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Neue jüdische Presse · 1906-07-27 · Heft 29 (27.7.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 29 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Kr. 29. minister vor Md bat um die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Beratung eines Ainendeinents, wonach es denjenigen, die ^en Sabbat heiligen, erlaubt sei, wie bisher hinter verschlossenen Türen Und so, daß nieinand in seiner Sonntagsruhe dadurch gestört wird, ihrer Arbeit obznliegen. Sir Wilfried Laurier erkannte die Berechtigung dieses Wunsches an, und es tvnrde zur Prüfung der Sache eine Kommission eingesetzt, die nach eingehender Untersuchung die Annahme des Amendements beschloß. Das Plenum des Parlaments hat jedoch diesem Beschluß seine Bestätigungversagt und die Vorlage unverändert angenommen. Besonders hart werden die Konfektionsgeschäfte, in denen 7000 jüdische Personen — die Mehrzahl in der Hauptstadt — beschäftigt sind, unter dem neuen Gesetz zu leiden haben. Palästina. Jerusalem, 13. Juli. Am Borabend des 20. Tamus, dem I a h r z e i t s t a g e Theodor Herzl's, hielt die hiesige zionistische Ortsgruppe eine Gedächtnisfeier ab. Es sprachen D r. G r ü n - h n t (deutsch) und C h. M. M i ch l i n (hebräisch), die großen Verdienste unseres Dr. Herzl würdigend, die Zuhörer zur Eintracht und festerem Zusammenhalte» ermahnend und der letzten Opfer von Bjetostok gedenkend. Zur gleichen Zeit und aus gleichem Anlasse fand eine Feier in der hiesigen Zcntralbibliothek statt. Die Schlußfeier beging der Bezalel Freitags vormittags in Moria an der deukivürdigen Palme, die D r. Herzl eigenhändig pflanzte. — Die A n g l o Palästina-Bank eröffnet eine neue Filiale in Beirnth. Zum Direktor derselben ist Aktionskomitee-Mitglied D r. Jakob« s o h n ernannt worden, der sich bereits an seinen Bestimmungsort begeben hat. Auf seiner Dahinreise berührte er auch die heilige Stadt. Die Schüler des Bezalel haben es übernom« men, die Cherba-Shnagoge, die allergrößte von ganz Jerusalem, zu malen. Ein Belvcis, daß der Bezalel der heiligen Stadt durchaus sympathisch ist. Haamitti. 0 feiuttefon. 0 Abgerissen. Skizze von I. Di D e r k o w i t s ch. Aus denr Hebräischen. (Schluß). Es lag so etwas angenehm Weiches in der Stimme des Reb Simche. Er ging mit dem Doktor wie mit einenr Kiirde um, mit welchem gute Leute Mitleid haben und ivelches man vor den Anderen beschützt. . . . Und der Doktor fühlte sich wirklich!vie ein Kind. Als nun Reb Simche fortgegangen war, und er allein im Kreise der Juden znrückblieb, faßte er zuweilen die Hälfte des zerrissenen Rockes an und schaute alle mit verirrten Blicken an. Es kam ihm vor, daß die Waild, welche ihn Von den Anderen schied, jetzt niedergefallen sei; und all diese Gesichter, die mit laugen Bärten bewachsen waren, wurden ihm mit einem Male so nahe und lieb) wie einst. . . . Er ging ans die Straße hinaus -und setzte sich ans die Bank vor dem Hause. Draußen war die Stille eines heiße» Sommertagcs ausgebreitet, nur dann und wann zeigten sich bäurische Wagen auf dem Wege voll dem Markte. Im Hofe summte leise eiir Flüßchen dahin, in welchem die heißen lmd durstigen Sonnenstrahlen badeten; und es funkelte das Flüßchen so lieblich und sanft! . . . Ein schlanker, barfüßiger Bursche stand anr Brunnen mit Spänen. In einer Hand hielt er die Wassertragc, in der anderen eine große Gurke, an welcher er fortwährend zehrte; aufmerksam folgte er den weinenden und ächzenden Stimmen, die ans einem der Häuser hervorbrachen. Das Weinen wurde immer stärker und ging in ein fürchterliches Heulen verzweifelter und niedergeschlagener Leute, unglücklicher Witwen und kleinen Waisen, über. Dem Doktor Winik schien es jetzt, daß er hier bereits eine lange Zeit verweile und daß alles, was ini Hause vorkommt, so tinendlich lange andauere. „Aber Moische-Aron steht noch immer an der Wand und hält das Gesicht in den Händen verborgen," erinnerte sich plötzlich der Doktor. Es . ist ein sonderbarer Mensch, dieser Moische- Aron! Immer schweigt er! Immer ist'er in einer stillen und schweigsamen Trauer versunken. Es scheint, er halte einen langen, großen Gedanken in der Seele verborgen, den er keinem verraten möchte. Woran mag er jetzt, aii die Wand gestützt, denken? . . . „Sch . . . sch . — Papa . .sch. . . Papa!" Der Sarg, der mit einem schwarzen Tuche bedeckt war, stand bereits vor der Tür, tmd der ältere Knabe, der Waise, betrachtete ihn von der Schwelle des Hauses aus und schluchzte mit aufgerissenem Achnde. Bald umgaben ihn die Knaben und betrachteten ihn mit Neugierde. Frankfurter Israelitischer FamUienblaÜ Leite 5. „Komm' zu mir," rief ihm der Doktor zu, „komin' doch. Junge. — Wie heißt er?" fragte der Doktor die anderen Kilaben. „Abramtschik." - „Komm' nur,her, Abramtschik!" Der Doktor stand auf und ging auf den Knaben zu. Mitleid und Reue erfaßte ihn in diesem Augenblicke. „Awremele! Ich bin doch Dein Onkel! Hab' keine Augst' . . . Awremele!" ... Aber der Knabe erwies den Liebkosungeir des Onkels kein Entgegenkommen und lief eiligst davon, als ihm der Doktor die Wange liebevoll streicheln wollte. Der Doktor ging ihm aufgeregt nach und wischte mit dem Taschvntuche die Hand ab, die bei der Berührung des Knaben befleckt wurde. . . . Als der Knabe sich hinter dem «tatle versteckte, kehrte der Doktor in's Haus zurück. Er brach sich einen Weg durch die dicke Mauer der Juden, die sich versammelten, um den nackten Körper anzusehe», der deir „Lcidtrqgern" zur Verfügung überliefert wurde. Jeder bemühte sich »nn so gut als möglich, den Körper auszurecken und, den Atem anhaltend, der rücksichtslosen Behandlung der Leiche genau znzusehen. „Warilin gibt man denn nicht Wasser her?" schrie frech ein Mitglied der Chewro-Kadischo. — „Wohin haben sie sich verkrochen? Gibt es denn in der Stadt kein Wasser?" Der Doktor näherte sich dem Brette, ans dem sich die Leiche befand. Seine Gesichtszüge bekamen einen schärferen Ausdruck; die linke Hand hing von der Seite kraftlos herab und das schmächtige Bärtchen war nach oben, was dem Gesichte den Ausdruck der Schwäche und Müdigkeit verlieh. Es schien, er sei gar nicht tot; nur hätten die Lider sich vor Schmerz geschlossen, um nicht zu sehen, tute man seinen Körper unbarmherzig hin und her wackelte. Und als ob er schweigend seinen Hals zum Enget des Todes hinausstrccke: „Ich bin müde . . . schlachte." „Warum weine ich nicht?" — machte sich der Doktor einen Vorwurf. — „Es ist doch Schlvimke . . Schloimke." ... Er wollte bitter weinen, aber etwas Dunkles ergriff sein Herz und erfüllte es bald Volt tind ganz. Einen Augenblick fühlte er, als ob ein stürmischer, heißer Funke ans der Tiefe seiner Seele sich herausreißen möchte: und als ob er bald; bald zu weinen beginnen müßte; doch plötzlich verlor sich der Funke und verbarg sich in der Finsternis, die seine Seele völlig umfing. . . . „Schloimke . . . Schloimke . . ." Er sieht aber vor sich nur etwas Langes, Kaltes llnd Fremdes . . . Hier ist der Kopf . . .der schmale Hals . . . die Brust . . . der Leib . . . die Füße. . . die langen, schwarzen, abscheulichen Nägel .... Wieviel solcher Körper hat er doch in den Händen gehalten, dort, in der Klinik. In seinen Ohren brummte das Weinen der Weiber, die man in's andere Zimmer hinansführte. Es lvar ein verzweifeltes überdrüssiges Heulen verschiedener Stimmen, ans welchen die müde Stimme der Tante Malle sich besonders merkbar machte, welche sich mit dem Schicksal nicht versöhnen wollte und gegen Gott Anklage erhob: „Awremcl! Awremcl! O, mein gerechter Bruder! Mein heiliger Bruder! Ach, Du reine klare Seele! . . . Geh' Deinen: gerechten Sohne entgegen, Deinem jüngeren Sohne, Deinem Schloimke. Geht beide zum Allmächtigen und sagt Ihm: „Herrscher der Welt! Warum strafst Du uns so hart? Ach, mit wem sind wir denn auf dieser Welt geblieben? Wer ist uns aus unserer Familie leben geblieben? Ach ‘— der Eine ist alt und krank und lvilt in die ferne Welt auswandern, um ein Stück Brot zu verdienen, und der Andere ging von uns, er ist nichK mehr der Unsrige. . . Oh, oh! Schloimke, Du Gerechter mein! Du warst im Leben immer so barmherzig. so gut . . . Verzeihe nur Deinem Bruder Leibele, vielleicht ging er nicht brüderlich mit Dir um, er ist daran aber.nicht schuldig. Vergib auch Deiner alten Tante Malke, vielleicht hat auch sie Dich mal mit einem Worte beleidigt. Du weißt ja, daß ich Dir immer nur Gutes wünschte. O, mein Unglück, niein Unglück!" ' Der Doktor stand und hörte dem Wchklageit der Tante zu und wlinderte sich sehr: erst jetzt bemerkte er, daß ihre Stimme derjenigen seines Vaters ähnlich ist. Sie wendet sich denr Bruder zrr mit einer Miene, die ihn wiederum an seinen Vater erinnerte. Sonderbar .... „Abraham Winik? Wer ist es, Abraham Winik?" — blitzte es in seinem Gehirn ans. Er blickte nach allen Seiten: „Wer fragt das?" Er ging an die Kommode, wo Moische-Aron stand, das Gesicht der Wand zugewendet. Dieser hob sei» Haupt auf — eine schwere runde Träne floß über seine Nase und fiel auf den Bart herrrnter. Doktor Winik beirrerkte jetzt das Grau im Barte des Bruders. Auch er bedeckte das Gesicht mit den Händen. Und so standen beide einige Sekunden nebeneinander. Es entstand eine innere Vermittlung zwischen ihnen. ' Doktor Winik fühlte, daß sein Bruder leise weinte. Moische-Aron, der schweigsame, den die ganze Zeit hindurch immer nur ein Gedanke beschäftigte — auch er weiut jetzt. . . . Ein warmes Gefühl durchdrang das Herz des Doktors: er kam dem Bruder näher . . „Leibele," murmelte leise Moische-Aron. Der Doktor erhob den Kopf und fühlte, daß die Dunkelheit, die ihn umschlungen hielt, allmählich zu verschwinden beginnt und er fühlte, wie Tausende von warmen Tropfen aus seiner Seele emporstiegen und sich zu ihrem Ausgang reißen. „Leibele . . . jetzt sind wir so geblieben . . . . unser Bruder . . . Schloimke . ." Doktor Winik hat sich nun nicht mehr zurückhaltcn können. Heiße Tränen prangen zur Kehle. Er lief schnell aus dem Hanse und ging in den Stall; dort, am Wagen gestützt, weinte er bitter. Er weinte wie ein Kind, und horchte selbst ans sein eigenes Weinen. Das war die Beichte eines niedergeschlagenen Mensche», der zufällig in den Kreis der Glücklichen geraten ist und sich lange bezwingen mußte, um alles, was ihm lieb und teuer war, zu vergessen und diese Welt um eine andere, ihm ganz fremde, einzutaujchen. Jetzt kehrte er zu seinen armen Brüdern zurück. Er sieht ihre Armut und muß zu seiner Schande gestehe», daß er vom Kampffeld fortgelanfen ist: daß seine Hände, sich ohnmächtig niederließen; daß er knmpfesmüde sei. . . . 'Als man den Sarg an dein Hans Bergers vorbeiführte, bemerkte Winik den Alten mit seiner Tochter auf dem Balkon. Sie blickten ihn traurig an, als ob sie ihn bemitleiden wollten . . . Der Doktor senkte den Kopf und wurde alsbald von den: Gedanken ergriffen, daß er ewig so hin und her wird wanken müssen, ohne den rechten Weg zu finden. Und er empfand jetzt die ganze Tragödie seines Lebens. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) S ch c i k e Hetzer, 21 Jahre alt ans Wolozin (Gouv. Wilna) ist am 2ti. Januar 1906 von Eydtknhnen abgefahren, um sich über Hamburg zit seinem Vater nach Amerika zu begeben. Er ist aber in Newhork nicht angekommen. Wir bitten jeden, der von diesem jungen Manne etwas weiß, um freundliche 'Nachricht, damit wir diese an die Eltern weiter geben können. Zentralbureau für jüdische AiiSwanderungsangelegenheiten, Berlin, Lützowstraßc 8. Bunte Chronik. Die heutige Welt. Dame A. (zur Großstädterin): Nun, legt Ihr Mann noch fleißig Tefillin? Dame B. (kennt diesen Gebrauch nicht und will sich doch keine Blöße geben): O ja! Dame A. (scherzhaft): Sonnaberds oder Wochentags? Dame B.: O. Wochentags hat er keine Zeit, da lege ich; aber Sonnabends legt er beständig. Kunst und Literatnr. M. L o e b: „Siegfrieds R h e i n f a h r t." Neue Glossen ans denr Geschäftsleben. Mit Illustrationen von Fritz Bergeir. 96 S. Oktav. In farbigem Umschlag JL 1, fein geb. JL 1,80. Stuttgart, Franckh'sche Verlagshandluug. Nachdenr der Verfasser mit seinem im vorigen Jahre im gleichen Verlag erschienenen Bändchen „Seine Majestät der Reisende" eiircn ungewöhnlich großen Erfolg erzielt hat, beschenkt er nunmehr die zahlreichen Freunde eines gesunden Humors mit „Siegfrieds Rheinsahrt", worin verblüffend naturgetreue Schilderungen des kaufmännischen Lebens und Treibens, treffende Satire, urwüchsiger, frischer Hnmor und drainatisch lebhaft bewegte Handlung sich ebenbürtig die Hand reichen. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 28. Juli (= 6. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 40 Min., Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 10 Mn.. Berlin 3 Uhr — Min. Am Sabbat vor dem 9.AW wird stets dieSidra Hadworim gelesen. Damit beginnt das 5. und letzte Buch Mosis. Es enthält vielfach Wiederholungen aus den vorhergehenden Büchern, daher auch .Mischne- Thauro" (Wiederholungsbuch) genannt. Indes brmat es dennoch mehr als 70 neue Gesetzestitel. Inhalt von Haärrorim: Moses' Rückblick auf die Wüstenwanderung, die Sünde der Kundschafter, des gold'nen Kalbes, die Haderwasser; das Zusammentreffen mit stammverwandten Völkern (Edom, Moab, Ammon), der Krieg mit den Emoritern (König Sichon), d ett

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