Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 28 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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3lxau&1uviet Ifrarlilifdirü fiinilinlilatt. I! Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk.. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— T- .- - . ■ —.J HedaKtton imd HefchäftsstMe: Zranlcfurl 2. M., Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße T-r-fo« 10507. ■1 'X £ HemusgeSsr: Sarg Geis. r- , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile.. . . 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. i .. n >. 4. Jahrgang. Freitag, de« 27. Tamus 5666 (20. Juli 1906). Ro. 28. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die palästinensischen Kolonien. — Geschichte der Juden und des Judentums in Marokko. — Die Woche. — Preßstimmen. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Abgerissen. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizw ohs. — Ver eins -.Kalender. Die palästinensischen Kolonien. Paris, im Juli. Eine sehr lehrreiche Vorlesung über öe» gegenwärtigen Zustand der palästinensischen Kolonien gab jüngst Herr Ingenieur Kliniker, der nach Vollendung seines Studiums an der Pariser Universität 15 Jahre Direktor einer chemischen Anstalt in Kischinew war und 1903 nach Palästina übersiedelte, Ivo er bald ein brachliegendes industrielles Gebiet, nämlich die Nutzbarmachung der Abfälle der Weinfabrikation, zu seinem Berufe machte. Er errichtete in Rischon Lezion eine chemische Anstalt, gab so vielen jüdischen Arbeitern Beschäftigung und sah sein Unternehmen von glänzendem Erfolg gekrönt. Herr Kliniker, in Sachen seiner Industrie in Paris anwesend, nahm zuvorkommend die Einladung des zionistischen Vereins „Mewasseres-Zion" an, seine beruscncn Ansichten über die Aussichten der Kolonisation zu äußern. In geschlossener Form und mit einer Fülle von statistischen Eingaben ausgcstattetem Inhalte zeigte er die aussichtsvollen Fortschritte der Kolonisation. Ich will hier auszugsweise die Hauptpunkte seines Vortrages reproduziere:,, die jedem Inden von lebhaftem Interesse sein dürften. Es ist mehr oder weniger bekannt, welche Fehler anfangs in der Kolonisation — sei es ans Uncrfahrcnhcit, sei es aus Leichtsinnigkeit — angehäuft wurden. Die Spuren dieser Fehler, die das Beste unserer Hoffnungen zu »ichie zu machen drohten, lassen sich noch zur Zeit fühlen. Aber die Uebernahme der Kolonien durch die Jca, sowie die inzwischen entstandenen zionistischen Organe haben darin günstigen Wandel geschaffen. Es ließe sich Vieles als Gegensatz zwischen den alten und neuen Systemen anführen, doch sei hier Jber Hauptgcgensatz erwähnt, nämlich, daß die Jca wie der Zionismus nicht, wie das ehe- . malige Regime, Personen stützen, um sie 'solchergestalt zu einer Art Chalnka herabznwürdigcn, und so einen kläglichen Favoritismus mit seinen unvermeidlichen Begleiterscheinnngen von Mißbräuchen und Müßiggang zeitigten — sondern daß sie die ans das Gemeinwohl zielenden Anstalten, die gesellschaftlichen Organe unterhalten. Ein weiterer Unterschied, der als Folge dieses Wandels erscheint, läßt sich daran wahrnehmen, daß -früher ganze geschlossene Gruppen nach Palästina auswanderten, aber die Mißwirtschaft der Administration brachte Zerwürfnisse und Unhelligkeiten in diese Gruppen, wahrend gegenwärtig einzelne Personen nach Palästina ziehen, die Kraft der neu geschaffenen Verhältnisse sich auf Ort und Stelle zu Gruppen zusammentnn und so ein ausgeprägteres soziales Zusammenwirken hcrbeiführen. Ueberdies, bei dem alten Systeme war alles dazu angetan, den energischen, unternehmungslustigen Mann matt zu machen, jede Initiative lahm zu legen. während die nengeschaffenen Organe eine, naturgemäße Zuchtwahl bewirken, laut welcher dem Tüchtigeren zum Erfolg verholfcn wird. Die Kolonien machen jetzt eine Krisis durch, die nur als die Nachwehen der vormaligen Miß- Ivirtschaft erscheint, ei» trauriger Nachlaß der vorherigen plan- und ziellosen administrativen Bodenanlage», bei denen der Weinbau ohne jede Berechnung als ökononiische Grundlage genommen wurde. Jeder Kolonist verkaufte seine Trauben der Administration, die, durch großangelegtc Vorrichtungen sie zu Wein verarbeitete, dessen Vertrieb einigen Firmen als Monopol zuerkannk wurde, so dem Carmel in Rußland, Eljadah in Hamburg usw. Aber, sei es, weil, wie die Kolonisten behaupten, der Vertrieb eben monopolisiert wurde, sei es, weil das noch vom vorigen Regime mit tollem Kostenaufwande eingeführte Herstellungsverfahren des WcinS zn teuer zu stehen kommt, immerhin bleibt die Hälfte des jährlich produzierten Weines unverkauft ans dem Lager. Jetzt handelt cs sich darum, den Weinkelter der.Verwaltung der Kolonisten selbst zu überweisen, die sich einer billigeren Fabrikation zu befleißigen haben werden. Als eine sehr rentable Branche haben sich die O r a n g e n p f l a n z u n g e n erwiesen. Die palästiner Orangen lassen sich unversehrt in überseeische Länder transportieren und gelten als die beste Varietät dieser Frucht. Besonders wird der Orangenbau in der Kolonie Pessach-Tikwoh betrieben; auch die anderen Kolonien fangen nach und nach an, dort, wo die erforderlichen Bodenverhältnisse günstig sind, Orangengürtcn anzulegen. So hat die Kolonie Rehowoth 60 000 Fr. für Orangen dieses Fahr eingenommen. Auch werden M a n d e l b ä n m e nnt Erfolg angebant. Von besonderer.Rentabilität könnte der O l i v e nb a u m sich erweisen, aber dieser Baum kommt in vollen Ertrag erst in seinem 12.—15. Jahre, und der gewöhnliche Kolonist kann keine Auslagen auf eine so entlegene Frist machen. Die Kultur des Olivenbaums, die später zur Erwerbsquelle für Tausende Menschen sich gestalten könnte, sollte daher Sache des Nationalfonds werden. Palästina ist auch das Land zahlreicher industrieller Pflanzen. So zum Beispiel gedeiht dort der Rizin n s b ä n m, dessen Oel nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Industrie verwertet wird. Manche Kolonisten haben Rizinusbaumpflanzungen angelegt und versprechen sich mit Recht davon ein gutes Erträgnis. Eine Pflanze, deren Anbau man mit Verwundernin Palästina vermißt, ist die Baumwolle. Egypten, das dasselbe Klima wie Palästina hat, betreibt diese Kultur im großen Matzstabe. Man berechnet in Palästina etwa 3—1 Millionen Dun am für diese Pflanze geeignetes Land. . Man ersieht aus diesen einzelnen Beispielen, daß in Erez Jisroel ein weites ergiebiges Gebiet für un ternehmungslustige Kräfte offen steht. Aber am dringendsten erscheint uns die Landkauffrage. Der jüdische Landbesitz erweitert sich wohl nach und nach, aber zu langsam, damit man nicht die berechtigten Befürchtungen hegen müsse, daß die gleichzeitig von anderen Nationalitäten angcworbenen Ländereien uns eines Tages nichts mehr übrig lassen! So 'ist schon das Carmel-Gebiet fast gänzlich in nichtjüdischen Besitz geraten. Die Russen schaffen sich immer mehr Land käuflich an, öffnen dort Schulen, und verpflanzen ihre große Intoleranz unter die Araber. Viele Araber ans Tripolis und andern Ländern wandern nach Palästina und erwerben weite Länderstrecken: so haben sie zwischen dem eine Stunde Gang von Jaffa gelegenen Dorfe Jasur und Ramlah eine ganze Reihe von Orangepslanzuugeu angelegt. Freilich gibt es noch große Länderkomplexe, welche zu billigem Preise erworben werden könnten, so das fruchtbare Tal Jsreel in Galiläa usw. Die Juden sehen aber leider glcichgilrig zu, daß Fremde das Land in Besitz nehmen. Schon nicht ans sentimentalen oder nationalen, sondern bloß aus rein praktischen Gründen sollten jüdische Geldlente dort Land anwcrbcn,^ da der Preis des Landes von Jahr zu Jahr steigt. Diese permanente Tendenz der Bodentenerung lediglich sollte jüdische Kapitalisten wenigstens aneifern, Land 'in Palästina anzukaufen und hernach an Juden iveitcr zu veräußern. Ein herzerfreucndes Bild zeigt das sich entwickelnde jüdische Rat i o n a l k e b e n. Das gesellschaftliche Leben wird hier nicht wie in anderen Ländern von fremden Momenten bestimmt: die sozialen Formen des jüdischen Lebens schälen sich aus dem jüdischen Wesen selbst heraus, da das Leben selbst ans allen Gebieten nur von Inden geschaffen wird. Lcroy-Bcaulien sagt, daß, wenn eine jüdische Gesellschaft irgend wo, sich selbst überlassen, frei sich entwickeln könnte, sie die übrigen Völker mit einem ungeahnten Bild von gesellschaftlicher Ordnung überraschen würde. Dies ist eben der Fall in Palästina. In den jüdischen Kolonien gibt es keine mit materiellen Machtbefugnissen versehene Autorität. Es gibt keine Diebstähle, keine Betrunkene. Eine städtische Behörde hätte auch dort nichts zu tun gehabt: sie hätte keine Gewalttaten zu verhindern, keine llcbergriffe zu ahnden. Wenn ein Mißverständnis, ein Händel entsteht, so gelangt es zu keinen Raufereien: die Affäre wird schiedsrichterlich ausgeglichen. Jede Kolonie hat ein Komitee, das die allgemeinen Angelegenheiten verwaltet, und Jeder fügt sich bereitwillig diesen auf das Gemeinwohl hinauslaufenden Bcstimmnngen. Wenn irgend eine Streitigkeit zwischen einem Juden und einem Araber vorsällt, zieht es stets der Araber vor, die Streitsache dem jüdischen Komitee vorzubringen und nicht den Landesbchörden. Ein jüdisch-nationales Gefühl entwickelt sich in der jüdischen Masse. So läßt sich kein Beispiel anführen, wo ein Jude sein Grundstück, sogar unter dem Drucke von dringendsten Umständen, einem Nichtjuden verkaufte. Das Hebräische bildet sich allmählich zur nationalen Sprache ans. Dies wird durch die Schule bewirkt. Die Kruder setzen ihren Stolz darauf, ein fließendes, wohllautendes Hebräisch zu sprechen. Es kommt oft vor, daßdie Mütter zum Kinde Jargon spricht, aber das Kind hebräisch antwortet. Indessen gibts schon viele Faniilien, in denen das Hebräische den Kindern mit ihrer Muttermilch beigebracht wird und die Kinder bis zum Schulalter keine ander: Sprache