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Neue jüdische Presse · 1906-07-27 · Heft 29 (27.7.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 29 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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.-. .... Seite 2._ eine wilde Wut der Zerstörung wahrnahm, hatte für die jüdischen Wohlhabenden die schwersten Folgen und steigerte hierdurch die Erbitterung gegen die revolutionäre Jugend ungemein. Denn die Erpresungen nahmen überhand und man fühlte sich nicht mehr seines Lebens und Eigentums sicher. Als jedoch die Dumawahlen herannahten, kehrte die jüdische Bourgeoisie — vielleicht deshalb, weil die Sozialdemokratie die Duma boykottiert hatte — zur Freiheitsbewegung zurück und entfalteten eine sehr rege Tätigkeit zugunsten der Konstitutionell- Demokraten (Kadetten). Sie hatte eben eingesehen, daß sie von der alte» Regierung nichts zu erwarten hat und nur eine Umgestaltung der Staatsform ihr Leben und Eigentum wird sichern können. Der erste Dumamonat war für uns Juden ein Honigmonat. Die russische Judenheit sah sofort in den ersten Tagen der Verhandlungen die Haltlosigkeit der Ansicht ein, wonach wir im russischen Volke selbst unser» erbitterten Feind zu erblicken hätten, eine Ansicht, die ein jeder Jude, wie sehr beklemmend diese Erkenntnis ihm auch, sein mochte, im stillen Kämmerlein seines Herzens jedoch tragen mußte. Und wahrlich, wie anders hätten wir auf das russische Volk als auf einen haßerfüllten Feind schauen können, wenn es doch seit einer Reihe von Fahren unter uns fortwährend Metzeleien anrichtet, eine schrecklicher als die andere! Die Regierung hat nach jedem Pogrom das ihrige dazu beigetragen, uns und die öffentliche Meinung in dieser Ansicht zu bestärken. In den offiziellen Berichten über die Pogrome hieß es stets „infolge des nationalen Hasses." Und merkwürdig genug, man glaubte ihr! Und nun trat die Duma zusammen, - die aus Leuten von allen Parteien und Ständen sich zusammensetzt, und erklärte, daß sie Nichts gegen das jüdische Volk und dessen Gleichstellung mit den übrigen Bürgern Rußlands einzuwenden habe, sondern vielmehr diese als ihr unumgängliche Pflicht betrachte. Das waren trostvolle Worte, auf die die Juden Rußlands lange, sehr lange gewartet haben. Der Tätigkeit der Duma ist auch der Umstand zuzuschreiben, daß uns der Bjelostoker Pogrom, der so furchtbare Folgen hatte, zwar in begreiflichen Schrecken versetzte, aber nicht zur Verzweiflung brachte. Sonst waren wir nach einem jeden Pogrom trostlos, wir konnten das Ende der Schrecken nicht absehen; denn wir glaubten, daß diese Greuel in bem etwa tiefwurzelnden Hasse des russischen Volkes gegen uns ihre Begründung und psychologische Erklärung finden. Jetzt aber, als ich. ein paar Tage nach dem Pogrom in Bjelostok eintraf, bemerkte ich sofort, daß die Stimmung dieser unglücklichen Stadt, wo der Krawall so viel Opfer an Gut und Blut forderte, lange nicht so gedrückt war, wie zum Beispiel seinerzeit in Schitomir. Jetzt weiß ein jeder Jude, daß die schamlose Regierung es war, die diesen Pogrom . anzettelte, daß nicht die russischen Bürger, die sonst mit uns friedlich verkehren, dafür verantwortlich zu machen, daß die „Pogromschtschikis" irregeführte Leute sind; er weiß, daß die Duma üns schließlich doch von dem Joche unserer Bedrücker, die gegenwärtig die Staatsgewalt in den Händen haben, befreien und unfern Leiden ein Ende bereiten werde. Das Bjelostoker Pogrom hat bei uns zwar eine unbeschreibliche Panik hervorgerusen; die heillose Furcht vor der Wiederholung des Blutdramas hat zwar in jüdischen Städten fast alles Leben zum Stocken gebracht; es gibt keine Stadt, wo nicht eine Pogromstimmung herrschte: aber dieser Schrecken, diese Panik, bedeutet keine Verzweiflung, keine Hoffnungslosigkeit mehr. Wir können es für sicher annehmen, daß, bevor es zu einem offenen Konflikt zwischen Duma und Regierung gekommen ist, die Veranstaltung von neuen Pogromen niedergehalten werde. Der gegenwärtige politrsche -Stand erheischt es. Der Versuch, die Reichsduma mit jüdischem Blute wegzuwaschen, ähnlich wie bei dem Oktobermanifest, gelang ebensowenig, wie seinerzeit Plehwe. Die aktive Mitwirkung der Polizei an den Pogromen und deren Organisierung 'durch dieselbe war zu augenscheinlich, die Entrüstung in Europa allzugroß. Die Duma ließ es an Protesten und Entrüstungskundgebungen der Regierung gegenüber nicht fehlen. Diese scheint die Fümffurker Israelitisches Fannlienblatk. Zwecklosigkeit der Krawalle einzusehen und sendet Verordnungen an die Gouverneure, jeden Aufreizungsversuch gegen die Juden im Keime zu ersticken. So können wir üns mehr und mehr der Hoffnung hingeben, daß diese Schreckenstage, vor denen selbst' all die mittelalterlichen Judenabschlachtungen und Versorgungen verblassen, sich nicht mehr wiederholen werden; daß die allgemeine Befreiung Rußlands auch uns eine bessere Zukunft bringen wird. Die gesamte Judenheit Rußlands, die nur im befreiten Jiußland ihre Menschenrechte erlangen kann, wird mit ihrem Möglichsten die Freiheitskämpfer unterstützen. Sch. Tschernowik. Wohin? , Als Theodor Herzt an die Spitze der schwache» und zersplitterten Zionistenvereine trat, schuf er die zionistische Partei. Oder wie man stolz zu sagen pflegte: „Wir repräsentierten das Judentum." Woher kam diese Zuversicht einiger tausender, die doch nur einen kleinen Bruchteil des Volkes bildeten, doch äußerlich nur eine kleine Kampfpartei darstellten? Daraus, daß die Zionisten sich als Vertreter eines großen, alle umfassenden Einheitsgedankens fühlten, daß sie das Trennende ansschlossen und das Einigende hervorhoben. Jeder, ob religiös oder freigeistig, reich oder arm, Ost- oder Westjude, fand Platz unter dem blauweißen Banner, denn die Erstrebung der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte war allen gemeinsam. Das einzige Dogma war: unser Ziel kann nur durch die politische Arbeit der Führung erreicht werden. Run ist Herzl tot. Zwei kurze Jahre. Und schon steht alles in Gefahr, was er geschaffen hat. Nicht mehr um eine Notstandsaktion oder die sogenannte „Reinhaltung des Programms" handelt es sich noch, sondern um die Anfrechterhaltung des politischen Charakters der Bewegung. Mit ihm 'steht und fällt der Zionismus. Für eine Klein-Kolonisationsbewegung, die den politischen Charakter bei Seite schiebt, sind, wenigstens in Deutschland, die Mehrzahl der Führer und die Mehrzahl der Gruppen nicht zu haben, und darum erheben wir warnend unser Stimnie, solange es Zeit ist. Diacite moniti, Ihr Radikalen von der anderen Seite. Ist eine solche Befürchtung gerechtfertigt? Entrüstet wird man mir entgegenrufen: „Nein!" Selbst unter den Führern' der Zione-Zion will nur ein winziger Bruchteil die Kleinkolonisation und die Ausschaltung der politischen Arbeit Ivill Niemand. Wahrscheinlich sind alle ehrlich, die so reden. Nur sehen sie selbst dann nicht, wohin sie reisen. Sie sehen nicht, wohin der Weg geht, führen muß, wenn wir nicht schleunig umkehren. Die Entwicklung ist eigentlich ganz logisch-konsequent vor sich gegangen. Zunächst ein paar, die an dem Erfolg der politischen Arbeit Zweifel äußern. Der Kongreß stimmt sie nieder. Dann die Ausstattung der bis dahin nur nominell existierenden Palästinakommission mit erheblichen Mitteln, des weiteren die Unterstützung der Geulah, Bewilligung der Gelder im Betrag von 20V 000 Fr. für die „Versuchsfarm", dann die Verweigerung der Verhandlungen über andere Territorien auch als „Mittel" der politischen Arbeit, zunehinende Verhöhnung des „Politischen" selbst durch offizielle Blätter, Ablehnung der Warnung vor der Einwanderung nach Palästina in Hannover, und als Schlußkrönung die Resolution der Amerikaner: „Die Konferenz erklärt sich für praktische und unmittelbare Arbeit in Palästina, 'sie ist mit jeder praktischen Arbeit in Palästina, Idie mit der Billigung der Palästinakommission (nicht etwa des Aktionskomitees!!) geschieht, einverstanden." Und das, obwohl Herr Wolfsohn einen Brief ün die Konferenz richtet, in dem er schreibt: „Solange ich die Ehre habe, an der Spitze der gegenwärtigen Leitung zu stehen, wird die Bewegung niemals zu einer kleinkolonisatorischen herabsinken!" Und damit man sich nicht über die Tendenz der Sache irgend einem Zweifel hingeben kann, sagt die „Welt" in einem Nachsatz: „Feder weiß jetzt, daß er jetzt mit beiden Händen an der idealen Arbeit mittun" kann, spricht dann von der bevorstehenden „praktischen Arbeit" in Palästina und von dem Wendepunkt in der Geschichte des amerikanischen Zionismus. Dem Ganzen ist ja noch ein Mäntelchen umgehängt, __Nr. 29. insofern, als konstatiert wird, daß - der Grundsatz der „politischen Bewegung und praktische und unmittelbare Arbeit" keine Gegensätze sind, aber darüber lächeln die Auguren. In Wirklichkeit liegt die Sache so. Auf dem Wege zu den Chowewi Zion sind wir so weit, daß wir auch Kolonien bauen wollen. Der nächste Kongreß wird die entsprechenden Anträge sehen. Natürlich wird die Führung dem opponieren, vielleicht tvird der persönliche Einfluß der alten Autoritäten auch noch hinreichen, um einmal krasse Programmbrüche zu hindern. Länger kaum. Dann gehen die Rosse zügellos über die am Boden liegenden. Das Volk will Brot. Seit Herzl tot ist, merkt man leider nichts von der politischen Arbeit, die der kleine Mann sehen, mit Händen greifen muß, um sie zu goutieren. Statt dessen hört man unaufhörlich von Pogronls, sieht, daß die Massen hungern, auswandern, nntergehen. Man möchte helfen, die Not fordert gebieterisch die „Notstandsaktion", die der letzte Kongreß doch unklugerweise ein für x»llemal außerhalb Palästinas unmöglich gemacht hat! Also — Notstandsaktion in Palästina selbst. So glaubt inan die Massen halten zu können, die Bewegung zu retten. Daß die Kleinarbeit, die Kolonisation von der Türkei nicht gewünscht wird, weiß inan zwar. Aber das tut nichts. Dann klettert man eben über die Mauer trotz des Verbots. Wollen die Machthaber in Konstantinopel nicht, nun dann kümmert man sich nicht um sie. Politische Arbeit ist ja Sache der verantwortlichen Leitung. Sie mag sehen, wie sie zurecht komnit. Leider ist nur klar, daß man auf 'diesem Wege das Mißtrauen in Konstantinopel systematisch wachruft und die politische Arbeit brachlegt. Nun — so sagen die Anderen oder werden es logischerweise demnächst sagen — dann können wir uns nicht helfen. Und da sind ivir denn bei der Infiltration und Kleinkolonisation ohne Politik wieder angelangt und dahin gegangen, woher wir gekommen sind. Das alles ginge noch, wenn es zum Ziele führte. Aber weil wir einsahen, daß es so nie zum erstrebten Ende käme, wurden wir ja gerade politische Zionisten. Oder haben wir heute etwa größere Mittel als damals? Nein, nur die lYa Millionen im Natkonalfonds. Damit, d. h. dem Gelbe, das uns später als Grundlage der Großarbeit dienen sollte, kann zwar auch im Kleinen kolonisiert werden. Ein bis-zwei Dörfer wirds geben. Und dann ists zu Eiide, und die Massen werden weiter hungern und weiter drängen, und geholfen hat man zwar nicht, aber die politische Arbeit ruiniert, Herzls Lebensiverk vernichtet und den Zionismus unmöglich gemacht. Die heute die Geister rufen, wollen das natürlich nicht, aber den logischen Entwicklungsgang können sie nicht aufhalten. Wenn man das Schlagwort „Kolonisation" einmal ausgegeben hat, ist das Einhalten unmöglich, weil die Massen niemals den theoretischen Unterschied zwischen „Versuchen im Großen" u. Kleinkolonisation einsehen werden. Jeder Auswanderer wird meinen, gerade so gut ein Recht an unsere Hülfe zu haben, wie sein Freund, den man zum Bauer gemacht hat und die gemäßigten Zione-Zion von heute werden inrmer wettere Konzessionen machen müssen oder sie geraten unter den Wagen. Deshalb erscheint eine Saminlung aller derer, die den politischen Zionismus und die Lehren Dr. Herzls noch nicht als überwundenen Standpunkt ansehen, dringend geboten. Wer sich der Gefahr, der wir entgegengehen, bewußt ist, der muß in Wort und Schrift gegen dieselbe auftreten, agitieren und dafür sorgen, daß der nächste Kongreß eittsprechend seinen Anschauungen besetzt ist. Heute ist es vielleicht noch Zeit — morgen wird es zu spät sein. Dr. Friedemann. Die Woche. Schon mit der Berufung des Goremykin'schen Ministeriums hatten wir die Auflösung der Duma, bienunmehr Tatsache geworden ist, vorausgesehen. Der Zar hat niemals die Absicht gehabt, wirkliche Reformen einznführen; alles, was er in diesem Sinne tat, geschah nur unter dem Drucke der Verhältnisse, das Oktober-Manifest ist auf den allgemeinen politischen Streik, die Einberufung der

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