Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 25 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692485--02518-2697124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage zu M. 25 r>es FraÄsmer IiraelMschca FamMeadlalles Inhalt der BeUage: Artikel: Zum Quartalswechsel. — Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien.— Aus der zioni stischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Abgerissen. — Briefkasten. — Vereins-Kalender. — ,.J ü d i s ch e I u g e n d." Zum Qimrtalslvechsel! Als der Herausgeber vor nunmehr fast vier Jahren sein Unternehmen ohne materielle oder ideelle ' Unterstützung irgend einer Gesellschaft oder irgend einer Organisation begründete, da stand ihm das Vertrauen auf den Sieg eines ehrlichen, zielbewussten Strebens zur Seite. Er wußte wohl, daß cs keine leichte Arbeit sei, unter Verachtung jeglicher Liebedienerei nur die wirklichen Interessen des überlieferten Judentums und der jüdischen Gesamtheit, der es die Gegenwart und,die Zukunft zu retten gilt, zu verfolgen; er wußte aber auch, daß man sein Streben erkennen und sich um ihn scharen werde — und er sah sich darin nicht getäuscht. Diese Auffassung, daß eine gute Sache durch sich selbst siegen müsse, verbot dem Herausgeber, gleich anderen Zeitungen, vor dem Älbonueineutswechsel die Werbetrommel zu rühren, lind >vcnn er nun heute von dieser Gepflogenheit abweicht, so geschieht es, weil die Situation der jüdischen Gesamtheit eine ä u ß e r st e r n st e geworden ist und es die trostlose Verworrenheit der jüdischen Gegenwart auf's dringendste gebietet, alle Lauen und Lässigen in Israel zu wecken, damit das Judentum nicht weiter in sich z e r f a l l e. Es genügt, nur auf das noch alle jüdischen Seelen auf dem Erdenrund in Aufregung haltende Blutbad in Bjelostok und die von Jahr zu Jahr sich mehrenden Taufen hinznweisen, um die äußere und innere Lage der Judenheit klar und deutlich zu kennzeichiren. — Daß es so hat komnien können, wie es heute traurige Wirklichkeit ist, d a s b e w e i st, d a ß d i e j ü d is ch e n Männer seit langem d e n Blick für das jüdische Ganze verloren haben, das b e w e i st, d a ß d i e i n n i g c V e r b i n d u n g z w is ch e n der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart.und das einheit.lichc Band, w e l ch e s g a n z I s r a e l z n e i n e m Volke» mschlingt, zerschnitten worden i st. Was da zu tun ist? — Vor allen Dingen: die Kenntnis und Erkenntnis des geistigen I » h a l t s d e s t r a d i t i o n e l l c n I ii d e n t n m s u n d. d e r weltgeschichtlichen Bedeutung des jüdischen Volkes wieder in der Judenheit lebendig werden zu lassen, damit das jüdisch e S elbstb ewußtsein wieder geweckt werde und sich wieder ein jüdisches Eigenleben entfalte. — Diese Aufgabe kann nur die Presse erfüllen. Sie hat auch die Macht, eine zweite zur Gesundung erforderliche Arbeit zu leisten, nämlich: unbarmherzig die Schäden i m jüdischen Familien- und Gemeindeleben aufzudecken, denn persönliche Jnteressenpolitik bei den einen und jüdisch-unbewußtes, von den Zufällen subjektiver Anschauungen bestimmtes Handeln bei den anderen gibt hier ein Bild reich an Disharmonie. In zwei Lager ist heute die Judenheit zu teilen: hier a ll' die Väter und Mütter, die wünschen, daß ihre Kinder und Enkel Judenbleiben, dort jene Väter und Mütter, denen es gleichgültig ist, ob ihre Kinder oder Enkel, nachdem sie vorher von dem Gesetze Israels sich.lossagten, auch von dem Stamme Israels sich trennen. In der gegenwärtigen Zeit kann es kein Schwanken mehr geben;.— wer seine Kinder und Kindeskinde^ dem Judentum-erhalten wissen will, der'gewöhne sie. -7-: abgesehen davon, daß er sie beständig aus den Quellen alles' Lebens, der Thauro, trinken läßt -H s an die Lektüre einer jüdischen Zeitung, die hen ganzen ...Ernst der .Situation ersaßt hat und unerschrocken auf ihrem Posten steht, wirkt und kämpft, er gebe also seinen Kindern das Frankfurter Israelitische Familienblatt in die Hand. Gediichtiüsblittter einer jüdischen Mutter. (Nachdruck verboten.) XI. Bi ein lieber. Mann überwies sein Geld nach Amsterdam, machte sich reisefertig und wartete nur noch auf R. Juda. Dieser traf auch zur festgesetzten Zeit ein, brachte aber nur 500 Taler mit starr der bedungenen 2000. Er tröstete uns aber damit, er habe seiner Frau Gold zum Verkaufe zurückgelassen, dessen Erlös ihm nach Amsterdam überwiesen werde. Wir waren damit einverstanden und sic reisten nach Amsterdam. Dort begann mein lieber Manir erst kleine Posten zu kaufen, wie cs damals üblich war, und fragte R. Inda bei jeder Post: „-Hast Dir Dein Kapital erhalten?" Der sagte jedesmal: „Das wird schon noch kommen!" In Wirklichkeit aber blieb es aus. Mein lieber Mann wußte sich, nach all den Ausflüchten R. Judas, schließlich nicht zu helfen und legte sein und dessen Geld in Juwelen an und kam wieder nach .Hanse zurück. R. Juda nahm die ganze angetanste Ware mit nach .Hildeshcim und machte hin und wieder Reisen, um sie abzusetzen. Schon bald nach seiner Zurnckknnft hat mein lieber Mann über die Kompagnie mit R. Juda gemurrt und mir Vorwürfe gemacht, daß ich ihn dazu überredet hätte. R. Inda hätte nicht einmal die erste Verabredung gehalten, was werde da wohl erst noch später heranskommen? Bei solchen.Händeln könne man zu Grunde gehen. Ich redete ihm das nach Möglichkeit aus und stellte ihm die ganze Sachlage vor. R. Juda war ein junger Mann, hatte nur 500 Taler Mitgift erhalten und sich bei uns 800 bis 900 Taler erspart. Seitdem waren zwei Jahre vergangen, sodaß er unmöglich 2000 Taler ausbringen konnte. Wenn er nun garnichts besessen hätte und wir hätten . ihn mit großen Summen auf Reisen geschickt, wie früher geschehen, hätten wir ihm auch trauen müssen. Wenn er nun im Geschäft Glück hätte, käme es aus etwas mehr oder, weniger Kapital auch nicht an! Es blieb ihm also nichts übrig, als sich wohl oder übel dareinznfindeii. Wir saßen nun einmal drin und mußten das Bad ausbaden. R. Juda hat denn auch bald verdient, wie er uns immer berichtete, aber „eine Handvoll macht keinen Löwen satt". Das erste Jahr war bald vorüber und die Sache hat uns beiden nicht gefallen, wir sahen ein, daß von' dem Verdienste nicht eine, geschweige zwei Haushaltungen leben konnten, Rach einjährigem Kompagniegeschäft reiste mein lieber Mann nach Hildcsheim, um mit R. Inda abzurechnen und fand wirklich, daß sie bei dem Verdienst beide nicht bestehen konnten. Er stellte R. Juda zur Rede, wie jemand mit seinem leiblichen Bruder spricht: „Du siehst ja selbst, daß wir zusammen bei diesem Kompagniegeschäft nicht unsere Rechnung finden. Vertragsmäßig sollen im Geschäft alljährlich 2000 Taler verdient werden .und Tu siehst ja nun, daß es noch nicht 1000 Taler abgeworfen hat." Das hat R. Juda auch eingesehen und sie haben sich daraufhin gegenseitig die Kompagnie gekündigt nach freiem Nebereinkomnien und in bester Freundschaft. Mein lieber Mann schrieb je eine Lösungsurkunde für sich und R. Juda und sie Unterzeichneten dieselbe auf die gebräuchliche Art. Nun waren noch für einige tausend Taler Ringe und Juwelen vorhanden, die R. Juda noch verkaufen und dann meinem lieben Mann honorieren sollte. Es wurde dafür eine Frist angesetzt, die Zahlungszeit kam heran, aber es kam kein Geld. Wir stellten R. Juda ruhig und bescheiden vor, daß er sich verpflichtet habe. Die Frist sei vorüber und er möge doch das Geld nach Hamburg überweisen. R. Juda erwiderte auch darauf, zwar habe er noch nicht alles verkauft, aber er werde den Betrag mit nächster Gelegenheit überweisen. Um zum Schlüsse zu kommen: Es hat sich so länger als ein Jahr hingczogen und wir konnten von R. Juda nichts erlangen. Darauf reiste mein lieber Mann nach .Hildesheim in der Meinung, dort sein Geld von R. Juda zu erhalten, aber statt dessen bekommt er etwas anderes zu hören, Nachdem R. Juda meinen lieben Alaun so und soviel Monate herumgezogen hatte, kam heraus, das; er nun zu meinem lieben Mann sagte: „Ich gebe Dir nicht einen Pfennig Geld und es wäre mir lieb, wenn ich noch zweimal soviel von Dir behalten hätte, denn unsere Kompagnie hätte vertragsmäßig zehn Jahre währen müssen und es ist erst ein Jahr abgelausen. Ich verlange noch von Dir so und soviel Tausend und Tein gairzcS Hab und Gut gehört mir. Du kannst mich mit Deinem ganzen Vermögen nicht bezahlen!" Mein lieber Mann erschrak gar sehr und entgegnete: „R. Juda! Was redest Du da? Ist das der Dank für alles Gute, was ich Dir erwiesen? Du bist arm und nackt zu mir gekommen und hast nach kurzer Zeit von mir 900 Taler weggetragcn. Ich habe Dir viele Tausende anvertrant, habe Dich überall eingeführt, wo ich nur gedacht habe, daß ein Geschäft zu machen ist und als Voraussetzung für das alles habe ich Dich für einen ordentlichen und ehrlichen Menschen gehalten! Ich habe meinen Bruder, den ehrwürdigen Rabbi Schemnöl, veranlaßt. Dir seine Tochter zur Frau zu geben, und schließlich — hast Du ja selbst den Vertrag gebrochen, hast Du doch anstatt 2000 Taler nur 500 eingelegt. Außerdem stand im Vertrag ausdrücklich, sobald in der Kompagnie keine 2000 Taler verdient würden, so sei die Kompagnie gelöst. Du weißt ganz genau, daß wir knapp 1000 Taler verdient haben und im Vertrag steht ausdrücklich, wenn der festgesetzte Betrag nicht erreicht worden, stehe es mir zu, ihn aufzuheben. Schließlich ist es für uns nicht dienlich gewesen, wie wir ja auch in gutem Einvernehmen' gegenseitig verzichtet haben, wie unsere Lösungsurknnden ausweisen. Was willst Du nun weiter noch haben? Ich bitte Dich, liefere der Welt kein Schauspiel, wir sind miteinander verwandt, wir können mit Gottes .Hilfe noch weiter zusammen handeln n. s. f." Das hat aber bei meinem guten R. Inda alles nichts geholfen, „er. ist doch bei seiner Geige geblieben". Wie sollte sich nun mein lieber Mann helft» 9 Rach vielem Wortwechsel und Zank haben Leute sich der Sache angenommen und schließlich hat einer den, anderen durch Handschlag versprochen, es solle sich jeder einen Anwalt nehmen und sie sollten in HildeSheini vor dem Besdin den Prozeß ausfechten. Dar Tcrinin ist auf vier Monate später angesetzt worden. (Fortsetzung folgt). Die Woche. In Köln hat sich die Waß-Jeschurun-Gemeinde, der der größte Teil der orthodoxen Elemente der Kölner Judenheit angehört, von der Hauptgemeinde getrennt. Die Aufstellung einer Orgel in einer der Gemeinde-Synagogen hatte den Leitern der Adaß- Jeschurun-Gcmeinde Veranlassung gegeben, sich mit dem Vorstand der .Haiiptgeiiieinde wegen Sicherstellung gewisser Interessen der Orthodoxie für die Zukunft in Verbindung zu setzen. Die Verhandlungen sind gescheitert an einem Momente, das typisch ist für das zielbewußte Entjudungssystem der Reform. In ihrer Assimilationswut hat die Reform auch die jüdischen Friedhöfe ihrer Eigenart, um die sie von den edelsten Geistern aller Völker schon häufig beneidet wurden, beraubt. Der jüdische Friedhof mit der durchgeführten Gleichheit für Alle und nrit seiner erhabenen Stimmung der Majestät deS Todes hat vernichtet werden müssen, und an feine Stelle ist die Ungleichheit des Lebens getreten: Grabsteine und Gräberschmuck nach Rang und Vermögen, Elend und Protzentum auch aus