Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 29 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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r^ms^s^sa Seite 4. und frommer Mensch — haben die Mörder in seinem Hause angebunden und aiigczündet. Haus unb Hof und der arme Gcvrile verbrannten." Der Alte hielt iimc, als wollte er nicht alles sagen, was er wußte. Dann senkte er schweigend 'das Haupt und war nicht mehr zum Sprechen zu bringen. Budapest. Statistik. Nach der im Mai . vorgenonnnenen Volkszählung hat Budapest unter 791000 Einwohnern 18(5 000 Juden, 20000 mehr als vor fünf Jahren. Marienbild, 83. Juli. Gegen die Vjelostoker Greuel fand gestern eine zahlreich besuchte Versammlung statt, welche Wm Rabbiner Dr. Goldberger einberufcn worden war. Der Referent, Dr. Paul Weisen grün -Wien besprach in längerer eindrucksvoller Rede die Ereignisse in Rußland und die Ursachen der Jude» Verfolgungen, Er wandte sich im Verlaufe seiner Ausführungen in scharfer Weise gegen die Worte, mit denen Abgeordneter Dr. Kramar in der österreichischen Delegation die Rede des Abg. Dr. Straucher erwidert hatte. Es sprächen noch Dr. Fraenkel -Kopenhagen und Rechtsanwalt Antjvk-Astrachan im Sinne des Referenten. Czernowitz, 19. Juli. Beabsichtigte Ovationen für Dr. Straucher. Die jüdischnationalen Studenten - Verbindungen fordern durch Plakate alle Mitbürger auf, Dr. Straucher, der Dienstag von Wien zurückkehrt, große Ovationen bei seiner Ankunft in Czernowitz zu bereiten. Sein mannhaftes Auftreten im Ncichsrat, >vic in der Delegation verdient wirklich geehrt zu »verden. Kuty. Ein Kampf um das Koscher- Fleisch wütet hier. Die jüdischen Metzger bildeten einen Ring und setzten das Kilo. Fleisch auf Kr. 1,60 hinaus, während der Preis bei den christlichen Metzgern nur Kr. 1,04 ist. Der israel. Gemeinde- Vorstand erließ eine Bekanntmachung, daß man nicht mehr wie Kr. 1,84 zahlen solle, und Herr Rabbiner Gelernter erklärte das zu höherem Preise verkaufte Fleisch für rituell unerlaubt. Als diese Maßregel nichts nützte, verbot der Vorstand den Schächtern, ihres Amtes zu walten. Fetzt hat nun der jüdische Apotheker Adolf Ausländer Gemeinde-Vorstand und Rabbiner bei Oiericht denunziert, daß sic das Fleisch mit einem Bann belegt und dadurch dem Fiskus Schaden zugcfügt haben. ■ Ottakring. »Ich must einen Juden erschießcn!" Gegen den Hausbesitzer Und Anstreichcrmeister Josef C h w o i k a tvar eine exekutive Feilbietung erwirkt worden, die am 7. Mai d. I. stattfinden sollte, da die von ihm angewiesene Zahlung nicht rechtzeitig erfolgte. Als der Vollstreckungsbcamw Ignaz Nowotny in Begleitung des Schätzmeistcrs Josef' N e u m a n n, gefolgt von einer Schar Kauflustiger, in die Wohnung cintraten, schrie Chwoika: „Bei mir darf kein Jud herein!" Der Vollstrecknngsbeamtc belehrte ihn, daß er verpflichtet sei. jeden Kauflustigen eintretc» zu lassen, denn die Feilbietung sei amtlich kundgemacht, und verkündete den Beginn der Amtshandlung. In diesem Augenblick zog Chwoika einen Revolver aus der Tasche uikd feuerte einen Schuß auf die Händler ab. Die Kugel fuhr in den Boden, die Käufer flohen und ein Wachmann entriß dem Wütenden, der immer schrie: „Ich muß einen Juden erschießen!" die Waffe. Chwoika wurde wegen Mordversuches, gefährlicher Drohung und Erpressung in Untersuchung gezogen, doch stellte das Landesgericht dieselbe ein und trat den Mt dem Bezirksgerichte Josefstadt wegen Uebertretung gegen die körperliche Sicherheit ab. vor welchem am 12. ds. die Verhandlung stattfand. Chwoika sagte, es fei nicht feilte Absicht gewesen, jemanden anzuschießen, aber beim Anblicke der „Lizitationshyänen" sei er in solche Aufregung geraten, daß er, um diese abzuschrccken, einen Schuß gegen de» Boden abfcuerte. — Der als Zeuge vernommene Schätzmcister Neumann gab an, Chwoika habe schon vorher angekündigt: „Es wird ein Malheur geben. Wenn ein Jud in meine Wohnung kommt, gibt's ein Blutbad. Mindestens einer muß hin werden: zehn Fahr' wart' ich schon darauf!" Chwoika war sehr aufgeregt und 'ließ sich von niemandem, auch von seiner Frau nicht, beruhigen. — Der Richter fand den Angeklagten schuldig, nahm die besondere Gefährlichkeit seines Vorgehens sowie die Verbrechensgrcnze als erschwerend an und verurteilte ihn zu einer Woche Arrest. Boskowitz, 23.Juli. Eine furchtbare Brandkatastrvphc. bei der mehr als vierzig Personen, darunter sechsundrwanzig schwer, verlebt wurden, hat zahlreichen Familien der hiesigen politisch-autonomen Jndcngcmeinde Kummer gebracht. Gestern früh gcaen ll llbr entstand in dem Keller des Gemischtwarenhändlcrs Natban N lim nun ein Brand, -rn dessen Bewältigung sofort die deutsche freiwillige Feuerwehr, deren Mitglieder meiste is Juden sind, unter Anführung ihres Kommandanten, Branereibesitzers Moritz Z ei sei ausrückte. Der ~ Brand war schon fast gänzlich unterdrückt, als Kommandant Z e i s e l, Gemcindesekretär Alired Weiß und Tnchfabrikant Bernhard M n n k mit. einer geschlossenen Lampe in den Hinteren Kaller gingen. Kaum aber hotten sie diesen betreten, da erfolgte eine fürchterliche Explosion, die alle Personen, die im Borkeller, sowie im Raume vor diesem standen, verletzte. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Frankreich. Paris. Das hiesige jüdische u n irrst ü tz u n g s k o IN i t c e, dessen Beamte die unglücklichen r u s s i s ch e n Flüchtlinge wenig liebevoll behandeln, hat in der letzten Zeit eine eigenartige Haltung den Emigranten gegenüber angenommen. Nicht nur, daß das Komitee ihre elementarsten Bitten verweigert, sondern sie werden von den Beamten häufig polizeilich an die Luft gesetzt. Es ist so weit gekommen, daß die Emigranten eher Hungers sterbe» würde», als an die Türen des Komitees zu klopfen. Doch die Emigraiitenfrage ward in der letzten Zeit immer akuter und Hülfe mußte geschaffen werden, sollten nicht Hunderte von Menschen elend zu Grunde gehen. — Jetzt hat Baron James Rothschild cingcgriffeil. Eine unter seinem Vorsitz zusammengetretene Bereinigung beschloß, eine Anstalt zu schaffen, die den Emigranten Beschäftigung geben und gleichzeitig, sofern der Emigrant ein gelernter Arbeiter ist, ihm Beschäftigung vermitteln soll. — Montag, den 16. d. M. ist bereits die Anstalt (34 nie Manr) — eine Albumfabrik — ihrem Zweck übergeben worden. Zur Anfertigung von Albums gehört keine Sachkenntnis, da die Arbeit eine mechanisch-partielle ist und von einem Meister und gelernten Arbeiter geleitet wird. Die Anstalt wird einige hundert Arbeiter, nur Emigranten ober Arbeitslose beschäftigen. Der Emigrant bleibt so lange in der Anstalt, bis er eine dauernde Beschäftigung findet. Die Leitung der Anstalt will auch für die Ausfindigmachung von passenden Stellen für ihre temporär Angestellten sorgen. Jeder Arbeiter bekommt ein Gehalt von 2.50 täglich und ein Mittagessen verabreicht. Die Anstalt ist hygienisch eingerichtet, verfügt über 8—10 größere Räume, über ein gut eingerichtetes Eß- und Lesezimmer, in dem jüdische Zeitungen für die Arbeiter'aufgelegt werden und wird das Fahr hindurch 7—800 Emigranten längere oder kürzere Zeit beschäftige» können. Sobald die angcfertigten Waren zu convenablen Preise» veräußert locrden, solle» die Arbeiter einen größeren Tagelohn bekomme». Bis jetzt sind für die Errichtung der Anstalt sowie für Anschaffung von Material und Maschinen bereits 40 000 Fr. verausgabt worden, zu ivelcher Summe Baron James Rothschild de» größeren Teil bcigctragcn hat. M. Rußland. Petersburg. Neues vom Schwarzen Hundert. Der Redaktion des Gorkischcn Blattes „Nascha Schisn" geht ein geheimes Rundschreiben des „Verbandes des russischen Volkes zu, das ein vollständiges Verzeichnis der lokalen K o in i t c c.s des Verbandes nebst Ren uu n g ihrer Mitglieder enthält. Im Ganzen umfaßt die Organisation 39 Komitees. Das Interessanteste an dem Dokument ist aber die Perioneiizusammcnsctziing des Komitees. Das Rundschreiben stellt nämlich Iinwiderriislich fest, daß sich an der Organisation der „Schwarzen Banden" und der, Jndcnmctzcleicn Personen in osfiziclsen und hvchoisiziellcn Stellungen aktiv beteiligen, so zum Bcisviel in Moskau der Stadtverordnete Osiiobischin. in Nowvla> doschsk Oberst Sawarow, in Orscha Oberst Pustowojtaw, in Pinsk der „scmskci Natschalnik" Landrat Kasnrinow, in Perm der Gefängnisdircktor Blochin, in Warschau der Nniversitätsprofessor Zwetajcw, in Odessa der Gvmnasiallehrer Rodzewitsch und der Arckiimaiidrit (.Klostervorstehers Anatvs. in Wilna der Vize-Kurator des Wilnaer Lehrbezirkes Bieletjky. Petersburg. Am Vorabend neuer Pogroms? In dem Manifest über die Duma-Anslösung werde» die Vertreter des Volkes n. a. beschuldigt, daß sie sich „aus dem Bereiche ihrer Zuständigkeit" entfernten und „s ich mit Unters» ch - n n g e n über die Handlungen der auf n nscrc Anweisung eingesetzten Lvkalbe- Hörden beschäftigte n." Es ist 'zweifellos, daß hier auf die Untcrsnchnngsarbeiteii der Duniakommission über die Ereignisse in Bialystok angespielt wird, die der Negierung sehr unbequem waren. Es scheint, als ob der Zar selbst auf seiten der Pogromstschiky steht, und die verbrecherischen Lvkalbehördcn, die die Hauptschuld an den Pogroms tragen, durch eigene Autorität zu schützen sucht. Zweifellos aber ist cs, daß die Regierung die Pvgrvmtätigkeit der schwarzen Bande nicht mißbilligt, sondern ini Gegenteil sic fördert und unterstützt. Ohne die Beihilfe der Regierung wäre cs ihr nicht möglich, eine solche Tätigkeit zu entfalten, über deren Umfang man sich eine Vorstellung machen kann, wenn man betrachtet, daß die „Reiseagitatoren" des „Verbandes russischer Leute" während nur eines der letzten Monate mehr als 2000000 (2 MMoneii!) Broschüren und ebensoviel Flugblätter verteilt haben. Aber außer dieser Literatur, die von einer Zentralstelle aus verbreitet wird, entfalten auch noch eine ganze Reihe LokalorganisaUonen eine nicht unerhebliche literarische Tätigkeit. Es gibt außerdem auch eine Anzahl Tageszeitungen, die direkt verbrecherische Artikel gegen die Dnina und die Juden abdrucken. Diese Tätigkeit wird nicht nur geduldet seitens der Zentral- und Lokalbehörden, sondern direkt unterstützt. Zur Charakteristik kann das nachfolgende Schreiben des Gonmerneurs von Minsk dienen, das Nr. 29. besagt: „I »folge des Ersuchens der Pi n skaer Abteilung des Verbandes der russischen Leute vom 25. Mai 1906, R. 176, schreibe ich den Bezirks-Polizei-Aufs e h e r n, d e n S t a n o tu o i $ r i ft a it §, b c n 2B olostjverwaltungen und den K l e i n bürge r b e h ö r d e n vor, der Verbreitung der I d e e n d e s V e r b a n d e s d u r ch d i c M i t g l i eocr und Vorsitzende des Verbandes unter der ländlichen Bevölkerung keine Schwierigkeiten zu bereiten." Wie noch erinnerlich ist, hat der Fürst Urnssow in der Duma auch Enthüllungen gemacht, die das nahe Verhältnis der Negierung zu den Pogromstschikys bewiesen haben. Danach ist es nicht verwunderlich, wenn das Zarenmanifest mit den Unternehmungen der Duma unzufrieden ist. Man möchte nicht gern sehen, wie die eigenen Verbrechen aufgedeckt werden. Andererseits läßt diese Stelle des Manifestes in Verbindung mit den mitgeitcilten Tatsachen befürchten, daß die ganze Organisation der schwarzen Bande jetzt von der Regierung zu ihren Zwecken gegen die fortschrittliche Bevölkerung mobilisiert wird. Man kann sich leicht eine Vorstellung davon machen, was unter solchen Umständen in den nächsten Tagen oder Wochen in Rußland sich abspielen kann. „Rufs. Korresp." Petersburg, 24. Juli. Nachdem die meisten Zeitungen unterdrückt sind, empfiehlt heute die „N ow o j e W r e in j a", das Organ des M i n i st erst r ä s i d e n t e n S t o l y p i n, in unerhört provokatorischer Weise die Austreibung aller Juden ans Rußland. Der Artikel darf als ein Zeichen gelten, welche Tendenzen zur Zeit hier die Oberhand habe». Die Ausführungen werden sehr ernst genommen und verdienen es. Warschau. Neue Zeitung. Der Verlag „Jcschurun" läßt in den nächsten Tagen die erste Nummer einer neuen hebräischen Zeitung „Hajaum" erscheinen. Berüitschew. Hier wurde des Nachts die ge- -samtc Familie Goslcr auf schrecklichste Weise ermordet. Nur ein Sohn, der in einer besonderen Kammer schlief, entging den Mördern, wurde aber wahnsinnig. Kowel (Wohl. Gouv.) Ein Pogrom - Berg u ü gen leisteten sich am 8. Juli eine Anzahl Soldaten, indem sie die Fenster von acht jüdischen Häusern cinschlugen, in einigen die Möbel zertrüminertcn und zwei jüdische Frauen verwundeten. Zu einem richtige» Pogrom kam cs deshalb nicht, weil die Polizei eingrisf. Niederlande. Amsterdam. Statistik. Im Jahre 1903 wurden hier neben 3l8 rein jüdischen Ehen 64 jüdischchristliche Ehen und im Jahre 1904 neben 356 rein jüdischen Ehen 43 jüdisch-christliche Ehe» geschlossen. Schweiz. Zürich. Emigranten. In dem,J!r. Wochenblatt" lesen wir: Mittwoch Mittag fuhren auf der Reise nach Argentinien wieder 160 russische Familien ea. 400 Seelen hier durch lfltb wurden am Bahnhof beköstigt. Infolge des kurzen Aufenthaltes war es nur möglich, die Durchreisenden mit dem Nötigsten zu versorgen und hat dieses Werk echter Nächstenliebe Frau Anna Guggenheim ganz allein und in bester Weise erledigt. Die Auswanderer stamnicn aus der Gegend von -Odessa und Kischinew und sind zum größten Teile gelernte Handwerker. Sie werden von der Jea in Argentinien Land zugewicsen bekommen. Amerika. New-Nork. DaS neue Hospital für l n 11 g e n k r a n k e K i n d e r, welches die Gesellschaft zur Verbesserung der Lage der Armen errichtet, erhielt von mehreren angesehenen Newyorker Inden bedeutende Beiträge. Es zeichneten Jacob- H. Schiff Doll. 5000, Mortimer L. Schiff Doll. 5000, Felix M. Marburg Doll. 3000, Henry Goldmann Doll. 2000 und Murray Guggenheim Doll. 1000. Eine Monatsschrift „Der Kurländ e r", gewidmet den Interessen der hier wohnenden Inden aus den baltischen Provinzen, hat ihr Erscheinen begonnen; sie will besonders die Nachrichten ans den Städten des baltischen Rußlands pflegen. Die ehemalige „I e w i s h Times and O b s e r v e r" i n San Francisco, die während 51 Jahren ununterbrochen erschien sind durch das Erdbeben äin 18. April d. Is. zur Einstellung ihres Erscheinens gezwungen war, erscheint in unveränderter Ausstattung unter dem neuen Titel „The Jewish Times" wieder. Das Sanatorium f ü r j ü d i s ch e K i n - der wird mit der'Vollendung seines neuen Flügels 4 50 Betten haben. Montreal. Verschärfte Sonntagsruhe. Das kanadische Parlament hat ein Gesetz bezüglich der Sonntagsruhe angenommen, durch das die jüdische Bevölkerung äußerst schwer betroffen wird. Das Offenhalten der Läden war auch bisher schon verboten. Es war jedoch gestattet, in den Bureaux und Werkstätten hinter verschlossenen Türen zu arbeiten. Dies ist nach dem neuen Gesetz nicht mehr zulässig. Es sprach wohl eine jüdische Deputation bei dem Premierminister, Sir Wilfried L a u r i e r, und dem..Justiz-