild des dahingcschiedcnen edlen Menschenfreundes und langjährigen Freundes und widmete ihm alle Herzen rührende Worte des 'Abschieds. Er schilderte, wie sein ganzes Leben der Erfüllung der drei Grundgebote des Judentums gewidmet war: der Gottes lehre, dem Gottesdienste und der Wohltätigkeit; er schilderte, wie sein scharfes Wissen und sein gutes Herz sich die Wage hielten, wie er kurz im Worte und energisch im Handeln war, welch unersetzlichen Verlust die zahlreichen Vereine, die alle von ihm geleitet wurden, während den Vorständen bloß die Repräsentation oblag, betroffen. Für den Verein Gegenseitigkeit brachte Herr W. Posen, für den Zentralverein Herr H. Schwab, für die Westendsynagoge Herr ro.mm, für den Hilfsvercin Justizrat Dr. är, fiir den Verein für jüdische Geschichte und Literatur Dr. Hanauer den letzten Gruß. Möge Alfred Geiger ausruhen nach einem Leben, das ein wahrer Segen war. In den Annalen der Frankfurter jüd. Gemeinde wird sein Name, der ein Stück Geschichte verkörpert, mit goldenen Lettern eingetragen sein, bei seinen Freunden aber wird die Erinnerung an diesen edlen; tatkräftigen, kernhaften und rückgratfesten Mann eine unauslöschliche sein. D r. W. H a n a u e r. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Die Freie Vereinigung für die Interessen des orthod. Judentums ruft auf Sonntag, den 2. Sept., nachm. 3 Uhr (Schühenstraße 12, Hörsaal) einen Vereinstag ein. Aus der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M. Eine außerordentliche Generalversammlung der jüdischen Kolonialbank wird am 29. August in Köln abgehalten werden. Es ist diesmal Sache eines jeden Aktionärs, selber bei der Generalversammlung anwesend zu sein oder sich vertreten zu lassen (Vollmachts-Exemplare sind bei der Jewifh Colonial Trust Ltd., Brook House, Walbrook, London E. C. zu verlangen), denn es sind Bestrebungen vorhanden, die Satzungen zu ändern. Die Gründe, die gegen jede Aenderung der Satzungen sprechen, sind folgende: 1) Keine Aenderung kann in Wirksamkeit treten, sobald ein Verwaltungsrat (auf Grund seiner Stellung als Inhaber von Gründeranteilen) gewählt wird, der gegen die Aenderung sein würde, denn der Verwaltungsrat ist berechtigt, wiederum die Gründungsurkunden und Gesellschaftsstatuten zu ändern. 2) Die Kosten derartiger Aenderungen würden eine Summe von mindestens 600 Lstrl. in Anspruch nehmen und können viele tausend Lstrl. betragen, je nachdem die Aenderung beim höchsten Gerichtshof, von den: sie genehmigt werden müssen, Widerstand finden oder nicht. 3) Weil dieses Vorgehen denen, die danach streben, das Geld außerhalb Palästinas und seiner Nachbarländer zu verwenden, eine Waffe in die Hand geben würde. Diese könnten dann sagen, das; hie Kolonialbank gegründet worden sei, außerhalb Palästinas zu arbeiten, sonst wären keine Aender'ungen ihrer Satzungen nötig gewesen Das Resultat einer Aenderung würde sein, daß sehr viel Geld ausgegeben wird, um etwas zu erlangen, was nicht erlangt werden kann, wenn ein Verwaltungsrat gewählt wird, dessen Ansichten von denen des jetzigen abweichen. Solange der Berwaltungsrat aus Männern besteht, die nicht zugeben werden, daß Gelder der Kolonialbank außerhalb Palästings und seiner Nachbarländer verwendet werden, sind alle Blenderungen der GründnngSurkuuden und Gesellschaftsstatuten überflüssig. , Wien. Zionistische Palästinareis e. Der „Zionistische Zentralverein" gedenkt im Herbste eine zionistische Palästinareise zu veranstalten. Die Reise ist für ca. 22 Tage berechnet und soll nach dem Sukkotfeste im November unternommen werden. Die Preise, die außerordentlich billig sein werden, sowie sonstige Bedingungen werden in den demnächst erscheinenden Prospekten bekanntgegebcn. Die gewählte Zeit ist für eine Palästiuareise außerordentlich günstig. Das Meer ist im Gegensatz zum Frühjahr ruhig, die Temperatur angenehm, die Zahl der Pilger ist um diese Zeit noch keine so große, so daß für mehrere hundert Reisende gute Unterkunft verbürgt werden kann. Alle, die sich für diese Reise interessieren, erhalten nähere Auskunft beim „Zion. Zentralverein", Wien, 9. 'Bezirk, Türkenstraße 9. Philadelphia. Dem Berichte der Pauale- Z i o n i st e n Amerikas entnehmen wir: Die Zion. Organisation in Amerika hat beschlossen, die Pauale- Zionisten als eine Fraktion anzuerkenne». Die Pauale-Zionisten haben stark für den 'Nationalfond und für die Kolonialbank'gearbeitet und haben Palästina-Pioniere organisiert, die nach zwei Jahren als amerikanische Bürger nach Palästina auswandern werden. „Der jüdische Kämpfer", bas Organ der Pauale-Ziouisten reüssiert; der 5000 Doll.-Fond, mit dem man das Blatt begründete, wächst. Es wird beabsichtigt, einen Weltkongreß der Pauale-Zivnisten zu veranstalten. Personalien. Berlin. Der Charakter als Professor wurde den Oberlehrern Dr. G. Wallenberg, Karl Cohn und Dr. S. I a f f e verliehen. Den Roten A d l e r o r d e n IV. Klasse erhielt anläßlich seiner Pensionierung der Amtsgerichtsrat Dr. L i p m a n n in Charlottenburg. Zum Direktor des st a t i st i s ch e n A m t e s der Stadt Berlin wurde Prof. Silbergleit, Direktor des statistischen Amtes in Schöncberg, früher in Magdeburg, vom Magistrat gewählt. Berlin. Fräulein Alice Salo IN on. die bekannte Frauenrechtlerin, hat zum Doktor promoviert. Die Doktorarbcit von Fräulein Salomo», die vollständig in Schmollers und Serings „Staats- und sozialwissenschaftlichen Forschungen" erscheinen wird, behandelt die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit. Fräulein Salomon hat sich praktisch lind theoretisch mit volkswirtschaftlichen, insbesondere sozialpolitischen Fragen beschäftigt. Seit mehreren Jahren unterrichtet sie am Viktoria-Lyzeum in den Kursen der Gruppen für soziale Hilfsarbeit und an der Handelsschule des Lette- Vereins. Seit 1899 leitet sie außerdem die Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit, die der Ausbildung zur Wohlfahrtspflege dienen. Nörten bei Göttingen. (K.) Goldene Hochzeit. Das M. Sonnenderg'sche Ehepaar feierte am Montag das goldene Ehejubiläum in voller körperlicher Rüsttgkeit und geistiger Frische. Der Kriegerverein und die beiden Männergesangvereine ehrten das Jubelpaar am Abend zuvor durch einen Fackelzug und durch ein Ständchen. Der Kaiser ließ durch den Landrabbiner Dr. Lewinsky aus Hildesheim die Ehejubiläumsmedaille überreichen und der Herzog von Cumberland schenkte eine israelitische Prachtbibel. Posen, (f.) Einer der geachtetsten Bürger hiesiger Stadt, Herr M. Scherek, beendete am Montag, 16. d. Mts., sein 80. Lebensjahr. Herr Scherek ist bei allen Wohltätigkeitsinstituten als Spender wohl bekannt, die meisten Vereine hat er mit gründen Helsen, kein Wunder also, daß die Bereinsvorstände in dankbarer Weise sich als Gratulanten beteiligten^ Bon einer eigentlichen Geburtstagsfeier nach außen hin wurde Wstand genonrmen, ganz nach dem Sinne des bescheidenen Mannes: dagegen fand eine Feier nur im engsten .Kreise statt. Wien. Srerbesall. In Jichl starb im 82. Lebensjahre Frau Regina K u r a n d a, geb. Wittelshöfer. -Die Verblichene war die Witwe des berühmten Polittkers und Publizisten Ignaz Kuranüa, der ihr im Jahre 1881 in den Tod vorausgegangen ist. . Nach Ausbruch der Märzbewegung des Jahres 1818 war Kuranda aus Leipzig, wo er die „Grenzboten" herausgab, nach Wien znriickgekehrt. In dasselbe Jahr fgllt seine Vermählung, die in Kolin gefeiert wurde. Kuranda gehörte dem Fünfzigerausschnß an. den Wien nach Frankfurt entsendete, und die Stadt Teplitz wählte ihn zu ihrem Vertreter in der Paulskirche. Bald war Kuranda neben Schuselka der von den Tschechen bestgehaßte Mann. Kuranda übersiedelte später nach Wien, wo ihn die Innere Stadt in den Landtag und dann auch in den Reichsrat entsendete. Er erwarb das Haus Ecke der Wollzeile und des Parkrings. Dort kamen alle hervorragenden Persönlichkeiten der damaligen politischen Welt zusammen und in feinsinniger und liebenswürdiger Weise machte Frau Regina Kuranda die Honneurs des Hauses. An der Bahre der Verewigten trauern drei Söhne, der Ministerialrat im Eisenbahnministerium Camillo Kuranda, der Direktor des Wiener Bankvereins Felix Kuranda, der Hof- und Gerichtsadvokat 'Arthur Kuranda, und eine Tochter, Olivia Kuranda. Wien. Die Avschiedsvorlesung des ll n i v e r s i t ä t s p r o f e s s o r s D r. A d o l f L i e - den gestaltete sich zu' einem Festakte. 'Als der Vortragende in dem mit Lorbeerbäumen und Palmen dekorierten Hörsaale erschien, wurde er mit minutenlangem Applaus begrüßt. Hierauf ergriff Professor Dr. P o m e r a n z, ein Schüler Liebens, das Wort, um in einer Ansprache an die Studenten die Verdienste des gefeierte» Professors zu würdigen, der mit seiner heutigen Vorlesung sein neunzigstes Semester akademischer Lehrtätigkeit schließe, uuo auf ein halbes Jahrhundert wissenschaftlicher Arbeit zurückblicke. Fünf Jahrzehnte bedeuten einen großen Zeitraum in der Entwicklungsgeschichte der Naturwisseuschafrcn, besonders aber in der Chemie, die im letzten Jahrhundert einen ungeheuren Aufschwung genommen hat. Diesen Aufschwung hat Lieben nicht nur miterlebt, sondern auch gefördert, Leine erste Publikation fällt in das Jahr 1851, zu einer Zeit, da viele Elemente noch nicht entdeckt waren Und mit den primitivsten Einrichtungen, zum Beispiel mit Kohlenbecken, gearbeitet wurde. Professor Pomcranz gab hierauf eine interessante und klare Zusammenstellung der einzelnen Arbeiten Liebens, von denen besonders die Forschungen über Milchzucker, die Chlorierung der Alkohole und Aether, über Aldehyde und Säuren, sowie über Pyrou und die Chelidonsäuren von großer Wichtigkeit sind. 'Auch mit einer physiologischen Frage hat sich Lieben beschäftigt, nämlich ob Alkohol den Körper unverändert passiert oder darin verbrannt wird, und gefunden, daß Alkohol teilweise in den Harn übergeht und darin nachgewieseu werden kann. „Sie sind mir, Kommilitonen," fuhr Professor Pomaranz fort, „auf meinem Rundgange durch füns Jahrzehnte gefolgt und, wie es auf einem Rundgange möglich ist, konnte ich nur die wichtigsten Punkte berühren, denn unr alles das, was unser verehrter Meister in nahezu hundert Arbeiten ausgeführt hat, zu behandeln, dazu würde man nicht Stunden, sondern Tage brauchen. Eines will ich noch erwähnen: Alle Arbeiten, die unser Lehrer veröffentlichte, zeichne» sich durch niustergiltige Sorgfalt aus, und so ist; denn alles, was seine Werkstatt verließ, schlackenloses Edelmetall. Er sieht, wie alte Künstler, in Kunst und Wissenschaft unter jeder Bedingung nur das Ziel vor Augen, ohne Rücksicht aus Zeit und Mühe. Im kommenden Semester wird der Name Liebens im Lektionskatalog nicht mehr zu finden sein, in den Annalen der Wissenschaft hat er sich aber einen dauernden Namen erworben." Sich an Hofrat Lieben wendend, fuhr der Redner fort: „Ihr Rücktritt, Herr Hoftat, ist kein Anlaß für uns, 'von Ihnen Abschied zu nehmen, da das geistige Band, welches Sie mit uns verbindet, dadurch nicht gelockert wird. Wir sagen Ihnen daher nicht Lebewohl, sondern wünschen, daß Sie uns und der Wissenschaft in körperlicher und geistiger Frische noch viele Jahre erhalten bleiben." Hoftat Dr. Lieben dankte bewegt. Kis-Szeben (Ungarn). Die goldene Hochzeit feierten Herr S o b e l in Jernje und Frau. London. Der Minenkönig Alfred Beit, dessen Ableben wir in der vorigen Nummer meldeten, war nicht mehr Jude. Aus der Lehrerwett. Laudenbach. Gestern hielt der Bahr. Israel. Lehrer-Verein seine General-Versammlung in Nürnberg ab. Die Versammlung war sehr zahlreich besucht. Ein Vertreter der Kulttisgemeinde Nürnberg begrüßte die Versammlung mtt assimilatorisch-patriotischen Redewendungen. Der Vertreter der Bolksschullehrer war in seiner Begrüßungsrede interessanter. Er berichtete folgende Tatsachen: Bor ca- 10 Jahren wurde in Bayern ein katholischer Lehrer- Verein geschahen, dessen politischer Zweck war, den