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Neue jüdische Presse · 1906-07-13 · Heft 27 (13.7.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 27 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IrairkfHtrter Istttlilislhes familicnlilntt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— GsdaKttoil und Geschäftsstelle: Zrankfurl s. m.. Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße T-r-fo« 10507. Heransgebev: Galg Geis. Jnsertionsprcise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. . .- ■ , 4. Jahrgang. Freitag, de« 22. Tamns 5666 (18. Juli 1906). No. 27. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Geist und Körper der Nation. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Wochen- Kalend er. — F amilienn ach rich ten. Geist und Körper der Nation. Bon Biddo. I. Dom Beginne des menschlichen Denkens bis ans die heutigen Tage: hat das Suchen nach Erkenntnis durch alle Geschlechter hindurch eine tiefe Furche gezogen, eine Furche, die die Menschheit in zwei Lager teilt: in Idealisten und Materialisten. In Idealismus und Materialismus münden alle Versuche zur Lösung des Weltproblems. Dein Einen ist der Gei st alles, dem Andern ist er bloß ein der Materie Untergeordnetes, dem Einen ist Gott per Schöpfer seiner Welt, dem Andern ein komplizierter Mechanismus mehr im großen Räderwerk der Welt. Und dennoch sehen wir diese zwei, in sich so grundverschiedene Anschauungen tragende Menschcntypen miteinander leben und auskommen. Es ist eben ein Unterschied zwischen Philosophieren und Leben, lieber die trennende Kluft des Denke n s hinweg reichen sich die Gegner die Hände — zum Lebe». * * * Dem modernen Judentume war es Vorbehalten, die Grenzen zwischen Philosophieren und Leben zu verwischen — das Extreme eines philosophischen Systems inbezug auf das Judentum in's Leben hineinzutragen. „Die Religion, das Judentum, ist das Wesentliche." Was ist das anders, als das Anwenden des extremen Idealismus auf den Begriff der jüdischen Nation? Die Religion als geistiger Gehalt der Nation wird zum Wesen der Nation erhoben. Also Verherrlichung des Geistigen auf Kosten des Materiellen — des Körpers der Nation. Ein entgegengesetztes philosophisches Extrem vertritt eine 'gewisse Richtung, wie etwa die jüdischen Sozialisten vom Schlage des „Bund". Sic fassen die Nation materialistisch — atomist i s ch auf. Für sie bedeutet die jüdische Nation — die einzelnen Inden. Also Hervorheben des Materiellen ans Kosten des Geistigen. Nun können die extremen Philosophen«: auch auf den Begriff: Nation Anwendung finden. Diese Betrachtungsweise aber in's Leben cingeführt, zur Richtschnur für die jüdische Politik gemacht — kann zum Ruin der Nation führen. Der philosophische Skeptiker z. B., der die Zuverlässigkeit des Verstandes bezweifelt, wird eine ihm präsentierte Hotelrechnnng zuerst prüfen und je-nachdem die Rechnung anerkennen oder nicht, lind wollte er seinen Skeptizismus im Leben anwenden, so würde er keinen Tag existieren können. Für uns ist'der geistige Gehalt der Nation wie der körperliche Träger, ihre religiösen und kulturellen Güter wie ihre Individuen eng und unzertrennlich miteinander verbunden — wie Leib und Seele. Das Eine ist ohne das Andere nicht denkbar. Ich sagte: das moderne Judentum. Das alte Judentum, das biblische, talmndische und rabbinische, wie tief religiös sie auch waren, haben sich nie verstiegen, die Existenz des jüdischen Volkstums und die Notwendigkeit seiner Existenz zugunsten eines geistigen Gehaltes verneinen zu wollen. 'Noch heutzutage kennen die osteuropäischen religiösen Juden, die Juden, die durch d a s I o ch d e r E m a » z i p a t i o n — lvir n e n n e n es Joch — »och nicht hindurchgegangen sind, keine Scheidung des Judentums etwa in profanes Volkstum und heilige Religion. Beides ist ihnen heilig, beides ist ihnen e i n s. Es ist das Judentum in seiner Urgestalt, das Judentum in seinem gcsnnden Zustand. Erst mit dem Beginne der „Aufklärnng" und „Emanzipation", erst'mit den Zeiten Mendelssohns ist diese gewaltsame unnatürliche Scheidung in das Judentum hincingetragcn tvorden. Seitdem krankt das westeuropäische Judentum und weis; nicht woran. Es pendelt zwischen Reformation und Gegenreformation und kann keine Ruhe finden, weil ihm der Boden unter den Füßen weggeschoben wurde. Als mit Mendelssohn die 'Aufklärung durch die Spalten des verdunkelten Ghetto-Judentums einzudringen begann; als die Salons „vornehmer" jüdischer Frauen Sammelpunkte für christliche Jünglinge wurden; kurz, als die gesellschaftliche Annäherung zwischen Inden und Christen angebahnt wurde, da wagten es die Juden nicht, mit ihrem eigenartigen urwüchsigen National-Judentnm aufzutrcten. Und sie nahmen das Judentum und rissen es ans seinem nationalen Boden und putzten und stutzten es so zu, daß es nur bei den Christen Gefallen finde, daß es „salonfähig" werde. Mit einem verflachten, rationalisierten Religionskult konnte man natürlich schon eher an die Christenheit herantrcten und — geduldet werden. War es ja die Zeit der Aufklärung und der religiösen Toleranz. Daß ein so verkünsteltes Judentum nicht bestehen konnte, daß sie mit seiner Nationalität dem Judentum auch ein Lebenselement nahmen — das verstanden freilich die Aufklärer nicht. Und bald genug stellten sich denn auch die Folgen ein. Es kam der christliche Dusel in die Köpfe, und die romantische Schtvärmerei, es kamen die Mafscntaufen und cs folate das Reformindentum. Gewiß, es mußte so kommen! Wie wollte denn auch ein aus dem Boden gerissenes, entwurzeltes Ge- Ivächs, ein künstliches Gebilde r a t i o n a l i ft i s ch e r Köpfe dem Ansturm einer frischen, freien, deutschen Kultur widerstehen? Woher wollte es die Kräfte nehmen, da es nicht mehr den Lebenssaft aus seinem nationalen Boden saugen durfte, — da der Geist ohne Körper erhalten werden sollte! Freilich, es kani auch hinterher eine Gegenreformation. Aber wie armselig, wie klein ward sie allmählich. Anstatt das ganze Judentum zu umfassen, ist sie ans einen kleinen Kreis beschränkt geblieben; anstatt neue Kräfte dem Judentum einzuflößen, die haltlosen Positioueil des Refornljudentums im Sturm zu nehnren, ist sie nur auf die Verteidigung des eroberten Fleckchens bedacht — und die Positionen bleiben tingenommen. Sie können nicht genommen werden. Tenn dieses Judentum, das Judentum der Gegenreformation, ist heute ebenso krank wie das der Reformation, es krankt am gleichen Nebel — an Nationalitätslosigkeit. II. Und darum ist die Neo-Orthodoxie eine enge Sekte geblieben, die sich verzweifelt an ihr einseitiges — tveil bloß vergeistigtes — Judentum klammert, von der aber kein frischer, lebendiger Hauch ausgeht, in der keine Anziehungskraft ruht. Fragen sich ihre Anhänger gar nicht: woher das kommt? Oder sind sie so bescheiden und meinen, es genüge vollauf dem einst so stolzen Judentum, wenn in Deutschland nur noch eine gewisse Anzahl Synagogen nach orthodoxem Ritus aufzuweisen sind? Verzweifeln müßten sie am Judentum angesichts seiner kümmerlichen Existenz; glauben müßten sie, daß das Judentum im Msterben begriffen sei — angesichts ihrer eigenen, so winzigen Erfolge, oder aber sie müssen sich zur Revision ihres Judentums bequemen. Denn entweder-oder; entweder ist das Judentum schlechthin machtlos, oder ihr Judentum ist es; entweder ist au dem geringen Erfolg des religiösen Judentums sein eigener Mangel an Lebens¬ und Werbe-Krast schuld, oder die Art, wie sie das Judentum verstehen und propagieren, ist dafür verantwortlich zu machen. Wir, die wir an das Judentum glauben, sagen: ihrJudent u m i st e s. Glauben die nicht-nationalen Juden orthodoxer Richtung wirklich, daß das Judentum immer so ausgeseheir hat? Glauben sie wirklich, daß ein so kraftloses Winkeljudentum, das nicht imstande ist, eine Afterbildung, wie das Reformjudentum eS ist, mit einem Schlage zu vernichten, glauben sie wirklich, daß ein solches Jndentnin imstande gewesen wäre, der Welt so gewaltige und nachhaltige Impulse zu geben, wie es das alte Judentum getan hat? Glauben sie wirklich, daß ein solches Judentum, wie es heutzutage In Deutschland herrscht, imstande gewesen wäre, 1800 Jahre allen Leiden und Verlockungen zu trotzen, wie es das rabbinische Judentum imstande war? Nein, das können sie nicht glauben! Woran aber liegt's? Was ist am Niedergange des Judentumes schuld? Ist es vielleicht die moderne Kultur, der das Judentum erliegt? Schlimm wäre es: denn es gäbe keine Rettung. Aber wir glauben, daß die moderne Kultur nicht mächtiger ist, als die ehemalige griechische, die die Welt erobert hat und welcher dennoch das Judentum widerstanden hat. Woran also liegt's? Manche werden sagen: das Judentum sei krank und leide an innerem Kräfteverfall, und sie hätten recht, wenn heutiges westeuropä i s ch - orthodoxes Judentum und Judentum schlechthin identisch wären. Wir aber, die wir an die Lebenskraft des Judentums glauben, wir sagen: am Judentum liegt es nicht. Ihr Judentum ist es, das siecht. Das gewaltsam zerrissene, das Judentum als Geist ohne Körper, das entnationalisierte Judentum ist es. Sie und die Reformer sind hierin einig; diese feindlichen Lager sind unbewußt verwandt: beide wollen das Judentum bloß als Geist anerkennen. Beide stehen auf einem Boden: daß das Judentum keines Bodens bedarf —-keiner materiellen

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