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Neue jüdische Presse · 1906-07-27 · Heft 29 (27.7.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 29 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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* Inhalt der Beilage: Artikel: Die Juden in England von Max Gillis. — Im Bjelostoker Spital. — Generalversammlung des „Jüd. Lehrer-Vereins für das Königreich Bayern." — Alfred Geiger v. Dr. W. Hanauer. — Aus den Vereinen. — Aus der zionist. Bewegung. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Reisesiizzen. — Kunst und Literatur. — „Jüdische Jugend." Die Jude« in England. Ein Rückblick auf ihre Geschichte und ihke gegenwärtige soziale, und. wirtschaftliche Stellung. Von Max Gillis. «Forts etzung). Das Verhalten Eduards I., des Nachfolgers Heinrichs III., stand ganz im Einklang mit dem Beispiel dieses perfiden Monarchen. Im Anfänge seiner Regierung versicherte er hoch und teuer, daß ihm nichts ■ mehr am Herzen läge als das Wohl seiner Untertanen, irm bald darauf an Roheit der Gesinnung alle seine Vorgänger zu übertreffen. Er erliest ein Gesetz, „de JUdaismo" benannt,/ welches die Verfügungen enthielt, daß jeder Jude seines Reiches zwei gelbe Täfelchen ans Taft zu trage», und daß er ihn: zu Ostern ein Geschenk von 3 Pfennigen, zu machen hätte. Er versuchte mich, aber — wie die Geschichtsschreiber hinzusiigen — mit sehr geringem Erfolge, die Juden dem Christentum zuzuführen, was jedoch keineswegs aus Frömmigkeit, sondern aus Habgier geschah. Nach einem alten Gesetz fiel nämlich das Eigentum jüdischer Konvertiten der Krone zu. Die empörendste Maßregel aber während seiner Regierung war der Befehl, als er. einmal Geld brauchte, alle Juden Englands in einer einzigen Nacht einznkcrkern. Ein beredtes Zeugnis dieses denkwürdigen. Ereignisses besitzen wir in einem erst vor kurzer Zeit entdeckten Ziegelstein aus einem Gewölbe in Winchester, welcher die Worte enthält: „Alle Juden dieser Nation wurden im Jahre 5047 eingekerkert/ Ich, Ascher, habe dies geschrieben." / Aus der damaligen Zeit berichtet der Versasser einer alten Schrift, „Anglo-Judacus" betitelt, daß die Könige von England die Juden als einen Schwamm benutzten, mit dem sie das Vermögen ihrer Untertanen aufsogen, um ihn dann zu eigenem Nutzen wieder auszupressen. Das, was die Juden mit so glühender Sehnsucht erstrebten, geschah endlich im Jahre 1290. In diesem Jahre veröffentlichte Eduard eine Proklamation, kraft welcher alle Juden aus seinem Lande verbannt wurden. „Wer noch bis zum letzten Augenblick ihrer Abreise von England," so sagt der schon erwähnte. Charles Egan, „finden wir denselben ünchristlichen Haß, dieselbe brutale Barbarei, dieselbe rohe Persidic gegen den Rest dieses unglücklichen, machtlosen Volkes." So veranlaßte z.!B. der Kapitän eines Schiffes die Juden, die sich auf dasselbe geslüchtethatten, vor der Abreise noch einmal an Land zu gehen, und als sie dies arglos taten, segelte er mit den geringen Habseligkeiten, die ihnen die Wut des Pöbels gelassen hatte, davon. „Das menschliche Gewissen", so ruft ein engl. Historiker an dieser Stelle aus, „wendet sich mit Ekel und Entsetzen ab bei dem Gedanken, daß solche Ungeheuerlichkeiten jemals in einem christlichen Lande begangen worden sind." Auch 'die englische Literatur, die ihre Stoffe jener Zeit entnimmt, ist voll von den ergreifenden Schicksalen der Juden. Wer kennt nicht die Worte Rebekka's in dem berühmten Scottschen Romane „Jvanhoe": „-O weile nicht, alter Pater in diesem Lande des Blutvergießens und der Grausamkeit! Denn weniger grausam sind die Schandtaten der Mauren gegenüber dem Stamme Jakobs als. die Taten der Nazarener von England!" Und an anderer Stelle ruft dieser große nordische Barde aus: „Es gab 'vielleicht außer dem schwimmenden Fisch kein lebendes Wesen auf der Erde, in den Wassern oder in Ben Lüften, das Gegenstand einer solchen unaufhörlichen, zügellosen und grausamen Verfolgung gewesen wäre!"- Speed wiederholt in seiner „Bistory ok Great Britain“ die Worte Eduards I bei seiner Krönung: „Ich will in dem Volke, das mir untertan ist, Ritterlichkeit, Recht und Gerechtigkeit üben," und fügt hinzu: „Schon die Krönung dieses Königs war von dem Blute zahlloser Juden entweiht und besteckt." Und das alles, so sagt Charles Egan, zu einer Zeit, die wir „the days of chivalry“, die Tage der Rilterlichkeit nennen. Fast 4 Jahrhunderte vergingen seit der großen Emigration, ohne daß die Juden Versuche machten, sich in England wieder niederzulassen. Die Leiden der Ahnen, unter den englischen Königen lebten unvergessen in der Erinnerung der Enkel fort. Als jedoch Cromwell und mit ihin freie, liberale Anschauungen zur Herrschaft ■ kamen, machte Manasse ben Israel, der berühmte holländische Jude, die ersten Versuche zu einer Einwanderung der Juden in England. Er korrespondierte zuerst 'mit den hervorragendsten englischen Staatsmännern der damaligen Zeit und petitionierte im Fahre 1650 an das „lange Parlament" um Wiederaufnahme der Juden in England, uachdein er demselben eine Denkschrift — „Esperanza de Israel“ betitelt — gewidmet hatte. Das Parlament nahm die Denkschrift an, und Lord Middlesex dankte Manasse ben Israel in einem Schreiben, das mit den Worten begann: „Meinem lieben Bruder, Manasse ben Israel, dcni hebräischen Philosophen . . . ." Manasse erhielt einen Paß und wurde eingeladen, seine Sache dem englischen Parlament persönlich vorzutragcn. Trotz der infamsten Jntriguen '— so verbreiteten die Gegner der Judcnzulassung das Märchpn, die Juden wollten aus der St. Pauls Cathedrale eine Synagoge machen — konnte Manasse im Jahre 1655 im englischen Parlament 7 Anträge in bezug auf seine Wünsche stellen. Es kam zu erregten Diskussionen, welche aber keine direkten Folgen hatten, obgleich Cromwell und andere volkstümliche Männer, wie die Puritaner Peters und Henry Martin, und obgleich Edivard Nicholas in seiner Schrift, „eine apologie aus die ehrbare Nation der Juden und alle Kinder Israels" Manasses Bestrebungen unterstützten. Ueberhaupt waren die englischen Schriftsteller der damaligen Zeit so weit von Judenhaß entfernt, daß einer in allem Ernst Vorschlag, Irland an die Juden zu verkaufen. Manasse ben Israel erließ noch zwei Kundgebungen an das englische Volk und reiste dann ivicder ab, nachdem ihm Cromwell, der ihn schätzen und lieben gelernt hatte, ein Fahresgehalt von 100 Lstrl., damals eine hohe Summe, ausgesetzt hatte. Doch ganz ohne Erfolg war die Anwesenheit Manasse's nicht gewesen. Wenn auch der Staatsrat sich gegen die Niederlassnng von Juden entschieden hatte, so erteilte doch Cromwell vielen von ihnen die Erlaubnis, sich in London anzusiedeln. Es waren dies spanische und portugiesische Juden aus Amsterdem. „Die Juden," sagt Baxter in seinem Church Historh, „begannen, ermutigt durch Cromwell's tolerante Politik, sich wieder in England niederzulasse» und waren geschützt vor Belästigungen und Verfolgungen." Daß ihre Zahl rasch zunahm, beweist der Umstand, daß die Legierung, als die Juden im Jahre 1689 von der Frcmdensteuer befreit wurden, eine jährliche Einbuße von Lstr. 10 000 erlitt. Sie erwarben auch um jene Zeit Land (Copyhold), obgleich sie erst im 19. Jahrhundert dazu die gesetzliche Ermächtigung erhielten. Im Jahre 1715 wurde, von dem Schriftsteller Toland befürwortet, den: Parlament ein Gesetzentwurf vorgelegt, um fremde Juden in Stand zu setzen, sich naturalisieren zu lassen, ohne, was bisher Gesetz war, das heilige Abendmahl zu nehmen. Das Gesetz ging mit bedeutender Majorität im Oberhause durch, wurde aber ivieder, da das Volk ihm äußerst feindlich gegenüberstand, aufgehoben. Ein englischer Historiker nannte diesen Vorgang „ein schmerzvolles Ereignis in der konstitutionellen Geschichte Englands." In den englisch-amerikanischen Kolonien konnten laut Parlamentsbeschluß Juden nach siebenjährigen Anwesenheit im Lande, auch ohne Empfang des Abendmahls, naturalisiert werden. Von der Zeit der Diskussion über den Naturalisations-Antrag bis zu den 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts ereignete sich in bezug auf die Lage der Juden in England wenig bemerkenswertes. Sie lebten ohne Belästigungen und Verfolgungen, ohne jedoch die vollen Rechte der Eingeborenen zu besitzen. In bezug auf diesen Umstand waren sie aber nicht schlechter gestellt, als alle andern Fremden, als welche sie noch immer behandelt wurden. Ihrer völligen Emanzipation standen die sogenannten Oath ok Abjuraticn, die Declaration und die test-act im Wege. Es waren dies drei Eide, die von allen denjenigen abzulegen waren, die eine amtliche Stellung bei Gemeindebehörden, bei Magistraten, bei Notaren usw. erlangen oder ins Parlament gewählt werden wollten. Da diese Eide die Worte enthielten ,.upon the true faith ok a Christian lauf den wahren Glauben eines Christen)", konnten sie von Inden nicht abgelegt werden. Nach Abschaffung dieser Formel aber stand ihrer völligen Emanzipation nichts mehr im Wege. Sie waren damit ihren englischen Mitbürgern vollständig gleichgestellt und besaßen vollständige individuelle und gesetzliche Freiheit. (Fortsetzung folgt.) Im Bjelostoker Spttal. (Nach der in Rußland sehr verbreiteten Zeitung „Das Leben".) B j e l o st o k, 6./19. Juni. Es gibt kaum Worte in der menschlichen Sprache, um die Schreckensszenen im hiesigen jüdischen Spital auch nur einigerniaßen anschaulich darzustellen. Der ganze Hof ist mit gräßlich verstümmelten Leichen bedeckt; alle Zimmer sind mit Verwundeten und Toten überfüllt. Hunderte von Frauen, Kindern und Männern, welche infolge von Verzweiflung und ausgestandener Todesangst wie von Tinnen gekommen zu sein schienen, drängten sich unter einem herzzerreißenden Geschrei iwTf> dem Innern des Gebäudes. Das war aber kein gewöhnliches Weinen, nein, ei» Seufzer, ein unendlicher Seufzer war es, der die ganze Lust ausfüllte und etwas Erstickendes an sich hatte .... Einer den Zweiten unterbrechend, erzählten diese Unglücklichen einander Bilder aus den Schreckenstagen, Bilder, eines schrecklicher als das andere, Bilder, deren eines schon imstande ist, menschliches Blut zum Erstarren zu bringen. Da steht ein Jude — ein Greis mit zerbrochenem Arm. Er erzählt, wie Soldaten vor seinen Augen seine Kinder erschlagen haben. Der Greis erzählt es mit einer geschäftsmäßigen, zuweilen nur nachlassenden Ruhe. „Der Jüngere," sagte er, „war ein Tauglicher, ein wirklich Tauglicher; der Aeltere,. ein Gewöhnlicher. Währenddem man sie zu Tode marterte, warfen sich einige Soldaten auf mich mit dem Rufe: „Ein Revolver, he?" Ich gab ihnen zur Antwort: „Was fragt Ihr mich? Seht Ihr denn nicht, daß bei mir kein Revolver sein kan»? Das soll ein alter Jude mit einem Revolver?" Nun begann man bei mir in den Taschen zu suchen und fand sieben Rubel, meine letzten schwerverdienten Groschen, auch die nahm man mir weg. Mich hat man nicht getötet, nur den Arm hat man mir zerbrochen." Ein ziveitcr Jude erzählt, wie Man auf der Straße seine zwei Töchter ermordet hat. Die dritte Tochter mit ihren zwei Kindern jedoch gelang ihm aus den Händen eines Soldaten für einen Rubel und achtzig Kopeken auszukaufen, lind mit einem wahnsinnigen Gelächter wiederholt?r es immer wieder: „Alle drei für einen Rubel und achtzig Kopeken gerettet!" Bald aber fügt er mit Schreck hinzu: „Und den „Zeiger" (Uhr) haben sie auch weggenommen . . ein nagelneuer „Zeigerl!" Hier steht eine Mutter neben dem kleinen Körperchen ihres zehnjährigen Töchterchens; sie steht und wackelt mit dem Kopfe, wie Gebete verrichtend; zuweilen hört man von ihren vertrockneten Lippen ein leises von unsäglichem Schmerz erfülltes Flüstern kommen: „Tochterl,, Vögele!" Und das kleine Mädchen liegt mit halbgeöffneten Aeuglein, in denen nichts mehr von Schreck zu merken ist; die Brüste sind von Bajonettstichen durchbohrt und die kleinen Beinchen buchstäblich zerhackt. Neben ihr liegt ein siebenjähriges Kind mit von einer Kugel durchlöcherten Stirne. Ein bischen weiter liegen zwei Arbeiter mit durchschnittenen Kehlen. Eine Frau, der die eine Hälfte des Gesichts, wie es scheint mit einem Säbelhiebe, gänzlich abgehauen wurde» liegt neben dem greisen Lehrer Einstein, der mit gebundenen Händen und einer tiefen Wunde zwischen den Augen ins Spital verbracht wurde. Man sieht, daß letztere

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