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Neue jüdische Presse · 1906-07-20 · Heft 28 (20.7.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 28 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. FranHurter JfraelWHeS Famillenblatt. ' ' Nr- 28. ersten 5 Monaten dieses Jahres allein 5290 Juden in Argentinien eingewandert und haben Lebensexistenz bei persönlicher Freiheit erhalten. Auch die beiden Kolonien der Jca in K a n a d a — die eilte Kolonie in der Provinz Sasheschwan mit 278 Personen und die andere Kolonie in Assiniboia mit 500 Personen — gedeihen. In Brasilien hat die Gesellschaft den Versuch einer landwirtschaftlichen Ansiedelung mit 40 Familien gemacht. In den Vereinigten Staaten subventioniert die Jca die' Gewerbeschule in New-Pork, die Israeli. Schüler in 6 Monaten in den Stand setzt, in, Fabriken tätig zu sein und hat in Wvodüine (New Jersey) ein industrielles Zentrum und eine Ackerbauschule gegründet. Sie gewährt Einwanderer-Familien, die sich der Landwirtschaft widmen, Darlehen; gegenwärtig gibt es in den Vereinigten Staaten 1250 jüdische Farmer (mit Familienmitgliedern 7000 Personen). In Palä st i n a verwaltet die Jca die Baron Edmund von Rvthschild'schen Kolonien, in Kleinasien unterstützt sic bei Eski-Schehir zwei Ackerbau-Ansiedelungen und unterhält bei Smyrna eine Ackcrbauschulc. Gleichsam gemäß den Jntensioiie» ihres Gründers, Baron Hirsch s. A-, unterstützt die Jca in Rußland — gemeinsam mit der „Jüd. Gesellschaft zur Förderung des Elementarunterrichts" 70 Schalen, die gegenwärtig von 7000 Kindern besucht werden und unterhält unter Mitwirkung des Zentral-Komitees in Petersburg und mit Unterstützung von Gemeinden 21 technische Schulen für Knabe» Und 18 für Mädchen, die 2500 Schüler besuchten Mit Hilfe der Jca wurden in Rußland 5 Ackcrbauschulen igegrüiidet, die 150 000 in Rußland vom Ackerbau lebenden Juden wurden nach jeder Richtung hin von ihr niateriell und ideell gefördert, und in 26 Städten schuf sie Darlehcns-Sparbanken. Auch in Galizien unterhält die Jca eine Ackerbauschüle. In R u m.ä n i c n leistet sic große Unterstützungen für 2 technische Schulen mit 243 Schülern und 17 Elementarschulen für Knaben, 12 für Mädchen und 6 für Knaben und Mädchen, die zusammen 7434 Schüler und Schülerinnen unifassen. Großbritannien. London. Die Mittwoch . feierlichst eiöffnete Mo c a tta - B ib lio t h e kund - M u s e u m ist bestimmt, einem zweifachen Zwecke zu diene». Denn wie der Name sagt, ist dieses neue Institut auch ein Denkstein für das bleibende Andenken Frederic Älavid Mocatta's, der die ganze Kraft seines Lebens der Wohlfahrt seiner Mitmenschen gewidmet hatte und dessen nie erlahmende Tätigkeit nicht nur der Errettung aus materiellen Nöten, sondern auch - den Anforderungen des Geistes galt. Auch auf dem Gebiete der englisch-jüdischen Litcraratur war Mjocatta ein Mäcen, indem er durch Subventionen die jüdischen Autoren zum Arbeiten veranlaßte. Durch ihn, den Präsidenten der Geschichts- Gesellschaft und Vizepräsidenten des Vereins für jüdische Statistik wurde Grätz in's Englische übersetzt und das wertvolle Buch Dr. Joseph Jacobs' über die Quellen der spanisch-jüdischen Geschichte ist nur ihm zu verdanken. Man hat deshalb sein Andenken nicht würdiger ehren können, als wie es durch die Errichtung einer Bibliothek, unter seinem Namen, geschehen ist. — „T h e I e w i s h Wort d" gibt jetzt eine B e ilage auf „Jiddisch" heraus. Die soeben erschienene erste Nummer enthält einen Brief von Israel Zangwill, sowie Beiträge von I. L. Peretz, David Frischmann, Naham Sokolow iisw. — Das neue Gebäude des H e i ni für jüdische Obdachlose (Jcw's Temporary Shelter) ln der Leman Street, Whitechapel, wurde Montag durch Lord Rothschild eröffnet. Rußland. Petersburg. Preßprozesse wegen des Bjelostoker Pogroms. Durch das Petersburger Komitee für Presse-Angelegenheiten sind 45 Prozesse gegen Petersburger Zeitungen angestrengt worden, weil sic wegen der Anteilnahme der Behörde und des Militärs an dem Pogrom nicht in gewünschter Weise berichteten. . Aus der D u m a. Die jüdischen Abgeordneten Winawer, Bramson und Jolos haben der Kommission für Gleichberechtigung eine Aufstellung aller auf die Juden Anwendung habenden Ausnahmegesetze, sowie einen Bericht über die rechtliche Lage der Juden überreicht. Homel. Die Angst der jüdischen Bevölkerung vor einen, Pogrom will sich nicht legen, trotzdem die Eisenbahnarbeiter — ihre aktive Tätigkeit bei dem letzten Pogronic ist noch in Erinnerung — in Aufrufen versichern, daß sie einen Pogrom nicht znlasscn werden. I » v e r g a n g e n e r Woche sind allein mehr wie 200 Familien aus gewandert. Zur Unterstützung der Auswanderer hat sich ein Komitee gebildet. Warschau. Welche gro ße Dimensionen die Auswanderung angenomnien hat, beweist die Tatsache, daß in den letzten sechs Wochen 129000 Rubel Gebühren für Auslandspässe gezahlt wurden; es entspricht, dies einer Zahl von ungefähr 4500 Pässe». Bjelostok. Ein unglaublich er Vorfall. Der hiesige Fabrikant Welter, Besitzer einer Appreturanstalt, hatte sich während des Pogroms durch seine antisemitische Gesinnung ausgezeichnet, trotzdem seine sämtlichen Kunden Juden sind! Deshalb beschlossen alle jüdischen Fabrikanten, welche ihm bisher ihre Ware zum Appretieren übergeben hatten, ihn zu boykottieren; und 'mußte er infolgedessen seine Arbeiter (18—20) entlassen. Als Protest' erklärten nun die christlichen Arbeiter sämtlichen Appreturanstalten den Streik, obwohl die jüdifchen Fabrikanten versprachen, die bisherigen Welter'schen Arbeiter zu beschäftigen. Durch diesen Streik wurden die jüdischen Fabrikanten zum Stillstehen ihrer Betriebe gezwungen. Dieses Vorgehen der christlichen Arbeiter war schon deshalb auffallend, weil 'über Bjelostok der Kriegszustand verhängt ist. Es war gleich klar, daß ihr Vorgehen sich der Sympathie der Behörde erfreut. Wie weit diese Sympathie ging, sollte sich bald erlvcisen. Vorgestern ließ Oberst Tjaschelnikow 11 jüdische Fabrikanten zu sich rufen und sagte ihnen, wenn, sie Welter nicht wieder Arbeit geben, werde er sie innerhalb 24 Stunden nach Sibirien schicken. Nachdem die jüdischen Fabrikanten trotz dieser erfreulichen Aussicht immer noch fest blieben, fügte der Oberst hinzu, die christlichen Arbeiter seien sehr aufgeregt und er garantiere nicht für die Ruhe der Stadt. Die richtige Bedeutung dieser Drohuiig verstehend, unterschrieben die jüdischen Fabrikanten einen Schein des Inhalts, daß sie Welter wieder Arbeit geben, l— Das Ende vom Liede war noch, daß die christlichen Arbeiter für die vier Tage, welche sie gestreikt haben, von den jüdischen Fabrikanten den entgangeneii Lohn forderten — und. sie erreichten auch dies. Belgien. Brüssel. Stiftungen. Der Ende April d. I. verstorbene Senator M. Georges Mont efiore-.Levy hat bedeutende Summen sür allgemeine Zwecke hinterlassen. Er vermachte der Gesellschaft der Ingenieure (Associacion of Electrical Engineers of the E. T. M. Institute) 300 000 Frcs., dem Jüd. Zcntral-Konsistorium zu Brüssel 200 000 Frcs. zur Verteilung au jüdische Wohltätigkeits- Gesellschaften und außerdem eine Reihe weiterer Stiftungen im Gesamtbeträge von 165 000 Frcs. Amerika. New-Uork. Eine Schule für Philanthropie. Die Schule für Philanthropie der Vereinigten Wohltätigkeits-Gesellschaften hat ihren neunten .Sommer-Kursus eröffnet, zu dem sich 46 Hörer einschriebcn. Der Kursus währt 5 Wochen und behandelt die Wohltätigkeits-Institutionen, die Fürsorge für arme Familien und die soziale Arbeit. IcmlTefoii. Abgerissen. Skizze von I. D Ber ko w i t sch. Aus dem Hebräischen. (Fortsetzung). HI. Nach einer Woche voll Leiden und Wanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung starb Salomon. Als Doktor Winik zum Bruder kam, fand er im Hofe geschäftige Juden, die mit besorgten und traurigen Gesichtern nach verschiedenen Ecken liefen. Einige säßen in kleinen Haufen auf der Straße und sprachen leise; die anderen traten zum'Gemüsegarten, der sich neben dem Hause befand, stützten sich ani Zmin und betrachteten das Grüne, das dort wuchs. Sie tvarcn überden Tod Salomon's sehr betrübt, der solch' ein tüchtiger Hauswirt! Selbst brachte er den Zaun am Gemüsegarten an; selbst mähte er in freier Zeit das Gras. . . Einige marschierten auf der Straße herum, gestatteten sich, in die bäurischen Wagen hincinzublicken, in denen sie etwas zu kaufen suchten. Die Weiber standen mit rotgeweinten Augen an der Tür des.Hauses. Einige von ihnen hatten warme Tücher um den Kopf, trotzdeni ein heißer Sommertag dastand. Aus dem Hause hörte man einzelne weinende Stimmen, und es war sonderbar, daß an solch' einem hellen Tage, mitten im Sonnenglanz, ein Haus mit seinem Weinen und Stöhnen gegen Gott sich ausnehmen konnte. Als der Doktor sich dem Hause näherte, räumten ihm die Juden den Platz. Er trat in's Haus hinein. Einige Minuten sah er um sich, bis ihm alles im Zimmer klar tvurde: Auf der schmutzigen, feuchten Diele, zwischen den eingcknitschten Strohstengeln, lag die Leiche, die ijiit einem alten Tuche bedeckt war. Vor ihrem Haupte brannten zwei Stearinlichter, die in verrosteten, kupfernen Leuchtern steckten. Auf dem leeren Bette saßen zwei alte Weiber und nähten das „Leichengewand". Ihre wie Pergament aussehenden Gesichter waren düster. Es war eine gewisse Kaltblütigkeit für das fremde Unglück auf diesem Pergament zu lesen. Auf den Bänken saßen Mädchen und Frauen, die mit einander sprachen und dabei Len Kopf mit ernster Miene schüttelten, als ob sie sagen wollten, daß man nicht murren dürfe. Die Jüngeren unter ihnen hielten -weiße Schnupftücher in den Händen. Die schwangere Frau des Toten stand in einer Ecke an dem Ofen und schluchzte laut. Ihr zuFüßen lag ein schnrutziges Kind, das mit einem Stock auf die Diele schlug. Um sie herum standen ihre älteren Knaben. Das Gesicht des neunjährigen Knaben war schmutzig und tränennaß. Er weinte laut mit aufgcrissenem Munde, ohne auf jemanden zu achten. Der Jüngere betrachtete mit weit geöffneten Augen. die Füße des Toten, die durch das Tuch sichtbar waren. Sein mageres Gesicht war bleich und hatte den Ausdruck eines erschreckten Lainmes. . Moische-Aron stand mit dem Gesichte zur Wand gewendet und bedeckte das Gesicht mit den Händen, indem er sich an der Kommode stützte. Tante Malke nickte langsam und traurig mit dem Kopfe und hörte damit auch dann nicht auf, als der Doktor" eintrat. Ihm kam es vor, daß sic ihm mit dieser Bewegung sagen wolle: „Sich, was Du uns angetan hast." Der Doktor fühlte sich so dumpf und stumpfsinnig, wie Einer, der einige Nächte durchwacht hat. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, und er spazierte in Verlegenheit auf und ab. . Aus dem Kreise der Mädchen, die auf der Bank neben der Tante Malke saßen, blickte das liebevolle Köpfchen ihrer Tochter hervor. So oft sie ihn mit ihren tränenvollen Augen anblickt, legen sich ihre Lippen zu einem kaum sichtbaren Lächeln zusammen. Beim Anblick dieses Mädchens fühlte der Doktor eine Erleichterung und lächelte es unwillkürlich an. Er schaute um sich, und sein Blick traf die verweinten Augen der schwangeren 'Frau. Es wurde ihm alsbald sehr ungemütlich und er eilte ins Vorhaus hinaus; die Juden, -die dort leise miteinander sprachen, schwiegen und gafften ihn an. Einer von ihnen, ei» alter Mann von kleinem Wuchs mit langem, breitem, graulichem Barte, trat an ihn heran. Es >var der Schameß des Bcis-Hamedresch (Synagogendiener). „Ja, so! . . ." — sing er an — „was soll man machen? Schade! ... — Ein junger Mann in voller Blüte. — Ein braver Jude! . . . Hat sich selbständig ernährt. . . . Schade — vier Kinder — die Frau in Schwangerschaft .... Ja, helfen kann man da nicht .... Haben Sie vielleicht eine Cigarette? Ich glaube: Sie rauchen . . . Ich erinnere mich ..." - Der Doktor gab ihm seine Cigarrentasche und fragte: „Was? ..." „Mchts . . . ich sage . . . Hm . . . Knabe bleibt Knabe. Dies habe ich immer im Beis-Hamedresch beobachte» können: Die Vorübergehenden rauchen, werfen die Zigarrenavfälle weg, aber die Jungens fangen sie auf und bringen sie in den Mund . . . Dummköpfe . . . Haben Sie auch Zündhölzer? Ja, Schade. — — — Der Doktor gab ihm Zündhölzer und empfand etwas Abscheuliches vor diesem -Mtcu, vor seiner heiseren und schnarchenden Stimme. Er ging zur Türe des Borhauses, um sich den neugierigen Augen, die ihn von allen Seiten her betrachteten, zu entziehen. „Da geht nun Simche Leibes," benachrichtete ein Jude, der auf der Bank vor dem Hause saß. Der Doktor schaute ans und erblickte einen krummbeinigen Inden, der sich mit langsamen Schritten dem Hause näherte, indem sein Bart hin und herschaukelte. Es schien, als ob er auf einer Stelle stolpere und nicht vorwärts komme. Es >var Reb Simche, Vorsteher des Beis-Hamedresch. Ein guter Alter, über den man sich wegen seiner schrecklichen Kargheit und seines sonderbaren «Umgangs mit seinen Hausleuten lustig zu niachen pflegte. Doch ehrte man ihn, und er wurde als eine Autorität in Ritualfragen angesehen. - „Warum warte» Sie? Warum waschen Sie die Leiche nicht ab?" schrie Reb Siniche noch aus der Ferne zu, noch bevor er die Tür erreicht hatte, „warum läßt man die Weiber Iveincn? Darf man denn eine Leiche aufhalten? Wo ist Moische-Aron? Er ist doch ein Bruder!" Unter all den Leuten, die am Hause standen und schwiegen oder mit einander leise sprachen, hat sich nur Reb Simche sich ganz frei zu halten crlauhen können. Er schien an solche Fälle gewohnt zu sein. Seine reinen ruhigen Augen sahen nicht zum ersten Male.solche traurigen Szenen. Reb Simche trat in's Vorhaus und bemerkte dort den Doktor Winik. „Nun gut, auch Levele ist hier. Was ist nun? Ich frage: warum wäscht man die Leiche Vicht ab? Wozu das unnütze Weinen? Kann denn der Mensch dadurch lebendig werden?" « Er nickte mit dem -Kopfe und' betrachtete den Doktor!! Dann wandte er sich an die Juden, die im Vorhause standen und gafften: „Ah nu! . . . Sie stehen da und warten! Seid ihr denn gekommen, um da zu gaffen? Ah! . ." Doktor Winik betrachtete verwundert den Reb' Simche. Der Schameß näherte sich ihnen. „Was giebt's Reb Simche?"

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