Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 28 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wmm «SPSP u Seite 2. frankfurter Israelitisches FamilienÜlatt. Nr. 26. Die Woche. verstehen. In der Schute wird das Hebräische sorgfältig gepflegt, aber gleichzeitig auch eine europäische Sprache. Es werden jetzt Maßnahmen getroffen, ein Gymnasium in Palästina zu gründen! Kurzum das jüdische Leben entwickelt sich auf einer nicht nur religiösen, sondern auch echt nationalen und moralischen Basis. I. C. Geschichte der Juden und des Judentums in Marokko. Von Dr. Nachum Slonschtsch, Professor für hebräische Sprache und Literatur an der Pariser Universität. Auf Staatskosten veröffentlicht. Paris, 1906. Ernst Leroux, Editcur. (Schluß.) In dieser religiösen und intellektuellen Bewegung begegnen wir Männern wie Jchuda bcn Koreisch, Donasch bcn Labrat und Jehudy ibn Haychudy. Meistern der hebräischen Sprache, und auf der andern Seite den schon erwähnten Samuel den Hofni und Isaak Alfafsi, talmudischen Genies unwichtigsten Repräsentanten der xabbinisch.cn Schule» von Fez, Draa und Sidijelmasa. In diesem Zusammenhang verweist Uns der Verfasser auf das Leben der eingeborenen Inden, die dem talmudischen Judentum abtrünnig geworden sind, und betont, daß cs grundfalsch sei, den Rückgang des orthodoxen Judentums in Afrika dem Umsichgreifen des Karäertums zuzuschreibcn. Entgegen« Her Annahme von Grätz und Fürst behauptet Herr Slonschtsch auf Grund historischer Data, daß das Karäertum erst nach dem elften Jahrhundert in Afrika aufblühte. Tatsächlich, lebten die Inden-Berber int Mittelalter in den südlich gelegenen Oasen, und das Karäertum spielte dort eine untergeordnete Rolle. Die Geschichte der Juden in Marokko von 1391. bis 1492, also bis zum Exil der 'spanischen Juden, schildert uns der Verfasser im vierten Teil des Buches. Imletzten Kapitel seines Buches, auf die heute in Marokko lebenden Juden zurückkommend, glaubt Herr Professor Dr. Slouschtsch, vier Judenkategoricn des heutigen Marokko unterscheiden zu können. 1. Die Abkömmlinge und Nachkommen der Urbevölkerung, die die Verfolgung aller Epochen überlebt und sich besonders mit den Juden, die aus dem Osten kamen, vermischt haben. Die Eroberung des Landes durch die Araber setzte ihrer politischen Unabhängigkeit ein Ende, uird ihr Los ist ähnlich dein der Judeo-afrikanischen Bevölkerung. 2. Die Bewohner der bergigen Gegend des Attas und des Riff. 3. Die Juden, welche sich der arabischen Sprache bedienen, bilden ein Element des römisch-byzantinischen Stadtbewohners, waren mehrere Male Spanien tributär und stellen die Nachkommenschaft dar der Emigranten aus den muselmänischen Ländern. Diese . Gruppe bUdet die Elite des marokkanischen Judentunis, sie sind sowohl materiell als moralisch das stärkste Element. Sie hängen mit Ergebenheit am Judentum und an seiner Vergangenheit. 4. Die „Romani"-Gruppe, d. h. die spanischen Juden. Diese Gruppe unterhält wenig Beziehungen zu ihren Staminesgenossen, obgleich sie sich gleich der dritten Gruppe ebenfalls. des Arabischen als Umgangssprache bedient. , Bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts lebten die marokkanischen Juden von der Welt verlassen, etwa wie die europäischen Juden im Mittelalter. Erst die Eroberung Algieriens durch die Franzosen im Jähte 1830, die Beziehungen der scherifischen Regierung zu einigen europäischen Staaten, alsdann die Intervention Montefiore's und endlich das Bildungswerk der Alliance haben ihre Wirkung aus die Regeneration der marokkanischen Juden nicht verfehlt. Sie entwickeln sich jetzt rascher denn je, und je mehr das europäische Element in Marokko eindringt, desto mehr werden die marokkanischen Juden davon profitieren. Ihre Lage dürfte sehr günstig werden, da sie dort jetzt die Vermittlerrolle (werden übernehmen können. Die größte Affaire Frankreichs ist zu Ende, was vorauszusehen war, ist geschehen: Dreysuß ist Nach 12jähriger Degradierung rehabilitiert worden, er tritt wiederum in die Arrnee ein und wird' gleichzeitig Ehrenlegionär und Major. All das und was drum und dran, ist unseren Lesern bereits von der Tagespresse bekannt. — Was bedeutet dieser Ausgang für Frankreich? Ein endgiltiger Sieg der linksstehenden Parteien des Fortschritts, aber gleichzeitig eine endgiltige Niederlage der rechtsstehenden Jkeaktionäre. Zwei Systeme standen sich gegenüber: Der Fortschritt, getragen von Recht, Wahrheit und Gerechtigkeit, auf der einen Seite, der Rückschritt, fußend auf Ungerechtigkeit und die dazu gehörenden Lügen, Verbrechen und Gewalt, auf her anderen Seite. Die Wahlen haben den Kampf entschieden, der Fortschritt hat gesiegt über das reaktionäre Trio: Autokratismus, Chauvinisnius und Klerikalismus. Jetzt kommt das Urteil der vereinigten drei Kainmern, die das höchste Gericht chcs Landes ausmachen, und v e r v o l l st ä n d i g t die Niederlage des löblichen Bundes „Chut hnmschnlosch". Auch das ist vielleicht nicht unbekannt, und doch scheint es' uns angebracht, dies hier zu konstatieren. Worauf wir aber besonders den Leser aufmerksam machen wollen, ist auf die Art, wie die beiden Kammern, Parlament und Senat, das begangene Unrecht gut gemacht haben, der Vorgang bei der Proklamiernng der Wahrheit ist geradezu grandios, nicht jedes Volk ist dazu fähig. Frankreich'hat sein Gewissen gegenüber dem einen Juden rehabilitiert, sein Lohn wird sicherlich .nicht ausblciben; schon jetzt erntet es die Früchte der schönen Tat in reichem Maße. — Und doch hat dasselbe Frankreich gar viele Juden auf seinem Gewissen, die Toten B j c lv st o ks sind es und die 5 bis 6 Millionen noch lebenden Juden Rußlands, die in beständiger Angst vor den Pogromen des kommenden Tages leben, vor dem Pogrom, der mit dem französischen Geld gemacht wird. . . . Gewiß hat Frankreich das Verbrechen der Anleihe an das Rußland der Pogrome in Gemeinschaft mit anderen Völkern begangen; allein, was für das zerfahrene, monarchistische Oesterreich, das nicht einmal an die R e v i - s i o n seines H i l s n c r' s denkt, verständlich ist, ist für das republikanische, dcmokratische Frankreich, das bereits an der Rehabilitation seines Dreyfuß steht, unverständlich . Und wir Juden? Welches war unser Verhalten zur Verurteilung Dreyfuß? Zn unserer Schande sei's gesagt, daß in der Annahme, daß Dreyfuß ein Verräter sei, obgleich jegliches Motiv zur Tat fehlte, sich unsere Brüder an meisten hervortaten. — Die erdichteten verleumderischen Makel, welche 'unsere verschworenen christlichen Feinde uns böswiUig anhängen, werden von vielen unserer Brüder als Tatsachen hingenommen; mehr oder minder zu antisemiteln, gehört zur Klugheit und Objektivität.. . . Mancher, der sich! als Oberjude dünkt, glaubt aus sogenannter Wahrhaftigkeit mit der größten Skepsis den Tugenden, den Fähigkeiten und der Kraft feines Volkes gegenübertreten zu müssen; dieser Goluszug bringt uns viel Verderben, er richtet unsägliches Unheil an. * * ■ ♦ Die Tragik eines Volkes, das von seinem Boden entrissen ist, äußert sich besonders in der E n t - stellung seiner Kultur, seines geistigen Schatzes. Daß gewisse Ideen manchmal/den entgegengesetzten Sinn erhalten, wen wollte das wundern; tritt doch das Subjektive im menschlichen Leben fast überall in die Erscheinung. Allein, daß klare, auf der Oberfläche liegende Gedanken bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden, dazu kann nur ein verkümmerter Geist eines unsteten Volkes gelangen. Dieser Gedanke.drängte sich uns auf in Anbetracht der Broschüren und Zeitungsaufrnfe der letzten Zeit, die bedeutende Namen verschiedener Gaonim (Slouchzcr Raw, Oberrabbiner von Waitzen usw.) tragen, und bezwecken, zu beweisen, daß Esrogim, die sicher von Chaschasch (Befürchtung-) „Orloh" oder „Harkowo"-frei sind, zu bevorzugen seien vor Esrogim, die diesen Heiden Jssurim ausgesetzt sind. Es klingt paradox, und doch ist es. so: die ändern werden einfach 'vorgezogen — daher die Mahnungen der Babbinen, — und meistens von unseren Allzufrommen.. . Man will eben , ein besonders schönen Esrog haben, das andere ist Nebensache . . äst das besonders schöne im Lande der Vater von der Arbeit der eigenen Brüder, 'deren Erwerb es ist, nicht zu haben, dann ist ein A n t i s e m i t e nnest auch gut, mau kaust eben den „Mamser" —, den „Morkow" und „Orloh"-Esrog im fremden Lande, von einem judenfeindlichen Volke. So werden einfache Gebote von Golusjuden verstanden und gehandhabt. Pretzstimrrren. Uebcr die Finanz- und- Wirtschaftslage in Rußland enthält das Abendblatt der „Frankf. Ztg." vom 16. d. M. .eine eingehende Darstellung, deren wesentlichsten Stellen wir nachstehend wiedergcben: „Nach Abzug des vorhandenen freien Barbestandes blieben aini 1. Januar 1906 Rubel 180 Mill. ungedeckt; das heißt: der viel gerühmte Reservefonds der russischen Regierung, mit dem Graf Witte so erfolgreich operiert hatte, war damit zum ersten Mal seit 1887* nicht' nur völlig aufgezehrt; zur Deckung der pro 1905 etatsmäßig noch zu leistenden Ausgaben fehlten darüber hinaus noch Rubel 180 Mill. Dazu traten nun die Bedürfnisse des Finanzjahres 1906, die im Ordinarium mit Rubel 2018 Mill., am Extraordinarium mit Rubel 492.9 Mill. angesetzt sind. Von den auf diese Weise insgesamt zu deckenden Rubel 2691.0 Mill. sollen Rubel 2029.9 Mill. durch ordentliche Einnahme» (abgesehen von dein geringfügigen Ertrag der sog. eivigen Depositen der Staatsbank) eingebracht werden, so daß noch Rubel 661.1 Mill. auf dem Anleihewege zu decken bleiben. Die Operation mit den Schatzwech.seln hat hierzu nur in geringem Maße beigetragen. Nach der oben erwähnten aintlichen Veröffentlichung sind zur Zeit Schatzwechsel über einen Nominalbetrag von Rubel 235.9 Milk. in. Umlauf. Da die Höhe des Zinsfußes und die Lauffrist nicht bekannt geworden ist, so kann män den faktischen Erlös nur schätzungsweise berechnen; kürzt man 5%' Proz. Zinsen und 1 Proz. Provision, so würde sich der Erlös auf Rubel 220.6 Mill. stellen. Hiervon sind nun zunächst die im April 1905 bei dein Hause Mendelssohn-Berlin diskontierten 5proz. Schatzwcchscl über Rubel 150 Mill. eingelöst worden; der Staatskasse sind somit nur etwa Rubel 70 Mill. aus dieser Operation zugeflossen. Dann ist im April d. I. die große 5proz. Anleihe über Rubel 843% Mill. emittiert worden. Der Kurs, den die russische Regierung erhält, war bisher nicht mit völliger Sicherheit zu erfahren, doch ist sicher anzunehmen ,daß er nicht viel mehr als 83^ 'Proz. beträgt. Das würde einen Erlös von Rubel 704.5 Mill. ergeben (von anderer Seite wird er noch erheblich niedriger beziffert), wobei noch zu berücksichtigen ist, daß ein allerdings nicht genau zu bestimmender Teil davon erst inl Jahr 1907 ausgezahlt wird. Aber selbst wenn man hiervon absieht, so sind für 1906 dach nur etwa 774,5 Mill. '(Ergebnis der Schatzwechsel und der Anleihe) disponibel, aus denen dann noch am. Schlüsse des Jahres die Rubel 235.9 Mill. Schatzwechsel ganz oder doch zum größten Teile einzulösen bleiben' (dies unter der freilich nicht ganz sicheren Annahme, daß das Ziel der Schätzwechsel nicht wesentlich über das Jahr 1906 hinausreicht). Dann bleibt von dem ganzen Anleiheerlös, nicht einmal mehr genug übrig, nur das bestehende Defizit vvn Rubel 661.1 Mill. zu decken. Wenn man also geglaubt hat, daß die Regierung durch die letzte, Riesenanleihe sich auf längere Zeit hinaus mit Geld gedeckt und nicht nur für die unmittelbarsten Bedürfnisse, sondern auch für etwaige weitere noch unvorgesehene Anforderungen vorgesorgt habe, so erweist sich das als Irrtum. Trotz dieser enormen Geldaufnahme bleibt die Finanzlage durchaus prekär; jeder neu an die Regierung herantretende Anspruch stößt das für den Moment erzielte Gleichgewicht wieder um und kann nur durch neue Kreditoperationen befriedigt werden. . . . . Gerade die Entwickelung des Kursniveaus der russischen Staatspapiere und der sonstigen Anlagewerte an der Petersburger Börse bringt die Nachwirkungen des Krieges und der inneren Unruhen mit voller Deutlichkeit zum Ausdruck. Die 4proz. Staatsrente, die Ende 1905 noch 80V» Proz. notierte*, steht jetzt auf 72% Proz.; die 5proz. inneren Anleihen von 1905h die nach dem Friedensschluß den Paristand erreichten, sind' auf 90 bezw. 89% Proz. zurückgegangen, die neueste 5proz. Anleihe notiert 86% Proz., die 4%proz. Obligationen der St. Petersburger Kreditgesellschast notieren 78% gegen 82% bis 83 Proz. am 31. Dezember 1905, die Pfandbriefe der privaten Agrarbanken 71 bis 75 Proz. gegen damals 75 bis 78 Proz. Die staatlichst Adelsagrarbank, die vor dem Kriege ihre Mittel durch 3%proz. Pfandbriefe verschaffte, hat seitdem zu dem Typus von 4 Prozent, dann von 4% Proz. und jetzt gar von 5 Proz. übergehen müssen, und auch diese 5prozi Pfandbriefe, die vor Monatsfrist noch etwa 84 Proz. notierten, finden jetzt