Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 29 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692489--02573-2697185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette lu. - Sranyurter JjraeitttscheL AamUrendlan. Nr. 29 von einem dicken Nagel herrLhren mutz. Zu ferner Linken liegen seine Frau, Tochter und zwei Söhne. Alle find in ihrem eigenen Hause von Soldaten unL Hooligans ermordet worden. Fast bei allen sind Bajonettstiche zu sehen, bei dem altern Sohn sind obendrein noch beide Augen ausgestochen. Auf einem Bettchen liegt ein zweijähriges Kind, es sieht aus, als ob es süß schlummerte; auf seinem Gesichtchen ruht ein glückseliges Lächeln. Neben ihm liegt der Leichnam seines zehnjährigen erwürgten Schwesterchens. Dort in der Ecke liegt ein Alter mit einem langen grauen Bart; Wunden sind bei ihm nicht zu sehen, nur das Licken, in dem er eingehülll, ist mit Blut'Lurchtränkt. Etwas 'weiter liegt eine ganze Reihe von Leichen, viele mit zertrümmerten 'Schädeln und ausgestochenen Augen; einer mit ausgeschnittener Zunge. Fast die Hälfte aller Leichen besteht aus Greisen, Frauen und Kindern. Der Weg zum Spital ist voll von Blutlachen. Jede halbe Stunde fährt der Spitalwagen vor und die Lust erzittert von dem Jammergeschrei der Begleitenden. In den Krankenzimmern hört man von allen Seiten das Seufzen der in unsäglichen Qualeck liegenden Verwundeten. Die Verwundungen sind verschiedener Mt, jedoch ist die Zahl der Kugel- und Bajonettverwundungen hei Zweitem vorwiegend. Der Arzt zeigte mir einen jungen Mann mit zwanzig, sage zwanzig Bajonettstichen, der in den letzten Zügen lag. Hier zappell ein zweijähriges Kind mit zerbrochenem Besuchen — und wer könnte alles aufzählen?-— - Und inmitten dieser Leichen, Kranken, Seufzenden und' Weinenden stehen einige Juden mit gen Himmel erhobenen Gesichtern und wahnsinnigen Augen, laufen von Einem zum Zweiten, ergreifen ihn bei der Hand und ^fragen: „Was nun, he? Was nun? Man tvird wiederum schlachten? Ist nirgends eine Rettung da? Gar nirgends?" . . . An—sky. Generalversammlung des „Jüd. Lehrer-Vereins für das Königreich Bayern". Im Saale der jüd. Kultusgemeinde tagte am 16. ds. die 27. General-Versammlung des „Jüd. Lehrer-Vereins für das Königreich Bayern". Punkt 9 Uhr eröffnete der Vereinsvorsitzende, Herr Goldstein aus Heidingsfeld, die Versammlung zur Begrüßung der ordentlichen und außerordentlichen Mitglieder und der verschiedenen Deputationen. Nach ihm ergriff Herr Schuldirektor Gombrich das Wort, um im Namen der Kullusgemeinde den Verein zu begrüßen. Hern Kgl. Inspektor Daun überbrachte die Grüße des Bezirks-Lehrer-Vereins Nürnberg- Stadt. Herr Lehrer Dr. Bamberg er in Nürnberg richtete namens der ortsansässigen Vereinsmitglieder einen Willkommgruß an die Versammlung. Unter Dankesworten für diese Begrüßungen erstattete dann Herr Gold st ein Bericht über das verflossene Vereinsjahr*) und erteille dem ersten Redner das Wort: Herrn Dingfelder aus München zu dem Thema: hundert Jahre jüd. Schulgeschichtc in Bayern (1806—1906)." Ausgehend, pon den Schulverhältnissen der Juden in Bayern am Ende des 18. Jahrhunderts, entwickelle Hch:r D. ein llares Bild von den ersten Anfängen der jüdischen Schulen in Mönchsroth, Ansbach, Floß u. a. Das Edikt von 1813 wurde dann in seiner Bedeutung für das Schulwesen gewürdigt. Bon diesem Jahre an zeigt das jüdische Schulwesen bis zu den Anfängen der achtziger Jahre eine aufsteigende Linie sowohl hinsichtlich der jüd. Volksals auch der Neligivnsschulen. Eine ganz hervorragende Bedeutung in dieser qualitativen und quantitativen Ausdehnung kommt den Präparandenanstalten Höchberg und Burgpreppach und dem jüd. Seminar in Würzburg zu, die bis in die Gegenwart herein treu im Geiste ihrer Gründer fortarbeiten. Daß trotzdem in den letzten Jahrzehnten ein Rückgang zu konstatieren ist — so setzte der Redner fort — liegt an der Abwanderung der Juden vom platten Lande nach der Stadt?) i) Bemerkenswert ist besonders die Tatsache, daß die seck Jahren bestehende Einrichtung der Fortbildungskurse immer mehr an Ausdehnung gewinnt. s) Freilich muß man diese Landflucht der Juden auch verstehen nach ihren inneren Motiven: die soziale Gesetzgebung der letzten Jahre hat den Erwerb auf dem Lande ungemein erschwert, vielfach unmöglich gemacht; ferner bieten die Städte den Kindern reiche Bildungsgelegenheit und den Erwachsenen leichte und bequeme Verkehrsverhältnisse. Sv werden die Schulen auf dem Lande immer kleiner; es ist garnicht möglichauch nur für die nächsten Iahte hier stabile Schulverhältnisse durch Gründung von Elementarschulen zu schaffen infolge der stetigen Abnahme der Landgemeinden. Die Regierung xennt diese Verhältnisse sehr genau und richtet sich entsprechend ein durch Auslösung oder Umwandlung der Stellen, sobald ein Beamtenwechsel stattfindet. Daraus ergibt sich, daß die Aussichten, derjüd. Lehrer aufdem Lande geradezu trostlos sind. Man verschließe sich nur dieser Erkenntnis nicht mit wohlfeilen Redensarten. Und in dev Stadt? Hier will man keine jüd.'Volksschulen. Wenn man sie auch nicht überall als vorsintflutliche Einrichtungen bezeichnet, wie es einmal seitens eines hvchangesehenen Herrn in einer Großgemeinde geschehen ist, so weiß man doch genug Einwände gegen jüd. Volksschulen in der Stadt vorzubringen. In erster Linie fühlen sich unsere jüdischen Kommunalpolitiker dazu berufen, den verlorenen Posten der Simultanschulen zu verteidigen. Alles konfessionalisiert sich in. der rechten Erkenntnis, .daß jene nivellierende, alles schablonenhaft ausgleichendc Simultanschulpolitik innerlich haltlos ist, daß sie in jeder Hinsicht eine halbe Maßregel ist?) Nur unsere jüd. Machthaber verschließen sich dem. Und auf wessen Kosten? Die Antwort liegt auf der Hand. 'Also — so lautete die Schlußforderung des Referenten — gründet in den Städten jüd. Schulen! ' Bedauerlicherweise ist die Diskussion über diesen Vortrag vorellig geschlossen worden. Hier wäre vor allem zu zeigen gewesen, wie die Lehrerfrage nur ein Stück bildet von der allgemeinen Judenfrage in Bayern, die ihre ganz besondere Eigenart aufweist insoferne, als sich gewisse Kreise so gerne der beruhigenden Auffassung hingeben: „Bei uns ist alles gut und schön." Die Folge davon ist, daß man eben alles hängen läßt und nichts erkämpfen will oder alles vom Wohlwollen anderer erwartet. Hillel hat für Bayern umsonstgesagt: Im ein ani li usw. Rasch folgte der 2. Vortrag des Herrn Adler in Ansbach: „Das Kind in Bibel und Talmud." In poetischer Sprache und mit reichem Zitatenmaterial hat der Redner den Versuch unternommen, für alle Bestrebungen der Gegenwart, in der Erziehung und Bildung des Kindes, die unser Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Kindes stempeln, in Bibel und Talmud -schon Richtlinien, Anhaltspunkte und Vorarbeiten nachzuweiscn. Manche Bibelü»d Talmudstelle hat unter diesem Gesichtspunkte überraschende und unerwartete Deutungen erfahren, die in ihrer Eigenart ost frappierend wirkten. Es ist nicht möglich, daß ein solch' umfassender, alle Fragen der modernen Pädagogik einbeziehender Vortrag in einem solchen Rahmen überhaupt wirken kann, geschweige denn .nach ermüdenden stundenlangen Verhandlungen. Es ist deshalb der rührigen und pflichteifrigen Vorstandschaft nur zu empfehlen, von Fall zu Fall die Verhandlungsdauer auf IVr—2 Tage auszudehnen, so oft ihr solche, tiese Problenic behandelnde Vorträge zur Verfügung stehen. Nur so wird es möglich sein, der Erörterung von Standesfragen u. dgl., wie sie der letzte Punkt der Tagesordnung stets vorsieht, genügend Zeit und Aufmerksamkeit zuzuweuden. Unter den Standcsfragen beansprucht einen großen Raum die Sorge um die Zu kun ft d er di e n stun f ä h i g c n L e hrer und die Versorgung der Relikten. Darin sind alle Parteien einig: Es darf nicht so weiter gehen wie bisher; es muß e tw a s ge sch e h e n. Daß auch die Lage der aktiven Lehrer dringender Abhilfe bedarf, hatte der Vortrag des 1. Referenten wieder einmal zahlenmäßig dargetan. Das Ergebnis der Besprechung kann die Forderung zusammenfassen: Schaffung eincrZentralkasse. Bedenken sind dagegen nach zwei Richtungen erhoben worden: Eine Zentralkasse kann nur im Zusammenhang mit einer Organisation geschaffen werden. Ist der jetzige Zeitpunkt in Bayern geeignet, eine. Organisation anzuregcn? Wird eine Organisation als Verwaltungsbehörde ohne Zuständigkeit in religiösen Fragen möglich sein? Wird eine Organisation notwendig auch eine Kasse bringen oder ist nicht eher zu erwarten, daß eine Kasse ohne Organisation nach dem Prinzipe der Freiwilligkeit — siehe deutscher Rabbinerverband — geschaffen werden kann? ' Solche konträre Meinungen sind geäußert worden und verdienen eine eingehende, vorsichtige Behandlung, die unmöglich mit dieser Lehrerversammlung zu Ende sein darf. Das sind eminent wichtige Fragen für die bayerische Judenheit und das Judentum im allgemeinen. Wer diese Verhandlungen aufmerksam verfolgte, der mußte unbedingt wahrnehmen: Hier stehen Fragen zur Diskussion, für die ein erweitertes Forum notwendig ist: Gemeinden und. Rabbinate. Wir wollen hoffen, daß die Männer, die als Gemeinde- und Rabbinatsvertreter anwesend waren, diese Fragen in ihrem ganzen Ernste weiter verfolgen. Gegen 3 Uhr nachmittags fand die anregende Diskussion ihr Ende. Herzlichen Dank spendete der Vorsitzende den beiden Referenten für ihre vorzüglichen Vorträge, die wert sind, einer größeren Oeffent- 3) Ganz mit Recht sagen die bekannten Bremer Lehrer, daß die Simultanschule keine Staatsschule und keine wahrhafte Konfessionsschule ist. Wer soll also von ihr befriedigt sein? lichkeit unterbreitet zu werden. Ebenso dankte Herr Go Idstein allem Teilnehmern, besonders den verehrten Gästen, für die große Ausdauer und rege Aufmerksamkeit. Damit fand der offizielle ernsw Teil der Versammlung sein Ende. Der größere Teil der Versammlungsteilnehmer traf sich nach 3 Uhr zu einem gemeinsamen Mittagsmahle im Hotel Plaut, das auch durch seine Schukbücher-Ausstellung u. dergl. noch anregende Lektüre darbot. Manche witzige und humorvolle Darbietung trug viel zur Würze des Mahles bei und die Vereinigung älter und treuer Freunde ließ viele der Berusssorgen und -Kämpfe für einige Zeit vergessen. Auf Wiedersehen beim nächsten „Camen" — oder der Versammlung 1907 in Afchaffenburg! (oder Kissingen?) Alfred Geiger. Nur mtt einem großen Zagen folgt der Unterzeichnete der Ausforderung der Redaktion, in diesen Blättern Alfred Geiger einige Worte ehrenden Gedenkens zu widmen, fühlt er doch aufs lebhafteste die Unzulänglichkeit seiner Kräfte, den Inhalt dieses reichen Lebens, das nunmehr abgeschlossen vor uns liegt, auch nur einigermaßen erschöpfend darzustellen; doch erfüllt es ihn mit Genugtuung, daß ihm die Möglichkeit gegeben ist, dem verstorbenen Freunde an dieser Stelle einen Zoll der Dankbarkeit und Verehrung abzustatten. Alfred Geiger entstammte einer altberühmten in Frankfurt seit Jahrhunderten ansässigen Familie, welche der Gemeinde viele bedeutende und verdiente Männer geschenkt hat. Sein Vater war der durch seltene Talmudgelehrsamkeit bekannte Rabbi Salömon Geiger, sein Bruder der berühmte Sprachforscher Lazarus Geiger, sein Oheim der Rabbiner Abraham Geiger, sein Vetter der Literarhistoriker Ludwig Geiger. Die reichen Gcistesgaben, welche die Familie Geiger auszeichnen, wurden auch Alfred Geiger zuteil. Eine rasche Auffassungsgabe, ein scharfsinniger Geist verbanden sich bei ihm mit einer gediegenen Allgemeinbildung, die sich sowohl auf die profane, sowie die jüdische Wissenschaft erstreckte. Der hohe Flug seines Geistes mochte ihm wohl auch bei dem kaufmännischen Geschäfte, das er zuerst betrieb, wenig Befriedigung gewähren, bald zog er sich von ihm zurück, um sich völlig der ihm mehr zusagenden Schriftstellerei zu widmen. Mit welchem Erfolge er sich hier betätigt hat, welche bedeutende Leistungen er auf dem Gebiete des Journalismus auszuweisen hat, wie namentlich die Stenographie in ihm seinen eifrigsten Förderer fand, das hier auseinanderzusetzen, ist nicht der Platz. Hier soll nur von Geigers Stellung zum Judentum gesprochen werden. Alfred Geiger war ein eifrigerundbegeisterterAnhängerdes Judentums und die Liebe und Anhänglichkeit zu seinem Glauben hat er bis zu seinem letzten Atemzuge betätigt. Das Judentum hat den Inhalt seines Lebens ausgemacht. Auch darin folgte er den Traditionen seiner Familie, aber er trat in Gegensatz zu derselben, insoferne er nicht die Reform, sondern das traditionelle Judentum als das maßgebende betrachtete. Nach Gesinnung und Betätigung war Alfred Geiger ein streng konservativer Jude im besten Sinne des Wortes, er blieb demnach von dem Liberalismus ebensoweit entfernt wie von dem extremen Flügel der Orthodoxie. Denn zum Austritt aus der Gemeinde hatte er keine Veranlassung, als durch Schaffung der traditionellen Einrichtungen in der Gemeinde gerade unter seiner Mitwirkung auch den Ansprüchen der Gesetzestrenen völlig Rechnung getragen wurde. Das Gemeindeleben stand bei ihm.überhaupt im Mittelpunkte seiner Interessen. Vor etwa fünf Jahren gründete er zusammen mit gleichgesinnten Freunden den „Z e n t r a l v e r e i n i s r a e l i t i s ch e r G ein e in de m i t g li e d e r ", indem er von dem Gedanken ausging, daß ein Mittelpunkt geschaffen werden müsse, um der konservativen Richtung innerhalb der Gemeinde die ihrer Bedeutung zukominende Stellung zu sichern. Es war. naturgemäß, daß Alfred Geiger zur Leitung dieses Vereins berufen wurde; seine Kenntnis der Geschichte und Einrichtung der Gemeinde befähigten ihn dazu in besonderem Maße; bis zu Beginn dieses Jahres hat er das Präsidium geführt, er hat den Verein zur Entfaltung und Blüte gebracht, er hat ihm Ansehen innerhalb der Gemeinde zu verschaffen gewußt. Unter seine Aegide fällt die Durchführung der Oefsentlich keit der A u s s ch u ß s i tz u n g c n, die Subventionen der R e l i g i o n s s ch u l e, die ll m g e st a l t u n g des orthodoxen Hilfsgottesdienstes. Also war Geiger kein einseitiger Parteimann, er sah nicht den Zweck des Vereins darin, einsettige Parteipolitik zu verfolgen, vielmehr war es ihm darum zu tun, die Interessen der Gesamtgemeinde nach allen Richtungen zu fördern, deshalb brachte er duldsame, friedfertige Gesinnung allen Richtungen. entgegen und' diesem hervorstechenden Grundzug seines Charakters mußten auch seine Gegner Anerkennung zollen. Als Geiger im Anfang dieses Jahres von seinem Amte zurücktrat, da ernannte ihn der Verein mit Rücksicht auf seine Verdienste zu seinem Ehrenpräsidenten, wohl die beste Ehrung, die Geiger für seine öffentliche Wirksamkeit erfuhr.