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Neue jüdische Presse · 1906-07-27 · Heft 29 (27.7.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 29 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Duma auf die Anleihe zuriickzuführen. Daß dem so ist, beweisen die furchtbaren Repressalien nach jeder abgerungenen Versprechung einer Reform; so müssen die Pogrome als Racheakt des Hofes für einen moralischen oder politischen Sieg der Liberalen angesehen werden, als Abrechnung mit den Männern der Freiheit schlug mau den hilflosen Teil unter ihnen, die Juden. Der 'Hof war von Anfang an darauf bedacht, die Duma auseinanderzujagcn, daher die Veröffentlichung der provozierenden Grundgesetze vor der Erössnnng der Duma, daher die Einführung eines Ministeriums Gorcmhki», i» dem sich die erprobtesten Männer der Knute vereinigte», daher die Verweigerung der Entgegennahme der Adresse seitens der Duma und die kategorische Ablehnung der Forderung der Amnestie. Die Wünsche der nach dem Ausspruch des Zaren „besten Männer des Volkes" wollte der Hof überhaupt nicht in Betracht ziehen, er glaubte nach echt russischer Art, sie mit einem guten Worte bestechen zu können, sobald er über erfuhr, daß er es -A wohl zum ersten Male — mit unbestechlichen, wahren Volkssreunden zu tun habe, fing er an, die Duma mit Verleumdungen zu bewerfen. Man ließ sich unflätige Adressen der echten russischen Männer, der Hooligans, gegen die „besten Männer des Volkes" kommen und veröffentlichte dieselben im Rcgierungsboten, man ließ Millionen schmutziger Pamphlete gegen die Duma im Lande verteilen, um die Duma zu einem unbesonnenen Akte zu verleiten, und so einen notdürftigen Vorwand zu ihrer Auflösung zu habe». Allein die Duma ließ sich all diese Provokationen gefallen und setzte ihre Arbeit fort. Sic suchte ihrerseits dem Zaren die Augen zu öffnen, damit er die Verbrechen seiner bestechlichen Diener und deren Mißbrauch mit seinem Name» sehe und ihnen sein Vertrauen entziehe. — Doch gerade dieses Vorhaben setzte de» gerechte» Zar in Wut. Gehören doch all' diese Untaten in den Nahmen seines antokra tischen Regimes! Die Duma, sagt der Zar in dem Auflösnngsdckrct, beschäftigte sich mit der Untersuch u n g über die H a » d - langen der auf unsere Anweisung eingesetzten Behörden. Daß der Zar, der an seiner 'autokratischen Herrlichkeit festhielt und nur ein paar G n a d e n brocken seinen Untergebenen zu schenken geruht hatte, eine solche Duma nicht länger dulden konnte, ist klar. Die Auflösung der Duma war also längst leis geworden, nur fehlte noch ein äußerer Eutschuldigungsgrund zu diesem Akte, und dieser wurde erreicht durch eine neue Provokation, indem das Ministerium in Massen eine Erklärung versandte, worin gesagt wurde, daß die Duma keine Rechte und keine Macht besitze u. dgl. mehr. Die Duma durchschaute diesmal die Provokation nicht und beschloß, eine Abwehrerklärung au das Volk zu erlassen; sie verwandelte freilich schließlich diese Erklärung tu eine harmlose Resolution, aber das nützte nichts mehr: das Ministerium kannte schon längst den Beschluß des gerechten „Väterchen", die Duma »ach Hause zu schicken und crivartete nur noch den günstigen Moment. Die Duma ist nun aufgelöst; doch sie hat nicht vergebens getagt! In ihrem zehnwöchentlichen Bestände hat sie viel für die Aufklärung des Landes getan. Schon die Ausdeckung der Verbrechen der Regierung und des Hofes wird großen Nutzen bringen, diejenigen, die den naiven Glauben an die Gerechtigkeit des Zaren hatten, sind kuriert. Auch für uns Juden war die Duma im gewissen Sinne nützlich. Die flammenden Reden ob der grauenhaften Lage der Juden. Rußlands sind nicht vergebens gehalten worden, vielleicht haben sie die Pogrome ans dem reaktionären System des Hofes für eine Weile, oder sogar für immer, wen» kein Bürgerkrieg kommt, ansgeschaltet. Doch was nun? — Wie es scheint, sucht die Regierung Repressalien zu vermeiden. Schon die Ausschaltung Goremykius und Staschinskis aus dem Kabinet beweist, daß der Zar die Gemüter zu besänftigen sucht. Mau wird versuchen, gewisse Konzessionen gu machen; allein das Land wird nicht eher zur Ruhe kommen, bis eine ganze Arbeit im' wirklich demokratischen Sinne geleistet tvird; mit Versprechungen wird der Zar jetzt niemanden mehr abspeisen können, denn der Rest des Vertrauens an seine Weisheit.und Gerechtigkeit ist dahin. Was die Juden anbelangt, so glauben wir vorläufig nicht die alarmierenden Nachrichten von Pogromen. Aber jedenfalls muß man Vorbereitungen für die zu erwartende Massenauswanderung treffen. Aus a\Xex Wett. Deutsches Reich. Berlin. Statistik. Nach dem jüngsten Hefte der „Zeitschr. für Demogr. u. Stastit. d. Juden" wurden im Deutschen Reiche 1904 neben 4001 rein jüdischen Ehen 748 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. Die Mischehen sind im fortwährenden Anwachsen (1901: 658, 1902 : 626, 1903 : 668, 1904 : 748) begriffen, ein trauriges Zeichen der Zeit. Stratzburg. Eine bemerkenswerte Entscheidung fällte das Obcrlandesgericht in Colmar. Es war in einen, Prozesse das persönliche Erscheinen der Parteien in der Sitzung, die an einem Samstage stattfand, angeordnet worden. Der Kläger — ein Jude — gewann den Prozeß und beantragte dann die Festsetzung seiner Kosten und Auslagen, die ihm der Gegner zu erstatten hatte. Mit der Begründung, daß die Religion ihm verbiete, am Samstag zu reisen, berechnete er die Auslagen für den Freitag und Sonntag. Das Landgericht bewilligte aber nur die Reisekosten und die Auslagen für den Samstag, weshalb er gegen die Streichung der übrigen Auslagen Beschwerde bei dem Oberlandesgericht erhob. Dieses ordnete an, daß die Auslagen für den Freitag und den Sonntag zu erstatten sind, weil dem Kläger als Juden das Reisen am Samstag durch religiöse Vorschrift verboten ist und ihm die Verletzung einer solchen Vorschrift jedenfalls dann nicht zügemutet werden kann, wenn er ohne dieselbe der richterlichen Anordnung Nachkommen kann. Posen, 20. Juli, ff.) Taten, insviriert von, f i n st e r st e n Aberglauben, bildeten den Gegenstand der Verhandlung vor der Strafkammer in Schrimm. Angeklagt war der Landwirt Franz Ogrodowski aus Roheim, dem die Anklage zur Last legt, zahlreiche Leichenschändungen verübt und F'iedhofsanlagen und Gegenstände, die zur religiösen Verehrung bestimmt sind, in zahlreichen Fällen vorsätzlich beschädigt, bezw. zerstört zu haben. Die erste Leichenschändung wurde im März 1905 in Moichin verübt. In der Nacht vom 28. Februar zum 1. .März 1905 wurde auf dem jüdischen Friedhof in Moschin das Grab des etwa drei Wochen vorher beerdigten Tischlermeisters und Handelsmannes Markus Rosenberg gewaltsam geöffnet und aus dem gleichfalls geöffnetem Sarge von der Leiche der Kopf abgetrennt und entwendet. Man stand vor einem Rätsel. Feinde hatte der 82 Fahre alt gewordene Verstorbene nicht gehabt, im Gegenteil, er hatte sich allgemeiner Beliebtheit erfreut. Der Verdacht lenkte sich auf den Angeklagten, dem dann noch andere Leichenschändungen zur Last gelegt wurden. O. sollte aus dlberglaube» eine Anzahl von Kövfen um mitternächtlicher Zeit gewaltsam geöffneten Gräbern geraubt und in seinem Pferdestalle verscharrt haben, um Glück in der Viehhaltung zu haben. Er äußerte auch öfters, Küchen, der von einem Juden stammt, wäre für das Vieh gut zu verwenden und dergleichen Redensarten. Die Beweisaufnahme fiel zu Unaunsten des Angeklagten aus. Der Kreisarzt begutachtete, daß weder ein Jntellioenzdefekt. noch eine Rewu«tseinüörune> bei dem Angeklagten vorliege. Der Staatsanwalt beantragte für jeden der 4 Fälle das Höchstmaß von 2 Jahren Gefängnis und eine Gesamtstrafe von 7 Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust. Der Gerichtshof erkannte demgemäß. Posen, 24. Juli. Eine Ueberstcht der Einnahmen und Ausgaben der Jsr. Krankenvervflegunas- und Beerdig n ngs-Gekell schaff kür das abaelaufene Rechnungsjahr ergibt folgendes^ Svendcn 2099 AL Bestand aus dem Bör>ahre 725.42 Ak; Beihilfe der Svnaaoaen-Gemcinde 900 Ak; laufende Beiträge der Geselsschastsmitalieder 5066.50 Ak: aus Sammelbüchsen 1731.30 AL-, Beihilfe zu den Ausgaben an Kosten für Kranke und Sieche in der Latzscken Anstalt und Unterstützung für Hautkranke 4858.60 Ak; 'Rückerstattung für Krankenwartnng 3187.25 Ak: Mietsertrag für Synagogensitzvlätze 16 Ak; für Leichenkleider 1109.15 Ak; Särge 1051.15 Al.: Zinsen und regelmäßige Eingänge von Stiftungen 5058.55 Ak; im ganzen 25 802.92 Ak und 107 700 Ak an Wertpapieren. Die Ausgaben betrugen 24 835.31 AL fodaß am Schlüsse des Rechnungsjahres ein Barbestand von 967.61 Ak verblieb. Oesterreich-Ungar«. Wien. Die Biographie des Kardinals Friedrich von Schwarzenberg, die von P. Cölestin Wolfsgruber vor kurzem herausgegeben wurde, enthält eine interessante Reminiszenz aus der Zeit seines Aufenthaltes in Salzburg. Ms die ihm unterstehende „Konst. Salzburger Zeitung" einen gehässigen Aufsatz gegen die Juden brachte, schrieb er ihr: „Lafsen Sie die Juden in Ruh' — denn Judenhetzen sind gewöhnlich die Vorläufer oder Begleiter sozialer Revolution." > Wien. Ueber die eben beendete Retchsratssaison schreibt die „Nationalztg.", daß dieselbe wieder einmal deutlich gezeigt habe, wie viel resp. wie wenig die österreichische Bevölkerung im allgemeinen und die Juden Oesterreichs im besonderen von den verschiedenen Reichsratsparteie» zu erwarten haben. Das „hohe Haus" ist auf Ferien gegangen. Das Ergebnis seiner „Tätigkeit" ist aber Null! Ein total unbrauchbaresGewerbege setz, welches eineweitereEtappeaufdemWege zum Ruine des Gewerbestandes und speziell der jüdischen Geschäftsleute bildet und in politischer Hinsicht die Wahlreform, die keineswegs den Wünschen und Bedürfnissen der Bevölkerung und des Reiches entspricht, sondern den einzigen Zweck hat, den verschiedenen mandatshungrigen parlamentarischen Cliquen eine bestimmte Anzahl von Mandaten zu sichern. Dabei eine Vergewaltigung der kleineren Volks st ämme, in allererster Linie der Juden! DieFlitterwochen der magyarischen Koalition scheinen, so schreibt die „Nationalztg.", vorüber zu sein. Auf den Freudenrausch folgt die Ernüchterung, zu der besonders die ungarischen Juden allen Anlaß haben. Wie bei sämtlichen chauvinistischen Strömungen in Zis- und Transleithanien erntet auch bei den Magyaren die klerikal-antisemitische Reaktion, was der extreme Nationalismus gesäet. 'Im Ministerium der magyarischen Koalition herrscht der Geist Apponyi-Zichjy, welcher besonders im Schulwesen Und bei Besetzung von Aemtern als reaktionärer, judenseindlicher sich offenbart. Es ist kein Zufall, daß gerade jüdische Abgeordnete, wie Dr. V a z s o n y (Demokrat), Dr. B r o d y (Demokrat) Und M e z ö f y (nationaler Sozialist! in Opposition gegen das Koalit'onsmimsterimn sich befinden, trotzdem sie vor kurzem noch auf seiten der Koalition standen. Deute aber erschallt bei ihren Reden nur Beifall auf den Bänken der — nicht magyarischen Nationalitäten- Abgeordneten. welche, wie aus ihrer Adresse an die Krone ersichtlich, heute in Ungarn allein die Prinzipien der Freibeit der nationalen, konfessionellen und sozialen Gleichberechtigung vertreten. Budapest- Russische Auswanderer. Auf der Station nächst der Elisabethbrücke herrschte gestern Nachmittaa reges Leben. Der „Szechenyi" hatte mit 118 russischen Flüchtlingen an Bord angelegt, und von allen Seiten waren Mildherzige ober Neugierige kerbeiaeströmk, um die heimatlosen Juden zu unterstützen oder anzugaffen. Es war ein seltsam ergreifender Anblick, der >ich dem Besucher des Verdecks darbot. Auf schmieriaen Körben, zerschlissenen Reisetaschen und alten Koffern saßen die Flüchtlinge, alte aebrochene Mä"ner mit mausgrauen Bärten, junge trauen mit Säuglingen an der Brust, halbwüchsige Burschen, die verschückit-rt dreinblickten. Kinder, die sich ängstlich an die Mütter oder die Schwester klammerten. Die Unglücklichen stiegen vom ..Szächenvi" auf den Dampfer ..Iris" um. der sie bis Dien weiterbeferdert. Als das Nmstejgen beendet war. strömten die mildberzia-n Wohltäter auf das Deck. Hundert- Flaschen mit Milch. Hunderte Laib Brot. Butter. Kä>e usw. wurden herbeigeschlepvt und unter die Flüchtlinge verteilt. Auch für Tabak, sti-areti-n und Getränke war reichlich aesorgt. Das düstere Bild an? dem Verdeck gewann im Nu ein verändertes Aussehen, lieber die kummervollen Züge huschte ein Strabl von freudiger Dankbark-it ob der rührenden Hilfsbereitschaft, die sich in tankend Herzen offenbarte Die Kinder stolzierten mit dicken Butterbeinmen einher, die Burschen bliesen veranügt den Ranch aus ihre» Zigaretten und die Mjim stärkten den Mägen mit einem tüchtigen Schluck für die weite Reise. Die Flüchtlinge stammen zum größten Teil ans Bessarabien. aus Odessa, aus Minsk und Ismail und >ind meistens Handwerker. Jbr Führer ist ein Greis Namens Jcbiel Awrom Edelstein In seinem Kauderwelsch beklagt er in bitteren Worten das traurige Los seiner Truppe, der dritten Answandererschar, die donauanfwärts nach Wien und von dort über Altona nach Argentinien reist. — Woher sie das Geld für die lange Reise genommen haben? Die Aermstrn haben ihre letzte Habe verkauft lind di? ..Alliance Jsraelite" bat ihnen große Fahrtbegünstigungen verschafft. Die Lage in der russischen H-imat wannerlräolich geworden, täaliib kamen M-mV? derunaen vor und dabei 'fürchtete jeder den A"sbrnch des allgemeinen Schlachten?, da? asten Inden da? Leben gekostet hätte. Deshalb gingen sie fort wett fort über das große Wasser, einer nngew»>>en Znknnft entgegen. „Seben Sie dort dieses?„ng» Weib mit dem Kinde am Arme." tagte der Alte mit vor Rübrnna bebender Stimme, indem er aus eine imaesähr 19jährige Frau mit pechgsänzenden Aua-n nnd edelgeformten, fast klassischen Zügen hinwies. Sie saß auf einem Schemel und'blickte teilnahmslos in die bewente Menae. ihren Kleinen an dw Brust drückend. In ihren Zügen lag unsagbares Web und die S'vnr unendlichen vbvsischen nnd seelischen Leidens. „Seben Sie dieses Weib." Hub der Alte von neuem an. ..bie Frau des Gevrile Karpienstein ans Ismail? Beim letzten Pogrom haben in Ismail dw Hooligans ihren Vater, ihre Mutter und ihre sieben Geschwister ermordet. lind ihren Mann, den Gevrile — Gott möge ihm die ewige Ruhe schenken, denn er war ein braver

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