Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 26 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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«eite 5. -K. 26. Frankfurter Israelitische» Familienblatt. tur nach Palästina getragen werden müsse, sondern die Kultur der Menschheit durch jüdisches Gesetz aus dem jüdischen Lande geholt werde. Wir sind auch heute noch überzeugt, daß das jüdische Gesetz immer nach aufwärts gezeigt, nie Rückschritt bedeutet, daß es die wahre innere Freiheit erst verbürgt. Wäre dem nicht so, dus jüdische Volk wäre schon längst von der Erde verschwunden, wie die Völker hes Altertums mit ihrer hervorragenden Kultur. Es ist nicht wahr, daß eine Umbildung vom Religiösen zum Nationalen erfolgt. Diese Behauptung stellt eine dialektische Konstruktion dar, mit der man die Loslösung von dem jüdischen Gesetz als eine Frucht höherer geistiger Entwicklung kennzeichnen ju müssen glaubt. Kein gesetzestreuer Jude, der sich der zionistischen Beweg»,ig angeschlossen, hat je daran gedacht, in einen, solchen Umwandlungsprozeß einzutreten. Er ist geblieben, der er war. Das muß betont werde» angesichts des noch heute erhobenen Einwandes, der Zionismus gefährde die religiöse Uebcrzeugung des Einzelnen. Millionen unserer Volksgenossen, die große Mehrheit unseres Volks, erblickt noch immer in jenen „starren Dogmen" die kostbarsten Hüter unseres Volkstums, in deren Erhaltung bis auf . den heutigen Tag die ganze fortgesetzte Hingebung eines ganzen Volkes durch alle Geschlechter herab die Jahrtausende hindurch zum Ausdruck kommt. Diese Vorstellung von, Wesen des Judentums lebt in der Volksseele mij unzerstörbarer Kraft, und die Propheten unserer Tage werden sie weder durch das Axiom „die Umwandlung vom Religiösen zum Nationalen sei eine Tatsache" noch etwa durch einen Majoritätsbeschluß im Kongreß verdrängei, können. In der innigen Verbindung von religiösem und nationalem Streben erblicken wir Misrachisten die Aufgaben unserer Zeit. Wir wollen die Organisation des jüdischen Volkskörpcrs, aber wir wollen nicht auf seine Beseelung verzichten, jedoch nicht mit Jargonliedern oder dem bischen Kunst, das auf fremdem Boden gewachsen, von fremdem Geiste zeugt. Wir wollen dieselben Werke, uni 'welche die englische Judenheit kämpft. Mit der schrankenlosen „Selbstentwicklnng des Judaismus aus sich selber heraus", der staatlich sanktionierten Mischehe und 'dem auf 'diesem Wege entstehenden „neuen Judentum" wäre in der Tat das Schicksal des Judentums besiegelt. Wir haben mit solchen Anschauungen nichts gemein, selbstauf bie Gefahr hin, von einen, auf dem Gipfel nwderner Kultur einherwandelnden, mit echt liberaler Gesinnung erfüllten'Politiker in Grund und Boden verketzert zu werden. Wir erheben entschieden Protest gegen eine solche Deutung unserer' zionistischen Aufgaben. < Man sollte nun m. in den gesetzestreuen Kreisen der zionistischen Bewegung aufhören, über derartige Anschauungen erstaunt und verstimmt gu sein. Sie mußten mit Naturnotwendigkeit geäußert werden, denn sie bestehen uun eiun,al bei einem Teile unserer zionistischen Gesinnungsgenossen. Man schafft sie auch nicht dadurch aus der Welt, daß man sie totschweigt, totschweigen zu müssen glaubt, da der Zionismus eine rein wirtschaftliche Bewegung darstelle. Die „Fraktion" hat schon vor ca. 10 Jahren in anerkennenswerter Weise bewiesen, daß sie das zionistische Problem tiefer erfasse; und die Beschlüsse des VII. 'Kongresses sollten uns belehrt haben, daß durch die Ausschaltung allgemein politischer Bestrebungen die zionistische Arbeit in besonderem Maße auf die Lösung allgemeiner, kultureller Probleme, „die Regeneration des jüdischen Volkes"-.aus der das pathetisch verkündete „neue Judentum" hervorgehen solle, gedrängt werde. Es war s. Zt. aus 'taktischen Gründen zweifellos richtig, die Kulturdebatten auf den Kongressen zu unterdrücken. Mer sie werden stets von neuen, entstehen, und die innere Festigung unserer Bewegung läßt nach 10 Jahren die Erörterung zu. ' Es dürfte jedem gesetzestreuen Zionisten, der jene Umwandlung zum Rein-Nationalen nicht zu vollziehen gedenkt, klar sein, daß die in dem fraglichen Artikel der „Welt" entwickelten Theorien eine große Gefahr bedeuten. Ihre Mwehr darf jedoch nicht dem Zufall überlassen bleiben. Die parlamentarische Struktur unserer Bewegung erfordertdringend den festen Zusammenschluß aller Gleichgesinnten, eine Organisation, die in der Lage ist, derartigen Tendenzen in planvoller, programmatischer Weise zu begegne». Man wende nicht ein, man dürfe die Gegensätze nicht erweitern oder verschärfen, in einer Zeit, in der Streitfragen von weit geringerer Tragweite dem VII. Kongreß und dem X. deutschen Delegiertentage das Gepräge gegeben haben. Droht uns ein Kulturkampf, nun so mag er ausgenommen werden. Bon seinem Ausgang wird es abhängig sein, ob der Einzelne einen gewissen Optimismus, mit den, er sich am zionistischen Werke beteiligt, gerechtfertigt sieht, oder vielleicht blutenden Herzens, aber in Wahrung höherer Interessen sich von ihm lossagen müßte. Dr. Franck, Altona. G Mlefon. 0 Die Cohnheims. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Eines Tages sagte Herr Cohnheim zu seiner Frau: „Höre einmal, woran ich beständig denke. Ich habe Verlangen nach meinem Bruder, den ich in zehn Jahren nicht mehr gesehen habe. Ich möchte ihn einmal besuchen." Sie rief erschreckt: „Erich, bedenke die weite Reise und die Aufregungen. Seitdem Emil zu Hause ist, also seit nahezu 3 Jahren, hat Dein Bruder uns nicht mehr geschrieben. Denke, wie der Bericht seines Sohnes ans ihn, den fronimen Juden wirken mußte und welche Vorwürfe er Dir 'machen wird." „Ich 'weiß das alles, muß es aber tragen. Siehe, wir haben ja hier keine Angehörigen und keinen Freund, mit dem wir über unser Unglück reden können, und es drängt 'mich zur Aussprache. Mein Bruder ist nicht ungerecht. Und wie lange werden wir uns noch haben, da wir beide an der Schwelle des Greisenalters stehen, er und ich haben weiße Haare." Seine Sprache zitterte, sein Auge verdunkelte sich. Tief gerührt uniarmte ihn seine Gattin unb rief: „Reise Erich, reise und kehre mit leichtein Herzen zurück. Sieh — und wenn Du in Deiner Heimat, bei Deinem Bruder, bei Deinen Verwandten bleiben willst, ich folge Dir überall hin. Und unsere Tochter fesselt leider auch nichts hier." „Ich danke Dir, inein liebes Weib, aber ich habe den Zusammenhang mit melner Heimat verloren. Und wie dürfte ich meine christliche Tochter bei meinen strenggläubigen Verwandten einführen. Wenn ich meinen Bruder! gesehen und gesprochen habe, dann sehne Ach mich wieder nach Euch und kehre zurück." — ' Herr Eohnheiin wurde von seinem Bruder.und von Emil an der Bahn abgeholt. Die Brüder hielten sich lange umschlungen, dann maßen sie sich mit den Augen. I Der Aeltere bemerkte mit wehmütigem Lächeln: ,,Wir sind alt geworden, Erich." „Du nicht so sehr, wie ich." Und er hatte nicht 'Unrecht. Jakob Eohnheim war ein schöner alter Mann mit weißem Bart und ruhigen, milden Zügen, Erich war gebeugt mit durchfurchtem, blassen Gesicht. Er schüttelte Emil die Hand. „Wir sind stolz aus Dich, Deine Zeitung ist eilte Macht im Staate." . „Sie ist auch mit meinem Herzblut erkauft. Glaube mir Onkel, wer ein geliebtes Weib sein eigen nennt, kann einen: solchen Unternehmen nicht jede Stunde, jede Minute opfern." •' „Emil, was Du mir sagst, ist ein, wenn auch schwacher Trost für mich. Vielleicht sandte Dir Gott die unglückliche Liebe, damit Dü dem Volke und Deinem Volke lebest." Inzwischen waren sie zu Hause angclangt. Die Mutter kam Erich mit' ausgestreckter Hand entgegen: „Willkonnnen bei uns, Erich, wie geht's daheim?" Herrn Cohnheim tat der herzliche Empfang sichtlich. wohl. Er wollte aber auch seine Frau beruhigen und telegraphierte ihr: „Glücklich angekommen, herzlichste Aufnahme." Der Mcnd verging unter lebhaftem Gespräche. Me Erinnerungen wurden ausgetauscht, Erich konnte herzlich lachen, wie länge nicht zuvor. Seine Kinder wurden nicht erwähnt, es war. als wollte man die heilige Freude des Wiedersehens nicht durch Düsteres trüben. Mer Frau Cohnheim bemerkte, daß ihr Gast doch etwas abgespannt war. Sie sagte: „Erich, gehe zu Bett, Du wirst müde sein." ' < ■ Er erhob sich gehorsam. Seine Schwägerin und Emil führten ihn in das anheimelnde altfränkische Zimmer, in dem er schön so häufig geruht hatte und nach wenige» Minuten schlief er fest. Andern Morgens trat er mit elastischem Schritte und Hellem Auge in's Zimmer, wo er seine Verwandten am Frühstückstische traf. - ' Emil rief fröhlich: „Onkel, Du bist seit gestern um zwanzig Zähre verjüngt." „Das tut die Heimatsluft." , Nach dem Frühstück steckte» die Herren sich Cigarren an. „Emil, Dü mußt Dich durch mich nicht stören lassen." Dieser lachte. „Ich habe schon von sechs bis acht gearbeitet und die Redaktion muß ausnahmsweise bis fünf Uhr ohne mich fertig werden. Nun erzähle einmal bon zu Hause. Dü weißt, daß mich das interessiert. Bor allen: — Lucie." „Das Kind studiert und wird das höhere Lehrerinnenexamcn machen. Unsere Tochter macht mir nur einen Kummer, sie will unverinählt bleiben." Emil inurinekte: „Das gleiche Schicksal wie das meinige. Hätte sie auch niemals gesehen, so wäre sie heute vielleicht glücklich." Sein Baker bemerkte bedächtig: „Sage das nicht, mein Sohn. Sie kann ihr Glück, ihre Befriedigung in btt Erfüllung von Pflichten finden. Wenn sie einen feudalen Habenichts geheiratet hätte, der sich schließlich ihrer Abstamn:ung schämen würde, wäre sie unglücklich geworden. — Findet Dein Sohn Befriedigung in seinem Berufe?" „Ich habe keinen Sohn mehr." Und er erzählte das ganze Drama, von: Namenswechsel an. Er schloß mit den: verzweiflungsvollen Ausruf: „Er. der unser Mgott war, hätte Nicht gegen uns so. handeln dürfen. Seine Mutter grämt 'sich zu Tode." Seine Verwandten hatten ihm lautlos zugehört. Jetzt begann sein Bruder finster: „Und Dü wunderst Dich darüber, glaubst Du denn, daß Deine Abtrünnigkeit, das Unrecht, womit Dü Deine Kinder den: väterlichen Glauben entfremdet hast, straflos bleibt?" Erich rief: „Mache Dü mir keine Vorwürfe, mein Gewissen läßt mir seit Jahren keine Ruhe." „Ich werde Dir keine Vorwürfe machen, mein arn:er Bruder, der Du am sühnen bist." „Die Strafe ist zu groß. Rolf ist herzlos und ohne jedes Gefühl für Elter» und Schwester." „Lieber Erich, Deinem Sohn ist eigentlich kein Vorwurf zu machen. Dü hast ihn gelehrt, daß sein Stand auf 'der Spitze der Pyramide steht, die von der gesellschaftlichen Rangordnung gebildet wird. Er muß sich "auch deren Anschauungen zu eigen machen und wenn die Leute, zu denen er mit Verehrung emporblickt, über Juden spötteln, so wird er ihnen beipflichten. Es ist eben für seine Eltern bedauerlich, daß sie Juden sind, er muß sich ja ihrer und ihrer ganzen Sippe schämen. Er hatte zu wählen zwischen Eltern einerseits und seinem Stand,' seiner Lebensstellung andererseits und wenn dasZünglein der Wage noch geschwankt hat, so kamen ein paar schöne Äugen dazu und gaben den Ausschlag. Denke Dich nur in die Seele Deines Sohnes und Du wirst ihn: nicht grollen." Erich erwiderte bedrückt: „Dü hast Recht und tausendmal Recht. Hätte ich. ihn doch nicht in die Kreise gedrängt, deren Anschauungen so hohl und so nichtig sind." „Die Gesellschaft tut's auch nicht allein. Du hast ihm einen anderen Glauben gegeben und das hat ihn Euch entfremdet. Ihr konntet nicht mit Euren Kindern beten, an deren Feiertagen mußtet Ihr abseits stehen, konntet nicht mit ihnen in die Kirche gehen. Glaubtet Ihr denn, daß sie ' dies nicht bitter empfunden haben? Euer, verhängnisvoller Fehler war, daß Ihr Euch nicht ebenfalls taufen ließet." ■" Erich murmelte: „Nur Euretwegen haben wir es unterlassen." „Unsertwegen? Diese Rücksicht gereichte uns nicht zum Segen. Hättet Ihr auch konvertiert, so würde Emil Euch nicht kennen gelernt haben und er und Deine Tochter wären nicht zur Einsamkeit verurteilt." Eine bedrückende Stille erfolgte. Da begann der ältere Bruder: „Erich, es ist geschehen und nicht mehr zu ändern. Ich hätte Dich, meinen einzigen Bruder früher häufiger sehen müssen. Jetzt sind wir beide alt geworden und wenn Du fortgehst" — seine Stimme bebte — „ich bin der Aelteste und weiß nicht, wieviel Tage mir noch von Gott beschiedeu sind. Ich habe Kummer, weil Du noch nicht am Ende Deiner Leiden bist. Aber so lange ich lebe, stehe ich Dir brüderlich zur Seite und im Herbst werde ich Dich besuchen." Erich war im Herzen gerührt. Sein Bruder, der niemals reiste, will ihn besuchen! Er sah ihm in's Auge, aus dem ihm unendliches Mitleid entgegeulcuchtete Und stürzte ihm in die Arme. (Schluß folgt.) Wocheu-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 7. Juli (= 14. Daums): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Mn., Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 35 Mn.. Berlin 9 Uhr 29 Min. Der Wochenabschnitt Lolok 'berichtet von den Ränken des moabitischen Königs B alak, Israel