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Neue jüdische Presse · 1906-07-06 · Heft 26 (6.7.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 26 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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»WW^M ■L j}- ^r%ZZ*':; '^-^-'7^- Seite 4. Ncankftlrter JsmEifHeS FamilienblE Nr. 26. werden, obwohl Juden für die Zwecke des Vereines ■ sehr viel beigesteuert haben. Es wäre.daher dringendst wünschenswert, den energischen Versuch zu machen, daß man eine perzentuelle Ausnahme jüdischer kranker . Kinder für die Zukunft garantiert und es wird dringend ersucht, daß alle jüdischen Mitglieder sich an ■ dieser Aktion beteiligen, bei < der außerordentlichen Generalversammlung erscheinen und einen diesbezüglichen Antrag stellen. „Blochs Wochcnschr." Wien, 29. Juni. Die i sr a e l l t i s ch e Ku l tu s - gemeinde hat an den Präsidenten der Delegation, Prinz Lovkowitz, eine Kundgebung gerichtet, die sich gegen die Rede des Dr. K r a m a r über die Greuel und Judenmassakres in Rußland richtet. Gleichzeitig hat die israelitische Kultusgemeindoin Verbindung mit der Alliance Jsraelite an den Minister des Aeußern Grasen G o l n ch o w s k i wegen der Judenmassakres in Rußland eine Eingabe gerichtet, in welcher die Intervention des österreichischen Auswärtigen Amtes angerufen Wird. , Wie«. In der fünften Sitzung der österr. Delegation führte der Delegierte Dr. Strauch e r darüber Beschwerde, baß ' die Vorschriften des Dienstreglements betreffs der Teilnahme der Mannschaft an den religiösen Hebungen den jüdischen Soldaten gegenüber nicht eingehalten werden. Die Zustände im militärärztlichen Offizierskorps bezeichnete er als geradezu unerhört. Seit fast fünf Jahren sei kein einziger jüdischer Arzt in der Armee angestellt worden. Delegierter Stein: Es sind noch .zu viele dort! Delegierter Dr. Straucher: Seitdem der Generalstabsarzt Dr. Uriel in Funktion ist, der kn dieser Sache systematisch vorgeht, ist dieser Zustand eingetreten, trotzdem die Gewissenhaftigkeit und Tüchtigkeit der jüdischen Militärärzte seitens der militärischen Vorgesetzten aller Kategorien anerkannt wirb. Ebenso ist das Auditoriat ein Heiligtum, in welches kein Jude dringt. Delegierter Stein: Der Generalauditor Falk ist ja ein Jude! Delegierter Dr. Straucher: Ich kann nicht kontrollieren, ob der einzelne Genannte gegenwärtig noch Jude ist oder nicht. Delegierter Stein: Das ist ganz gleich; cs handelt sich um die Rasse, nicht um die Religion! Delegierter Dr. Straucher: Absolvierte Juristen, welche Reserveoffiziere sind und sich mit den glänzendsten Zeugnissen ausweisen, werden von der Auditorenpraxis zurückgewiesen und aufgefordert, ein gewisses Dokument beizuvringen. Delegierter Stein: Wenn er auch getauft ist, ist er doch der Jude! Delegierter Dr.. Straucher erwartet von dem Gerechtigkeitssinne des Ministers, daß diesen Uebelständen abgeholsen werde. Wie«, 3. Juli. Delegation. In der heutigen Sitzung verwahrt sich K r a m a r z gegen den Vorwurf, er sei Antisemit, weil er erklärt habe, die russischen Juden beteiligten .sich zu sehr an der Revolution. Er bedauere die Opfer der Massakres. Prag. Taufen. Im Jahre 1905 traten hier 31 Personen aus dem 'Judentum aus; 17 davon wurden römisch-katholisch, 7 evangelisch und 7 konfessionslos. l ' (SoBIonj. Taktlosigkeiten. Die Vertreter der evangelischen, israelitischen, altkatholischen und der Brüder-Gemeinden sollten nach 'dem offiziellen Programm bei dem Empfang des Kaisers mitten unter den Vereinen stehen, während 'die katholische Geistlichkeit an erste Stelle -gerückt war. Als darauf die Vertreter der sich zurückgesetzt.fühlenden Kultusgemeinden bei der politischen Behörde Beschwerde erhoben, wurden sic von 'dem amtshabenden Bezirks- .kommissärGrohmannmit den Worte»abgefertigt: „Hier wirdnichts gehandelt!" Die Kultus- ' gemeinden holten sich nun ihr Recht direkt in der Kabinettskanzlei des Kaisers. Doch nicht nur in Gablonz, auch in Reichenbcrg wurden die Vertreter der nicht katholischen Kulte beleidigt. Hier freilich war die lokale Behörde' un- ■ schuldig. Die Stadtvertretung hat alle Kultusgemeinden-Vertretungen zu'dem Kaisercmpfang eingeladen und in ihrer Liste gleich behandelt. Sie wurden jedoch in der PragcrStatthalterei aus der Liste gestrichen. Erst auf einen energischen Protest hin hat man sie dann wieder in die . Liste ausgenommen. c Großbritannien. London» 2. Juli. Oberhaus. Auch im Oberhaus ist nunmehr die Sprache auf die russischen Fudenmassekres gekommen. In der heutigen Sitzung sagte der Earl of Jersey in seiner Rede, daß die organisierten Judenmetzeleien sicher Grund genug sind, daß sie Großbritannien von ' jedem Vorgehen fernhalten sollten, das so üusgelcgt werden könnte, als ob es entweder Befriedigung oder Gleichgültigkeit gegenüber dem, was vorgegangen - ist, ausdrückt. ( Manchester. Die feierliche Grundsteinlegung der Jüdischen Suppenanstalt wurde am 21. dss. 'Mts. von dem Aldermann I. . Frankenvurg, Bürgermeister von Salford, vollzogen. Der Feier wohnte der Lord-Mayor von Manchester bei, der auch eine Rede hielt, in der er seiner Sympathie für das jüd. Volk Ausdruck gab. Frankreich. Paris. Die Bemühungen, eine Kundgebung der Deputiertenkammcr zu Gunsten der russischen Duma hcrbeizuführcn, wie wir vor acht iTagen gemeldet, haben kein Resultat ergeben, weil der Minister des Aeußern, Bourgeois, eine derartige Kundgebung nicht für opportun hielt. Wir dürfen heute versichern, daß die französische Regierung selbst direkt Schritte unternommen hat, um der Negierung des Zaren Vorstellungen wegen der inneren Zu st ä n de Rußlands und ihrer Rückwirkung auf das Ausland z u k o m m e n z u k a s s e n. Mit Rücksicht auf diese Schritte hat gerade Bourgeois von jeder Kundgebung der Kammer abgeraten. Nachdem jedoch ein E r folg d es von der Negierung unternommenen Schrittes nicht zu vermerken ist, haben die radikale» Deputierten Messimy und Gouzy dem Bureau der Kammer eine 'Motion unterbreitet, welche die Kammer veranlassen soll, die russische Duma zu begrüßen und die Ueberzeugung auszusprechen, daß sie allein in der Lage ist, den gegenwärtigen traurigen Zuständen ein Ende zu bereiten. Es steht noch nicht fest, wann diese Motion in der Kammer zur Abstimmung gelangen Ivird, doch bestehen beide Abgeordnete auf diese Abstimmung. „Franks. Ztg." Rußland. Petersburg,30. Juni. Das verschwundene Madonnenbild. In P o l t a w a herrschte gestern bis spät abends große Panik unter den Einwohnern, besonders unter den 'Juden. Es hieß schon vor einigen Tagen, daß am gestrigen katholischen Feiertage ein Pogrom stattfinden werde. Als es sich nun gestern herausstclltc, baß im Fraueüiloster „Zur Kreuzabnahme" das berühmte, gnabcnspeudende Madonnenbild auf unerklärliche Weise verschwunden war, glaubte man, daß das ein Signal' für die Hooligans sei, die Juden des Diebstahls zu beschuldigen, um dann die gefürchtete Hetze in Szene zu setzen. Alle Geschäfte der Stadt wurden gesperrt und jeder suchte sich in seiner Wohnung zu sichern. Mittag kam noch eine Menge Volkes in die Stadt. Den Anlaß zu diesem Zusammenströmcu boten zahlreiche Brände im Gouvernement, denen seit etwa acht Tagen ganze Dörfer zum Opfer fallen. Indes ist der Tag ruhig verlaufen; die Erregung wegen des verschwundenen Bildes dauert 'aber noch fort. Amerika. New-Aork. Panik im Judenviertel! Im Newyorker Ghetto herrschte dieser Tage fabelhafte Aufregung infolge des Gerüchtes, daß dort ein allgemeiner Pogrom nach russischein Muster bevorstehc. Einige Kinder der Bollsschulen waren seitens städtischer Aerzte Halsoperationen Unterworfen worden, um Wucherungen in den Nasenwurzeln zu entfernen. Daraus entstand das Gerede, alle Kinder sollten operiert werden, worauf tausendweise die Mütter den Schulen zustürmten, um ihre Lieblinge zu retten. Ein irländischer Gasarbeiter bemerkte zynisch, allen jüdischen Kindern 'sollten die Hälse abgeschnitten werden, worauf der Mob einen Lynchversuch unternahm. .Erst einem Massenaufgebot von Polizei gelang es mit größter Mühe, die Ruhe herzustellen. Tausende durchzogen die Straßen und riefen. die Juden sollten sich gegen die Angriffe bewaffnen. { : i ' ' ( '! ■!'! PT7} New - Kork. Die Hebrew Cbarities in Nöten! Die Wohltätigkeitsorganisation Hebrew Charities befindet sich in Nöten, da ihr Defizit auf 40000 Dollars angewachsen ist und muß am 10. August ihr Bureau schließen, wenn das Defizit bis dahin nicht gedeckt wird. Auf einem kürzlich stattgefundenen Diner bellagte sich Herr Bijur darüber, daß die russischen Juden eine Organisation nicht unterstützen, die seit 30 Jahren im Judenviertel Newyorks arbeitet, ca. 300 000 Dollar jährlich verausgabt'Und an die sich jährlich ca. 30 000 Personen um Unterstützung wenden. Die 2500 Mitglieder der Organisation sind fast ' ausschließlich deutsche Juden, trotzdem auch eine große Anzahl russischer Juden sich in Newyork in guter Position befinden. Es ist wohl war, daß die russischen Juden durch die Unterstützung ihrer Verwandten im Auslande sehr in Anspruch genommen werden, aber trotzdem — so meint Herr Bijur — dürsten sie etwas für diese Organisation tun. 1 Washington,28 Juni.DieEinwanderungsfrage befriedigend gelöst! Das Repräsentantenhaus hat bas Einwanderungsgesetz mit einem Amendement angenommen, wonach Personen, welche um religiösen oder politischen Verfolgungen zu entgehen, einwandern wollen, dies nicht auf Grund von Mittellosigkeit oder Mangel an Eignung verwehrt werden soll. — Präsident Roosevelt und die russischen Massakres. Präsident Roosevelt hat sich damit einverstanden erklärt, daß eine von beiden Häusern des Kongresses gemeinsam gesaßteResolution, in welcher dem Abscheu des Volkes der Vereinigten Staaten über die Judenmetzcleien in Rußland Ausdruck gegeben wird, dem Staatsdepartement übermittelt und amtlich bekannt gegeben werde. [ Offener Brief.*) Sehr geehrter Herr Redakteur! In Ihrem Berichte über den .Verlaus des 10. Delegiertentages der deutschen Zionisten vermißte ich zu meinem Bebauern die genauere Darstellung einer Interpellation, die einige der anwesenden Mis-- rachisten an den Schriftleiter der „Welt" gerichtet hatten. Diese Lücke in der Berichterstattung berührte mich um so empfindlicher,'als Ihre gesch,-Zeitung, als bas Misrachi-Organ, auch ohne diese Debatte in Hannover Veranlassung gehabt hätte,'sich mit dem Inhalt des Artikels, der zu dieser Interpellation Anlaß gegeben, eingehender zu beschäftigen. Um also den Bericht Ihres Korrespondenten zu ergänzen, bemerke ich, daß es sich in der fraglichen Debatte um einen Artikel in Nr. 19 d. I der „Welt" handelt, der die Kritik eines englische» Gesetzentwurfs zur Regelung des 'Religionsunterrichtes in den englischen Bollsschulen enthält. Dieser Gesetzentwurf will'in erster -Linie dem Religionsunterricht den obligatorischen Charakter rauben. Es ist verständlich, daß. die englische Geistlichkeit und mit ihr die religiös stark interessierte Bevölkerung gegen diesen Entwurf energisch Protest erhoben hat. Auch die jüdische Bevölkerung hat an den Leiter des Unterrichtswesens und zugleich Schöpfer dieser Edukations - Bill eine Deputation hervorragender Gemeindemitgliedcr init dem Chief Rabbi an der Spitze entsandt und ihm ihre Beschwerden vorgetragen, „die darin gipfelten, daß die religiöse Erziehung der Juden, besonders der Unterricht in der hebr. Sprache gefährdet s e i." I Dieser Protest versetzt beit Redakteur der „Welt" in Aufregung. Er sieht es „mit Bedauern, daß die Fndcnsich anfdieSeite der Konservativen stellen, daß auch sie dazu beitragen wölken, den Gang der Zeit, den Sieg der Freiheit dnfzuhaltcn. Wir' Juden niüssen im eigenen, wie im allmenschlichen Interesse jeden Sieg der Freiheit begrüßen. Freilich, wenn alle Juden sichaufdenStandpunktMr. Montefiores stellen, wenn sie.nur in der Religion das einzige Band der Völker und der Menschen sehen, dann wird für sie vielleicht auch die Trennung von StaatündKirch ein Frankreich undEngland eine Gefahr scheinen. Aber wenn dem wirklich so wäre,.daun wäre das Schicksal des Judentumsüberhauptbesiegelt . . . Das Judentum ist nicht daraus angewiesen, nur eine Konfessionsgeineinschaft zu sein. Es ist ein lebender Organismus, es ist eine Gesellschaft, ein Volk. In den Reihen der Juden geht ein Umbildungsprozeß vor sich — vom Religiösen zum Nationalen. Es ist eine Tatsache, und wir konstatieren sie. Das neue Judentum hängt nicht an starren Dogmen. Es ist sich bewußt, daß sich der Judaismus aus sich' selb st heraus entwickeln mu ß." I Es liegt mir fern, dem Verfasser dieser Ausführungen das Recht der freien Meinungsäußerung zu bestreiten. Aber zu scharfem Protest muß die peremptorische Art herausfordern,, mit der er grundlegende Fragen des Judentums behandelt, und an die. er mit denselben Theorien seiner liberalen Weltanschauung herantritt wie etwa an eine Kritik des Jesuitenordens. Es ist tief bedauerlich, daß ein „Rufer im Streit" das Wesen der jüdischen Lehre im Gegensatz zu andern Religionsbekenntnissen so sehr verkennt, daß er ihren nationalen Charakter leugnet und die lebendigen Beziehungen der. vielgelästerten „starren Dogmen" zum nationalen Leben des jüdischen Volkes nicht gelten läßt. Uns Mirachisten liegt nichts an der Ucbertragung der wandelbaren politischen Prinzipien unserer Tage auf die staatlichen Einrichtungen unseres Volkstums. Uns lehren die großen Wortführer des jüdischen Volkes, daß nicht die europäische Kul- *J Wegen Raummangel in der vorwöchentlichen Nummer nicht mehr ausgenommen. D. Redakt. .

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