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Neue jüdische Presse · 1906-07-06 · Heft 26 (6.7.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 26 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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€>etle 2: eine gesunde sozialpolitische Entwicklung des jüdischen Volkes auf diesem Boden haben müssen. Wer Herzl, der fein berechnende Staatsmann, rechnet auch mit allen Nebenumständen. Auf dem sechsten Kongreß, dem letzten, dem er beigewohnt und den er geleitet, ließ Herz! in. seiner Schlußrede klar und unzweideutig seine Wsicht erkennen. l /Es war am letzten Tage des Kongresses, nach einer heißgeführten Debatte über die von ihm selbst aufgerollte Ugandafragc. Alles war matt und abgespannt, die unerträgliche Augusthitze lähmte aller Schaffenskraft. Die Kongreßredner haben ihr letztes Wort gesprochen. Der Kongreß mußte mit Rücksicht auf den heranrückenden Sabbat geschlossen werden. Nun sollte noch Herzl das letzte Wort sagen. Im Kongrcßsaale herrschte Nervosität und Aufregung. Die letzten bleichen Sonnenstrahlen durchleuchteten noch den menschengefüllten Saal und die ersten heranschleichenden Schatten kündeten den Kampf zwischen Licht und Finsternis an. Schauersüß nmwobene Wendluft und die letzten Strahlen der sich gen Westen neigenden Sonne. Die vieltausendköpfige gespannte Menge harret mit Ungeduld seinem letzten Wort. Unzählige Augen sind nach der Tribüne gerichtet. Im Saal war es immer stiller geworden, man fühlte so wonnevoll den Einzug der heiligen Sabbatruhe. Plötzlich erscheint er — der Größte und Schönste des ganzen Kongresses, mit seinem prophetischen Bart und den die Rätsel aller Meerestiefen ausdrückenden Augen. Eine wunderbare Gestalt aus dem geheimnisvollen Hintergrund.- Alle Augen sind nach ihm gerichtet, er verzehrt alle mit seinem Blick. Er beginnt zu sprechen — nein, zu kämpfen und dichten mit Herz und Blut. Seine zarte, bleiche Hand in die Lust führend, spricht er langsam, aber immer lauter und lauter. Jeder Satz ist Atusik. Auf seinem Antlitz ist eine majestätisch - malerische Pracht «rusgegossen. Er spricht über die schlechte Lage des jüdischen Volkes, über das umsich greifende Elend, über die Notwendigkeit einer Konzentration der Kräfte auf einem Boden, er mahnt zur Ruhe und zur Beruhigung. Er verteidigt sein Programm. — — Die Masse hat sich indessen verloren und ist vom Feuer seines Genies zu einem Körper zusammengeschmolzcn. Ein Körper? — nein, eine Seele. Plötzlich öffnet er seine klaren lichtvollen Augen, hebt die Hände zum Schwur und verkündet laut in der Sprache Davids: Im cschkochech Jeruscholajim Tischochach Jemim. Es welke mir die Rechte, vergesse ich jemals dein Jerusalem. .- Der diesen Schwur in jenem heiligen Moment gesprochen, hat Palästina nicht verraten. Palästina war ihm heilig, aber auch sein Volk teuer und lieb. Theodor Herzl sagte: Die Rückkehr der Juden zum Judentum und ins Land ihrer Väter ist die zu ersehnende Station in der Geschichte des Golus; um die Station zu erreichen, inuß man jedoch noch einen großen und langen Weg zurücklegen. Geschichte der Juden und des Judentums in Marokkos Von Dr. Nachum Slonschtsch, Professor für hebräische Sprache. und Literatur an der Pariser Universität. Auf Staatskosten veröffentlicht. Paris, 1906. Ernst .Leroux, Editeur. (Fortsetzung.) Der Verfasser verweist uns zum erstenmal auf die Rolle, die die Inden von Cyrene von 320 bis 120 v. Ehr. gespielt haben. Sic waren die wirklichen Vermittler zwischen Greed-Romanen und Lybo-Phenicier. Die fürchterlichen Folgen des jüdischen Aufstandes in Afrika haben zur Vertilgung des jüdischen Elements in Ehren geführt. Während ein gut uusgeblldetes orthodoxes Judentum palästinensischromanischen Ursprungs in Carthago und auf der Seite von Djurdgura blütete, bildete sich jenseits dieser Bildfläche eine neue Rasse, die sich aus verschiedenen kleinen Stämmen, so Araber und Aethiopier, zusammensetzte, und die sich dank der Ueberlieferung der Cyrcnaischen Juden ebenfalls zum Judentume bekannte. Wlerbings muß hier gleich hervorgehoben werden, daß die zum Judentum sich bekennenden halben Nomadeuvölker keine Musterjuden waren. Ihr Judentum war primitiv. — Als Hero Frar^furter Israelitisches FavülsenLüÄ. anerkannten sie Josua den Sohn von Nun, ErobÄer von Palästina.! Nach glücklichen und erfolgreichen Kämpfen gegen Römer und Byzantiner und nachdem eine berbcrische. Nation organisiert war, gründeten diese kriegerischen Juden das erste afrikanische Mich. Zur Zeit der großen muselmännischen Invasion in Afrika machten die Juden von Guerin und Djerna den Griechen und Arabern die. afrikanische Herrschaft streitig, während andere jüdische Stämme eine Eroberung Spaniens organisierten und die Westgoten, ausgesprochene Judenfeinde, uni jeden Preis niederzuwerfcn suchten. — Die Macht der wunderbaren jüdischen Königin Cahcna ward aber später in den Kämpfen mit den Arabern gebrochen und führte, da man auf beiden Seiten mit Heroismus focht, zu traurigen Folgen. Die Araber trugen/ den Sieg davoit und in kurzer Zeit war Aftika von den Arabern unterjocht. Von der jüdischen Macht in Afrika blieben Nur einige wenige Fragmente übrig. Nur einige kleine Stämme, vielmehr Neste dieser Stämme, die an ihrem Judentum etwas fester hielten, haben diese schicksalsreiche Epoche überlebt. Heute sind es Inden und Araber, die mit der gleichen Ehrfurcht Josua, den Sohn Nuns, verehren. Die zweite Epoche beginnt eigentlich mit der Eroberung Afrikas durch die Araber gegen 641 n. Ehr. Da bemerken wir, daß, sobald die nlaterielle Macht der Juden in Afrika gebrochen war, die sich, zum Judentum bekehrten Völker nach dem Sturze Cähcnas vom Judentum wieder abfallen und vom primitiven Monotheismus des Islams aufgezehrt werden. Man kann ohne llebcrtreibung sagen, daß dank dem Judentum und seiner Macht, die zu einer gewissen Zeit die vielen kleinen Völkerschaften Afrikas in ihre Sphäre gebracht, dem Isla minAfrika ein Weg geebnet worden ist. Die anderen kleinen früher zum Judentum sich bekennenden Stämme gingeil nicht nach dem Znsamenbruch der jüdischen Macht in Afrika zum Islam über, sondern zogen cs vor, sich in den von den Arabern erbauten Städten niederzulassen, während viele nach der Sahara und nach dem Sudan flohen, um sich dort ihre Selbständigkeit zu sichern. In dieser gebirgigen Gegend vereinigten sich wieder die judeo-arabischen Stännue, welche sich dort von Arabien und Aethiopicn angesammelt, nnd das Judentum kam dort infolge dieser Vereinigung der Kräfte wieder zu politischer Macht. ' ’; Der Historiker Eldad Hadani, auf den Herr Prof. Dr. Slonschtsch oft zurückkommt, gibt uns Kunde von der regen Anteilnahme!des sudaneser Judentums an der monotheistischen Propaganda. Die Juden halten an Moghreb-el-Akia (Marocco) fest und unerschütterlich, bis Imam Jdris I. den letzten Widerstand der Inden brach, ihnen ihre Unabhängigkeit raubte." Gegen Ende des achten Jahrhunderts war das Judentum vollständig unterjocht. Die Masseneinwanderung der nordasrikanischen Juden in Marokko beeinflußte stark die eingeborenen Juden. Zuweilen machten die afrikanischen Juden den Versuch, sich vom talmudischen Judentum gänzlich loszusagen und zu ihrem eigenen alten Glauben, zur Josuaverchrung, zurückznkehren. Denn schließlich waren doch die meisten von ihnen Proselyten, aus gewissen historischen Beweggründen hatten sie sich zum Judentum bekannt, als aber die Zeit diese. Beweggründe ans der aktuellen Wirklichkeit ausschaltete und eliminierte, kurzum als alle materiellpolitischen Baude zerrissen waren, da war das Judentuni in Nordafrika nur eine religiös-sittliche Kraft. Diese zu tragen, gehört mehr als Bekehrung. Es gehört dazu eine jahrtausenb lange vererbte Kultur. Der Urheber dieser Bewegung war der so mysteriöse Eldad Hadani, ein Mann, der eine sehr merkwürdige, aber doch wichtige politische Rolle im Sudan und Aethiopien gespielt hatte. Dieser.Eldad versuchte cs nun, den cklten Josuakultus, von welchem oben die Rede war, zu Siege zu verhelfen und aus ihm eine religiöse, aber wahrscheinlich auch politische Bewegung zu schaffen. 'Einige Splitter, die wir von seinem Nachlaß besitzen, sind zuweilen mit. der Lehre der Falaschah Ähnlich, was auf den gemeinsamen Grundfehler, auf ihr gemeinsames Vorgehen schließen läßt. Indessen ist die ganze Bewegung in den Aand verlaufen, denn.es. war zu , Nr. 26. spät. Die entkräfteten und geschwächten Juden, einmal in die Ideen des orthodoxen Judentums eingedrungcn, endigten damit,, daß 'sie fortgesetzt, ihre letzten Kräfte in der. Diaspora zu sammeln suchten. Auf rine angebahnte politische und-soziale Bewegung folgte eine religiöse, und intellektuelle. Diese Bewegung schildert uns Herr Prof. Dr. Slouschtsch weit und. breit im dritten Teil seines Buches.. Er zeigt uns da die Rolle, welche die' Marokkaner Inden gespielt, ihren Anteil an dem Ausbau der jüd. Kultur, den sie genoinmen haben. IN dieser Epoche begegnen wir untz»r den marokkanischen Inden Gesetzeslehrern wie Mfassi und Samuel Ben Ofni, die größten Talmudosopheu ihrer Zeit. (Schluß folgt.) , .. Pogrom-Schrecken. Poltawa, 2. Juli. Die Pogrom-Schrecken werden von Tag zu Tag größer. Es sind unbekannte Personen angctommen, und es werden aufrührerische Proklamationen verteilt. Der Gouverneur ist krank. Die jüdische Bevölkerung sieht dein 12. Juli, an welchem Tage eine Prozession stattfindet, mit Angst entgegen. ' Warschau. Was soll man tun? Ueber dem ganzen Rayon steht jetzt, so schreibt „Der Weg", der Schreck vor Pogromen' wie eine schreckliche Wolke, und die Augen der Juden sind sehnsüchtig nach der Duma gerichtet. In der parlamentarischen Fraktion der Kadetten ist wohl ein Vorschlag cingebracht 'worden, nach allen Orten, wo man Pogrome erwartet, Duma-Abgeordnete zu schicken; . doch wollte man diesen Beschluß aussühren, so würde die Duma bald leer sein. Es gibt nuv ein Weg, und der ist, daß die Parteien der Duma ihre Abteilungen in der Provinz aufsordern, gegen die Provokation zu Pogromen aktiv 'herauszutreten und mit aller Kraft gegen das Ausbrechen von Pogromen zu arbeiten. Es ist Aufgabe der jüdischen Abgeordneten,, in diesem Sinne sofort tätig zu sein; jede Minute des Zögerns kann Entsetzliches bringen. Berlin, 4. Juli. In Erwartung der Pogrome. Die Nachrichten aus verschiedenen Ortschaften über die P ogrombeweg»ng hören nicht auf. Nachfolgend sind die Nachrichten der letzten drei Tage zusammengestellt, die ein genügendes Licht auf die Vorgänge werfen. Aus Kiew, wo vor einigen Monaten ein großer Pogrom stattgefunden hat, wird gemeldet, daß dort täglich neue Ausschreitungen gegen die Juden befürchtet werden. Die Polizei ist verstärkt, der General-Gouverneur läßt eine Proklamation erscheinen, hie die Bevölkerung beruhigen soll. Außerdem werden auf Anordnung der oberen Behörde Broschüren konfisziert, die offen in der Stadt verbreitet werden und zum Kampf gegen die Juden, Polen, die Gossudarstwennaja-Duma und die fortschrittliche Presse auffordern. — Aus Tscherkassy und Proskur ow (Südrußland) kommen Nachrichten, daß die dortige jüdische' Bevölkerung der Umgegend einen Pogrom befürchtet und eiligst die Städte verläßt. Die Eisenbahnzüge sind überfüllt, die Stiinmung ist 'gedrückt. Eine eilige Emigration findet überall in den Städten ünd Flecken statt und der Geschäftsverkehr stockt immer mehr. — Aus Arsamaß im Gouvernement Mshny-N'owgorod kommt eine Depesche: „Hier werden energisch die Proklamationen der „Russischen Fahne", unterzeichnet von A. Dubrowin (ein bekannter Agitator d.es „Schwarzen Hunderts"^ verbreitet. Die Proklamationen suchen die Bevölkerung gegen die Juden und die Gossndarstwennaja- Duma anzustächeln. Man spricht von einem in Vorbereitung befindlichen Pogrom. Die Stimmung ist eine niedergedrückte." — Auch aus Saratow laufen Depeschen ein, die von Vorbereitungen zum Pogrome sprechen. An der Spitze der örtlichen schwarzen Bande steht der bekannte Bischof Germogen. Die Juden flüchten. — Weitere Meldungen über bevorstehende Pogrome kommen aus Kremehtschung, Gouvernem. Poltawa, aus Home k, Minsk und aus Balta. Ueberall befindet sich die jüdische Bevölkerung in großer Aufregung. „Rufs. Korrespondenz." Warschau, 2. Juli. Pogrom-Vorbereitungen werden gemeldet aus Woronjesch, Romni (Gouv. Poltawa), Lubni (Gouv. Poltawa), Charkow, Pawlograt und Kowel (Gouv. Wohl). Aus Pawlograt.wird gemeldet, daß die Fabrikanten keine Waren mehr auf Kredit geben. Die Woche. Des Landes' verlustig, nach allen Windrichtungen zerstreut, als Objekt des Raubes und Mordes seit zweitausend Jahren bis auf den heutigen. Tag, wie Wild gehetzt, ausgeplündert, gemartert, getötet, ein Kainschicksah ohne aus sich die Schuld des Brudermordes je geladen zu. haben, wahrlich Unglück genug

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