Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 25 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692485--02514-2697132- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 25. Seite 5. Jahr hatte er eine zweijährige Gefängnisstrafe absolviert, die ihm! wegen Wernntreiiiing von 8000 Rubeln Regicrungsgelder zudiktiert worden waren. Amerika. Ncw-Äork. Eine merkwürdige Laufbahn hat David L n b i n hinter sich. 1849 in Polen geboren, kam er in frühester Jugend irach Newyork, war erst Kommis, dann Hausierer und schließlich Landtvirt. Als solcher machte er verschiedene für die Landtvirtschaft nützliche Erfindungen 'und crtvarb sich durch seine erfolgreiche Agitation für Ermäßigung der Frachten, speziell für die amerikanische Landwirtschaft, große Verdienste. Jetzt hat er nun ein ganz bedeutsames Unternehmen ins Werk gesetzt; er will nämlich eine korrekteinternationale Festst e l l u n g der Ernkeerträge der ganzen Welt ermöglichen, um so einerseits eine ilebervortcilung des konsumierenden Publikums zu verhindern und andererseits den Landivirten inehr den ihnen zukommenden Verdieilst zu sichern. Nachdem er sich vergebens bemüht hatte, de» Präsidenten der französischen Republik Loubet für seine Idee zu gewiilnen, gelang es ihm eine Audienz bei dem jetzigen König von Italien zu erlangen, der gleich auf die Idee einging und veranlagte, daß etwa eine halbe Million Lire zur Begründung des von Lübin vorgeschlagenen - internationalen Instituts ausgeworfen tvurde. Jetzt befindet sich Herr Lubin in Washington, um mit dem Präsidenten 'R o v s cve lt und Senatoren für die Schaffung eines internatio- » a l e n landwirtschaftlichen K o n g r e s s e s zu konferieren. — Große Stiftung eines Iuden für allgemeineZwecke. Der Philanthrop Raphael Weil, ein vielfacher Millionär in San F r a il c i s c o, hat beschlossen, 5000 verheiratete arme Frauen, die durch die jüngste Erdbebenkatastrophe alles verloren haben, neu mit allein zur Bekleidung und Haliseinrichtung Erforderlichem anszustatten. Herr Weil motivierte seine generöse Haildlung damit, daß er als Junggeselle fühlen werde, seine Pflicht gegen das andere- Geschlecht erfüllt zu haben, weirn er 5000 armen Frauen wieder zu einein gut eingerichteten Heim verhelfe. Ein Ausschuß von 50 Damen ist zur Wahl der Empfänger der Gabe eingesetzt, und -Herr Weit hat demselben „vorläufig" eine Million Dollar zur Verfügung gestellt. — Wenn ma>l. bedenkt, daß' die Bereinigten Staaten den von der Katastrophe Betroffenen in genügender Weise selber Hilfe 'leisten können, und ferner erwägt, daß Hnnderttansende von Inden in Rußland elend zu Grunde gehen, ja, daß selbst in Amerika — im Newyorker iJudenvicrtel — Hunderttausend!: jüdischer Seelen ans erbärmliche Weise ihr Dasein fristen, dann muß man sagen, daß ein Jude in der gegenwärtigen Zeit sein Geld hätte besser verwenden können. Aus der zionistischen Bewegung. Hamburg. Am 14. Juni erstattete Herr E st e r in a n n in einer von ca. 100 Personen besuchten Bersammlung Bericht über den 10. Delegiertcntag. Er sagte n. A.: Der Delegiertentag habe gezeigt, daß man mit dem dauernden Bestehen prinzipieller Gegensätze unter den deutschen Zionisten zu rechnen habe. Nach Erledigung des Ugandaprojektes sei die Diskussion über diesen Punkt rein theoretisch und könne nicht mehr die 'Grundlage für eine Parteibildnng abgeben. Es handele sich heute wieder um die alte Frage, welche Methodeulzur Erlangung Palästinas geeignet sein. Ein. iunerer Zusammenhang mit der -Ugandafrage scheiire allerdings insofern zu bestehen, als ans zlonc-zionistischer Seite die Ucberzcngnng von der Möglichkeit und Notwendigkeit der praktischen Arbeit in Palästina zeitlich mit der Opposition gegen Uganda zusaniinenfätle. Die durch dieAblehnung des Ugaudaprojektes zurückgcwicsene Möglichkeit einer praktischen Arbeit suche man uämlich durch die Gegen- IvartSarbcit in Palästina zu erreichen. Es sei unverkennbar, daß in Deutschland eine Tendenz zur Umbildung der Ansichten vorherrsche, die - zione-zionistische Richtung habe sich zur Majorität entwickelt: anerkcnuswcrt sei, daß seitens dieser Majorität aus dem Delegiertentagc bei den Wahlen zu in C.-C. große Objektivität bewiesen tvorden sei. Der Telegiertentag sei eine Bersammlung von Männern gewesen, die mit politischem Verständnis über alle kleinen und großen Differenzen hinweg das Interesse der Gesamtbewegung vorangestellt habe». Lebhafter Beifall folgte diesen Aussührungen. I» der Diskussion weisen D r. Kal in u s, D r. B i c t o r u. A. aus die mangelhafte Berichterstattung über den Dclegiertentag in der „Rundschau" hin. Es wird richtiggestellt, baß kein „fester", sondern ein freiwilliger Palästinabcitrag, dem Hamburger Antrag eirtsprechend, beschlossen ivorden ist. Auch sei in der „Rundschau" vergessen, das einstimmig angenommene Amendement Fricdemann wiederzugeben, das dahin ging, den Redakteur der „Rundschau" zu ersuchen, „in tunlichster Weise alles zu vermeiden, was die Gesinnungsgenossen verletzen könnte." Dr. Fr auf begründet mit dem Hinweis auf die Preßdebattc die Notwendigkeit einer Organisation und publizistischen Vertretung der gesetzestreuen Zionisten. Herr Stiebe! wirst in scharfen Worten dem Vorstande und Frankfurter Israelitisches Familirnblaü der Ortsgruppe vor, daß man sich vom Standpunkte des politischen Zionismus entfernt habe. Herr M o r i tz S. Wolfs bedauert, daß der Delegiertentag sich ausschließlich mit theoretischen Fragen besaßt habe, statt wichtige 'Fragen >vie die der Agitation zu besprechen. Dr. Kalmus erklärt gegenüber Herrn Stiebet, daß die politischen Zionisten, unbeschadet ihrer Ueberzeugiing, s. Z. bei Auflösung des „Verbandes" bewußt den Kampf eingestellt habe», um nicht die Bewegung zu schädigen. Gegen Mitternach schloß die anregende Diskussion. leuUMon. 0 Die Cohnheims. Roman von Jacob Levh. (Fortsetzung.) In tausend kleinen Rinnsalen bahnte der Regen sich seinen Weg, im Wald sickerte er durch das Streu auf den Grund, vereinigte in den Rinnen zu Bächen, das lehmige Wasser gurgelte in& schoß in die Ebene. Das Naß stand in den Furchen der Felder, der Wind kräuselte es. Und so kalt und ungemütlich es war, so zornig und ungestüm der Sturm, der Regen tobte, die ganze Natur atmete Leben. Der Frühling, der junge kraftvolle Recke scheuchte den Winter vor sich her und bereitete die schauernde Natur vor, unter dem belebenden Kuß der wärmenden Sonne aufzublühen. Lucie atmete tief auf. „Wie wonnig ist es doch zu Hause!" Ihre Mutter meinte: „Die Heimat empfängt uns nicht eben gastlich. Das Wetter mutet mich doppelt trostlos an nach den sonnigen Tagen Nizza's." „Ich freue mich mit dem kühlen Wetter, in den triefenden Wald möchte ich lausen." Herr Cohnheiin lachte. „Kind, Du würdest rasch liiukehren. Mer sch kann mit Dir fühlen, daß es Dir zu einsam wird. Wir sind schon zwei Tage hier und Du hast noch keine Freundin gesehen." „Vater, das wird anders. Siehe, ich will die ganze Gesellschaft meiden, mit der ich nichts mehr gemein habe. Ich würde in meinen früheren Kreisen Rols's Frau ünd deren Mutter begegnen und' will der Welt nicht das Schauspiel geben, daß ich und ineinc Schwägerin uns ignorieren, lind Mutter wird ans demselben Grunde in einigen Familien nicht verkehren wollen." Frau Cohnheim sagte bitter: „ES klingt sonderbar, daß ich Gesellschaften meiden soll, weil ich befürchten »Hiß. meiner Schloicgertochter zu begegnen." „Nein Käthe, Du bleibst fern aiis Zartgefühl, nicht aus Furcht, Mer das Kind hat leider Recht. Ihr sollt nur die Familien besuchen, wo Ihr vor unliebsamer Begegnung sicher seid." „Lieber Mann, das ivärc nur bei nnsern Glaubensgenossen. In den andern Häusern treffen wir Leutnant König mit seinen Kameraden, eine Begegnung ist unvermeidlich und dem Jungen peinlich." „Gut, aber Lucie braucht schließlich ans zu weit getriebenem Zartgefühl nicht zu leiden. Sie soll bei ihren Freundinnen, in der Gesellschaft verkehren, wie bisher, sollte der Frau Leutnant König eine Begegnng Peinlich werden, so mag sie wegbleiben." „Vater, verzeihe, aber ich habe vorläufig andere Pläne. Eine Freundin genügt mir, Clementine. Ich inöchtc wirklich eine Zeit lang, ohne sogenannte Geselligkeit, ruhig leben, und studieren. Selbstverständlich ohne die Erholung zu vernachlässigen. Aber ich will etwas hervorragendes leisten und das höhere Lehrerinnciierainen machen. Bitte, lieber Vater, erlaube es." „Törichtes Kind, weshalb ivillst du dein Köpfchen anstrengcn. Deine Freundin wird Dir trotz ihrer jugendlichen Schönheit unheimlich, sie macht Dich zu ernst." „Nein Vater, es ist doch gewiß Tein schlechter Einfluß, den sie ans mich ausübt. Kennst Du »och ein junges Mädchen, das bei allen sportlichen Leistungen so viel positives Wissen zeigt und so vorzüglich »nterrichten kau»?" „Nein, es ist eben diese Fülle von Vollkommenheit, vor der mir graut. Sie tanzt, reitet, studiert in gelehrten Büchern und dabei geht sie jede» Morgen in die Messe. Mir wäre viel lieber, wenn der Graf Botho von Glessen, der seine Karte geschickt hat. Dir sympathischer wäre, als jene Minerva." „Herzensvater, das ist vorbei. Gelt, Dn läßt mich studieren." „Rhin, ich muß wohl ja sagen, es ist ja kein unbilliger Wunsch. Aber lerne nicht zn viel, mein Herzblatt, sei unser gutes Kind, das seinen Eltern die Freude macht, ihnen einen Schwiegersohn zu schenken." Das Leben ging seinen Gang weiter. Rolf hatte geheiratet, während seine Eltern in Italien waren und freute sich seines jililgen Glückes. Es wurde nur durch die nnansgesctzte Erinnerung an sein früheres Leben etwas beeinträchtigt. Seine liebliche junge Frau war es, die nicht müde wurde, nach seinen Eltern zu fragen und die ihr naives Erstaunen darüber äußerte, daß Inden — also gewissermaßen Menschen zweiter Ordnung — so gute Eltern ünd hervorragende Menschen sein konnten. Er nieinte ärgerlich: „Aber liebes Kind, glaubst Dü denn, daß nur die paar Tropfen Taufwasser erst einen Mensche» sittlich machen? Wir haben doch unser ganzes Christentllin nur von den Juden, das ganze Sittengesetz ist in den fünf Büchern Moses enthalten." Sie lachte und küßte ihn. „Was habe ich für einen gelehrten Mann! Wir wollen aber doch von beit Juden nichts wissen. Deine Elternnatürlich ansgenoinnlen. Die mögen mich aber auch keinesfalls leiden. Und Lucie mag mich auch nicht mehr, nun, dann iniiß ich mich eben trösten." Derartige Gespräche wiederholten sich häufig. Lieselotte, der ihre Mutter unaufhörlich gepredigt hatte, sich ihre Schwiegereltern fern zn halten, kam garnicht in die Lage, ans ihrer Reserve herauszutreten — sie bemerkte sehr wohl, daß sie von ihnen geflissentlich gemieden wurde. : Das beleidigte ihren Stolz; ihre Stimmung gegen Rols's Eltern wurde immer gereizter, und er, den Lieselotte mit ihrem kleine» Finger lenken konnte, sah schließlich auch ein, welch schweres Uirrecht seine Eltern ihr beständig zufügten. Die Familie Eohnheim hatte mit' ihrem ganzen christlichen Verkehr gebrochen, soweit er nicht ans kaufmännischen Kreisen bestand. Herr Eohnheim wollte seiner Frau den Schmerz ersparen, mit ihrem Sohn zusammen zu treffen und eine frostige Begrüßung mit ihm wechseln zu müssen. Der Bruch konnte nicht verschwiegen bleiben und es blieb nicht aus, daß sie auch von ihren jüdischen Bekannten teilnehmend nach dem Befinden des Herrn Lentuant König und dessen Gemahlin befragt wurden. Als die» das erste Mal geschah, beklagte sich Frau Eohicheim aufgeregt bei ihrem Mann darüber. -Liebe Käthe, es ist unsere Strafe, wir müssen sie tragen." Nun beklagte sich die Frau nicht mehr. Kapital 14. Lucie mied ihre früheren Gesellschaften. Ihre Eltern bemerkten mit Kummer, daß das junge Mädchen allmählich seine frühere sonnige Heiterkeit' vollständig verlor. Ein träumerischer Ernst wurde der Grundzng ihres Wesens, die Augen -schienen in dem schmäler werdenden Gesicht größer, glänzender, die Züge wurden durchgeistigt. ' Sie war tagelang mit Clementine zusammen, ihren anderen Freundinnen war sie entfremdet. Jahre Eltern ließen nicht nach, sie zu bitten, sich der Geselligkeit mehr zu widmen. „Liebes Kind, Du sollst auf uns keine Rücksicht nehmen. Wir sind alte Leute, die müde geworden sind, Aber Du stehst vor der Pforte des Lebens, das sich vor Dir wie ein blühender Garten ausbreitct. Verkehre mit Deinen Altersgenossinnen, Deine ernste Freundin macht Dich zn weltfrenrd." „Mutter, ich bin glücklich in meiner Ruhe. Ich habe den Zusammenhang mit meinen früheren Bekannten verloren und sehne mich nicht danach. Durch Clenrentine hat sich mir eine neue Welt erschlossen, die Welt des Geistes, der Seele. Das Treiben in der Gesellschaft erscheint mir so banal, daß ich nicht iuehr in sie ziirückkchren möchte. Dein Moloch des Vorurteils und des Hasses wolltet Ihr Eure Kinder entziehen, er hält die Menschen in eiserner klinarmung fest. Ihr mußtet ihm Euren Sohn, ich meine Liebe, mein irdisches Glück opfern." - Ihr Vater sagte bewegt: „Kind, wenn wir Dich verlassen haben, stehst Dü einsam auf der Erde, Dein Bruder ist Dir keine Stütze. Beglücke Botho von' Glessen, er ist Deiner würdig. Glaube mir» die Welt ist nicht so schlimm, wir dürfen sie nur nicht von Engeln bevölkert halten. Aber sie rächt sich an den sie Verachtenden, sie flutet über sie hiniveg und läßt sie vereinsamt." „Vater, mein Entschluß ist unerschütterlich, Clemcntine wird ebenfalls unvennählt bleiben." Ihr Vater antwortete finster: „Das ist kein Trost für mich, ich wünsche, Dü hättest Deine Freundin niemals gesehen. Mer noch 'bin ich Dein Vater, dem Dü folgen mußt. Ich werde Dich zn zerstreuen wissen." Tie küßte ihn und lächelte. „Gewiß, Deiner Tyrannei werde ich mich nicht ciitziehcn, Väterchen. Doch jetzt ist die Zeit Deines Spaziergangs, liebe Mutter, ich begleite Dich in den Wald." — Der nagendc, tveiln auch unansgcsprochene Gram über den Verlust ihres Sohnes zehrte anhaltend an dem Herzen der Eltern. Sie schienen um Jahre gealtert, Herrn Cohnheims Haare und Bart waren weiß geworden, die Züge seiner Frau waren eingefallen und sie ging gebeugt. Einst saß sie am Fenster und schaute auf die Allee. Da kau, ein Wagen in langsainem Tempo, darin saß ihre Schwiegertochter und betrachtete glückstrahlend ein kleines, rosiges Wesen, das rin. Arme einer bebänderten Ainme lag. Als ihr 'Mann abends heinikam, sagte sie zu ihm: „Erich, >vir sind Großeltern." „Hat Rolf es mitgcteilt?" fragte er rasch. „Nein," und sie erzählte den Borgang. Da sagte er hart: „Was küinmert mich die Familie des Leutnant König." Am folgenden Tag ging er zum Notar und setzte seine Tochter zur Universalerbin ein. — Unmerklich vollzog sich die!Aenderung in dem Verkehr der Familie Eohnheim, der sich jetzt ausschließlich in jüdischen Kreisen bewegte. Sie wollte» Rolf in keiner Gesellschaft begegnen und in dieser krankhaften Furcht mieden sie 'ihren ganzen christlichen Bekanntenkreis.