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Neue jüdische Presse · 1906-07-13 · Heft 27 (13.7.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 27 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27. Beamten haben im Berichtsjahre fünf Kandidaten teilgenommen, von denen einer dieser Tage die Reifeprüfnng bestanden hat. Die hier'ansgebildeten Kultusbeamten haben alle Anstellungen mit auskömmlichem Gehalt gefunden, zwei genügen zuerst ihrer Militärpflicht. Es empfiehlt sich, daß die Gemeinde- Vorstände, sobald die Stelle eines Kultusbeamleu in ihrer Gemeinde vakant wird, dies der Berbandsleitung anzuzeigen. Infolge eines Ansuchens des deutsch-israelitischen Gemeindebundes hat das Mitglied des diesseitigen Verbands-Ausschusses, Herr Alfred Markus, Pinne, Erkundigungen darüber eingezogen, ob ' im Verbandsbezirk archivalisches Material von Gemeinden, welche sich aufgelöst haben- oder in der Auflösung Begriffen sind, vorhanden ist, damit es dem Gesaiutarchiv der deutschen Juden in Berlin zugeführt werden kann. Die Berbandsleituug hat auch im Berichtsjahre, soweit es die bescheidenen Mittel gestatten, dafür gewirkt, daß die religiösen Einrichtungen und. der Religionsunterricht in den Verbandsgemeinden gefördert werden. Die an dem Verbände herbeigeführten Anschlüsse kleiner Gemeinden von Rabbinatsgemeinden hat sich segensreich erwiesen. Zur Zeit bestehen die Bezirks-Rabbinate: Samter-Obornik, Pinne-Neustadt b. P., Schrimm- San'tomischel-L'ions, Grätz-Buck, Neutomischel, Wreschen-Schwersentz. SBeitere zwei Bezirksrabbinate dürften demnächst zustande kommen. In der jüngst flattgehabten Generalversammlung wurdenzu Ausschuß-Mitgliedern auf zwei Jahre die Herren Justizrat Salz- Posen, Geheimrat Herz- Posen, L i p p m a n n - Buck wieder- und die Herren Rechtsanwalt G o l d s ch m i d t - Oftrvwo, S. Goldschmidt -Lissa neugewählt. — Anschließend fand eine Sitzung des Ausschusses des VerbandeS der Synagogengemeindeu des Regierungsbezirks Posen statt, in - der zum Verbandsvorsteher Herr Ignatz Goldschmidt, zum Vertreter Herr Justizrat Salz, zum Kassenführer Herr S. Silberstein, Posen gewählt wurden. ' Posen (f.) Die Stiftungen der Stadt Posen. Die Stadt verfügt über 72 Stiftungen, deren Gesamtbetrag sich uns rund l 900 000 Jk beläuft. Die Stiftungen nach der Konfession ihrer Stifter festgestellt, ergeben für Bildungszwecke drei von jüd. Stiftern. Bertheim'sche Stipendien 600 Jk, Dr. Warschanersche Bücherprämien für Realschüler 312,10 Jk, Kronthalsche 21973,41 Jk Unter den Stiftungen für Armen- und Wohltätigkeitszwecke find jüdischen Glaubens die Erblasser folgender Stiftungen und Legate: Mraham Packschersches Legat 300 Jk, Kommissionsrat Schic Jaffö 4217,36 Jk, Geh. Kommerzienrat Bernhard Jaffö 27 907,94 Jk Allgemeiner Rettungsfond: Dr. Lewinskische 35 355 75 Jk, Leopold Golbenringsche 25 000 Jk, Bernsteinsche 15 000 Jk, Moritz Milchfche 10 000 Jk, Dr. Landsberger 2000 Markt, Goldschmidt und Kuttnersche 1000 Jk, Heimaim Markussche 5864,39 Jk, Louis Fassösche Altersversorgung 33 688,87 Jk, Samuel Jaffßfche 102 302,33 Jk„ Epyraimsche 17 727,17 Jk, Orglersche 15 692,37 Jk, Lißnersche 11572,73 Jk, Heimann Jtzig und Philippine Remaksche 1530,45 Jk, Königsbergersche Altersversorgung 15 218,68 Jk, Ed. Kaatzsche 14 988,68 Jk, David Jaffösche Familien 30 839,56 Jk, Dr. Samtersche 3603,11 Jk, Moralische 16 681,06 Jk, Wölheimsches Legat 3000 Jk. Dr. Kantorowißfche Spende 254,71 Jk, Moritz Milchscher Arbeiter-Unterstützungsfond 10 000 Jk, Mamrotsche 1546,60 Jk, Joseph Landsbergersche 2972,28 Jk, Pauline Kronihal 4000 Mark, S. D. Jaffö 30 000 Jk, Moritz Viktor 10000 Mark, Komiker 10 000 Jk, die Max und Rosalinde Kantorowiezsche Stiftung 50317,64 Jk Die Summe der Stiftungen jüdischer Erblasser beträgt demnach rund 566000 Jk Oesterreich-Ungarn. Wien. Der von dem Herrn Kaiser! Rat Moritz Hirsch s. A., Emil 'Horner, Direktor Kux, Kaiser!. Rat Dr. Lieben, Dr. M. Steiner nitd Hofrat S. Taussig unter Mithilfe einer Anzahl Förderer (welche einen Garantiefond schafften) gegründete Wiener K r e d i t - u n d V o r f ch u ß - V e r e i n hat sich nunmehr konstituiert. Der Zweck des Vereins ist, dem jüdischen Handelmtb Gewerbe-Treibenden durch Gewährung von leicht rückzahlbaren Darlehen: Wechseleskomvte, Eskompte auf Buchforderungen, Vorschüsse auf .Wertpapiere, ferner 'durch Annahme von verzinslichen Einlagen, sowie den Beamten durch Erteilung von Gehaltsvorschüssen die Existenz unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen zu erleichtern. Budapest, 7. Juli Im Abgeordnetenhaus beantwortete Graf A p P o n y i die Interpellation des Abgeordneten. H ala s.z in der Angelegenheit der jüngsten Aeußerungen des Ministerialrats Baron Barkoezh in der Landversarnrnlnng der Mittelschülprosefsoren, wonach in den Mittelschulen der christlich-katholische Geist auf allen Gebieten zur Geltung kommen müsse. Graf A p p o n y i erklärte, er habe Barkoezh nur mit seiner Vertretung betraut: von feiner Rede habe er vorher keine Kenntnis gehabt. 'Er teile den Inhalt derselben nicht; wenn auch die Verdienste des Christentums in ganz Europa anerkannt werden, sei er und das ganze Kabinett Anhänger der vollen uneingeschränkten Rcligions- und Gewissensfreiheit, welche speziell in Ungarn eine unerläßliche Notwendigkeit sei und 'welche von der Regierung stets in vollstem Maße respektiert werden. st- ,; Frankfurter JsraeMsHe? FamiltenLlaÜ. Budapest. Jüdische Wohltätigkeit. Anläßlich der Verheiratung seiner Tochter hat der Fabrikant Manfred von Weiß zum Andenken an seine verstorbene Gemahlin folgende Stiftungen gemacht: 120 000 Kr. dem „Israel. Frauenverein" zur Errichtung einer Anstalt für Wöchnerinnen und 100 000 Kr. der „Pester Chewra Kaschischa" zur Errichtung einer Fraueu-Mteilung im Asyl für unheilbare Kranke. Budapest. Matznahmen gegen die r u s s i s ch e n F l ü ch t l i n g e. IN Rumänien treffen täglich zahlreiche russische Flüchtlinge ein, die, da ihnen in Rumänien der Aufenthalt verwehrt wird, nach Ungarn iveiterreisen. Minister Graf Anbrassy hat nun die unter der Regierung Tiszas erlassene Verordnung gegen die Einwanderung der Inden erneuert und die Behörden streng angewiesen, die russischen Juden bei ihrem Ueberschreiten der ungarischen Grenze streng zu überwachen. Minister Graf Äudrassy zwingt damit die Unglücklichen, in die russische Hölle, der sie entflohen sind, zurückzukehren. — Das ist das humane Ungarn, dessen Juden in magyarischen Hyperpatriotismus sich zu überbieten suchen! Krakau. Seit 2 Jahren hat die Regierung für den galizischen Landesschulrat auch einen jüdischen Vertreter ernannt und zwar den hiesigen Universitätsprofessor Dr. Leon S t e r n b a ch, der wohl ein Gelehrter im Griechentum, aber ein Fremder auf dem Gebiete des Judentums ist. Professor Sternbachs Tätigkeit stellt denn auch eine Reihe von Mißgriffen dar. So hat er jüngst dem Schulinspektor für den jüdischen Religionsunterricht in Stauislau, Rabbiner Dr. Brande, das Betreten der Schulen Untersagt, nachdem sich die jüdische Gemeinde geweigert hatte, ihn nach Sternbachs Wunsche seines Postens zu 'entheben. Rabbiner Dr. Brande hatte 'sich Sternbachs Mißfallen zugezogen, da dieser entdeckte, daß jener ein feuriger Nätioualjude sei, und' es Sternbachs Bestreben ist, alles Jüdische auszumerzeu. Die Stanislauer Juden veranstalteten daraufhin eine große Protestversammlung, und jetzt haben nun auch die zionistischen Studenten Krakau's eine Demonstration gegen Professor Sternbach veranstaltet. Rußland. Petersburg. Es ist als ob diePlagen Egyptens Rußland heim suchen: zum dritten Mal seit 1891 wird Rußland von einer schweren Hungersnot betroffen! Die Mißernte von 1891 hatte die Gouvernements der Mittelwolga und des Komagebietes total ruiniert. Die Mißernte von 1899 hatte sogar den Hungertyphns und den Skorbut im Gefolge. Die gegenwärtige Mißernte ist aber.noch gewaltiger, als die vorhergehenden. Bereits im vorigen Jahre wurden 215 Distrikte in 22 Gouvernements von der Hungersnot betroffen, und allmählich hat sich dieselbe weiter ausgedehnt und dürfte in diesem Jahre ihr grausames Szevter im halben Gebiete Rußlands schwingen. In den Gouvernements Pensa. Samara, Simbirsk, Kasan, Ufa, Orenburg, Wjatka, Kostroma, Woronesch, Astrachan und im Dongebiete sind alle Saaten infolge der Dürre zu Grunde gegangen. Diese Gouvernements bilden pe» großen Rayon des ganzen Wolgagebietes und des 'Nord- und Südostens des getreidereichen Rußland. Auch die Gouvernements Minsk, Witebsk, Rjäsan und Cbersou stehen im Zeichen der Mißernte. Am schrecklichsten lauten jedoch die Nachrichten über die Hungersnot in Kasan, Astrachan und Kutais. Hier herrschten bereits, wie offiziell bekannt gegeben wird, Skorbut und andere Folgen der Hnngersnot. Petersburg, 9. Juli. In der heutigen Sitzung der Duma wurden noch einmal die Bfelostoker Ereignisse besprochen. Der katholische Bischof Baron Nopp, Deputierter von Wilna, erklärt, daß es in der Hand der Verwaltungschefs liege, Pogrome zu verhüten, wie sie wollten. Redner meint, es bestehe eine gewisse Mißstimmung gegen die Juden unter den Soldaten und der Polizei, die ihren Grund in der Organisation der 'Juden habe, die den Neid der Christen errege, und schließt mit der Aufforderung, für die westlichen Provinzen die Selbst-Regierung eiiizuführen, da andernfalls die Gefahr der Pogrome fortbestehen werde. — Winawer weist in einer langen, vom Beifall des Zentrums und der Linken aufgenommenen Rede die Teilnahme der Zentralreaierung an dem unter den Juden angerichteten Blutbade nach. — Darauf bespricht Rodits ch e w in scharfer Rede die Politik 'der Regierung und erklärt, diese sei voll von Lügengeweben und bringe das Land in große Gefahr. — Nach einer Rede des Deputierten Lewin wird-die Weiterverhandlung über die Bjelostoker Ereignisse ans morgen vertagt. Petersburg. Wie die Regierung Unrubeu unterdrückt! Die Regiernng hat an alle Gouverneure und Polizeikommissare ein geheimes Zirkular versandt, in dem es heißt, daß alle Nummern der Zeitungen, in denen sich Nachrichten über Unruhen, revolutionäre Bewegungen und Militäransstände befinden. sofort zu konfiszieren sind. Odessa. Vereitelte Pogrome. Am vergangenen Sonntag sollte in Sewerinowka im Odessaer Kreis ein Pogrom stattfinden. Die Leiterin der Agitation war eine Volksschullehrerin und 'daneben ein Notar, hie beide dem schwarzen Hundert ange¬ Seite 3. hören. Die Volksschullehrerin war expreß nach Sewerinvwka versetzt worden, um dort die Agitation zu leiten. Man hatte, um eine Stelle für sie frei zu »rachen, einen braven und allgemein geachteten Bolksschullehrer politisch verdächtigt und ihn in die Verbannung nach Sibirien geschickt. Der Be such hatte jedoch keinen Erfolg; die Aufklärung in Südrußland macht langsam aber stetig Fortschritte, die kleinbürgerliche' und die Bauernbevölkerung erk'ärte rund heraus, sie würden einen Pogrom nicht dulden; denn sie wüßten wohl, daß sie nur mißbraucht werden sollten. Der Vorgang in Sewerinowka ist »in so bezeichnender, da sich völlig ähnliches in Mermann und dessen Umgebung abgespielt hat. Es war dorthin Graf Konownizin als Abgesandter des Komitees der „echt russischen Leute", das sind die Anstifter der Pogrome, gekommen;' er versuchte, einen Pogrom zu inszenieren, aber auch er hatte kein Glück; wiederum erklärten die Bauern, sie wüßten wohl, wer ihre Feinde sind, und sie gingen sogar dazu über, den Herrn Grafen durchzuprügeln, sodaß derselbe völlig unverrichteter Sache wieder abreisen mußte. Bjeloftok. Dersorgung der Waisenkinder. Die „Jca"- hat beschlossen, die durch den jüngsten Pogrom zu Waisen gewordenen Kinder nach dem Ausland zu schicken und dort auf ihre Rechnung erziehen zu lassen. Boykotte. Die jüdische Bevölkerung boykottiert die Personen, die an dem Pogrom Anteil genommen haben.! Warschau. Auswanderung. Der.Telegraf" schreibt: Vor zwei Monaten hat sich in Kiew ein Komitee zur Unterstützung der Auswanderer gebildet. ' In dieser kurzen Zeit hat das Komitee bereits 180 Familien, die nach Amerika fuhren und im Besitze der Schiffskarte waren, mit Eisenbahn-Billeten bis zum Schiffshafen unterstützt. - Die Auswanderung hat eine ungeheuere Ausdehnung 'angenommen. So sind in diesem Jahre z. B. in der Minsker Gouvernements-Kanzlei bereits über 3000 Auslandspässe ansgestellt worden, — und dabei fahren viele wegen der Kosten eines Auslandspasses (25—30 Rubel) ohne einen solchen. Brisk-Litowsk. Der Polizei-Offizier Beibak ist von Bfelostok nach hier Verse tz t worden. Die jüdische Bevölkerung befindet sich deshalb in Aufregung. Simferopol iTaw-Gouv.) Aus der Post kommen tagtäglich Packe mit Proklamationen, welche zu Pogromen gegen die Juden aussordern, an. Die Postbeamten verteilen die Proklamationen öffentlich unter der Bevölkerung. Berditschew. Die Polizei nimmt wieder Haussuchungen vor: anscheinend sucht sie bei ' Inden nach Waffen, damit diese sich bei einem etwaigen Pogrom wie die Lämmer abschlachten lassen müssen.! Großbritannien. London, 7. Juli. Das polittsche Komitee des Neuen Reform-Klubs faßte eine Resvlutton, in der die russischen Metzeleien verurteilt werden und die englische Regierung anfgefordert wird, das Programm ihrer Flottenmanöver so zu ändern, daß ein Besuch englischer Kriegsschiffe in russischen Häfen nicht stattfinden kann, um ein weiteres Mißversteben eines solchen Mtes bloßer Höflichkeit zn vermeiden. Diese Resolutton erregt darum Aufsehen, weil Vorsitzender des polittsche» Komitees des Neuen Reform-Klubs Edmund Robertson, Sekretär der A d m i r a I i t ä t ift, der als Mitglied der Regierung erster Vertreter der Admiralität im Unterhaus ist.; London. Anläßlich des fünfzigjäbriaen Bestandes des „Jüd. Colleg" wurden für dasselbe fast Lstr. 15 000 gezeichnet. Klein-Asien. Smyrna. Jüdisches Krankenhaus errichtet. Ein jüdisches Krankenhaus ist hier errichtet worden. Die für die Ausrüstung und Unterhaltung desselben nöttge Summe gibt Baron Rothschild. Personalien. Berlin. Ernennungen. Am Rudolf Birchow- Krankenhause wurden ernannt: Dr. M. Borch a r d t, 1. Assistent von Prof. Beramann, zum dirigierenden Arzw der chirurgischen Abteilung. Sanitätsrat Dr. Wechselmann zum Dirigierenden Arzte der Abteilung für Haut- und Geschlechtskranke dnd Dr. Levy-Dorn zum leitenden Arzte für das Röntgen- und Finsen-Laboratottum. Berlin. Verleihungen. Der Charakter als Geheimer Sanitätsrat wurde den SaUitätsräten Dr. .August Pleßner Und Dr. Samuel B i r a w e r und der Charakter als Sanitätsrat den Aerzten Dr. Mar Siegheim und Dr. William Levy verliehen. Magdeburg. Verleihung. Geh-imerSanitätsrat Dr. Aufrecht, der bekannte Bakteriologe, erhielt den Profeffortttel. — Dr. Aufrecht stiftete jüngst seiner Vaterstadt Breslau 30000 Jk zum Bau eines Waisen- und Siechenhauses.

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