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Neue jüdische Presse · 1906-07-13 · Heft 27 (13.7.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 27 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FamilienblaÜ. Nr. 27. München. SeincnsechzigstenGeburtst a g feierte der kgl. Akademieprofessor und Kunstmaker Edmund Harburger. München. Beförderungen Zumk Oberarzt tvurde befördert: der Assistenzarzt Dr. Meyer im 1. bayerischen Feldartillerie-Rcgimcnt. — Zu oberbayerischen Landräten wurden gewählt: der Kaufmann Karl Ü k l m a n n in München und der praktische Arzt Dr. Le h m a n n in München. (Hiermit ziehen d'e ersten Juden in diese bisher so feudale Korporation.) — Zum Landratstellvertreter wurde gewählt: der Fabrikant Norbert D a » z i g e r in München. — Zum Rcichsgerichtsrat wurde ernannt: der kgl. baycr. Oberlandesgerichtsrat Theodor Meyer, in Zweibrücken. (Die „Münchner Neuesten Nachrichten" schreiben, daß Meyer Jude sei, während einige jüdische Zeitungen sagten, Meyer sei vor einigen Jahren getauft. Wenn Meyer wirklich noch Jude ist, so ist er wohl der erste ungetanste jüdische Neichsgerichtsrat.) — Zum Schwurgerichtspräsidenten der 4. Periode wurde ernannt: der kgl. Oberlandesgerichtsrat Eduard Silbermann in München. — Zum kgl. Landgerichtsrat wurde befördert: der Amtsrichter Rudolf Jacob in Nürnberg. — Zu kgl. Amtsrichtern wurden die Amtsgcrichtssekretäre Joseph Hesselberger in Ludwigshafen und Albert Frank in Vohenstrauß und zum kgl. Amtsanwalt: der Rechts- Praktikant Karl Bär bei dem Amtsgericht Wolfstein ernannt. — Der Rang und Gehalt eines kgl. Obcrlandesgerichtsrates wurde verliehen: dem 2. Staatsanwalt Dr. Wilhelm Silberschmidt in Zwcibrücken. — Zum kgl. Handelsrichter wurde ernannt: der Bankier Georg K o h n in Nürnberg. — Zum kgl. Gymnasiallehrer wurde der Assistent Dr. Wilhelm Schäfer am human. Gymnasium in Speyer und zu kgl. Reallchrcrn der Lehramtskandidat Dr. Joseph Dachauer und der Assistent Friedrich Joseph ernannt. Zum kgl. Postiexpcditor 1. Klasse wurde der Adjunkt Siegfried Freund lich in Zweibrückcn, zum kgl. Oberpostassessor der Posta, >essor Ludwig Regensteiner in Augsburg, zum kgl. Postadjunkten: der Postgehilse Oskar Jakob in Nürnberg ernannt. Zürich. Sterbefall. Nach langem Leiden verschied im 68. Lebensjahre Herr Wcil-Hcilb r o n n e r, Vorstandsmitglied der Israel. Gemeinde, Präsident der Armenpflege und der Toleranzkommission.! Paris. Preis-Anerkennungen. Die französische Akademie hat dem Rabbiner L e v y - Dijon einen Preis von 500 Fr. zuerkannt für seine Schrift: La Familie dans l’antiquite israelite. Einen gleichen Preis erhielt der Kommandant Ernst Pikard für seine Arbeit über'Bonaparte und Moreau, sowie Lucien Lazard von der Academie des Sciences onorales et politiques für sein Repertoire alpliabdtique du fonds des domaines. Warschau. Sterbefall. Jnr Alter v n 63 Jahren starb der Advokat Adolf Jakob K o h c n , Redakteur der „Jsraelita" und Bevollmächtigter des Zentral-Bureau der „Jca". Kohen hat im Aufträge der historisch-ethnographischen Kommission der Petersburger Jüdischen Bildungs-Gesellschaft das Material für eine Geschichte der' Juden ,iit Polen gesammelt; zur Herausgabe des Werkes ist es jedoch nicht gekommen, da er durch das tragische Ende seiner Tochter (Fall aus dem Eisenbahnwagen) schwermütig geworden war. Philippopel» 6. Juli. Diese Woche verließ Herr Albert Schmil, einer der angesehensten unserer jüdischen Bürger, Philippopel, um nach Berlin übcrzusiedeln. Herr Schmil hat in seiner langjährigen Eigenschaft als Gemeindepräsident viel geleistet: ihm ist es zu verdanken, daß die jüd. Gemeinde in' Philippopel auf einem höher» kulturellen Niveau steht als die übrigen bulgarischen jüdischen Gemeinden. Die hiesige B. B. Loge, deren Präsident Herr Schmil gleichfalls war, veranstaltete ihm zu Ehren eine Abschiedsfeier. Jeruschalmi. Die Cohnheims. Roman von Jacob Levy. (Schluß). 15. Kapitcl. Erich Cohnheim verlebte glückliche Tage im Hause seines Bruders. _ Er brachte viele stunden bei Emil zu, dessen Zeitungsunternehmcn ihn ungemein interessierte. „Das könnte mich noch reizen, mit in den Kampf zu treten, alle meine Kräfte anznspanncn, um für die Gleichberechtigung Aller zu streiten." Emil lachte. „Onkel, behalte ruhig Dein Bankgeschäft, freue Dich Deines Vermögens und lies mit Behaglichkeit die Zeitungen, die wir unter Aergcx und Aufregung schreiben. Die Sache ist nicht so ideal wie Dü glaubst, wir werden durchaus nicht als Wohltäter der Menschheit respektiert. Ich speziell gehöre zu keiner Partei und habe unter Umstände» alle Parteien gegen mich." r; „Das «tut nichts. Ich liebe den. Kamps. Ich möchte mich 'mit einer halben Mion an Deiner Zeitung beteiligen." Emil erwiderte ernst: „Onkel, das darfst Du nicht, Dü würdest Tein ganzes bisheriges Leben verleugnen. Hättest Du auch diese Sympathie für meine Ansichten, wenn Rolf ein guter Sohn wäre? Mag er handeln wie er will, Dü hast ihn in die Bahn gedrängt und darfst auch heute nicht die Rücksicht gegen ihn außer Acht lassen." „Emil, ich weiß, daß ich mir eine Fessel geschmiedet habe, die unzerbrechlich ist. Und Dü bestätigst cs mir — jetzt zwanzig Jahre nach meiner verbrecherischen Torheit, da ich jetzt allen Zusammenhang mit den sogenannten vornehmen Kreisen verloren habe, muß ich noch Rücksicht darauf nehmen, darf nicht handeln, wie ich tvill. Trotz meiner Millioiien ist mein Leben ein verfehltes." „Onkel, werde nicht kleinmütig. Der Mensch lebt nicht allein von der Politik. Freue Dich Deiner Frau, Deiner Tochter, Deiner unabhängigen Stellung und genieße das Leben. Lache die hochgeborenen Toren aus, die auf ihrem Adel, auf ihrem Titel sitzen. Das Volk geht doch einmal über diese Mumien zur Tagesordnung über." „Ich werde meine Ketten weiter schleppen." „Aber mit erhobenem Haupte. Bei Deinem glücklichen Familienleben bist Dü wirklich noch nicht der Unglücklichste." — An dem Tage, da Erich abreistc, hatte er mit seinem Bruder noch eine ernste Unterhaltung. Der sagte: „Deine Töchter ist ein herrliches Mädchen, die das Richtige findet und befolgt. Aber wenn sie jemals über die Religion nachdenkt, darüber nachgrübelt, daß Du eigentlich aus Egoismus sie zur Christin gemacht hast, daun hast Du ihr Vertrauen verloren. Und daß sic bei aller Sanftmut fest ist und ihrem eigenen Willen folgt, hat sie bewiesen." Erich traten die Schweißtropfen auf die Stirn. „Ich würde nicht überleben, wenn ich sie auch verlöre." „Erich, Du mußt tragen, was Gott Dir aufcrlegt." — Trotz der düster» Wahrheiten, die er von seinem Bruder und Neffen gehört hatte, war der Aufenthalt bei seinen Verivandten von ivohltätigcm Einfluß auf ihn, durch die Aussprache war Ls ihm leichter ums Herz geworden. Auf dem Bahnhofe sagte er seinem Bruder: „Ich erinnere Dich an Dein Versprechen, uns im Herbst zu besuchen. Zu Hause werde ich Dir beweisen, daß Du ohne Bedenken, bei uns essen und trinken darfst." Er umarmte herzlich seine Verwandten, die ihn begleitet hatten und stieg mit elastischem Schritte ins Coupe. Ein langgczogcner Pfiff und der Zug glitt langsam aus der Halle. Jakob aber schaute ihm nach, bis das letzte Rauchwölkchen am Horizont verschwunden war, dann sagte er trübe zu seiner Frau und zu Emil: „Ich habe das sichere Gefühl, als ob mein armer Bruder noch nicht 'um Ende seiner Leiden angelangt wäre. Wenn Gott will, werde ich ihn sicher besuchen, ich möchte, seine Tochter kennen lernen." — Vier Wochen hatte Erich Cohnheim in Posen zugebracht, und als er zurückkam, waren seine Frau und Lucic von seinem Aussehen freudig überrascht. „Heimatluft, meine Lieben, die Verwandtschaft ist der Jungbrunnen, der Körper und Seele erfrischt. Wir werden uns von jetzt au häufiger besuchen." Im schnell dahinrollendcn Wagen kam eine Pause in der Unterhaltung. Als sie zu Hause beim Tee saßen, fragte der Vater: „Habt Ihr hier viel Neues erlebt?" Seine Frau sagte: „Graf Botho von Glessen läßt sich Dir empfehlen. Auf seinen Wunsch ist er zu einem andern Regiment versetzt worden." „Ah," machte er verwundert. „ Hat er mit Dir gesprochen, Lucie?" „Ja lieber Vater, er wollte es sich und mir nicht ersparen, obgleich ihm Mutter die Hoffnungslosigkeit seiner Werbung erklärt hatte. Er ist ein Ehrenmann durch und durch. Seiire jüdischen Schwiegereltern müßten de» Ehrenplatz bei ihm einnchmcn und seine Verwandten ivürdcn und müßten das als selbstverständlich hinnehmen. Mit Rolf ist er entfrenidct. Ich 'hoffe, daß er niich vergessen )vird und mit einer Änderen glücklich werden kann. Er verdient die Beste, deren Herz er ungeteilt besitzt." „Und Du, mein armes Kind." „Vater, verkümmern wir uns nicht die Freude des Wiedersehens. Ich finde schon mein Glück, Ihr braucht Euch wirklich keine Sorgen zu machen." Ihre Mutter seufzte: „Das Mädchen geht seine eigenen Wege. Es steckt mit seiner Freundin Cleinentiue voller Geheimnisse, ist ganze Tage bei ihr.'" Sie lächelte. „Mutter, wir ztvci Mädchen planen keine staatsgcfährliche Verschwörungen." Inzwischen hatte Herr Cohnheim seine Tochter beobachtet. Hatte sie sich in den 4 Wochen seiner Abwesenheit verändert oder erschien cs .ihm 'nur so? Ihre blauen Augen leuchteten in besonderem Glanze, die Frisur war strenger, einfacher, sie trug ein dunkles Kleid. Ihre Schönheit Ivar eine rührende, hinreißende. Der Vaterschüttelte den Kopf und fand begreiflich, daß Botho von Glessen sich versetzen ließ, um dem Mädchen, das er hoffnungslos liebte, nicht mehr zu begegnen. Und das Leben strömte weiter. Herr Cohnheim, ans den die Worte seines Bruders Eindruck gemacht hatten, mußte über seinen Sohn milder denken und hatte das Testament, das er in der ersten Aufwallung seines Zornes errichtet hatte, wieder vernichtet. Die Zeit der Rosen war vorüber, der Hochsommer nahte. Jakob Cohnheim hatte seinen Besuch für den Herbst fest versprochen, gleich nach den Feiertagen würde er kommen. Jetzt mußten Erich und seine Frau im Kalender Snkkoth aussuchen und reiflich überlegen, wie sie ihre rituelle Küche einrichten würden. Denn sie wußten, daß dics' stccilg nach Vorschrift sein wußte und engagierten eine froinme Köchin, die alles nach Rechtens zu besorgen hatte. Lucie hörte mit einiger Verwunderung den Besprechungen zu, tveil sie bei ihre» Eltern niemals auch nur die Andeutung irgend eines religiösen Aktes gesehen hatte. Sic war ja auch nicht fromm, Iveil ihre Eltern die Formeln von jeder Konfession für nichtig erklärt hatten, aber sie besuchte doch bisweilen die Kirche, wenn ein frcigeistiger Pastor predigte. Als sic nun einmal 'zuhörte, daß ihr Vater Mesusans für das Zimmer seines Bruders bestellen' wollte, ließ sie sich dies erklären und dann meinte sie kopfschüttelnd: „Ihr habt es Euch doch sehr bequem gemacht, kiebe Eltern. Eine 3ieligion, die so strenge sittliche Gebote hat, müßte doch von ihren Bekenneru mehr geachtet werden." Herr und Frau Cohnheim senkten ihr Haupt und erwiderten nichts. — Dem drückend schwülen Tage war ein herrlicher Abend gefolgt. Ein kurzes Gewitter mit ausgiebigen! Ziegen hatte die Luft gereinigt und der Wald, der Park, der Garten atmeten balsamische Frische. Der Vollmond schwamm am tiefdunkeln Himmel, einzelne Wölkchen, deren Ränder er versilberte, zogen vor ihm' her. In der Veranda saß das Ehepaar Cohnheim und ihre Tochter. Es war kein Licht angezündet, die Veranda lag in tiefem Dunkel, während das Parterre des Gartens im Mondlicht schimmerte. Die Elter» traten an die Brüstung und. schauten in die Pracht. Eine Fledermaus zog lautlos ihre gespenstischen Kreise, es rauschte leise im Gebüsch, hier und da funkelte ein Glühwürnichen. Der Mond stieg höher und tauchte die Veranda ' in seinen silbrigen Schimmer. Da erhob sich Lucie und schritt langsam zu ihren Eltern. Die blonden Locke» .umgaben ihr Gesicht wie ein Heiligenschein, sic trug ein loses Weißes Gewand. Sie trat zwischen ihre Eltern und umfaßte sie beide. Der Vater ergriff ihre Hand. „Fetzt bist Du bei Nus geborgen, mein Kind. Wer liebt Dich, wenn wir nicht mehr sind. Dieser Gedanke peinigt mich Tag und Nacht." „Vater, ich will Dir jetzt diese Frage beantworten, aber verspreche mir, mich ruhig bis zu Ende ausreden zu lassen," sagte sie in bittendem Tone. „Sprich, mein Kind." „Seht, mein Leben befriedigt michnicht, Ihr, liebe Eltern, habt alles für mich getan, nur inein Gemütsleben nicht berücksichtigt. Ich Lin religionslos erzogen worden und die Formen irgend einer Konfession werden mir wohl nicht genügen. Meine jetzige Religion gibt mir nicht das, was ich ersehne, die jüdische kenne ich nicht. Jetzt habe ich durch meine Freundin die katholische Religion kennen gelernt. Auch sie bietet meinem Gemüt, meiner Seele keine Befriedigung, aber ich finde darin, was ich für meine irdische Laufbahn wünsche — Tätigkeit und eilt abgeschlossenes, abgerundetes Leben, aus dem es eine Rückkehr nicht mehr gibt und das mich allen irdischen Kämpfen entrückt. Ich will gleichzeitig mit meiner Freundin Clementine in den Orden der Ursulinerinnen eintreten und als' Lehrerin der Literatur und Geschichte wirken. Ihr braucht dann meine Vereinsamung nicht zu fürchten, ich bin dann bis zum letzten Atemzuge von Liebe umgeben." Sie stand da, die Hände über die Brust gefaltet. Das Mondlicht verklärte ihre holde Gestalt. Herr Cohnheim ergriff seine' Frau am Handgelenk. Er keuchte: „Käthe, siehst Du,, wie sie Dir ähnlich ist? An derselben Stelle, im hellen Gewand, vom Mondlicht umflutet, standest Du vor zwanzig Jahren sinnbctörend wie eine Seherin vor mir und rauntest mir das Sirenenlied, meine Kinder taufen zu lassen. Die Kinder würden glücklich, nicintest Du und wir auch. Ich folgte Dir und 'kann ja das Glück kaum tragen, das der Taufe unserer Kinder entsprossen ist." Er lachte schneidend auf und ivandte sich an Lucie. „Törin, kannst Du glauben, daß ich dieser ungeheuerlichen Idee meine Zustiinmung gebe? Ich verbiete Dir den Umgang mit Deiner Freundin und werde Dich von jetzt an im Auge 'behalten, damit Du nicht konvertierst." „Verzeihe, lieber. Vater, aber ich bin schon katholisch geworden:" Sie fiel auf die Knie. „Ich habe ja bis jetzt nur Euch zu Gefallen gelebt, ich war Euer Stolz,

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