Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 25 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692485--02513-2697123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
.r.,.,..v^-.v-. Seite 4. Frankfurter AfraEMs Familtenblaü. Nr. 25. ung der Wahlzeit (8l/s—6 Uhr) und Zusendung von Legitimationskarten (mit Adresse und Wahllistennummer des Wählers) zwei Wochen vor der Wahl an die Wähler. Der Vorstand gibt diesen' Vorschlägen seine Billigung, nur will er die Wahl von 10—6 Uhr fcstsetzen. — In der Debatte wünschen die Herren Bauer undDr.Hanauer nur eingroßes Wahllokal im Zentrum der Stadt, da sür drei Bezirke kein Bedürfnis vorhanden sei, das Wahlgcschäft erschwert werde und bedeutende Kosten erwachsen. Die Ausdehnung der Wahlzeit, die Einführung von Legitimationskarten und die Aufstellung von 3—4 Urnen und die Auswahl eines geeigneten Lokales würden das Wahlgeschäft glatt und prompt ablaufen lassen. —. Die Herren Wiesloch, Justizrat Dr. Hecht und Jgersheimer plaidicren für zwei Wahllokale, während die Herren Dr. Bacrwald,Kaufmann und Oppenheimerfür3 .Wahllokale sind. — Der Antrag Wiesloch wird mit 5 gegen 3 Stimmen angenommen. — Aus den weiteren Verhandlungen sei erwähnt: Der Vorstand erhiell zur Begutachtung von denr Gcmcindebund den Rosin'schcn Gesetzentwurf zugcsandt, mit welchem Gesetzentwurf sich der Gemeinde- Lund, wie er in seinem Begleitschreiben betont, in keiner Weise identifiziert. Der Vorstand hat zur Beratung dieses Entwurfes die Einsetzung einer fünfgliederigen Immission unter Zuziehung der Herren . Rabbiner Dr. Horovitz und Dr. S.cligmann beschlossen. Der Vorstand delegierte in diese Kommission die Herren Dr. Blau, Dr. Jaffa und Epstein; der Ausschuß wählt die Herren Dr. Hecht und Jgersheimer in dieselbe. — Die Bewilligung der seitherigen Subvention von 300 M. an das Iüd. Krankenhaus in Memel und einer Subvention von 300 JL an die Jüd. Bibliothek und Lesehalle lvird genehmigt. Berlin. Die soeben erschienenen Mitteilungen Nr. 66 vom Deutsch-Israelitischen Gcmeindebundc berichten über die seit dem 10. Gcmeindetage aufgewandten Bemühungen, Fürsorge für die von der jüdischen Wohltätigkeit wenig beachteten Schwachsinnigen zu üben. Durch eine Enquete ist das Material ergänzt worden. Zu den schon bekannten 233 jüdischen Insassen christlicher Anstalten sind die Personalien 216 S ch w a ch sinniger, die sich gar keiuer Anstaltsfürsorge erfreuen, hinzugekommen. Doch ist das Material infolge der Schwierigkeit, die in Betracht kommenden Kranken in großen Städten zu ermitteln, noch immer unvollständig. Von sachverständiger Seite wirp allein die Zahl der.jüdischen schwachsinnigen Schulkinder auf über 500 veranschlagt. Aufnahme in die geplante jüdische Anstalt wird für 44 schulpflichtige und für 22 ältere beiderlei Geschlechts gewünscht. Die Anstalt soll auf dem von der Stadtgeineinde Beelitz geschenkten Waldterrain zunächst für 40 jugendliche Personen errichtet werden. Der Bau einschließlich der inneren Einrichtung ist auf 100 OM Mark veranschlagt. Von dieser Summe ist bis jetzt die Hälfte von seiten der. .Gemeinden und einzelner Gönner 'zur Verfügung ,gc- . stelll. Für den Herbst ist eine Sammlung zur Beschaffung des Restes der Bausummc geplant. Die Mittellungen enthalten ferner eine Notiz über den von Herrn Geheimrat Rosin verfaßten Orgauisationsentwurf'einer israelischen Religionsgemeinschaft in Preußen. Der D. I. G.-B. enthält sich auch fernerhin jeder Beeinflussung der preußischen Gemeinden und ihrer Verbände, denen zurzeit der Entwurf zur Beurteilung vorliegt. Von' dem im letzten Jahre verstorbenen Ausschußmitgliede Theodor Marcus, der ein Jahrzehnt lang die Friedrich Wilhelm-Victoria- Stiftung geleitet hat, ist ein Fonds sür solche Klienten dieser Stiftung gespendet worden, die vorübergehend clußerstände sind, die Prämie ihrer Lebensversicherung bei der Victoria zu-zahlen. ~ Die Montefiorc-Stiftung hat zum ersten . Male die Prämie ihrer Lebensversicherung an einen Lehrer der Handfertigkeit und des Gartenbaus verteilt. . Eine bessere religiöse Fürsorgefür jüd. Strafgefangene ist angebahnt wordech indem das preußische Ministerium des 'Innern, auf die Ge-; suche des D. I. G.-B. hin, fortan die jüdischen Strafgefangenen jedes Oberlandgerichtsbezirks .in einem einzigen Zuchthause einer Stadt, die Sitz eines jüdischen Seelsorgers ist, internieren wird. Den an die Bundcsgemeindcn versandten Exemplaren der Mitteilungen ist 'ein Nachtrag der von Herrn Martin Lcbrecht sc», in Nürnberg bearbeiteten Listeder unterstützungsunwürdigenGewohnheitsbettler beigcfügt. Einem Bericht über die Entwicklung des Gcsamtarchivs der deutschen Juden ist zu entnehmen, daß 22 verschiedene Gemeinden wie verschiedene andere Korporationen und Private ihre Akten dem Archiv übergeben, 5 andere die Ueberlassung zugesagt haben. 2 Großgemeinden stellen Register und Abschriften ihrer Akten zur Verfügung. Ein indirektes Verdienst des Gesamtarchivs besteht darin, daß durch sein Vorhandensein mehrere Gemeinden sich veranlaßt gesehen haben, ihren -Aktenschätzen verdiente Aufmerksamkeit zu widmen. — Beachtenswert ist der Beschluß des Kuratoriums, die Gemeinden aufzufordern. keine Kassation von Akten ohne Befragen des Gesamtarchivs vorzunehmeu. Entsprechend vielfachen Wünschen, wird eine N o r m a l - F r i e d h o f s v r d n u n g durch Herrn Rechtsanwalt Lcbrecht in Leipzig ausgearbeitet. Die R e ch n u u g s a b l a g e für 1906 weist manche Berbesscruiigcn gegenüber den Berichten früherer Jahre auf und erleichtert auch dem Laien den Ueberblick über das komplizierlc Rechnungswesen des D. I. G.-B. Die Einnahmen und Ausgaben balanziercn diesmal mit 160 000 'Mark. Berlin, 25. Juni. Pro testv ers am mlung wegen desBjelostokerBlutbads. Eine von 20M Personen besuchte Versammlung fand heute Nacht in der Turnhalle zur Besprechung der russischen Metzeleien statt. An den schon stundenlang vor Beginn polizeilich gesperrten Türen mußten 'hunderte Personen nmkehren. Es sprechen n. a. Prof. v. Liszt, Pfarrer Friedrich Naumann, der Rechtsanwalt Shdan v w aus Moskau und der Petersburger Arzt B r u tzkns. Die Versammlung beschloß einstimmig, an den Präsidenten der Duma eine Entschließung zu senden, in -welcher dem Mitgefühle m i t d e n Opfern der Metzeleien Ausdruck gegeben wird. Breslau. Badekur für israel. Kinder. Die in dem Soolbade-Königsdorff-Jastrzcmb im Jahre 1890 gegründete israelitische Kinderheilstättc hat im Mai ihre Pforten wieder geöffnet. Die Anstalt, die als eine ausgezeichnete Wohlfahrtseinrichtung sich bewährt hat, bewilligt unbemittelten Kindern halbe oder ganze Freistellen und nimmt bemittelte'Kinder gegen Entrichtung der Selbstkosten auf. So gereicht das Institut den verschiedenen Bcvölkeruugsllassen zum Segen. Das schmuckvollc Anstaltsgebäudc liegt in der Nähe des großen Parkes mit seinen prächtigen, alten Baumbeständen und ist von ischöneu Gartenanlagen umgeben. Die Erhaltung der Anstalt, die der Förderung edler Menschenfreunde würdig ist, geschieht durch milde Beiträge.' Nähere Auskunft erteilt der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Wilhelm Münz ln Glrilvitz. Köln. Nach mehrjährigem heiligen Kampfe ist die Orgelangelegeuheit zum vorläufigen Mschlusse gekommen. Lllle von. der gcsetzestrcuen Minderheit erhobenen Proteste wurden von der Regierung zurückgewicscn. Der von dritter Seite angebotene Vermittlungsversuch verlief ohne Resultat. Vier Punkte hatte der offizielle Vertreter der Gesetzestrcnen, Rabbiner Dr. Carlebach, als Basis der Verhandlungen ausgestellt: 1. Regelung der Stcuerverhältnisse, 2. Ordnung der Schechitah-Justitution, 3. Reservierung eines beliebig großen Teiles auf dem Friedhof, auf welchem Jssnrim nicht zugelassen werden und 4. Bertragschlicßung auf eine beliebige Anzahl von Jahren. Punkt 1 tvurde angenommen. Punkt 2 als unnötig, weil bereits in Ordnung erklärt. Punkt 3 als völlig indiskutabel deklariert und Punkt 4 verschoben. Da die beiden Vertreter der Orthodoxie im Repräsentantenkollcgium, die Herren Dr. med. O ch s und Hermann van C l c e f, die Ueberzeugung gewannen, daß man nicht nur Punkt 3, sondern auch Punkt 2 und 4 nicht gesetzlich festlegc» wollte, sondern nur den ersten Punkt als aktuell bczcichnctc, erklärte Rabbiner Dr. Carlebach es als seine Pflicht, seine» Austritt aus der SyuagogengeMeindc zu erklären und die Mitglieder der Religionsgesellschaf t A d a ß I c s ch u r u n g z u niA u s t r i t t a u s der Großgemeinde aufzu fordern. 40 Mitglieder etwa sind diesem Rufe gefolgt, sodaß mit den schon vor zwei Jahren ausgetretenen 30 Mitgliedern der Kehillas Jakauf etwa 70 Steuerzahler der Shnagogengcmeiude nicht mehr augehören. Unverzüglich wurden Schritte zur Konstituierung einer „Gemeinde" unternommen und in einer Denkschrift soll der Notenwechsel zwischen Synagogcngcmcinde und Orthodoxie der Oeffentlichkeit unterbreitet werden. Saarburg i. Lothr., 26. Juni. In den letzten Tagen sind' russische Juden,, die den wieder auf's Neue passierten Metzeleien entronnen sind, hier angckommen und dann nach Antwerpen, allwo sic nach Argentinien cingcschifft werden sollen, weiter befördert ivordcn. Ein wahrer Jammer erfaßt einen, wenn, mau diese abgehärmten, armen Menschen sieht, die ihrem Vatcrlandc, in dem sie auf das unmenschlichste behandelt worden, Valet sagen Mußten. Erwähnt sei, daß die hiesigen Israeliten ihren unglücklichen Glaubensgenossen im reichsten Maße Gaben spendeten und dieselben zu trösten suchten. Die Opferwilligkeit ist um so höher anzuschlagcn, als die betreffenden Geber schon vorher sehr viel Geld nach Rußland gesendet hatten. - „Fkf. Ztg." Oesterreich-Ungar«. Wien. Neber den plötzlich verstorbenen N c i ch s t a g s a b g e o r d n e t c n D r. Byk schreibt die Nationalztg.: „Es liegt sicherlich viel Tragik in dem plötzlichen Tode eines 'Mannes, der seit Jahrzehnten an der Spitze der galizischen Judenheit stand, und eben daran war, kdcn Kampf mit den ihui nachstürmendcn, modernen, uationaljüdischen Juugjudcn auszusechten. Es war ein entscheidender Kampf, ein Kampf auf Tod und Leven, der, von der Tagespreise ignoriert, von Dr. Byk mit unglaublicher Hartnäckigkeit, zumeist auch mit (verwerflicher Rücksichtslosigkeit gegen die aufstrebende nationale Richtung geführt wurde und bei den nächsten Reichsratswahlen zur entscheidenden Schlacht hätte führen sollen. „De mortuis nil nissi bene" lhieße in diesem Momente die Geschichte fälschen. Auch angesichts des Todes kann und darf man es nicht vergessen, baß Dr. Byk erst vor einigen Monaten nicht scheute, die Unterdrückung der zionistischen Bewegung dadurch zu versuchen, daß er, wie erwiesen wurde, ldic Auflösung der zionistischen Vereine durch die iBezirkshanptmannschäften veranlaßte. Dr. Byk war lder gefährlichste Typus des im Aussterben begriffenen Assimilationsjuden. Der gefährlichste deshalb, weil er als einer der Befähigstcn auch auf die einer Führung bedürftigen galizischen Juden einen mächtigen Einfluß ausübte. Hätte Dr. Byk es verstanden, sich mit dem Zeitgeiste zu entwickeln, er hätte die Eignung besessen, die österreichische Judenheit zu einem bedeutenden, einslußreichen politischen Machtfaktor heranziehen zu können, so aber brachte er 'es nicht weiter, als daß die Juden unter der Knechtschaft der Schlachzizen verkümmerten, und in den Reihen der Juden Galiziens selbst ein unheilvoller Kampf tobte, in dem nur die Polen als die dritten Lachenden profitierten. Wir bedauern den Tod dieses sicherlich nicht unbegabten jüdischen Politikers. Wir bedauern ihn schon aus dem Grunde, weil die nationale Bewegung nur im Kampfe reifen kann und nur die Anstrengung der eigenen Kräfte kann sie groß und stark machen. Und Dr. Byk war ein Gegner, der zu jedem Kampfe herausforderte." ' . Krakau, 25. Juni. Protest Versammlung wegen des Bjelostoker Blutbad es. In einer Versammlung besprachen heute die Gcmcinderäte Dr. Groß und F r ii h l i n g, sowie die 2lbg. Rotier und D a s z y » s k i die Metzeleien iu Bjclostok. In einer einstimmig angenommenen Resolution werden alle Regierungen aufgcfordert, bei der russischen Regierung wegen der Judenmetzeleieu Vorstellungen zu' erheben. Insbesondere wird der österreichische Reichsrat aufgefordert, seine Stimme gegen die Metzeleien zu erheben. Czcrnowit;. In einer imposanten Versammlung nahmen die jüdischen Studenten folgende R e s o l u t i o n an: I „Die am 17. Juni 1906 in der Czernowitzer Universität tagende Versammlung der jüdischen Studentenschaft erklärt, in voller Uebereinstimmmig mit der ruthenischen Studentenschaft, die bisherige Einrichtung des Nationales, ebenso wie den Usus, in den Scmesterbcrichtcn der Universität die Juden als Deutsche auszuweisen, als mit dem jüdischen Ehr- und Nationalgefühl der jüdischen Studentenschaft für unvereinbar und drückt ihren Entschluß aus, im Kampfe gegen die Verletzung ihres Ehr- und Nationalgefühles von allen ihr zustehenden Und mit dem Gewissen vereinbaren Mitteln den rücksichtslosen Gebrauch machen zu wollen. Weiters erklärt die heutige Versammlung die Jnkompcteuzeinwcudnng der Universität zur Entscheidung betreffs der jüdischen Nationalität an der Czernowitzer Universität für völlig nnstichhaltig, die einzig und allein den Zweck verfolgt, die Verantwortung für das uns angetane schwere Unrecht auf die 'Regierungsbehörden zu überwälzen." Ezernowit;. Die Zionisten der Bukowina beschlossen auf Anregung der „Poalci Zion" gegen die von der Regierung geplante Wahlkreiseinteilung in der Bukowina im ganzen Lande Protestversammlungen zu veranstalten. Die Wahlvorlage für das Abgeordnetcnhaus weist bekanntlich ke i n e n e i n zi g c n Wa h lb e z i r k ini t j ii ö i sch e.r Me h rhe it' i n der B u k o w i n a auf. Während die übrigen Nationalitäten national abgegrcnzte Wahlbezirke zngctcilt erhielten und ihre Mandate zum Teile vermehrt wurden, werden die Inden einem ungleichen, ungewissen Wahlkampf ausgcliesert, sodaß nicht einmal ihr bisheriger Besitzstand gewahrt bleibt. IN dieser Beziehung sind die Juden schlechter daran, als die Juden in bem viel verschrienen Galizien, wo ihnen eigene Wahlbezirke zugcstanden wurden. Rußland. Petersburg, 23. Juni. Eine Rede Professor S ch e p k i n s in der Dum a. Gleich nach seiner Rückkehr aus Bjclostok hat Professor Schcpkin in der Duma eine Rede für die Gleichberechtigung der Inden gehalten. ' Jii dieser Rede sagte er: „Man beschuldigt die jüdische Jugend, daß sie zum Anarchismus ge-' neigt sei. Was ist'Anarchismus? Der Anarchismus erkennt nicht die Regierung an. Was haben aber die Inden von der Regierung? Sic begrenzt sic i» Handel und Wandel, sie vergiftet der jüdischen Jugend den Weg zur Bildung und sic verschließt sic in einen Rayon. Llber das ist noch nicht alles: Wenn sich Pogrome nahen, hat jeder von uns das Recht, sich vor den Räubern zu verteidigen; will aber ein Jude sein Leben verteidigen, zeigt man ihn als Revolutionär an, und zerschießt sein Haus, 'ans dem er geschossen hat. Wenn wir so außer Schutz und Gesetz wie,die Juden stehen würden, dann'würden auch wir gegen' die' Regierung heraustreten." Bjelostok, 19. Juni. Der Hauptagitator des Pogroms war Wasiljcw, früherer Lehrer und Sekretär der Bjelostoker Handelsschule, sowie gewesener Redakteur des „Bjelostoksky Lystok" und Mitarbeiter der Petersburger „Now. Wremja". Wasiljety ist ein übel belemnichchetes Subjekt; erst voriges