Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 25 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Frankfurter JsraeMscheZ Familienblati. Wanderungsbill dH ne Bildungsprobe und mit einer Rebnktion der Kopfsteuer an. Washington^ Der Senat nahm einen Beschlußantrag an, in welchem erklärt wird, das Volk der Vereinigten Staaten sei entsetzt über die Berichte von Metzeleien, die au Juden in Rnßk a n d wegen ihrer Rasse Und Religion verübt worden seien. Alle diejenigen, die'davon betroffen seien, hätten die herzlichsten Sympathien des Volkes der Bereinigten Staaten. > ■ : Personalien. Mainz. .@te.c6efall. Am 24. d. Mts verschied nach schwerem Leiden der Beliebte Chef der Höpfenfirma Heiden-Heimer, Karl H'eiden-Heime r. H. gehörte dem Vorstande der israel. Gemeinde an und zeichnete sich durch seine freigebige Hand aus/ Berlin. Ordensverleihung. Anläßlich seines 80. Geburtstages erhielt Herr Kommerzienrat Siegmund Aschrott den Roten Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife. Leipzig,. O-rdensv erleibung. Dem stellvertretenden Studiendirektor der hiesigen Handelshochschule, Professor Dr. Mraham Adler, wurde das Ritterkreuz erster Klasse des kgl. sächsischen Alb re ch ts o rden s verliehen. - Wien, 23. Juni. Dr. Byk gestorben. Der Reichsratsabgeordnete Dr. Byk 'ist Heute .Nachmittag hier Plötzlich an einem .Herzschlage verschieden. Dr. Emil Byk, Wvokat in Lemberg, war 1845 geboren und gehörte seit 1879 dem Vorstande der israel. Kultusgemeinde-Repräscntanz und 'seit 1880 der Lemberger Gemeindevertretung an. Mitglied des Reichsrates war er als Vertreter von Blody-Zloczow seit 1891. Dr. Byk, ein scharfer Assimilant, ist ein energischer Gegner aller jüdisch-nationalen Bestrebungen gewesen. Prag. Ordensverleihung. Dem kaiserl. Rat Gottlieb Bondi wurde das Komturkreuz mit dem Stern des Franz Fosephordens verliehen. Rat Bondi ist Handelskammerrät, Mitglied des Staats- Und Landescisenbahnrates, Kurator des k. k. Handelsmuseums in Wien, des Gewerbemuseums in Prag und war lange Jahre Präsident der Prager Handelskammer und Stadtrat. Er ist Besitzer einer der bedeutendsten Metallfirmen. London. Im Kampfe gegen die Zulus ist der Leutnant C. M a r s d e n, Sohn des Herrn Rodolph Marsben, gefallen. Aus der zionistischen Bewegung. _ Berlin. Sofort als die traurigen Nacksrichten aus Biakhstok gemeldet wurden,- ergriff die Zionistische Vereinigung die Jnitative zur Einberufung einer P r o t e st v e r s a ni m l n n g. Ueber 2000 Personen stillten den S"al. R.-A. Dr. H a n t k e eröffnet? die Versammlung. Nach einer einleitenden Rebe des Rabb. Dr. Weifte ergriff sodann als der offizielle des Abends, Dr. Klee, das Wort, um in einer zündenden Ansprache die gegen die Juden in B i al n st o k verübten Greueltaten zu geißeln. Es sprachen sodann noch dieHerren Prof. Dr Martin Pdjlivvsohn Dr. Julius Moses, Tr. Paul Nathan und Redakteur Klaußner. Aus den Vereine»». Frankfurt a. M. Jüd. .Bibliothek und Lesehalle. In der letzten 'außerordentlichen Gene- - ralversammlunq der Jüd. Bibliothek und Lesehalle berichtete der Vorsitzende. Herr Dr. .Hanauer, zunächst daß der Besuch der Lesehalle und. die Benutzung der Bibliothek ständig zunehme. Die Zahl der Besucher hat die Zabl 3000 b-reits überschritten. Namentlich seitdem die Geschäftszeit der Bibliothek auf die Mittagsstunden verlegt wurde, habe der Besuch sich gehoben. Des weiteren berichtet er, daß auch 'die Zahl der Mitglieder erheblich gewachsen sei. Die Frankfurt-Loge hat ihre bisheriae Subvention von 300 JL auf 500 M. erhöht. Der Bibliothek sei wieder eine erhebliche Anzahl Geschenke zngestossen, so u. a. eine sehr wertvolle Bücherschenkunq. bestehend aus ca. 110 Bänden, seitens de?' Herrn O f f e n b a ch e r. Namens des Vorstandes dankt der Vorsitzende für diese wertvolle Zuweisung. Eine weiter Bücher-Schenkung erfolgte durch Herrn Hamburger. — Die Eintragiuig des Vereins in bas Vereinsregister ist 'erfolgt. Für das znrückaetrctene Vorstandsmitglied Herrn Hugo Schlesinger wählt die Generalversammlung.Hrn. Rechtsanwalt Dr. Merzbach. Der noch 'auf der Tagesordnung stehende Punkt: Statutenänderung wird vertagt:' ' Hannover. Die israelitische Erziehunasanstalt zu Ahlem versendet soeben ihren Bericht für das Jahr'1905, dem wir.folgendes entnehmen:, . Die Anzahl der Zöalinge betrug Mitte Februar 1905744 Lehrlinge. 42 Schüler, Mitte Februar 1906 41 Lehrlinge, 53 Schüler. Aus der Schülerabteilung (Kinder bis zu 14 Jahren) sind seit Bestehen der Anstalt. 95 Zöglinge entlassen. Jn.der Lehrlingsabteilung sind bis fetzt 126 Lehrlingeausgebildet worden. Das. Mädchenhaus zählte Mitte 'Februar 1905 31 schulpflichtige. Mädchen, 20 Daushaltungslehrlinge: Mitte Februar 1906 29 schulpflichtige Mädchen, 23 Haushaltungslehrlinge. Von den im letzten Jahre entlassenen Haushaltungslehrlingen fanden 9 Stellungen im Haushalt, 1 Stellung als Kindergärtnerin, 1 Stellung im Geschäft. Die Anstaltsgebäude sind nunmehr, abgesehen von der noch fehlenden Turnhalle, in einem solchen llmsange hcrgestellt, daß für eine längere Reihe von Jahren voraussichtlich keine neue Bauten mehr unbedingt nötig sein werden, wenngleich es auch der Wunsch aller Kenner der Verhältnisse ist, daß das alte Knabenhaus vollständig niedergelegt und durch einen Neubau ersetzt würde. Mit Genugtuung ist zu konstatieren, daß sich die jährlichen Beiträge im Jahre 1905 auf 30 400 Mark (gegen 20 500 Mark im Jahre 1904) gehoben haben, und daß für das Jahr 1906 eine weitere nicht unbeträchtliche Steigerung in Aussicht steht. .Me einmaligen Spenden haben, außer von für einen Neubau eingegangenen 20 00(1 Mark, 16 200 betragen (gegen 6700 Mark im Vorjahre). © Abgerissen. Skizze von I. D. Berk» witsch. Aus denr Hebräischen. (Fortsetzung). Es sprach über Armut und Unwissenheit: über die Pflicht der Intelligenz gegenüber den Armen und über den Spektakel, der zugunsten der armen Schüler veranstaltet werden sollte. Während des ganzen Gespräches waren die Augen des jungen Mädchens zum Boden gesenkt. Es sprach leise. Aus seiner Stimme hörte man harte Töne heraus und das Wort, das er so oft im Gespräch anwendete: „Jnteusivität". Winik erhob sein Haupt und betrachtete das Mädchen, dessen schwarze Brauen, die leichte Wangenröte, das liebliche und schöne Kinn; doch bald läßt er seine Augen sinken und hört es still an. Der alte Berger, der hinter ihnen mit seinem Sohne ging, sagte: „Und denkst Du wirklich, daß die Armen Deine Arbeit für sie zu schätzen wissen. Ich kenne sie schon zu gut. . . .Ich erinnere mich meines Vaters, der „Gabai" war. . . . Jetzt sagt man: „Vorsitzender", aber damals nannte man es einfach: „Gabai".So Gabai der TglmubthoraZ, Gabai des Moans-Chitim-) usw. Mit einem Worte, ja, Inas wollte ich Ihnen eigentlich erzählen? Ja . . . manchmal pflegten sie mit Stöcken auf die Tür loszuschlagen, als ob sie ein Recht hätten, Forderungen zu stellen. . . . So auch jetzt. Hm. .;; Man will sie unterrichten, sich entwickeln lassen. 0. das ist Kinderspiel! Sie haben das Lernen nicht nötig. . . . Ist es denn nicht so, Herr Doktor? . . . Lev Abramowitsch?" — „Was?" fragte Winik und empfand dabei >'elbst, daß er errötete. Sie blieben plötzlich wortlos. Es trat Schweigen ein. Fräulein Berger schlug unterwegs mit dem Schirm das Gras nieder, das an den Seiten des Weges wuchs. Endlich brach sie das Schweigen und begann von der Over „Ter Teufel", die vorige Woche in der Gouvernementsstadt aufgeführt wurde, zu sprechen. Vater und Sohn setzten sich auf die Bank unter zwei Eichen nieder, aber Winik und das Fräulein gingen weiter, und setzten das Gespräch fort. TLmmerungsstille herrschte um sie, und aus der Ferne, die von einem Baumdickicht beschattet war, stieg die Nacht hervor. „Vielleicht stirbt Salomon an dieser Krankheit!" blitzte es plötzlich iin Gehirn des Doktors Winik auf. Nach diesem Gedanken empfand er es gleich wie ein 'Chaos in seinem Kopfe. Giftige Gedanken krochen aus allen Ecken hervor. Er wollte seine ruhige Begleiterin verlassen'und in seinem Zimmer sich einschließe», um ganz allein mit den Gedanken zu bleiben. ■ „Sie hätten die Schauspielerin, die die Rolle. der Tamara gespielt hat, sehen sollen," sprach sie begeistert. „Ja, das ist Kunst. Wieviel Schönheit, wieviel Anmut in der Stimme, in ihren Bewegungen, lind hauptsächlich — Gefühl, Jntensivität . . . ." Wer der Doktor ging schweigend mit gesenktem Haupt an der.Seite des Fräuleins und >var in den Gedanken vertieft, daß Moische-Aron nach Amerika reisen lind Salomon sterben könnte. Die letzten Fasern, welche ihn an die Armut fesselten, würden damit von sich selber verschwinden. . . Seine Seele war in diesem Augenblicke mit unruhigen und schweren Gefühlen belastet. Er erhob seinen Blick: die Nacht war bereits herabgestiegen. — Lange wälzte sich Doktor Winik in seinem Bette von einer Seite auf die andere herum und konnte keineswegs einschlafen. In der dunklen und schwülen Stille seines Schlafzimmers wurden seine Gedanken noch schwüler und dunkler. Er nahm seine leichte Decke ab und legte seine erschwerten, wie mit Blei gefüllten Füße auf die Rücklehne > des Bettes. Dann sprang er vom Veite auf, schob das Rouleaux ab und legte sich wieder. Bleiches Licht erfüllte das 4) Lehrhaus für.arme jüdische Knaben. -) Mazzes- Steuer zugunsten der Armen sür Pesach. Seite 11. Zimmer und beleuchtete das kleine Tisch/' n am Fenster, den Marmorwaschtisch und das rein.' Handtuch, das über demselben hing. Mit vor Scbmerz haldgeöfsneten Augen überblickte der Doktor seine ganze Umgebung. In diesem Momente war es ilmr so cmnscs, daß er alles von sich >abz»wälzen und den müden Körver in kaltes Wasser nnterzutanchen gewünscht hätte. Aber er fühlte, daß auch nach einem solchen Bade in seiner Seele noch immer eine dicke Schicht von Schmatz, etwas Abscheuliches, das den Atem erschwert, doch bleiben müßte. Der Kopf sing ihm zu schmerzen an, rn seine Seele schlichen sich so viel schmutzige Tropfen ein. Und jetzt, als er niachtlos im Bette ausgestreckt lag, schien es ihm, daß eine alte vergessene Träne seine Kehle reizte. Er wollte sich beherrschen ünd an Olles vergessen. Wer gegen seinen Willen stand vor ihm das Antlitz des kranken Bruders mit seinem schüchternen Lächeln, das über sein düsteres Gesicht umherirrte. Dann erinnerte er sich seiner Tante, die ihm, ohne sich direkt an ihn zu wenden, einige Bemerkungen machte. Er mußte wohl damals — denkt er — sehr lächerlich ausgesehen haben, etwa wie ein. Kind, das inan geprügelt und daraufhin mit Konsekten zu besänftigen sucht. ... Er kratzte sich vor Aerger hinter's Ohr. „O, mein Gott!" .... Wie tief ist er doch gesunken . . . Morgen wird er ja zum Bruder kommen und sich ihm sehr liebenswürdig zeigen; vielleicht wird er auch das schmutzige Kind küssen und vor dem Verlassen des Hauses gar seinen Edelmut bekunden: er wird ja Moische-Aron eine goldene Münze geben. . . . Und das alles wird nur die Vergeltung dafür sein, daß er den Tod des Bruders wünscht. .... „Ein kleinlicher und niederträchtiger Egoist!" Er klagt sich selbst an. Salomon ist noch ein junger Mann; er ist noch lebensfroh. Er hat doch seine Welt, in der er glücklich sein möchte, wie sehr sie auch schmutzig ist. Dieser unglückliche Arme vergißt wohl selbst, wenn er hungrig sich abplagt, seinen. Bruder nicht und hört ine auf, ihn mit einer reinen, warmen Bruderliebe zu lieben. . . . Und er? Wie darf er denn dem Bruder den Tod wünschen? . . . Solch' ei» Mitleid! .... Wer im Innern seiner Seele füblt er, daß der der Tod seines Bruders für ihn angenehm sein würde. . . Auch während er ihn kuriert, kann er sich von diesem Gedanken nicht trennen. Es wäre gut, wenn er selbst jetzt krank werden könnte. Sollte es eintreffen, würde er nach' dem jungen Berger schicken. „Der alte Beraer," — erinnert er sich Plötzlich — „ist der abscheulichste Mensch, ein' grober Bourgeois." . . . . Er erhob sich vom Bette, zog den Morgenrock an und ging auf den Balkon hinaus. Auf der Straße herrschte TodesstiUe. Die Häuser erschienen ihm von einander weit entfernt; sie dunkelten im weißlichen Lichte der Nacht. Ans den Wolken- 'etzen, die über den Himmel umherstrichen, lugte der Mond hervor. Die Luft war frisch und feucht, Schatten schlichen und webten über die Erde. Der Doktor sekte sich auf den Stuhl und legte den Kopf auf das Geländer des Balkons. Aus der Ferne näherte sich ein leises Hahnenaelrähe. das sich ergoß und in der Stille der Nacht bald erstarb. Ein junger Mann ging schnell an dem Hause »orbei. und noch lange konnte man seine weiße Mütze '-den und die schnellen Schritte ans dem Steinpflaster hören. „Wahrscheinlich ist es ein Externer, der sich eben von seiner Dame verabschiedete," dachte der Doktor. Wie sonderbar! Er, der unglückliche, der derüoßene Mensch, er, der sogar vor dem Schatten der Glücklichen floh — er sitzt jetzt, im 'Schlafrock eingekiüllt, auf dem Balkon dieses Hauses . . . . Und vor zehn Jahren, als er die Universität bezogen hatte, stand er mit seinem Vater, der ihn begleitet hat, an diesem Hause. Auch damals war solch' eine stifle Nacht. Er erinnert sich: als er zum Balkon hinaufschaute, sah er ein junges, weißgekleidetes Mädchen mit langem schwarzem Haar. Ein zärtliches Gefühl, das in jenem Momente 8er Angst vor der Zukunft und des Mitleides mit sich selbst sein Herz so stark ergriff, durchzitterte seine ganze Seele/Der Vater küßte ihn dann zum ersten Mal im Leben und sprach zu ihm: „Mein Sohn." Es war eine zitternde .schwache Stimme, aus Sohn." Es war eine zitternde, schwache Stimme, aus der Me fortaeqangen war, blieb er noch mit seinen Kameraden stehen und erwartete das Erscheinen des weißen Kleides und der schwarzen Haare, welche sich im Hause versteckten. ... . (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. D. Clecner, Zürich. Wir nehmen davon Notiz, daß Unter dem Pseudonym des Tante-Forschers „Michael Sinowitz" nicht der im Oktober vorigen Jahres verstorbene Oedenburger Religionslehrer Hermann Horovitz, wie in seinem Nekrolog s. Zt. behauptet wurde, sondern Ihre Person sich' verbirgt. Vereins - Kalen-er. Berei« Montefiore. Mittwoch, den 4. Juli,, abends 9 lkhr. Bortrag des Herrn Kahn: Die Betätigung 'des Handlungs» gehülfenstandes auf sozialem Gebiete.'