Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 26 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692486--02528-2697140- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rheydt 1× ep/1045545
OCR text
Nr. 26; für ein seinem - Boden entrissenes Volk. lind doch' sind wirinnerlich nichs gebrochen, auch nicht gebeugt. Wir: konnten uns Lei unserem unverwüstlichen ' Optimismus' über all 'das unermeßliche Unglück von außen vielleicht hinwegsetzew mit.der Hoffnung auf bessere Zeiten und im Betvußtscin, daß unsere Hände von Blut rein und unsere Häuser von Raub frei, unsere Verfolger aber Raubwild in Menschengestalt- : Auswurf der Menschen und Tiere sind. Wir fühlen Uns — wir sagen-es offen —hoch erhaben über all das entmenschte Pack der Straßen und des Salons. wir klagen nicht, aber wir klagen an, und das ist unser Trost. . . Mein, wenn wir uns mitunserem harten Schicksal teilweise abzufindcn verstehen, so können wir uns' mit unseren Feinden von i n n e n nicht absinden, denn, wenn die Feinde von Außen unser Belvußtsein, unseren. Stolz stählen, soschivächeu und trüben die Feinde von innen unser Bewußtsein und brechen unseren Stolz. ' Doch wer sindunsere 'Feinde von innen? — In den. Stuben unserer Kultusgeineinden sind sie anzutreffen, dort hinter geschlossenen Türeu schmieden sie Pläne, wie die letzten Heiligtümer ihres Volkes zu entweihe», zu schänden, zu vernichten, es fallen da'Reden, die von Haß und Verachtung für alles jüdische strotzen und eines Brafman, Lutostanski, Drumont Und Lueger würdig < sind. So erzählt ein. Bericht von der jüngsten, nicht öffentlichen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandcs Folgendes: Auf der Tagesordnung stand die Beratung über die Gründung einer Religionslehrerpräparandie, einer Anstalt, die seit zwei Jahren gefordert und vom Vorstand versprochen wurde. Man berät über den vorgelegten Lehrplan, und einer der Kultusräte, Herr Dr. Markus Spitzer, nieinte, daß für die hebräische Sprache ein größerer Raum im Lehrplane gelassen werden möge — man merke recht: nicht etwa 'gar um die Neubclebung der hebräischen Sprache handelte cs sich, auch nicht etwa um die Einführung der hebräischen Sprache in einer jüdischen Volksschule,bewahre! von all dein war keine Rede, so etwas würde Unsere entjudeten Kultusräte in Raserei versetzen —; Herr Dr. Spitzer verlangte also ein klein wenig hebräisches Wissen für Lehrer, und doch versetzte dieser Wunsch die Kultus-Männer in äußerste Erregung. 'Ein Herr des engeren Vertreterkollegiums Namens Wilhelm Kuffner machte sogar, von Wut übcrschäuniend, einen schändlichen Ausfall gegen das Judentum. In 'seiner, auch von den Antisemiten nicht zu überbietenden Schmährede griff dieser jüdische Führer alles, was uns' - heilig ist, fiit, das hebräische Gebet, die hebräische Bibel u. a.: „Mit de in toten Plunder der hebräischen Sprache muß man aufrüumcn!" schrie in seinem Zornausbruch Her Schützer und Siegelbewahrer der jüdischen Kleinode, und zwar in Gegenwart der Herren Rabbiner Dr. Feuchtwang und Dr. David, diezur Beratung herangezogen waren, lind dieser Mann aspiriert auf den Posten eines Präsidenten der Wiener Kultusgenieinde mit ihren 150 000 Seelen! Wie tief muß ein Volk gesunken sein,, daß es zu seinen Führern Leute ernennt, die weder seine religiösen noch seine nationalen Güter respektieren, biel mehr danach trachten, diese auszumerzcn, zu vertilge». Wo in aller Welt gibt es ein Volk, das sein Geschick in Händen seiner offenen Feinde und Verräter legt? In die Hände seiner Feinde legt! sie zu Führern ernennt! Haben nicht seine Repräsentanten die Führerschaft selbst 'genommen und sich selbst zu Führern ernannt? Gewiß haben sie cs getan, niemand hat sie zu Leitern berufen; allein schon die Tatsache, daß ein Volk von Unberufenen geführt wird, ist so ungeheuerlich, daß man schier verzweifeln kann! Es ist die höchste Zeit, mit den Feinden von Junen aufzuräumen! M i t d e m d a s I u d e n t u m tötenden Plunder muß man endlich einmal e r n st l i ch an f r ä u m e n. * * . Fast in allen mehr oder -minder bedeutenden Parlamenten der Welt sind die russischen Greuel zur Sprache gebracht worden — die anderen kommen wahrscheinlich nach —, auch sind Protestversammlungen veranstaltet worden, überall wurden die Po- Frankfulcher JsraelüWeS Fmnilienblaü. grame, die von Staatswegen veranstaltet werden, gebrandmarkt. Bei uns in Deutschland waren bereits mehrere solcher Versammlungen, auch in unserer Stadt Frankfurt fand eine wahrhaft imposante Massenversammlung, von der wir an einer andern Stelle berichten, statt. Ml' diese Kundgebungen sind für uns Jude». eine gewisse Genugtuung, ein kleiner Trost in unserem Unglücke. Bloß Genugtuung und nicht mehr? Doch mehr, viel mehr! — S5jefc Versammlungen rütteln die Massen auf. die Schlummernden erwachen und der tvcite Mgrund, der von der Autokratie ausgeht und in der Kirche mündet, mit all seinen. Gefahren für das Wohl der Völker, steht vor ihnen da; die Völker sind geknechtet worden, weil sie nicht wußten, baß man sie knechte, sie schmachteten und litten, weil sie nicht ivußten, daß man ihnen Leid zufüge, sie glaubten an ihre Beschützer und litten; so bald sie aber erfuhren, daß man sie knechte und drücke, so wurden sie frei, so hörten ihre Leiden auf, ihre sogenannten Beschützer, die doch iin Grunde genommen nur bloße Henker und Heuchler waren, mußten abziehen. — Und was bedeutet dieses für uns JUden? Alles! Litten die Völker, waren sie geknechtet, so waren wir es, so litten wir z e h n f a ch. Das Müsse» wir uns ercw woivauker wezohorojim vor Augen halten, das muß das jüdische Volk w i s s e n, damit es nicht fehl geht, damit es seinen Feinden, die doch die Feinde alles Edlen und Guten sind, nicht stützt. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Hilfelei st ung. Für die Opfer der Brandkatastrophe in U n t s ch j e bei Bolawick, die den halben Ort in Asche legte und 70 jüdische Familien auf das Schwerste betroffen hat, sie wurden sämtlich obdachlos, sind vom H i l f s verein der deutschen Jude u Jk 5000 bewilligt und zur zweckentsprechenden Verteilung sofort nach Petersburg überwiesen worden. Berlin» 1. Juli. Als Beispiel dafür, wie rücksichtslos bei den R u s se u a u s w e i su n g e n in Berlin vorgcgangen wird, auch da ivo weder politische noch materielle Gründe bcigebracht werden können, mag folgende Zuschrift eines kürzlich Ausgelviesenen ay das „Berl. Tageblatt" dienen: Vor sechs Wochen kam ich mit meiner Frau, die sich im jüdischen Krankenhause einer schweren Operation unterziehen sollte, nach Berlin. Die Operation hat vor vier Wochen stattgefnnden; nach ärztlichem Gutachten muß' aber meine 'Frau noch zirka drei Wochen im Kranken Hause bleiben. Vorgestern wurde ich nun zur Polizei bestellt. Zwischen einem Wachtnieister und mir entwickelt sich nun das folgende, ziemlich wörtlich wiedergegcbene Zwiegespräch: , Wachtmeister (in strengem Tone): Was tun Sie hier? f f Ich: Ich habe meine kranke Frau ins jüdische Krankenhaus gebracht, wo sie operiert worden ist; sie wird hier noch zirka drei Wochen bleiben müssen. W.: Was wollen Sie denn hier? Sie haben hier nichts zu tun, lasse» Sie Ihre Frau hier. Sie fahren nach Hause. Ich: Wer meine Frau ist noch krank, ich bin der einzige, den sie hier hat, der ihr'etwas Trost und Hoffnung zusprechen kann: Wir haben einen Paß, und ich kann ohne große Schwierigkeiten nicht allein fahren. < ■ t' W.: Es wird auch so gehen. Wieviel Geld haben Sie? Ich (zeige ihm ungefähr 1500 Jk). W: Innerhalb vier Tagen müssen Sie abreisen. - . Ich: Mer das ist ja unmöglich, ich kann unmöglich meine kranke Frau hier allein zurücklassen. Weshalb denn das? Ich falle Ihnen doch hier Nicht zur Last, ich bin ein wohlhabender Kaufmann, der hier jetzt schon manches Hundert Rubel ausgegeben hat. W.: Darauf kommt es nicht an, Sie müssen fort: in spätestens 11 Tagen müssen Sie Deutschland verlassen. Berlin, 2. Juli. Stiftung. Dr. Eduard Simon, der Mitinhaber der Berliner Baumwoll- Cngrosfirma Gebr. Simon, hat der Konferenz zur Ergründung der bisher unbekannten Ursache der Syphilis den Betrag von Jk 200 000 zur Verfügung gestellt. ' Rheydt. Aufhebung des SLächtverb o t s. Bekanntlich war es das rheinische Städtchen Rheydt, bas unter den ersten das Verbot des Schächtens im städtischen Schlachthofe einführte. Inzwischen sind einige Fahre vergangen, der damalige Bürgermeister Dr. Tettenborn ist in Altona Oberbürgermeister geworden und an seiner Stelle Herr . Lehwald Stadtoberhaupt geworden. Man hat sich Seite 3. auch sehr bald davon überzeugt, daß der Stadt kein Gewinn, sondern nur Schaden von dem Schacht- Verbot erfließe. In der letzten, unter Vorsitz des Herrn Bürgermeisters Lehwald stattgehabten Stadtverordnetensitznng ist nun das Schächtverbot aufgehoben worden. Interessant erscheinen uns die Schlustausführungen des Herrn Vorsitzenden, der mitteilte, diesem Anträge liege' ein Gesuch der jüdischen Metzger zugrunde. Im Laufe der Zeit haben sich aber die Verhältnisse gegen damals gewaltig geändert; die Zahl .der israelitischen Mitbürger habe gegen damals auch bedeutend zugenomnren. Die Verwaltung selbst halte. die Polizeibestimmung von damals nicht mehr für richtig und sie lasse sich aus die Dauer unmöglich aufrechterhalten. Wenn andere Städte das Schächten zulassen, warum soll die Stadt Rheydt dies nicht! tun? Er habe selbst 11 Jahre an einem Schkachthose die Verwaltung geleitet, ivo allgemein die Schächtung nach jüdischem Ritus zulässig war; in all der Zeit habe man nicht die Mindeste Unannehmlichkeit gehabt. Er bitte das Kollegium nochmals, . die bestehende Bestimmung aufzuheden. — Das Schächtverbot wurde daraus nach der Vorlage der Verwaltung einstimmig aufgehoben. Oesterreich-Ungarn. Wien. Inder Sitzung des Wohlreform» ausschusfes vom 26. d. M. stand der Antrag, ein 103. und zwar ein deutsches Mandat für Galizien zn bestimmen, zur Diskussion. Minister Freiherr von Bienerth nimmt gegen diesen Antrag Stellung. Es müsse darauf hingewiesen werden, daß der durch dieses Mandat gewählte Mgeorbnete auch die übrigen in Galizien lebenden Deutschen mitvertreten würde. Allein nach der letzten amtlichen Statistik befinden sich in Galizien 212000 Deutsche, unter diesen sind aber 110000 bis 150000 Israeliten, die der deutschen Nationalität wohl nicht unbedingt zugerechnet werden . dürfen. — Mg. Dr. Ritter v. De i v e l konstatiert, daß in der Rede des Ministers zumersten Mak von der Regierung die Juden als eine separate Nationalität behandelt werden. Dies müsse eine gewisse Ueberraschung Hervorrufen, umsomehr, da doch diese Anschauung bei den Herren in Galizien nicht vorhanden ist. — Mg. Kaiser bemerkte ans die Ausführungen des Ministers, in dem Wahlbezirke von Mala — dem in Aussicht genommenen 103. Wahlkreise — müßten die Juden von den Deutschen abgerechnet werden, daß die Regierung diesen Standpunkt früher nicht eingenommen habe und daß dieser Standpunkt auch nicht in der Volkszählung zum Ausdruck komnre. Redner selbst habe gegendiesenStandPnnktnichtseinz u w e n d e n, aber auch dann, wenn die Juden abgerechnet werden, bleiben in Galizien immer noch 15 000 Deutsche übrig, die keine Vertretung haben. — Mg. Ritter v. Wassilka kann dem Argument des Ministers für das deutsche Mandat in Galizien nicht, zustimmen. Er wundere sich um so mehr darüber, nachdem für das deutsche Landgemeindemandat in der Bukowina gerade das gegenteilige Argument von der Regierung angegeben wird. Dabei handelt es sich im letzteren Falle um 15 600 Deutsche, dennoch haben die Rutheuen es gebilligt, daß diesen deutschen Kolonisten ein Mandat gegeben wird, obwohl in der Bukowina außerdem noch drei deutsch-jüdische Mandate sind, von denen wenigstens eines, wenn nicht zwei, in den Besitz der Deutschen kommen werden. Die Regierung identifiziert sich eben mit dem Polenllub darin, daß Galizien polnisches Land sei. Gegenüber dem Mg. Dr. v. -Kozlowski bemerkt Redner, daß in Galizien kein jüdisches Kind errstiert, welches nicht schreiben und lesen kann, mindestens in seinen Hieroglyphen, und jedes Kind wird als polnisch und als des Schreibens kundig eingetragen. 90 Prozent der Kaufleute in Galizien, 75 Prozent der galizischen Aerzte und Advokaten sind Juden. Die Ruthenen habe» keine ausgeliehenen Juden, sie können zu den Angehörigen ihrer Intelligenz nur diejenigen rechnen, die sie wirllich haben. Mit der übrigen Kultur habe das aber nichts zu tun. Wie«. Antisemitische Wohltätigkeit mit jüdischem Geld. Wieder sehen wir ein klassisches Beispiel vor uns, wie jüdisches Geld für antisemitische Wohltätigkeit verwendet wird. Die meisten der interkonfessionellen Widmungen und Stiftungen, zu denen jüdischer Wohltätigkeitssinn beigctragcn, wenn er sie nicht ausschließlich allein ausgcstaltet hat, sind schließlich in antisemitische Hände geraten und gegen den klaren Willen der Stifter, gegen jede Moral und Gerechtigkeit wurde jüdischen Armen und Kranken unbarmherzig die Unterstützung entzogen. Diese Gefahr droht jetzt beim „Seehospizverein" in Wien, der unter dem Protektorat der Erzherzogin Maria Theresia steht. Die Mitglieder wurden zu einer außerordentlichen Generalversammlung eingeladen, die am 2. Juli im Rathanse stattfindet. Die ordentlichen Versammlungen ' geben Lueger gewöhnlich Gelegenheit, der Erzherzogin seine ergebenste Ergebenheit zu zeigen. Der Zweck der außerordentlichen Generalversammlung ist die even- - tuelle Verstadtlichung, d. h. ein Beschluß, daß die Gemeinde die Institutionen des Vereines, darunter * das Seehospitz für skrovhulose Kinder (Direktor Dr. Monti) übernehme. Es steht fest, daß in diesem Falle . jüdische Kinder nie mehr Aufnahme im Hospiz finden