Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1906-07-13 · Heft 27 (13.7.1906) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 27 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692460-2692487--02540-2697153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Seite 2. Frantfurter Israelitisches FamilienklaÜ. Nr. 27. Grundlage. Beide verursachten es, daß es als Geist ohne Körper umherirre. .... Wir wollen. nun dem Judentum seine verlorene Einheit wiedergeben. Wir wollen dem Geist seinen Körper wiedergeben. Die Woche. Der an dieser Stelle schon gewürdigte RosinscheGesetzentwurffür eine Gesamtorganisation der preußischen Juden, der sich auf dem Konsistorialsystem aufbaut, stand vorige Woche vor Gericht und erfuhr eine vernichtende Kritik. Der frühere Redakteur Oskar Lehmann in Mainz war nämlich von dem Badischen Oberrat wegen einer in einer Artikelserie „Aus dem Sündenregister jüdischer Zentralbehörden" enthaltenen Beleidigung verklagt worden, und obwohl der Angeklagte wegen formeller Beleidigung verurteilt werden mußte, war die jüdische Konsistorialbehörde Badens, die .sich der Rosin'sche Entwurf zum Muster genommen hat, die wirklich Verurteilte. In einer glänzenden Rede geiselte der Verteidiger Justizrat Dr. Schmitt das Ungeheuerliche dieses Systems, seinen reaktionären, die Gewissensfreiheit knebelnden Autokratismus! Die Verhandlung ward zu. einem gewaltigen moralischen Sieg der traditionellen Judenhcit und aller demokratisch Denkenden in der neologen Judcnheit Badens, und es darf deshalb erwartet werden, daß der erfrischende Geist der Verhandlung mit starkem Luftzug durch die badische Judenheit wehen und im badischen Oberrat bald energisch verspürt werden wird. * * * Die beiden Häuser des preußischen Landtags haben gesprochen, — und hm 1. April 1908 wird das neue Schulgesetz in Kraft treten. Welch' hohen Wert die Regierung in ihren höchsten Stellen' auf das Zustandekommen des Gesetzes gelegt hat, beweist die Verleihung des schwarzen Adlerordens an den Kultusminister, dessen Verdienst doch wahrlich die Annahme des Schulgesetzes nicht ist. So möge denn ein kurzer Rückblick auf die 'Verhandlungen das hervorheben, was für uns Juden von besonderer Wichtigkeit ist. Es ist noch in aller Erinnerung, in welcher Weise die ursprünglichen Vorschläge der Regierung die Entwickelung der jüdischen Schule durchaus benachteiligten, und es muß dankbar anerkannt werden, daß alle Parteien im preußischen Landtag ausnahmslos diese Vorschläge nicht einmal diskutierten. Es macht auch einen recht erheiternden Eindruck, wenn angesichts dieser allgeineinen Verurteilung die Negierung in der Kommission ihre Vorschläge geradezu als vorteilhaft für die Juden erklären wollte, und wenn sie, die überall die Selbstverwaltung möglichst einschränkt, sich gar nicht genug über das geringe Vertrauen der Juden zu den politischen Gemeindeverwaltungen wundern konnte. Die Juden freilich (vielleicht auch die Regierung?) wissen allerdings ganz genau, baß gerade die „israelitischen" Mitglieder dieser Organe in der Vertretung ihrer diversen politischen Ziele viel entschiedener sind, als in der Geltendmachung der wahrhaft jüdischen Forderungen und daß, wie heutzutage die Dinge liegen, die liberalen Kommunal-Verwaltungen ebensowenig (oder noch weniger) für die Erhaltung und Entwickelung der jüdischen Schule getan hätten als die übrigen. Darum, und weil kein Zweifel darüber bestehen konnte, daß die Volksschule in Preußen, auch die sogenannte Simultanschule, gesetzlich zu der rein christlich konfessionellen Schule erklärt werden würde, die sie faktisch vor Jahren gewesen ist, war es sehr bedauerlich, daß die der Zahl nach bedeutendste Vertretung der jüdischen Gesamtheit, der „Verband der deutschen Juden" für die Simultanschule eintrat und für das Judentum die Gleichberechtigung mit den christlichen Konfessionen verlangte, denn die so erlangten Rechte waren nur papierene und hätten direkt dazu führen müssen, daß in absehbarer Zeit in Preußen keine jüdische Schule mehr existiert hätte. .Bedauerlich war es auch, daß der „Verband der israelitischen Lehrervercine" sich dieser Petition anschloß und als Verband überhaupt darauf verzichtete, seine Wünsche öffentlich klarzulegen. Unter all' diesen Umständen ist unsere Freude pm so größer,' daß durch das Gesetz die Möglichkeit gegeben ist, überall wo wenigstens 20 jüdische Kinder sind, eine jüdische Volksschule zu errichten, daß die politischen Gemeinden zu den Kosten des von der jüdischen Gemeinde eingerichteten Religionsunterrichts geradeso ihren Beitrag leisten müssen, wie zu diesen jüdischen Volksschulen, daß in de» städtischen Schuldeputativncn ein Vertreter der Juden Sitz und Stimme erhält und daß die Regierung aufgefordert worden ist, leistungsschwache jüdische Gemeinden bei den Kosten für den jüdischen Religionsunterricht finanziell zu unterstützen. Wie wir vernehmen, soll dafür ^in Betrag in Aussicht genommen sein, der hinreicht, die schlimmsten Notstände der arinen Landgemeinden zu beseitigen. Daß durch die Beschlüsse der dritten Lesung im Abgeordnetenhause die Fassung der zweiten Lesung beseitigt worden ist, wonach der jüdische Religionsunterricht für die jüdischen Schüler der christlichen Volksschulen durch jüdische Lehrer erteilt werden konnte, die an diesen Schulen als Lehrer zweiten Ranges anzustellen waren, da sie keinen deutschen oder Geschichtsunterricht erteilen konnten, erfüllt uns mit Befriedigung; wir halten eben den obligatorischen Religionsunterricht, wenn er durch städtische, und dann nicht immer religiös zuverlässige Lehrer erteilt wird, für ein Unglück; auch wäre dann für die Gemeinde die Anstellung eines „Kultusbeamten" bedeutend schwieriger geworden, als nach den jetzigen Bestinunungen, die zu diesem Zweck einen indirekten Gemeinde- oder Monatsbeitrag gewähren. Nun wird manche Gemeinde sich zur Errichtung einer jüdischeu Volksschule entschließen, die sich für die jüdischen Schüler der „Simultanschule" mit drei wöchentlichen Äieligionsstünden (natürlich ohne, ein hebräisches Wort) begnügt hätte. Indem wir uns Vorbehalten, die einzelnen Bestimmungen des Gesetzes nebst kurzer Erläuterung zum Abdruck zu bringen, sobald die offizielle Fassung vorliegt, wollen wir heute schon allen, denen es ernst ist Nnt der Erhaltung und Kräftigung des überlieferten Judentums und mit der Erziehung eines Geschlechtes echter mrd braver Juden, auffordern, in ihren Gemeinden zu arbeiten für die Errichtung jüdischer Volksschulen. Mögen auch die allmächtigen Parnßim nicht wollen, das jüdische Volk 'wird seine wirklichen Interessen schön zu vertreten wissen. Ueberall muß die wichtigste Programmsorderung bei Gemeindewahlen nun lauten: E-rrichtungjüdischerVolksschulen. * * * Im Lande der „Asfaires" geht es jetzt wieder lebhaft zu. Die Revision des Dreyfuß-Proz e s s e s scheint wieder zu einem politischen Kämpf auszuarten. Die Presse bringt lange und ausführliche Berichte über die Plaidoyers, und die Herren Generale, die sich durch die rücksichtslose Entlarvung des General-Prokurors Bodoin etwas „getroffen" fühlen, reproduzieren sich in langen Briefen an den obersten Präsidenten des Kassationshofes, in welchen sie den gewaltigen Eindruck der Rede des General-Prokurors abzuschwächen sich beinühcn. Das schwarze Hundert der Dreysusclique, die Merciers und die Gonse's, suchen jetzt zur Ainnestie und zum Amtsgeheimnis ihre Zuflucht. Wer jeder Franzose weiß jetzt, was er hiervon zu halten hat. Sogar die „Libre Parole" des Herrn Dumont fühlt sich jetzt etwas verlegen, indem sie in einem „Brief an Herrn General Mercier" den edlen Patrioten zu verstehen giebt, daß jetzt die Zeit gekommen, in der man alles offen und unzweideutig sagen müsse, damit die Synagoge dieses Stillschweigen nicht als Geständnis der Schuld betrachte. Die anderen antisemitischen Zeitungen, die garnichts zu ihrer Verteidigung anzugeben wissen, suchen die öffentliche Meinung durch provozierende Artikel — so, daß die Regierung beschlossen habe, Dreyfuh zu dekorieren, ihn zum Regimentskommandeur zu ernennen usw. — irre zu führen. Die Gemäßigten, mit Herrn Meline und D'upy an der Spitze, enthalten sich jeder Kritik und Besprechung und begnügen sich nur mit Berichten. Indessen unterliegt es feinem" Zweifel, daß die Revisiou des Prozesses zu einem günstigen Resultat führen wird. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Mainz. Das Urteil in dem Prözeß*) des Badischen Oberrats gegen den früheren Redakteur Oskär Lehmann lautet: „Dem Angeklagten wird der Schutz des § 193 (Wahrung berechtigter Interessen) in weitgehendst er Weise zugebilligt. Die beiden Richtungen ließen sich nun einmal, wie es der Oberrat wünsche, nicht unter einen Hut bringen und man könne es deshalb dem orthodoxen Judentume nicht verdenken, wenn es sich wehre, so viel es eben könne. Andererseits mußte Bestrafung eintreten, weil die Artikel, die zweifellos aus theologischen Kreisen stammen, offenbar mit der Absicht »nzugreisen und mitmbsichtlicher Unverfrorenheit geschrieben seien. Immerhin habe aber auch der Oberrat das erreicht, was er in seinem Klagegesuch an das Ministerium erstrebt habe, nämlich, daß sein Schild blank erhalten bleibe. Die Verhandlung habe ergeben, daß der Oberrat keine Richtung verfolge, sondern stets auszugleichen suche, und daß seine Maßnahmen von größtmöglicher Objektivität getragen seien. Der Angeklagte sei in eine G e ld - strafe von Jk 250 evt. einen Monat Gefängnis, zu den Kosten, sowie Publikation des Urteils im „Israelit" sowie im Verordnungsblatt des badischen Oberrats zu verurteilen. Strafmildernd habe gewirkt, daß der Angeklagte, obgleich seit beinahe zwei Jahrzehnten Redakteur des „Israelit" nicht vorbestraft, ebenso daß er nicht Verfasser der Artikel sei." Aus Untersranken (r.) Ein „christlicher" Bauernverein. Bekanntlich suchen „christliche" Bauernvereine auf jede Art und Weise ihre „gläubigen" Genossenschaftsmitglieder von jüdischem Umgang fernzuhalten, auf daß sie nicht dem Betrüge, Wucher und gewissenloser Ausbeutung in die Arme treiben. Geistliche sind dabei Führer und Drahtzieher. Daß diese Leute oft vor der eigenen Tür kehren sollten, zeigte eine Verhandlung dieser Tage zu Würzburg, wo der b e r g h o h e S ch m utz ein es „christlichen" Vereins in Form von Unterschleif, Betrug, .Urkundenfälschung und Ausbeutung zu tage gefördert ward und mit hohen Gefängnisstrafen geahndet wurde. Der Vorstand des „christlichen Bauernvereins" A. Welzenbach von Obersinn, nebenbei Bürgermeister und Vorstand des Darlehenskassavereins und der Ortsviehvcrsicherung, hat nach Revision seiner Bücher ein Gesamtdefizit von über 17000 Jk seiner kleinen Gemeinde beschert. Es kamen nun in der Gerichtsverhandlung interessante Manipulationen ans Licht. So ein fingierter Beschluß vom Aussichtsrate des Darlehenskassavereins, um 6000 Jk zu erlangen, drei gefälschte Beschlüsse des Gemeindeausschusses Obersinn, um.1000 Jk von der Bayer. Landwirtschastsbank zu holen. Eine arme Bauerswitwe wurde um 280 Jk Entschädigung für eine notgeschlachtete Kuh geprellt. Mit großem Raffinement wurden zur Deckung bezw. Vertuschung des Kassadesizits Schuldscheine über 3600 Jk und 400 Jk hergestellt. Auch eine Nordseereise spielt eine Rolle, damit beschönigt, daß der Angeklagte behauptet, er habe seinen Sohn in ein Missionshaus bringen wollen. Auch her Beigeordnete Schäfer von Obersinn ziert die Anklagebank; er hat 400 Jk unterschlagen. Wie würde man auf jener Seite zetern, wenn, ein Jude solches verübt hätte! Posen (f.) Dem Verband der Synagogen- Gemeinden des Regierungsbezirks Posen gehörten im Berichtsjahre folgende 29 Gemeinden an: Birnbaum, Bojanowo, Bük, Czempin, Grätz, Jarotschin, Kobylin, Kvschmin, Kosten, Kotschin, Lissa, Moschin, Neustadt b. P., Ostrowo, Pinne, Posen, Rakwitz, Rawitsch, Samter, Santomischel, Schmiegel, Schroda, Schwerin a. 28., Schwersentz, Tirschtiegel, Wollstein, Wreschen, Wronke und Zduny. Neuerdings hat sich Jaratschewo dem Verbände angeschlossen. 1905 wurden vereinnahmt, einschließlich des Bestandes von 696 Jk zusammen 2787 Jk Verausgabt wurden zur Ausbildung von Kultusbeamten 950 Jk zu Beihilfen und Reisen-zur Förderung des Religionsunterrichts 241 Jk, zu den Kosten der Bezirksrabbinate 400 Jk, Beihilfe >an drei Lehrer zur Teilnahme an einem Ferienkursus in Breslau 60 Jk, für Drucksachen, Porto usw. 130 Jk, Beitrag an den deutschisraelitischen Gemeindebund pro 1905 50 Jk, zusammen 1831 Jk Am 30. Oktober 1905 hat in Berlin die erste Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden stattgefunden, in welcher Herr Goldschmidt den Verband vertreten hat. Am 24. Sept. 1905 beging der Mitbegründer des Verbandes, Herr Gemeinde-Rabbiner Dr. Jeilchenfeld, bie Feier seiner 50jährigen Amtstätigkeit; der Verband richtete an den Jubilar eine Adresse. Der Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden übersandte eine Denkschrift zum Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Unterhaltung der öffentlichen Volksschulen. Von den bestehenden Bezirksrabbinaten sind die diesbezüglichen Berichte eingesordert worden. An der Ausbildung zu Kultus- *) Siehe unter der Rubrik „Die Woche" in der heutigen Nummer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.