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Neue jüdische Presse · 1906-06-29 · Heft 25 (29.6.1906) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 25 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. FraiMurter Israelitisches Familienblatt. Nr- 28. bex Stätte des gleichmachenden-Todes. Wer wollte es nun den Orthodoxen Kölns verdenken, daß sie wenigstens für einen Teil des Friedhofes die Aufrechterhalt-- ung der jüdischen Sitte forderten, und wer will es ihnen verdenken, daß sie, nachdem ihnen dieses berechtigte Verlangen brüsk abgeschlagen wurde, glauben, nicht weiter in der Gemeinde bleiben zu können. Wir wollen frellich nicht damit gesagt haben, daß kein anderer Ausweg alsdie Trennung,' die doch schwerlich von Vorteil für die Zudenheit und auch für Las Judentum sein kann, geblieben wäre. Unsere Worte richten sich in erster Reihe an die Reform, Laß sie nicht zu weit gehe und die Orthodoxie zur Trennung zwinge, . ' * - * ' ' ' •* .. Die fromme Reaktion, die Wonopolinhaberin des Patriotismus, die beständig die linksstehenden Parteien unpatriotisch und sogar väterlandslos ob ihrer JNternätionälitäi schill, ist selbst mit diesem Makel behaftet, ihre Jitternationalität kennt biswellen keine Grenzen. Die Reaktion Rußlands kämpft schwer um ihr Dasein, sie hat keinen Boden unter den Füßen, ihre einzigen Stützen im Volke sind gewissenlose bezahlte Beamten, bezahlte Hooligans und zum Tell die Armee Sie muß äbziehen; um aber ihr Dasein etwas zu verlängern, veranstaltet sie in ihrer Verzweiflung Unruhen im Lande, macht mit Hilfe der noch treuen Regimenter und verlleideten Beamten Pogrome, und dann heißt's: Das Land ist unruhig, man muß es in Kriegs-, zustand versetzen. Ist dies doch ein erprobtes Mittels die fteihelllichen Elemente einzeln abzuwürgen. . . So verfuhr die Regierung in Kischincw, so in Homcl, so in Odessa, Kiew und so in all' den blühenden Städten, die sie verwüstet hat, so verfuhr sie eben in Bjelostok; diesmal unglücklicherweise (für sie) etwas ungeschickter als früher, so daß jeder, der sehen will, alle Fäden der plumpen Mache, den ganzen Massen-; mord und Massenraub von seiner Entstehung bis zu Ende sehen kann. Zwar versuchte die Regierung anfangs nach altgewohnter Praxis von jüdischen Bomben u. d. g. m. zu erzählen; allein die Lügen waren zu offenkundig, — und sie; war gezwungen, sie' selbst zu dementieren. . Also die russische Regierung dementiert und sellens der Juden ist demnach keine Bombe geworfen, kein Schuß gefallen und doch . . . . und doch siehe bringt es die reaktionäre Presse (siehe. „Kreuzzeitung") fertig, die Fabel vom „Bombenwurf und Revolverschüsse" der Juden aus die friedlichen, ftommen Christen vom Schlage der Kreuzzeitung, die doch das Kreuz beständig auf ihrer. Stirne tragen und Gott — auf ihren L ippen haben . . .. zu wiederholen, und das fromme Herz der Krcuzmänner ist ganz gebrochen ob dieser - zahmen Lämmer, die diesem „empörenden Mtentat", diesem „nichtswürdigen Anschläge" zum Opfer fielen . . . und bas fromme Herz der „Kreuzzcllung" -ist ties empört über die freisinnige Presse Deutschlands, die schlechthin „Jüdisch-freisinnige Messe" genannt wird, daß sie sich bei den verbrecherischen Juden-Opfcru aufhält, die doch die Angreifer waren, nicht aber bei den unschuldigen chrisllichcn Opfern. . . . Und trotzdem und alledem ist die „Kreuzzeitung" großmütig ~ genug, den bösen Juden ihre Verbrechen zu verzeihen und geht in ihrem wahren christlichen Erbarmen so well, den Juden einen guten Mt zu erteilen, daß . . , . daß — sie von den Pogromen, die doch die Frucht ihrer Missetaten find, ganz schweigen. . . Wie gnädig .... . . Man steht, wie die Reaktion allerorts sich bemüht, ihre russischen Gesinnungsgenossen in der Gestalt der privilegierten Rgierungsmörder, die sich in arger Bedrängnis befinden, unter den Arm zu greisen, ihre verbrecherischen Taten rcinzMvaschen und dieselben den massakrierten Juden zur Last zu legen und gleichzeitig ihnen den--Rat zu erteilen, nichts von ihrem Unglück in die Well hinaüszuschreien, damit man ja nicht erfährt, welche Verbrechen eine Regierung im . zwanzigsten Jahrhundert begeht, um ein faules absolutistisches Regime künstlich zu erhalten. Daß die Reallion allerorts es nicht mit Wahrheit geneai nimmt und um ihrer Macht willen niemals Verbrechen gescheut, wen wollle das wundern. -Mll dem Kreuz in der Hand hat man Kreuzzüge veranstaltet, Inquisitionen und' Scheiterhaufen errichtet, mit dem Kreuz in der Hand veranstaltet man noch gegenwärtig Massakres von Greisen und- Säuglingen. Das alles' gehört zum System; anders llmn man eben die-Völker nicht gut entrechten. Was uns wundert, istwoher diese große Unverschämtheit zu bejahen, was die russische Regierung selbst dementiert. Und doch ist uNser Erstaunen und Verblüffen noch größer über unsere eigenen Brüder, die es fertig bringen, von Kanzeln herab den Opfern der Massakres ihr Unglück aus Aiangel an Frömmigkeit zur Last zu legen, obgleich alle Welt weiß, daß die ösllichcn Juden sich noch immer mit westlichen, sogar mit den frommsten unter ihnen, messen können. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Posen, (k.) JsraetirrscheWaisenknaben- Anstalt. Dje jüdische Gemeinde. Posens darf für sich., den Ruhm beanspruchen,, daß sie während ihres mehr Ms fünshnildertjährigen Bestehens alle, -Aufgaben der Menschenliebe, welche den Gemeinden nach älter getreu bejolgter Ueberlieferung gestellt sind, jederzeit nach Kräften erfüllt hat. Insbesondere seit dem zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts ist ein frischer Zug philanthropischen Elfers an der Bildung von Vereinen ivie an der Op,ersreudigkeit Einzelner zu erkennen. 1820 erfolgte das Latzfche Vermächtnis von 8000 Thalern zur Errichtung einer Armenkrankenanstalt; es bildete sich ein Humanitäts- Verein; 1824 entsteht ein Verein zur Beförderung von Industrie und Ackerbau unter den armen Israeliten der Stadtgemeinde Posens. Bestrebungen, welche mit der Begründung der Waisenknabenanstalt, die nunmehr aus eine 68jährige Wirksamkeit zurückblicken kann, ihren Gipfel erreichen. Diese Gründung kniipft sich an eine Tat seltenen Seelenadels. Ein Edelmann im schönsten Sinne des Wortes, evangelischer Konfession, der Freiherr Ernst von Kottwitz auf Fachorz (Kreis Bonest), ein Mann, welcher sein ganzes Dasein in den Dienst der werktätigen Menschenliebe gestellt, hatte im Jahre 1835 einem Gemejndemitglied David Fränkel, der mit ihm in geschäftlicher Verbindung stand, den Entschluß zu erkennen gegeben, eine namhafte Summe zu Gunsten einer wohltätige» Anstalt der israelitischen Gemeinde Posens zuzuwenden, wenn er zunächst Auskunft erhielte, „welche dieser Anstalten am zweckdienlichsten eingerichtet nick» der Gemeinde am ersprießlichsten, wäre." Zur Beschlußfassung über die Verwendung dieser hochherzigen zugesicherten Gabe setzte sich Herr Fränkel'mit einigen der angesehensten und durch ihren Wohltätigkeitssinn bekannten Mitgliedern der jüdischen. Gemeinde, W. Eichborn, P. LiPPmann,E. Rosenthal, H. Königsberger und B. Wittkowski in Verbindung, die den Beschluß faßten, die Errichtung einer Waisenanstalt für die jüdische Gemeinde der Stadt Posen dem Baron Kottwitz vorzuschlagen, zugleich aber, da ja natürlich das von diesem zu erwartende Kapital für den vorgeschlagenen Zweck bei Weitem nicht genügen würde, die großartige, zur Nacheiferung anspornende Schenkung des Barons von Kottwitz gleichsam als Hebel für die allgemeine Wohltätigkeit zu benutzen. Sie begründeten daher einen Verein, dessen Mitglieder sich zu jährlichen Beiträgen für die Unterhaltung des zu gründenden Waisenhauses bereits erklärten. Mit diesem Plan war Baron von Kottwitz einverstanden, als Erster zeichnete er den Betrag von 5000 Talern. Die Aufgaben der Anstalt wurden auf die Erziehung von Waisenkindern Männlichen Geschlechts und den Posener israelitischen Korporationsverband beschränkt. Bis zum vierzehnten 'Jahre sollten sie in 'der Anstalt bleiben und dann nach der Beschaffenheit ihrer körperlichen Kräfte ünd geistigen Fähigkeiten unter möglichster Berücksichtigung ihrer persönlichen Neigung entweder bei Professionisten, Ackerleuten oder Künstlern in die Lehre gegeben werden oder im Falle ganz besonderer Begabung in höheren Schufen untergebracht werden. Die Ernennung des Freiherrn von Kottwitz zum Ehrenmitglied und ersten Kurator der Anstalt geschah durch die kgl. Kabinetsordre vom 20. August 1836 und war an den Staatsminisier von Rechov gerichtet'; sie lautete: „Wenn gleich die Schenkung eines Kapitals von 5000 Thlr., welche der Baron von Kollwjtz zur Errichtung einer Wäisenanstalt für arme, bülflose Judenkinder in Posen bestimmt hat, als Fundatton ungewöhnlich ist, so will Ich doch dieselbe auf Ihren Bericht vom 27. d. M. genehmigen. Berlin, den 20. August 1836. Friedrich Wilhelm." Am 15. Oktober 1836, dem Geburtstag des Kronprinzen und nachmaligen Königs Friedrich Wilhelm IV., erfolgte die feierliche Eröffnung der Anstalt mit 14 Zöglingen. Da die Mittel zum Erwerb eines eigenen Grundstückes nicht zugereicht hätten, somußte man mit 'einer Mietswohnung vorlieb nehmen. Fünf Jahre später richtete die Direktion ein Jnnendiatgesuch an den König und bat unter ein Jmmcndiatgesuch an den König und bät unter der Anstalt um Bewilligung einer Gnadengabe züm Erwerb eines Gebäudes. Durch Kabinetsordre vom 14. August 1841 wurde diese Bitte durch Bewilligung eines beihülflichen Gnadengeschenks von 300 Reichsthalern gewährt. - Mit -dem Bau eines Gebäudes wurde begonnen, und schon am -16. -September -1845 konnte die. Erweiterung erfolgen. Das neue Gebäude bestand frellich nur aus-einem Stockwerk mit Dachkammer, bot jedoch-in einer Front von-70-Fuß und einer Tiefe von. 41 Fuß, im Vergleich zur früheren Mietswohnung erheblich größere. Räumlichkeiten; namentlich gestattete ein bequemer Hosraum die-Anlage eines kleinen Gärtchens und gewährte den Zöglingen reichlichen Spielraum. Bei : der Errichtung des Hauses war von. vornherein auf die Möglichkeit Bedacht genommen, möglichen Falles, noch ein Stockwerk aufsetzen zu können/ was allerdings erst im Jahre 1871 zur Ausfühxung kam. Mit der Uebersieoelung in das neue Haus, wurde die Institution der „Ehrennmtter" in den Organismus "der Anstältsverwaltung ausgenommen. Edle Frauen der Gemeinde wurden nämlich von' der Direktion ernannt, um die Verpflegung und Belleidung der Zöglinge mit mütterlichem Äuge zu überwachen und zwar derart, daß jede von. ihnen eine bestimmte Anzahl Mäben unter ihre besondere Obhut nahm. ' Mit der berechtigten' Freude, wie sie aus. dem Bewußtsein treu erfüllter Berusspslicht hervorgeht, kann die Anstalt, heute auf. eine 68jährige Mrtsamkeit zurückblicken. Sie hat gar klein und unscheinbar begonnen, ist aber stetig fortgeschritten und hat seit ihrem Bestehen mehr als 200 Zöglinge als brave und nützliche Mitglieder dem bürgerlichen Leben zugesührt. . Oesterreich-Ungarn. Wien, 22. Juni. In der heurigen Abgeordnetensitzung forderten Straucher und Skedl die Negierung auf, bei dem Auswärtigen Amt dahin zu wirken, daß wegen der I u d e'n v e r f o l g u n g e n in Bialystok in Rußland ernstliche Vorstellungen erhoben werden. Wien, --2. Juni. Aus Paris wird der »Allgem. Korresp." berichtet: Nach hierher gelangten Londoner Meldungen habe K ö n i g E d u a r d ä n den Zar eil eine Depesche gerichtet, in welcher er seinem lebhaften Bedauern über die grauenvollen Vorgänge in B i a l y st o k Ausdruck gab und zugleich auf die große Entrüstung hinwies, welche dieselben in der ganzen zivilisierten Welt hervorgerufen haben; er wünsche inr eigensten Interesse des russischen Reiches und seiner Stellung unter den europäischen Mächten, daß diesem unmenschlichen Gemetzel ein für allemal ein Ende bereitet werde. Großbritannien. London, 25. Juni. Parlament. Haicwood richtet die Anfrage an den Staatssekretär Gr eh, ob seine Aufmerksamkeit auf die Rede des Fürsten Urüssow gelenkt sei, die im Zusammenhang stehe mit den In den Metzeleien in Rußland; und ob er eine Zusicherung von der russischen Regierung erhalten habe, daß sie ihr Aeußerstes tun werde, um die jüdischen Untertanen zu schützen..,—Parlamentssekretär Runciman erwidert, Grey habe den Bericht der Rede in der Presse gesehen, die englische Regierung habe aber nicht um eine derartige Zusicherung nachgesucht. Harwood habe zweifellos die Reden der russischen Minister in der Duma beachtet, sowie die Tatsache, daß der Minister des Innern Instruktionen an die Gouverneure und die Polizeimeister gegeben habe, in denen er sie auffordert, jede nur mögliche Vorsichtsmaßregel zu treffen, um Aufstände zu verhindern, die gegen die Juden gerichtet seien. —■ Straus stellt die Frage an den Staatssekretär des Auswärtigen, ob er mit 'dem deutschen und dem' französischen Botschafter in Beratung treten könnte hinsichtlich der telegraphischen Sendung einer gemeinsamen Note, in der aus Gründen der Humanität gegen die Behandlnng derJuden in Rußland Einspruch erhoben werde. — Grey erwiderte, aus den bereits angegebenen Gründen könne die Negierung das ihr zugemutete Verfahren sich nicht zu eigen machen. Schweiz. Zürich, 21. Juni. Erschwerung der Einwanderung. Der Stadttat von Zürich beschloß, schriftenlosen Ausländern künfttg nur noch ausnahmsweise und auf beschränkte Dauer die Niederlassung zu gewähren ünd die Verhältnisse der jetzt in Zürich wohnenden schriftenlosen Ausländer prüfen zu lassen.' Diese Verfügung richtet sich sehr wahrscheinlich nur gegen die russischen Juden. Da in Rußland ein Auslandspäßß 25—30 Rubel kostet und seine Aushändigung häufig erst nach Wochen.geschieht, so sinddie Auswanderer häufig nicht in der Lage, sich, mit einem Auslandspasse zu versehen. I.' Italien. Rom, 26. Juni. In der Kammer protestiert Turati geger die Massakres in Bialystok. Rußland. Bjelostok, 21. Juni. Der Polizeibireüor Scheremetzew, der)Organisator des Pogroms) ist im Range befördert.worden. Mmerira, ■ Rew-Aork, 26. Juni. Einwamderungsvill. Das Reprä s e n t a n t e n H a u s nahm die Ein-

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