Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 29 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■3 VI SS -i':' stielitWs familimblatt. - . - ----> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Monnementspreis pro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— .— , — ■ - 3 HedaKtioir nnd chefchäftsstette: Srsnkfurl 2. M.. AeichstraKe 2, Ecke vilbelerstraße Telefon 10507. > n - HeranKgeVer: Saliz Heis. —-- , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. . ,, - 4. Jahrgang. Freitag, de« 5. S666 (27. Juli 19V6). No. 29. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus Rußland v. Sch. Tschernowik. — Wohin? v. Dr. Friedemann. — Die Woche — Aus aller Welt. — Feuilleton: Abgerissen. — Sprechsaal — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — W o ch en-Kalendcr. — Fa milien Nachrichten. Brief aus Rußland.*) Die Judenheit in Rußland steht gegemvärtig an der Schwelle einer neue» bedeutungsvollen Epoche, der wir mit Sehnsucht und Bangen zugleich entgegeusahen. Das geknechtete, leidende Rußland hat endlich unter krampfhaften Schmerzen sein erstes Kind geboren: die .Mossudarftwennaja - Duma". Inmitten all der schwarzen Wolken, die seinen Himmel bedecken, erblickt das Land in dieser Institution den glänzenden, eine frohe Zukunft verkündenden Stern. Den» alle seine Hoffnungen, den Klauen des Zarismus die Macht mit Gewalt zu entreiße», sind geschwunden. Die Kanonen sind vorläufig gar zu mächtig und überbieten an Wirkung all die edlen Bestrebungen der Auserlesenen Rußlands. Die Duma ist die Institution, auf die die Augen des ganzen russischen Lölkes gerichtet sind, in der Hoffnung, daß diese es auf friedlichem Wege ans der politischen Klemme zu bringen wissen werde. Wir 'russischen Inden, die wir seit Jahrzehnten dazu verdammt, ein elendes, trostloses Dasein zu führen; wir, die wir aller Menschenrechte beraubt sind nnd als Opfer des von der Regierung geschürte» Nationalitätenhasses — ans dem sie in der letzten Zeit eine ihrer verderblichsten Waffen zum Kampfe gegen die Revolution geschmiedet hat — massenhaft hingeschlachtet werden — wir setzen all unsre Hoffnung auf die Duma, in der Erwartung, daß 'diese uns endlich ans unsrer furchtbaren Lage befreien werde. Ich spreche hier allgemein von alleu russischen Juden, ausnahmslos und glaube darin nicht irre zu gehen. Die Anfeiildungen und"gcgenseitigen Bekämpfungen, die zur Zeit des Ausbruches des Revolutionssturmcs im Lager der russischen Inden herrschten, haben mit der Eröffnung der Duma anfgehört. Sowohl unsere Regierung, als unsere antisemitischen Zeitungen, wie auch die ausländische Presse, die gewöhnlich über die Verhältnisse in Rußland schlecht unterrichtet ist, pflegen alle russischen Juden als Revolutionäre hinzustellen. Und wahrlich, als logische Konsequenz ihrer Situation müßte sich die gesamte Judenheit wie ein Mann in den Dienst der Revolution stellen. Denn auch das zahmste und geduldigste Tierchen, wenn es lange anhaltender grausamer Mißhandlungen ansgesetzt ist, empört sich schließlich und versucht unter Einsetzung seines Lebens letzten Kräfte seine Rechte geltend zu machen. Die Regierung, die uns'zu Boden niedergedrückt und zu einem schrecklichen Zustand, von geistiger und materieller Armut gebracht hat;'die Regierung, die gegen uns die wilden Bestien in Gestalt von uniformierten *) Bor der Auflösung der Duma zum Druck gegeben. Anm. d. Redakt. ............ ■- .... . - und in Zivil gekleideten „Pogoromschtschökis" gehetzt und in ihrer Dunkelkammer eine ganze Reihe von systematischen Judengemetzeln vorbereitet und geleitet hat — eine solche Regierung sollte nicht nur unsere Sympathie nicht verdienen, sondern vielmehr in uns die bei solchen Fällen natürlichen Gefühle wachrüfcu nnd uns zum offenen Aufruhr bewegen; wir sollten einfach zum Entschlüsse kommen: Mög' mein Leben mit dem der Philister umkommen! S o h ä t t c e s s e i n sollen. Wir hätten dabei auch Nichts zu verlieren gehabt, denn so wie so sind wir als Revolutionäre verschrieen und müssen Alle die Verantwortung für die Wenigen tragen. Dann hätte wenigstens das befreite Rußland gewußt, daß wir zu seiner Befreiung das Meiste beigetragcn haben. Aber dem war leider durchaus nicht so. Eine geringe Anzahl junger Leute nur — zum größten Teil aus der Arbeitermasse — stellte sich in die Reihe der Kämpfer gegen die Regierung, die Meisten aber, die Reiche», Wohlhabenden und der Mittelstand unterschieden sich von der Arbeiterschaft nicht nur dadurch, daß sie keinen Anteil nahmen, sondern bekämpften auch die ganze Bewegung, die in den Monaten Oktober - November vorigen Jahres der russischen Geschichte einige schöne Blätter geliefert hat. Ein bald Heimlich, bald offen geführter Kampf, entspann sich zwischen dem älter» und dem Heranwachsenden Geschlecht, der noch eine Zeitlang nachher, bis zum Llpril, dem Dumamouat, au Heftigkeit nicht nachgelassen hat. Es gab einen Moment, da uns schien, die Bewegung habe das ganze Exil ergriffen und glaubten nun, die gesamte Judenheit werde sich alsbald ins Kampfeslager begeben und dem Absolutismus den Todesstoß versetzen. Das war der erste Generalstreik im Oktober letzte» Jahres, der so einmütig und vorzüglich geführt tvurde, und an dem sich sowohl das Proletariat, wie auch die Groß- und Kleinbourgeoisie direkt beteiligt haben. Aber dieser lichte Moment wahr 'leider allzurasch vorbei. Sobald die Reaktion wieder die Oberhand gewonnen und unter dem Ministerium Witte-Durnowo die Repressalien mit erneuter Gewalt eingesetzt hatten, da brach unter den Juden der Kampf zwischen Jung und Alt, zwischen Later und Sohn von Neuem los. Diesmal aber war der Kampf bei weitem heftiger, so daß er schließlich sehr erniedrigende Formen annahni. Es erwachten die Instinkte der Kriecherei; das Gerede, die Negierung werde uns nichts gewähren, Äerstummte, und der alte Glaube an di: mächtige Regierung, der inan nicht Ividerstehen dürfe, begann von neuem die Gemüter zu beherrschen; man sing an, sich mit wenigem zu bescheiden und auf Gnadenakte zu warten, woran wir ja so sehr gewöhnt sind.... Ja, es fanden sich sogar Leute, die energisch dafür eintraten, daß man die revolutionäre Jugend der Regierung auslicfere. Dies ist eben die traurige Psychologie des jüdischen Volkes im Exil, das sich vor dem Stärker», der Macht, dem augenblicklichen Sieger ohne weiteres | duckt. Alan kann allerdings die Tatsache nicht in Abrede stellen, daß ein gut Teil an diesen höchst uncrsrcntiche» Zuständen die extremen Parteien selbst und die eigenartige» Verhältnisse, unter denen die russische Revolution vor sich geht, mitverschuldet haben. In jedem andern Lande in Europa verfolgte die Revolution ein einziges Ziel, und zwar das politische. Die Anführer derselben hatten dann das Eine im Auge, die alte politische Ordnung zu stürzen und eine neue, ihren Ansichten und Wünschen besser entsprechende an deren Stelle zu setzen. Dies war das Banner, nni das sich alle politischen Organisationen geschart haben; denn ein Ziel vereinigte alle. Nicht so verhält es sich aber in Rußland. Hier sind die Hauptanführer der Revolution die Sozialdemokraten und Sozial-Revolutionäre. Die russische Bourgeoisie, und zum Teil auch die jüdische, oder richtiger: die Semstwos, die Verbreiter der revolutionären Idee in den Hähern Gesellschaftskreisen sind nur Nebenfaktoren, die die Revolution mit schönen Worten und Resolutionen führen zu können vermeinten, nicht aber durch offene» aktiven Kamps, dessen sie nicht fähig sind und zu dem sie Puch keine sonderliche Lust zu verspüren scheinen. Und da die Hauptleitung der Ilmsturzbewegung i» den Händen von solchen Führern liegt, die gleichzeitig auch an der Spitze des wirtschaftlich am schlimmsten bestellten Standes stehen, so vereinigten sie mit der politischen auch die soziale Idee. Sie erklärten also gleichzeitig mit dem politischen Kampf auch den gegen die bestehende kapitalistische Gesellschaftsordnung. Und zu der Zeit, da alle verfügbaren Kräfte zum Kampfe gegen, den Zarismus unentbehrlich waren, zu einer Zeit, da das Wohl und Wehe des Landes allein von einem einheitlichen Vorgehen gegen den gemeinsamen Feind abhing, da kam die Sozialdemokratie mit ihren ökonomischen Forderungen und schürte bei dem Proletariat solange den Haß gegen die besitzende Klassen, bis letztere sich veranlaßt sahen, aus den Reihen der Kämpfer gänzlich ansznscheiden. Denn als die arbeitenden Massen als ihre offene» und erbitterten Feinde ausgetreten und mit solchen, ihnen so ungeheuerlich und unsinnig erscheinenden Forderungen gekommen waren, so wurden sie, die sich plötzlich in ihrem Besitz, ja in ihrer ganzen Machtstellung stark bedroht sahen, darob erbost und warfen die Flinte ins Korn: sie erklärten nun die Unternehmungen des Proletariats als politische Kindheiten, die verhindert tvcrden müssen. Außerdem verlor das Proletariat im Klassenkampf — der. überdies in Rußland als verfrüht zu betrachten ist — seine stärkste Waffe: den Streik. Diese moderne, sehr scharfe Waffe könnte fortwährend gegen die Regierung gezückt werden und sie zu weiteren Konzessionen bewegen, wenn.sie eben nicht allzuhäusig gebraucht oder vielmehr mißbraucht worden wäre. Durch die wiederholte Verwendung aber für die Alltagsbedürfnisse der Arbeitermassen durch ihre fortlvährcnde Benutzung für den Terror im Kleinen, büßte sic vollständig ihre Schärfe ein, und die Regierung lacht sich vergnügt ins Fäustchen. Und dieser kleinliche Terror, der überdies sehr planlos geführt wurde, und in dem man manchmal