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Neue jüdische Presse · 1906-07-20 · Heft 28 (20.7.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 28 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 28. kaum zu 75 Proz. Abnehmer. Darin finden allerdings auch die speziellen Befürchtungen, ihren Ausdruck, die angesichts der Parlamentsverhandlungen über die Agrarfarge für den adeligen Grundbesitz gehegt werden und die zu massenhafter Verpfändung adeliger Güter führen, aber trotzdem ist -dieser Kurs ein sprechender Beweis fiir die gänzlich erschöpfte Aufnahmefähigkeit des russischen Kapitalmarkts, bezw. für den bestehenden Kapitalmangel und die Steigerung der Zinssätze. Dabei dauert dieAbwanderungvonrussischem Privatkapital ins Ausland, wie verschiedene Anzeichen^ erkennen lassen, noch immer fort; der Fortzug .der gutsituierten Klassen nimmt bedenklich zu, und beide Erscheinungen beeinflussen die Zahlungsbilanz stark in ungünstigem Sinne. Die Petersburger Wechselkurse, die nach dem Abschluß der großen Anleihe zeitweilig wieder den Paristand erreicht hatten, lassen jetzt neuerdings deutlich steigende Tendenz erkennen. Ueber den Gang des gewerblichen und kommerziellen Lebens, über den Grad der Beschäftigung der Fabriken, lauten die Jnformationen außerordentlich verschieden. Ziemlich allgemein wird, wie ntjan uns schreibt, über teures Geld und Krediterschwerungen geklagt. In einzelnen Branchen, namentlich in solchen, die für den Massenkonsum arbeiten, ist. der Beschäftigungsgrad anscheinend ein guter und auch die Preislage befriedigend. Demgegenüber sind Unternehmungen, die für den Fiskus arbeiten oder Spezialartikel Herstellen, vielfach zu Betriebseinschränkungen und zu Personalreduktionen gezwungen. Auf dem gesamten Erwerbsleben aber lastet die Unsicherheit.in Bezug auf die nächste Zukunft, die Furcht vor neuen revolutionären Ausbrüchen, wie ein. ungeheurer Alp, der Energie und.Tatkraft lähmt und die ohnehin schon geringe Unternehmungslust aüs ein Minimum herabdrückt. Es ist begreiflich, daß sich unter solchen Umständen kein flotteres Tempo im Wirtschaftsleben einstellen will und der Gesamteindruck der der Stagnation und Versumpftmg ist." Mau kann sich denken, wie bei dieser trostlosen wirtschaftlichen Lage Rußlands die Lage seiner unter bedrückenden Ausnahmegesetzen und in Furcht vor Pogromen lebenden jüdischen Bevölkerung sein mag. Die jüdische Auswanderung aus Rußland dürste denn auch in diesem Jähre eine noch nie gesehene Höhe erreichen, wir glaube», daß man sie aus 400000 Sealen schätzen darf. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die Aufführungen des gegenwärtig im Orpheum gastierenden Hcrrnfeld- Theaters berühren die jüdischen Besucher der Vorstellungen überaus peinlich. Es ist bedauerlich, daß die Leiter des Herrnfeld-Theaters, die selber Jiü>en sind, ihre Glaubens- und Stammesbrüder vor der breiten Oeffentlichkeit verächtlich machen. Frankfurt a. M. Ergänzend zu dem vorwöchentlicheu Bericht des „Verband der Synagogen-Geineinden des Regierungsbezirks Posen" Ivird uns mitgeteilt: In der Wollstein benachbarten Gemeinde Unruhstadt erteilt Herr Lehrer H. Becker-Wollstein seit dem 11. Febr. d. I. den die dortige simultane Kommnnalschule besuchenden jüdischen Kindern Religionsunterricht in einem Raume der städtischen Schule. Der Uilterricht ist obligatorisch und wird bisher lediglich aus den Mitteln der städtischen Schulkasse honoriert. Dieses erfreuliche Resultat ist ohne jede Mitwirkung und ohne jede Unterstützung des Synagogenverbandes, lediglich durch persönliche Verhandlungen'mit dem zuständigen Kgl. Kreis-Schulinspektor und den städtischen Behörden seitens des jüdischen Gcmcindevorstandes in Unruhstadt und des Herrn Lehrer Becker in Wollstein erzielt worden. Gaffel. Der Oberlandesgerichtsrat von Richthofen, nominierter antisemitischer ReichDtagskandidat für Wcfldeck-Pyrmont, richtet an die in Arolsen erscheinende „Waldecksche Rundschau" folgende Zuschrift: „In der am Abend des 10. Juni in Korbach von mir abgehaltenen Wählerversainmlung habe ich nicht, wie in Nr. 5775 Ihrer Zeitung behauptet wird, die Forderung ausgestellt, daß die Jüden von allen öffentlichen Aemtern ausgeschlossen werden soflten. Vielmehr habe ich in Uebereinstimmnng mit dem deutschsvzialen Parteiprogramm lediglich die Ansicht ausgesprochen, daß die Juden von solchen Berufen, iir denen ihre Eigenart für unsere Kultur schädlich ist, fernzuhalten seien. Als derartige Berufe habe ich den Richterstand, den Offiziersstand, den Beruf eines Lehrers an Schulen, die von Kindern deutschen Stammes besucht werden, sowie die Mitgliedschaft in gesetzgebenden Körperschaften bezeichnet. Ferner ihobe ich mich dafür erklärt, daß die Zulassung der Juden zur Rechtsanwaltschaft nach dem Prozentsätze der jüdischen Bevölkerung im Deutschen Reiche beschränkt werde." Welche öffentlichen Acmter der Herr Oberlandesgerichtsrat für die Jsuden offen halten will, sagt er nicht. Vermutlich' die Oberpräsidenten- und Ministerposten. Berlin. Jüdische Studentinnen. Die Anzahl der weiblichen Studierenden an der hiesigen Universität im lausenden Sommersemester beträgt Frankfurter Israelitisches Familienblatt. insgesamt 392, darunter 80 aus Rußland. Bon diesen 392 weiblichen Studierenden sind 112 Jüdinnen. Die Anzahl der jüdischen Studentinnen beträgt somit fast ~30 Proz. Breslau. Bezirks-Gemeindeverband. Nach dem Bericht des Verbandsausschusses des Bezirks-Gemeindeverbandes Breslau-Liegnitz für das neunte Geschäftsjahr 1905/06 erhielten die Gemeinden Festenberg, Löwcnberg, Neusalz, Steinau, Trebnitz Subventionen bis 100 Jk, Hcrrnstadt, Namslau- Reichthal, Schwirz, Winzig, Wohlau und Freiburg 100 bis 200 Jk, zusammen 12 Gemeinden 1522.50 Mark. Auch für Predigten an den hohen Feiertagen hat der Verband durch Entsendung von Predigern Sorge getragen. So wurden Prediger zil den Festtagen nach Militsch, Namslau, Winzig, Steinau, Bunzlau, Haynau, Jauer, Neumarkt und Ohlau entsandt. Der Verband hat den Einzelgemeinden allch Beihilfen zu den Kosten für Vorbeter an den hohen Feiertagen bewilligt. Fiir den Beamtensparfond erhielten gleichfalls eine Anzahl Gemeinden Zuschüsse. IM abgelaufenen Jahre sind zwei Schulen inspiziert worden, an denselben erhielten 188 Kinder und zwar ,106 Mädchen und 82 Knaben Religionsunterricht. In 4 Gemeinden (Sagan, Bunzlau, Sprottau und Militsch) stieß die Inspektion auf Schwierigkeiten, in 7 Gemeinden (Freiburg, Goldberg, Steinau, Herrnstadt, Winzig, Wohlau u. Zobtcn) wird größtenteils kein Religionsunterricht erteilt .Der Verband erstrebt, diesem Mangel abzuhelfen. Der Verband hat den Inspektoren Prämien für die besten Schüler zur Verfügung gestellt. Für die Von dem Verein israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen eingerichteten Ferienkurse hat der Verband eine Subvention gewährt. — Die Einnahmen betrugen 8082.62 Jk, die Ausgaben 4392.91 Jk, mithin Bestand 3689.71 Jk Hamburg, 16. Juli Protestversammlung Eine von 2000 Personen besuchte überfüllte 'Volksversammlung nahm nach Vortrag Friedrich Naumanns einstimmig eine scharfe Protesterklärung gegen die Bialystoker Greuel an. Gleichzeitig wurde beschlossen, die Resolution der russischen Duma zu telegraphieren. Oesterreich-Ungar«. Wien. Maler David Kohn. Man schreibt dem „Neuen Wiener Tagblatt" aus Hamburg: Dem hiesigen Kunstvereine verdanken >vir die Bekanntschaft nlit dem Wiener Maler David Kohn, von dem wohl ab und zu ein Blatt bei Bock zu sehen war, der uns aber erst durch die gegenwärtig exponierte Kollektion ganz nahe gebracht lvlorden ist. Unter den 28 ausgestellten Bildern ziehen vor allem seine Rotstift- und Kohlenzeichnungen an, insbesondere die Blätter mit zwei Kreiden, deren koloristische Wirkung ganz unvergleichlich ist. Der „Alte Jude aus Galizien", das Tableau mit fünf Altmännerköpfcn, die Studie zu dem in New-Iorker Privatbesitz befindlichen Gämälde „Der Grübler" und das Studienblatt „Betender Jude" in drei verschiedenen Aufnahmen sind Arbeiten, die dem aflerbesten, das die Kunst in diesen Technik besitzt, an die Seite zn stellen sind. Vollendete Zeichenkunst geht da mit größter Ausdrucksfähigkcit und seelischer Vertiefung Hand in Hand, was den Bildnissen ihre faszinierende Wirkung gibt, ob es sich nun nm ein zartes Frauenbild handelt (wie jenes von Fräulein Pacher v. Theinburg oder das Blatt mit den drei Mädchenköpfen) oder um einen markigen Männcrkopf, wie das Bildnis von Dr. Breßlauer und die Vorarbeiten dazu, den prächtigen Kopf des Grafen Hans Wilczek, des Grafen Kielinannsegg uslv. Bon den Oelgemälden des Künstlers möchte ich „Japanisches Stillleben" und die überzeugend wahre Studie „Inneres einer alten Schmiede bei Pyrawarth" hervorheben. Trotz der vorgerückten Saison ist die interessante Ausstellung gut besucht und bringt dein Künstler große Ehren. Pöftyen. Jüdische Volksküche. Groß ist alljährlich die Zahl der armen Juden, die zur Heilung ihrer Leiden die hiesigen Bäder benutzen müssen, und es war deshalb eine verdienstvolle Tat unseres Oberrabbiners Weber, die Errichtung einer Volksküche zu erstreben. Dank seiner Energie und dank der durch ihn für diesen Zweck von Frau S e l d a S ch ö n b l u m in Lemberg gespendeten 20 000 Kr. konnte dieser Tage die Volksküche in einem eigenen Gebäude eröffnet werden. Die Volksküche gewährt für 20 Heller (gleich 15 Pfg.) ein Mittagessen, aus Sirppe, Gemüse und Fleisch bestehend. Budapest. Eine Erhöhung der Spiritusst e u c r wird von der Regierung geplant; diese Erhöhung würde fast ausschließlich jüdische G es ch ä f t s l e u t e t r e f f e n. Krakau. Es ist nicht üblich, daß die amerikanischen Juden bei ihrem Aufenthalt in Europa Galizien besuchen, um die Lage ihrer dortigen Brüder zu studieren. Passiert dies doch nicht einmal westeuropäischen Juden! Wenn der seltene Fall vorkommt, verdient er registriert zu werden, ganz besonders aber bei solch' illustren Gästen, chic sie vorige Woche hier anwesend waren. Vorige Woche besuchten Krakau der New-Porker Philanthrop Cyrus Sulzberger und Professor H o r w i tz, gegenwärtig Korrespondent amerikanischer Zeitungen in Petersburg. Cyrus Sulzberger ist Kurator der Vereinigten Jüd. Wohltätigkeitsgesellschaften in New-Iork, Vizepräsident der Amerikan. Zion. Föderation, Präsident der Jtv in Amerika, Kurator der Jüd. Verlagsgesellschast usm. Professor Horwitz ist aus Wilna gebürtig, beteiligte sich noch sehr jung an dem politischen Leben Rußlands, saß viermal im Gefängnis und war von 1881—1885 in Sibirien in Verbannung; er ging dann nach Amerika, erwarb sich den Doktor und wurde Professor der politischen Ockonomie an der Universität Chicago und später Beamter an dem statistischen Bureau der Regierung in Washington. Beide Gäste haben die hiesigen jüdischen Institutionen in Augenschein genommen, fuhren von hier nach Lemberg und Czernowitz und werden in Rumänien ihre Informationsreise beenden. Anfang August wird Cyrus Sulzberger einer «itzung der „Jto"-Lcitung in London beiwohnen. Frankreich. Paris. Drevfus ist frei und unsere Hellseher jubeln. Die definitive Freisprechung des einstigen Kapitains und jetzigen Eskadronchefs Alfred Dreifuß hat unseren freisinnigen Herren 5 In Rcinach einen Dytirambus auf die Gerechtigkeit und Humanität der französischen Nation aus der Kehle gerissen. In französischen jüdischen Kreisen kann man sich über das Urteil des obersten Gerichtshofes von Frankreich nicht genug freuen. Ist diese Freude so gerecht, begründet? Das Urteil, das der Kassationshof vor einigen Tagen in Sachen Alfred Dreyfuß sprach, ehrt ihn, sowie jedes gerechte Urteil seinen Sprecher ehrt. Ob wir aber auch Grund haben, vor Freude in Extase zu geraten und unsere» Weg als mit Rosen bestreut zu betrachten, ist'noch eine diskutabele Frage. Uns mindestens erscheint die Sache nicht in so hellem Lichte. Die höchste juristische Instanz eines zivilisierten Landes hat einen alten Rechtsirrtuni, vielmehr Rcchtsfälschung erkannt und darauf einen unschuldig Verurteilten freigesprochen. Der Kassationshof ist zu einem Resultate gekommen, zu dem er notwendigerweise, sofern er objektiv und uUbeeiuflußt bleiben wollte, kommen >nußte. Wenn man nun von einem Gerichtshof objektive, gerechte Urteilssprechung erwartet, so hat der Kassationshof seine Pflicht getan. Man freut sich, wenn jemand mehr als seine Pflicht tut, man ist zufrieden, wen» jemand nur seine Pflicht tut. Unsere „besseren" Menschen hierzulande schwelgen vor Begeisternugsglut. Wozu das? Wenn man in den Gerichtshof a priori Vertrauen setzt, ist dieser Jubel übrig, recht unklug und nicht männlich. Aber noch aus einem ganz ändern Grunde ist es 'unklug und was noch mehr ist — politisch dumm. Denn die?lsfaire Dreyfuß war, wie jeder weiß, eine politische Kampagne und ein moralischer Pogrom gegen das jüdische Volk. Verräter und Jude waren am Beginne der Affaire identische Begriffe. Nun durch diesen Urteilsspruch hat ber seit 12 Fahren vom französischen schwarzen Hundert 'mit Drumont an der Spitze geführte Pogrom seinen Abschluß gefunden — mindestens offiziell. Wir können nicht einschen, daß Freude am Ende eines Pogroms am Platze ist. Statt sich zn freuen, würden unsere französischen Stammesgenossen besser tun, wenn sie die nötigen Lehren und Konsequenz aus dieser unerquicklichen?lffaire ziehen. Und, wenn sie konsequent sein wollen, so bleibt ihnen nur eins übrig — sich zn besinnen, ernst zu tverden und ganz zum Judentum zurückzukehren. Sie müssen es um so eher tun, als sie und alle wissen, daß die Llffaire Dreyfuß in erster Linie eine politische "Kampagne, Dreyfuß selbst nur ein Sündcnbock war — und in der Politik gibt es nichts konstantes . . . Heute ist zwar die Mehrheit des französischen Volkes von der ansiseinitischen Epidemie geheilt — aber das Rad kann sich umdrehen. .Heute sind die Radikalen am Ruder, wer bürgt uns dafür, daß die klerikalreaktionäre Klique für immer und für alle Zeiten von der Macht 'ausgeschlossen bleibt —? Diese Unsicherheit und Schwankungen des Volks- Willens hat uns schon der kühne Brite in seinem Drama,Julius Cäsar" vor Augen geführt. Bald ist das Volk für Brutus, bald ist es gegen Brutus. Maxime Le Maitre. Paris. Die .I c a". Nach dem Berichte, den der Präsident N. L e v e u aus der jüngst stattgehabten Generalversammlung erstattete, sind gegenwärtig in den argentinische» Kolonien der Fca auf einem Territorium im Umfange von 463 716 Hektar 1251 Familien, die aus 9227 Personen bestehen, als Kolonisten anaesiedelt, ungerechnet eine 2195 Kövfc wählende Bevölkerung von landwirtschaftlichen Arbeitern. sowie .Hausierer, Kleinhändler und Arbeiter jeder Art. Der beste Beweis dafür, daß nunmehr die Schwierigkeiten überwunden sind und die Kolonien sich gut entwickeln, ist die Tatsache, daß die Kolonist e n i m vergangenen Jahre 639 000 F r. a n die Fca z u r ü ck g e z a h l t haben. Da die Kolonisten lebhaften Anteil an den öffentlichen Angelegenheiten nehmen, so will ihnen die Fca in absehbarer Zeit die völlige Selbstverwaltung gebe». — Argentinien, das Vor 10 Jahren für die jüd. Emigration überhaupt noch nicht in Frage kam, ist jetzt im Begriff, ein Wichtiger Mittelpunkt der amerikanischen Judenheit zu werden; sind doch in den

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