Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 29 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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’Jtr. 29. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. «eUe 13. eigenen Wege geht und seine Hand stets ossen hält für gemeinnützige und wohltätige Werke ohne Rücksicht auf Nationalität und Konfession der Veranstalter. Und dieser seltene Mann legt uns nun sein Werk vor, die Arbeit von nahezu einem Dezennium, hauptsächlich unternommen, um unseren christlichen Mitbürgern zu zeigen, wie die Jllden stets bemüht waren, die Wohlfahrt ihres Vaterlandes zu fördern, um ihnen aber auch zu zeigen, wie hoch sie noch in der Schuld der Juden stehen, wieviel Liebe sie ihnen entgegen bringen müssen, uin auch nur einen kleinen Teil des säst ein Jahrtausend hindurch an ihnen verübten Unrechtes, der blutigen Versagungen und Unterdrückungen, benen sie jederzeit ausgesetzt waren, wieder gntzumachen. Es kann hier nicht der Ort sein, die wissenschaftliche Bedeutung des epochalen Werkes eingehend zu würdigen, nur soviel sei gesagt, daß die Person des Mitarbeiters, des in gelehrten Kreisen wegenfeiner zahlreichen wissenschaftlichen Editionen hochgeschätzten Direktors des Landesarchivs des Königsreichs Böhmen, Franz Dworsky, für strenge Sachlichkeit bürgt. — Und nun zu dem Werke! Während die Juden der verschiedensten Länder, Bezirke und Städte ihre Geschichtsschreiber gefunden haben, ist bis heute für die Geschichte der Juden in den Ländern der böhmischen Krone soviel wie nichts geschehen. Selbst für Prag, dieses älteste und bedeutungsvollste Zentrum, der mitteleuropäischen Judenheit, gibt es nur einzelne spärliche Monographien. In der richtigen Erkenntnis, daß dieser Mangel nur darauf zurückzuführen sei, daß es 'eben an den notwendigen umfassenden Vorarbeiten fehlt, und daß sich eine Einzelperson wohl schwerlich an diese überaus viel Geld iind Arbeit erfordernde Arbeit heranwagen werde — an gut dotierten jüdisch-wissenschaftlichen Vereinen fehlt es in Oesterreich — hat Gottlieb Bondy sich entschlossen, das gesamte ihin erreichbare Material zur Geschichte der Jilden in Böhmen, Mähren und Schlesien zu sammeln, zu sichten, und das historisch Wertvolle durch den Druck weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Neben Chroniken und Annalen in deutscher, hebräischer, tschechischer und lateinischer Sprache wurde auch die neuere Geschichtslitcratur der Juden benützt, den Hauptbestand der 1346 mehr oder weniger wichtigen Stücke aus den Jahren 906—1620 zählenden Sammlung lieferten freilich die staatlichen und städtischen Archive, die Bondy dank seines mächtige» Einflusses in großer Zahl — es sind etwa 20 benützt worden — zur Verfügung standen. Die einzelnen Dokumente sind in der Sprache ihrer Ausstellung abgedruckt, einzelne wichtigere tschechische Urkunden auch in's Deutsche jedem Stücke aber ein kurzes deutsches Regest vorangestellt und ein Quellennachweis beigegeben. In umfangreichen Anmerkirngen wird oft die ganze Geschichte alter Judengemeinden gegeben. Aus dem reichen Inhalte des Werkes will ich hier aus's Geratewohl einige kulturhistorisch interessante Dokumente herausgreifen. Die Nummern in der Klammer entsprechen der sortlanfcnden Numerierung im Werke. Im Jahre 903 befinden sich. Juden erwiesenermaßen in Böhmen und Mähren (1). 965 erwähnt der Reisende Ibrahim ibn Jakub Juden in Prag und. Böhmen (2). Doch wir wollen lieber ein wenig in den kulturhistorisch viel interessanteren Partieen vom 14. Jahrhundert M blättern. 1348 werden mit der Gründung der Prager Universität Judenhäuser zu Studentenquartieren adoptiert (1120). lieber die Verfolgung und Ermordung der Prager Juden im Jahre 1389 liegen fünf Berichte vor, darunter die in's Deutsche übertragene Selicha R. Abigdor Karos (1l32). 1417 befreit K. Wenzel den Landsahrer und kMlndarzt Feifel aus Jerusalem zur Belohnung für treue Dienste von allen jüdischen Abgaben ruu> gibt ihm ,,die metsterschast das phich sneiden und czu töten nach irem jüdischen riten" (1145). 1454 schenkt K. Ladislaus den Fleischern zu Brünn, die ihr Schlachthaus zum Bau des Franziskanerklosters dbtraten, einen Teil der vornisiligen Jüdensynagoge, wo sie Fleisch anshaüen sollen (1159). 1513 verbietet ein kaiserliches Dekret, die Mauern der jüdischen Friedhöfe, „wie es oft geschieht", einzureißen (343). 1535 entscheidet der Rat der Prager Altstadt, daß die Juden nicht zum Bürgerftande gezählt werden (1261). 1539 verlangt K. Ferdinand von der böhmischen Kammer-einen Bericht betreffs des frevelhasten Ilebermuts, den einige Juden auf dein Altar in ihrer Synagoge verübt haben. (Es handelt sich, wie aus einem späteren Erlaß hervorgeht, um eine Rauferei.) (446, 458.) 1544 erteilt Ferdinand dem jüdischen 'Arzte Moses einen Geleitsbrief, um den Burggrafen des Königgrätzer Kreises kurieren zu können (486). 1563 danken .die Prager Juden dem Prager Erzbischof lateinisch für sein Eintreten zu Gunsten des Talmuds ans dem Trienter Konzil (655). 1572 Zeugenaussage des jüdischen Schulmeisters Hermann, daß der jüdische Fleischer Stastny rituell verbotenes Fleisch verkauft habe und ihm deswegen vom Rabbiner perboten worden sei, Fleisch zu verkaufen (1818). 1593 befiehlt Rudolf II. den Prager Juden, für die auf dem Schlosse gehaltenen Löwen täglich 22 Pfund frisches Rind- und Kalbfleisch zu liefern (890). 1598 führen die jüdischen Tandelmarktaufscher Beschwerde gegen den Pfarrer von Wrehetat, der gegen die Juden auf dem Tandelmarkte einen Exzeß verursacht hat (932, 936). 1600 erscheint ein bissiges Spottgedicht gegen die jüdischen Aerzte, 1603 wird das Pamphlet Flagellum Judaeorum von Ernst Ferdinand tzes in der Uebersetzung des ersten Ratschrcibers der Prager Altstadt gedruckt(955, 988). 1614 verlangt Mathias Schettinger zur.Belohnung für seine durch 18 Jahre als Feldwebel in den Türkenkriegen geleisteten Dienste vom Kaiser den Befehl, jeder Prager Jud solle ihm lebenslänglich jede Woche nur einen kleinen Pfennig geben und begründet seine Bitte köstlich „würd ihnen allen nament und sonderlich kein Mengl oder Schaden bringen und mir entbehretc es ein stille Ruhe". Die böhmische Kamnier spricht sich trotz der guten Motivierung gegen die Bewilligung aus (1069, 1070). Unsere kleine Auswahl, die sich beliebig vervielfachen ließe, wollen wir schließen mit dem Zeugnis eines Christen über das rührende Bekenntnis des JudenarzteS Samuel vor seiner Hinrichtung am 28. August 1617: dieses Bekenntnis spiegelt ganz den Eharaktcr des Jtiden wieder. Samuel beteuert in feinem letzten Momente seine Unschuld und sagt, etwaige Geständnisse seien ihm nur durch die Folter abgezwungen worden. Die letzten 'Atemzüge benützt er dazu, jeden, den er etwa beleidigt oder erzürnt habe, um Verzeihung zu bitten. Bondys Werk erhebt trotz seines Umfanges nicht den Anspruch ans Vollständigkeit, ist ja schon dem 2. Bande ein stattlicher Nachtrag beigegeben. Das — wie nicht anders zu erwarten — splendid ansgestattete Werk beschließt ein 100 Seiten starkes Jnhaltsverzeichisis. Eine eingehende wissenschaftliche Würdigung des Werkes an anderem Orte behalte ich mir vor, und dort werde ich auf die seinem hohen Werte gegenüber verschwindenden Mängel, wie etwa Nichtbenützung einzelner jüdischer Quellen, Fehlen gewisser Hinweise und einige sinnstörende Druckfehler aufmerksam machen. Hier wollen wir nur noch den Wunsch aussprechen, daß es dem. Verfasser vergönnt sein möge, sein Werk, wie er es ursprünglich beabsichtigt, bis 1740 fortzuführen und die Frucht seiner Arbeit zu sehen, den Aufbau der Geschichte der Juden in Böhmen, Mähren, Schlesien auf Grund des von ihm gesammelten reichlichen Materials. Jedenfalls hat sich Gottlieb Bondy durch die Herausgabe seines in der jüdischen Literatur ganz vereinzelt dastehenden Monumentalwcrkes, das berufen ist, ein standard Work der jüdischen Literatur zu werden, ein unvergängliches Verdienst um die Wissenschaft erworben. S. H. L., Prag. Briefkasten. Z. Der kürzlich verschiedene berühmte Erfinder des Kehlkopfspiegels Manuel Garzia entstammte einer angesehenen jüdischen Familie. Wir bitten unsere Leser, ihren Bedarf unter Bezugnahme auf unser Blatt bei unseren Inserenten zu decken. Frankfurter Israel. Familienblatt. | Cafe-Restaurant Frauenhof I (früher IHilani). Yielbesnchter und beliebter Frankfurter Ausflugsort im Stadtwald, 15 Minuten von der Trambabnbaltestelle Sandhof, direkte Haltestelle der Waldbahn Frankfart-Niederrad am Hans. Aufmerksame Bedienung, gute Küche, reine Weine, Münchener und Pilsener Bier, Bindings Exportbier, eigene Konditorei. Grosser schattiger Garten, mit Platz für mehr als :- 1000 Personen. — ■ - Belnstignngsplatz nebst Spiele für Kinder; Schankei, Karonssel, Ziegenbock, Esel und Ponny zum Reiten und Fahren. Bei günstiger Witterung grosse Militär-Konzerte. Drei gedeckte Hallen. Telephon 1248. TagesheUe Beleuchtung. 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