Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 26 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IlrarrkfirrLer Hledaktrs« «nd Hefchäftsftetts: Srsnkfurt a. M.. Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße Ter-fo« 10507. ■i x : HekEgeVsr: KalL Geis. < Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— -- —-i Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzefle. 25 Psg. Die Reklamezeile.. . 100 ., ■ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Bellagen: Preis nach Uebereinkunft. Freitag, de« 15. Tamas 5666 (6. Juli 1906). Ro. 26. 4. Jahrgang. Inhalt des Hanptblattes. Artikel: Theodor Herzl. — Geschichte der Juden und des Judentums in Marokko. — Pogrom- Schrecken. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Offener Brief. — Feuilleton- Die Cohnbeims. — Wochenkalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Theodor Herzl. Zur Wiederkehr seines Todestages. Von ffio jime Sc Ma!tre. - Am 20. Tamus -werden es zwei Jahre, seitdem Theodor Herzl in jene Insel der Selige», in jene Walhalla der Unsterblichen sanft und mild hinübergedämmert ist. Nur zwei Jahre sind es, seitdem das Licht seines verklärten, rätselhaften Auges für immer erlosch, aber dieser kleine Sprung auf dem Marsche menschlichen Werdens scheint uns ein unendlich langer, dornenvoller Weg zu sein. Seit Herzls Tod wandern Ivir ununterbrochen von Kischenew zu Homel, von Hömel zu Odessa und von Odessa zu Bjelostok. Seitdem die kühle Gruft seine-letzten irdischen Uebcrreste birgt, ist die schwarze moskowitische Erde mit jüdischem Blute gerötet.- Oder hat ihn die allweise Vorsehung aus dem irdischen Jammertal befreit, damit sein frommer Blick diese massenweise Judcnabschlachtung nicht mit ansehen müsse? Es sei nun dem, wie es wolle, die letzten zwei Jahre scheinen uns lang, unendlich lang, welche kurze Frist zwei Jahre bei normalem Leben auch darstellen mögen. — In dieser relativ kurzen, aber für uns doch unendlich langen Zeit hat nicht nur das jüdische Volk die traurigsten, fürchterlichsten und schmachvollsten Tage seiner Geschichte erlebt, sondern in den letzten zwei Jahren hat die JNdenheit einen. Weg zurückgelegt, den der Historiker von Morgen als eine Irrfahrt, vielleicht als die größte Irrfahrt auf unserer Wanderung bezeichnen wird. Der Wglanz des einst'so blendenden Lichtes ist im Nebel des Goluselends verschwunden, seine wirkliche, imposante Gestalt hat sich fast in Sagen und Märchen aufgelöst — dank der äußern Bedrückung und 'inneren' Verwirrung. Der Wahnsinn der Zeit scheint das' wertvolle Erbe, jenes Löwen umgewertet oder gar entwertet zu haben. Mer eben nur der Wahnsinn der Zeit, nur eine finstere diabolische Kraft, wie sie in einem Momente voll babylonischer Verirrung der Judenheit sich zu bemächtigen vermag, konnte eine gesunde, unbesiegbare Kraft zum vorläufigen Abzug zwingen. Wenn die geheimnisvoll umherschleichenden Schatten verscheucht und ein fröhlicher Sonnenstrahl von neuem unsere Hoffnung lockt und uns zur Entfaltung unserer Kräfte antreibt, — dann, O! so klar wie dieser Sonnenstrahl-genießen wir wieder von dem wertvollen Erbe, das uns Theodor Herzl hinterlassen. — Worin wohl dieses Erbe bestehen mag, wird mancher fragen? Soll ich all' die Werte, all' die Objekte hier aufzählen? Das kann ich wahrlich nicht — dazu fehlt mir die Kraft. Ich habe es noch bis jetzt nicht gelernt, ein zweitausendjähriges Geschichtsminus I in eine knappe Formel zusammenzuspannen. Wer ich weiß, daß die letzte zweitausendjährige jüdische Vergangenheit mindestens in politis ch e r Beziehung ein Geschichtsminus war. Eine Negation in jeden: Verhältnis. Negativ haben wir für uns, negativ für andere gewirkt. Und Theodor Herzl war der erste, der es init genialer Kraft untcrnomni e n, d i e s e s G e s ch i ch t s m i n u s i n e i n P l u s umzuwandeln. Theodor Herzl war der erste, der es nicht nur durch trockene Berechnung, sondern dank seinem Feingefühl-eingesehen hatte, daß unsere ganze Existenz in der Diaspora e i n D ruckfehler der Weltgeschichte ist, und der eben mit seinem kühnen Geist den Versuch machte, diesen Druckfehler der Weltgeschichte zu berichtigen. — Als noch Theodor Herzl unter uns weilte, bezeichnete man ihn als die Triebkraft und Verkörperung der jüdischem Renaissance. Warum? Hat er einen Faust geschrieben, einen Hamlet geschaffen, eine Umwälzung der ganzen politischen Konstellation Europas im Geiste "des Judentums verursacht? Nein, Herzl hat keinen Faust geschrieben, keine göttlichen Komödien verfaßt, er war auch kein Pctrarya — aber seine Verdienste um das jüdische Volk sind ähnlich jenen der Träger der Renaissance. Die Renaissance hat der Welt den Menschen als Menschen, als kleine Welt — entdeckt, und Theodor Herzl hat der Welt die unter' allen Sternenkreisen zerstreuten Juden als Volk — als Nation entdeckt, darin steckt die sittliche, welthistorische Bedeutung Theodor Herzls. In noch größerer und differenzierterer Form vergewissern wir uns seine Bedeutung für das jüdische Volk, seine Stellung in der wechselvollen Geschichte unseres Volles, wenn wir sein Schaffen und den Urquell feiner Kraft erkennen. Theodor Herzl gehört zu denjenigen Gestalten der Weltgeschichte, die nicht nur ein großes Glied in der Kette sind, sondern die mit dem Feuer und mit der Kraft ihrer Persönlichkeit das Eisen selbst schweißen und schmieden. Er hat, von seinem Genius getrieben, alles geschaffen und wenn man ihm gewisse Vorläufer, wie Pinsler usw. nachsagt, die er nicht kannte, so bekundet er eben mir die logisch-genetische Kontinuität im Werden. Er.hat keine Vorläufer gekannt und eine Zeit lang sich selbst auch nicht. Aber wie erkannte er sich doch? Wie entdeckte er eine solche Welt in seiner Seele? Theodor Herzl war neben dem Schriftsteller von Genre und neben dem Staatsmaim auch eine feine Natur — eine zarte Seele. Er war selbst ein Muster menschlicher und männlicher Schönheit, und in dieser schönen Mannesbrust lebte eine schöne, sein empfindende Seele. Theodor Herzl, der Aesthct, Theodor Herzl, dem Schönheit und Gerechtigkeit ein Synonym war, hat die schmutzigsten, ungerechtesten Tage der französischen Geschichte erlebt. „A bas les juifs", „Mort au Juifs" waren damals jedes zweite Wort eines jeden Franzosen. Sein staatsniännischer Blick eröffnete ihm eine trosllose Aussicht. Er sah nicht nur Dreyfuß, er sah vielmehr in Dreyfuß die Personifizierung des ganzen jüdischen Elends in der modernsten Gestalt. Er ging weiter und traf das Volk — das jüdische Volk, entweder in.äußerer oder in innerer Knechtschaft leben. Er sah die innere Sklaverei der schon „emanzipierten" westeuropäischen Juden, er vernahm die Seufzer der Opfer der russischen Nügaika, der polnische» Schlachziz und der rumänischen Tyrannen. Der Anblick der westeuropäischen „emanzipierten" Juden, ihre innere Sllaverei ekelte ihn — den Ae schrien, den freien Menschen und später den freien Juden — an. — In ihm empörte sich sein ganzer ästhetischer Genius. Das laute Aufschreien der Opfer der Nagaika entsetzte ihn und erfüllte seine stolze Mannesbrust mit wilder Empörung. Da begann es sich mächtig in seinem Innern zu regen. Er fing zu denken an. Und der Genius schafft, während er denkt. Einige Zeit darauf erschien sein „Judenstaat". Das Erscheinen dieses Buches bildet den Wschluß 'eines langen Kapitels jüdischer Geschichte. Mit der „Stadlonuspolitik" war es für alle Zeiten zu Ende. Die Juden sollen nicht mehr Parias und Sllaven 'fein, sondern sie sollen auf einem eigenen Boden Herren werden. Dieser Gedanke entzündete die mit Blut und Tränen getränkte Luft. Warum? War das eine Entdeckung von welthistorischer Bedeutung? Ja, sieh! es ist doch so einfach, so einleuchtend für jeden, ohne Metaphysik, ohne dunkele Stellen — ohne Formeln und Termini. Das Gravitationsgesetz ist doch so einfach — so selbstverständlich, so naheliegend und doch mußte es erst ein Genie wie Ikewton entdecken. Dieser von Herzl entdeckte und fein formulierte Gedanke eines Judenflaates sollte das erste Signal zu einem Protest gegen die. Assimilation in negativer Beziehung, zu einem Erwachen lies jüdischen Bewußtseins in positiver Beziehung werden. Das erwachte, das durch ihn erwachse Voll lief ihm massenweise begeisterungsvoll entgegen, während die „Israeliten" deutscher, sranzösischer usw. Nationalität einen Schrei des Entsetzens ausstießen und den großen Löwen mit Protesten töten zu können glaubten. Die Bewegung wuchs von Tag zu Tag und ihr Schöpfer-mit ihr, aber die großen jüdischen Massen des Ostens, vom Kosaken geprügelt, vom gewissenlosen Tschinowniks ausgebeutet, von der verbrecherischen Regierung in Schrecken gehallen, ohne politisches Verständnis, erwiesen sich doch später noch nicht reif genug, um Theodor Herzl in seinem Gedankenflug zu folgen. Welthistorische Ereignisse übten einen ungünstigen Einfluß auf die Lage der russischen Juden. Wolkenmassen bedeckten und verfinsterten ihren Horizont, finstere Kräfte und chaotische Zustände brachten sie aus dem Gleichgewicht, und nun trat die Reaktion ein. Noch stand aber Herzl auf der Wacht und kämpfte wie ein.Riese. Er rang und kämpfte, bis er im Kampfe wie ein Heros in der Schlacht jähe zusammenbrach, von einer tückischen Feindeskugel getroffen. Wie dachte Herzl selbst über den Kampf? Sind die reinen Palästinenser oder die ausgesprochenen Territorialisten seine Nachfolger? Beide nehmen ihn für sich in Anspruch und beide tun es mit Unrecht. Herzl, der Dichter, Herzl der feinsinnige Träumer, liebte das Land, in dem ein Jesajas einst lebte und wirkte, ein Land, in dem die Ethik als Prinzip — der Mensch als Begriff proklamiert und geschaffen wurde. Palästina ist die Wiege des Prinzips in der Kultur, die Wiege der Gerechtigkeit und Gleichheit als Prinzip. Herzl kannte auch die moralischen und historischen Kräfte, die das Land birgt — die Vorteile, welche diese Kräfte für