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Neue jüdische Presse · 1906-06-29 · Heft 25 (29.6.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 25 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25. Frankfurter JsraelLWeS FamilienblaL Seite 3. reit, afier sie will, daß wir zweifach eingeschränkt werden. Sie kann unsere 'Teilnahme an der Freiheitsbewegung nicht ertragen und will 'uns in die ideellen Grenzen der Ansiedlnng sperren. Aber vergebens. Die Ansiedlungsgrenzc kann man aus der geographischen Mappe durchführen, aber dort kann sie nur bis zn einem gewissen Zeitpunkte bestehen. Es gibt kein Volk, bei welchem die Erreichung der Freiheit nicht mit Jbem Sturze der Mauern des Ghetto verbunden wäre. Wenn das russische Volk seine Freiheit erlangen wird, werden auch diese Mauern stürzen. Wir werden mit der Freiheitsbewegung'sympathisieren, ohne Rücksicht darauf, wie viele Opfer das uns kostet. In den Vorgängen von Bialystok müssen wir eine indirekte Antwort auf!die Interpellation der Duma sehen, auf welche die Regierung zu antworten nicht für notwendig gehalten hat. Mit einem Telegraphen ohne Draht hat sie uns die Antwort auf alle unsere Interpellationen geschickt, sie spricht mit der Sprache der Leichen, sie schreibt ihre Antwort auf unsere Interpellationen mit dem Blute unschuldiger Opfer. Als wir die Interpellation über Bialystok unterschrieben, hatten wir nicht 'die Msicht, bei' irgend jemandem das Gefühl pes Mitleids hervorzurusen. Denn das Glück des jüdischen Volkes, wie auch das Glück des russischen Volkes mutz auf den Grundlagen der Gerechtigkeit ruhen. Wir hatten nur vor Augen, wenigstens einen Zipfel dieses schreckticheu Bildes äuszudecken, das unsere Minister, Artisten dieser in ihrer Art, malen. Die Farben dieses Bildes sind schwarz, mit Blut befleckt. Ich denke, daß die Herren uns verstehen werden, wenn wir sagen, daß wir doppelt entrüstet sind. We schmerzhaft ist es, daß sogar in einer freiheitlichen Bewegung wir als die Zielscheibe dienen! DieRegierungwilldie Freiheitsbewegung im Blute ersticken nnd'beg.innt mit uns. Darum bitte ich, daß die Duma die Dringlichkeit der Interpellation anerkenne, daß sie auf die Schandtaten reagiere, die vor unseren Augen zu Anfang des 20. Jahrhunderts im Angesichte von ganz Europa begangen werden. Nach dem Blutbad. Bjelostok, 19. Juni. Interessant war die Versammlung, die u nterVorsitzdesGo uverneurs abgehalten wurde. Nachdem der Gouverneur die Sitzung eröffnet und sein „Bedauern" über die letzten „Vorkommnisse" änsgedrückt hatte, machte er die „sehr erfreuliche" Mitteilung, daß von Grodno ein Eisenbahuwaggon mit Brot zur Verteilung an die Notleidenden abgegangen sei. — Entrüstet nahm hierauf der Mwokat B o m a s ch das Wort und rief scharf: >,Wir bedürfen nicht Euer Brot! Nicht Brot, Steine wird das für uns sein! Gebet uns Ruhe! Beruhigt uns, ehe wir hinabschlingen können ein Stückchen Brot! Erst mit'Hülfe der Polizei und der Soldaten ein Blutbad zulassen, mehr wie hundert Menschen töten — und dann mit Brot abspeisen; — dafür danken wir!" Weiter erklärte Bomasch dem Gmwerneur, daß' die gesamte Polizei ihres Amtes entsetzt werden müsse, weil jedes „Opfer" einen Bruder hinterlassen habe, der an den Mördern und deren Anführern Wache nehmen werde. — Der Gouverneur sagte zu, daß er, so er auf seinem Posten bleibe, diesen Wunsch erfüllen werde. — Die Polizei wollte zuerst die Beerdigung der Opfer des Blutbades nur dann erlauben, wenn ihr die jüdische Gemeinde, bescheinige, daß sie an dem Pogrom keinen Anteil genommen habe. Selbstverständlich wurde dies verweigert. ' B i a l h st o k, 20. Juni. Soeben ist das Duma- Mitglied Professor Schepkin nach Petersburg abgereist. Auf dem Bahnhof waren iintev attbetem anwesend: das Stadthaupt, mehrere Stadtverordnete, der Geistliche Peschkofsky, einer der wichtigsten Zeugen unter den vernommenen Christen. Mit Schepkin ist auch das Duma-Mitglied Pustoschkin abgereist, der freiwillig nach Bialystok gekommen war. Die beiden Delegierten der Duma, Jacobson und A r - kanzeff reisen morgen äb. Im ganzen sind bis jetzt durch die Deputierten der Duma gegen 120 Personen verschiedener Konfessionenverhört worden, darunter ungefähr die Hälfte Katholiken und Orthodoxe. Es waren namentlich' Geistliche, Lehrer, Beamte. Das Bild, das sich aus all' den Zeugnissen ergibt, ist vollständig klar und läßt sich in wenigen Worten formulieren: Der Pogrom wurde so veranstaltet: Vorn die'Hooligans, geführt von einigen kundigen Leuten, meistens Polizisten, hinten Polizei und Soldaten, die über die Köpfe der Hooligans hinwegschossen. Professor Schepkin glaubt, die Ergebnisse der Untersuchung schon am nächsten Mittwoch der Duma vorlegen zu können. . Erst jetzt konstituieren sich Hilfskomitee und Untersuchungskomitee zur weiteren Verfolgung der Sache. Der Umfang der materiellen Verluste und der Notlage ist im Augenblicke nicht einmal annähernd festzustellen. Das jüdische Hilfskomitee wird mit den: Komitee der Stadtverwaltung zusammen arbeiten. Ans den städtischen Mitteln sind vorläufig 2000 Rubel diesem gemeinsamen Komitee bewilligt. Die Stadtverioaltung hat die Bezahlung der Gehälter an die Polizeibeamten verweigert und weist sie darauf hin, sie mögen die rückständigen Steuern einziehen, anstatt Judemnetzeleien zu veranstalten. Man erwartet heute den Senator Frisch, der voin Ministerium des Innern hierher abgeordnet ist. Man weiß nicht recht, wer vor ihm wird Zeugnis ablegen wollen. Die Juden haben absolut kein Vertrauen zu der offiziellen Untersuchung. Die anständigen Christen riskieren meistens ihre Beamten- und sonstige Stellung — bleibt also die schwarze Bande. Das Hilfskomitee beginnt erst von morgen ab seine Tätigkeit. Die Geschäfte bleiben zum Zeichen der Trauer bis Montag geschlossen. Bjelostok, 20. Juni. Die Fabriken arbeiten nicht, die Geschäfte sind gesch losfe n, die Tramway fährt ohne Passagiere, Eßwaren sind nicht zu haben, dreiviertel der Bevölkerung ist weggefahren. Bialystok, 21. Juni.'Die Stimmung in der Stadt ist n o ch immer sehr gespannt. Gerade wegen des sehr verstärkten Militärschutzes ist man ckuf weitere schlimme Ereignisse gefaßt. Falsche Gerüchte, die in böswilliger Ilbsicht verbreitet werden, Drohungen von seiten des Militärs, die ich selbst mit anhörte, sorgen dafür, daß die Beunruhigung nicht nachläßt. Die letzten beiden Duma- Deputierten, Jacobson und Arkanzeff, haben nunmehr Bialystok verlassen, auch'das ein Moment der Besorgnis. An Stelle der Duma-Mgeordneten hat von heute ab der S tallmeister Frisch vom Ministerium des Innern feine Tätigkeit begonnen. Auf Empfehlung des Generalgouverneurs hat Herr''Frisch die Herren, die in diesen Tagen als Deputierte der Stadt beim Gouverneur Vorstellung erhoben, zu sich geladen. Bon diesen sprach ich Herrn Kritsky (Christ) und Herrn Rabbiner Dr. M o h i l e w e r, als sie gerade von der Unterredung mit Herrn Frisch zurückkehrten. Kritsky, der in Bialystok selbst seit vielen Jahren ansässig ist, wiederholte seine Aussage, die er vor dem Generalgouvcrneur, sodann vor Professor Schepkin gemacht hatte, auch gegenüber Herrn Frisch. Auf dessen Anfrage antwortete er weiter, daß bis vor kurzem die Beziehungen zwischen der jüdischen und der christlichen Bevölkerung die allerbesten gewesen sind, daß die Juden die Ermordung des Polizeimeisters Dcckatschcw sehr bedauern und für eine Provokation ihrer Gegner gehalten haben, der bei den Juden sehr beliebt war. Die Haltung der Polizei während des Pogroms sei ganz unerhört gewesen. Auf allen seinen Wanderungen durch die Stadt bemerkte Kritsky nur einen einzigen Schutzmann, der seine Dienstpflicht erfüllt hätte. Dieser eine nahm einem Hooligans ein paar geraubte Damenhüte ab und bemerkte dabei lächelnd: Ach, wozu brauchst Du diese Sachen, gib sie her. Herrn Mohilewer empfing Herr Frisch mit den Worten, er hätte ihm gestern einen Besuch abstatten, zugleich seine zerstörte Wohnung besichtigen wollen, habe ihn aber nicht zu Hause getroffen (das war auch nicht gut anznnehmcn). Auch Dr. Mohilewer versicherte Herrn Frisch, er hätte noch vor kurzein einen Pogrom in Bialystok für unmöglich gehalten. Bialystok, 26. Juni. (Telegramni des Deutschen Bureau der Alliance Jsraelite Universelle.) Die Bevölkerung hat nach einer Reihe von Tagen bangster Erwartung einige Beruhigung gewonnen. Die Einen nungdesGenerals Bugajewsky zum Geu e r al g ouvern eur hat den besten Eindruck gemacht. Er war schon früher einmal in gleicher Amtseigenschaft hier tätig und steht bei der Bevölkerung in guter Erinnerung. Er fuhr durch die Hauptstraßen der Stadt, in denen die meisten Verwüstungen vorgekomnicn sind, sprach viele Personen an, redete ihnen freundlich zu und empfahl auf das dringendste die sofortige Wiedereröffnung der Läden. Die Berufung des Generals Bugajewsky hat um so günstiger auf die Stimmung eingewirkt, als sich namenrlich die jüdische Bevölkerung von seinem Amtsvorgänger, dem seitherigen Gcncralgouverneuer General von Bader, keiner wohlwollenden Gesinnung versah. General von Bader hatte unmittelbar vor dem Pogrom einer jüdischen Deputation gegenüber erklärt, daß für alle Ruhestörungen bei Prozessionen und für alle Bombenattentate die Juden verantwortlich gemacht iverden würden. Auf die Frage, wie die Juden cs anfangen sollten, die Provokateure am Werfen von Bomben zu hindern, erwiderte er: „Es gibt keine Provokateure!" Am nächsten Tage war der Pogrom da. — Es ist begreiflich, daß die Juden von Bialystok aufatmen, da sie von diesem Generalgouverneur befreit sind. Freilich bleibt abzuwarten, ob der neue Generalgouverneur unter den obwaltenden Umständen die an Ihn geknüpften Hoffnungen erfüllen wird. Pogrom-Schrecken. Petersburg, 22. Juni. Der Abgeordnete Winawer erhielt aus H o mel folgende Depesche: . „Bei dem Vorsitzenden des „Verbandes des russischen Volks", Mokasewsky, hat man eine Bombe gefunden. Wie es scheint, war sie bestimmt, ei nenPogromzu provozieren. Mokasewsky, ist nicht arretiert worden. Der Verband führt eine schreckliche Agitation gegen die Juden." B r i s k - L i t o w s k, 22. Juni. Die Führer -der Antisemiten hielten eine geheime Versammlung ab, sie a g i t i e r e u f ü r einen Pogrom. Die jüdischen Vorsteher haben an den Minister des Innern und an den Mgeordneten Winawer Telcgramnie abgesandt. Odessa, 22. Juni. Die Polizisten sind sehr p o g r o m l u st i g und werden nur durch ihre Vorgesetzten von einer Betätigung ihrer Gefühle zurückgehalten. Im Hafen sind unter den Arbeitern und Matrosen Proklamationen verteilt worden, die zum Töten der Juden auffordern. K i c w, 22. Juni. Das Zentralkomitee des patriotische» Verbnades hat mit Erlaubnis der Zens u r einen neuen Aufruf erlassen. In diesem Aufrufe heißt es: „Wo seid Ihr, russische Helden, die sich mit dem Feinde geschlagen haben? Seid Ihr denn nicht fähig. Euch auch mit den Juden und Anarchisten zu schlagen? Steht auf, wir wollen aus der Duma alle Fremden und Revolutionäre heraustreiben und an ihre Stelle Russen setzen!" Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M.» 26. Juni. Auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung des Ausschusses der Israelit. Gemeinde standen zwei interessante Gegenstände: Die Frage der Kopfbedeckung beim hebräischen Unterricht im Philanthropin und eine Eingabe des „Freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben" betreffs Aenderung der Organisation der Wahlen z u m A u s s ch u ß. Unseres Erachtens ist das Verlangen, den Kindern religiöser Eltern zn gestatten, beim hebräischen Unterricht die Kopfbedeckung der jüdischen Tradition gemäß aufzubehalten, nicht angebracht, da es für diese Kinder von Schaden wäre, so dem Verlangen st'attgegeben würde. Denn da der Geist des Philanthropin der einer ausgesprochen bewußten Neologie ist, so -.würden die Kinder religiöser Eltern bei einer Teilnahme an diesem Unterricht nach den Anschauungen der Neologie beeinflußt werden, und es ist deshalb jedenfalls besser, wenn der Unterricht, ohne Kopfbedeckung erteilt, schon nach außen sein inneres Gepräge dokunienticrt. Wohl sind gelegentlich des letzten Wahlkampfes die Herren des Freisinnigen Vereins, als man die Aufhebung des Philanthropins, das der Gemeinde ein Drittel, ihrer Gesamt-Ausgaben kostet,, verlangte, mit Per Motivierung dieser Auffassung entgegengetreten, daß die Kinder der ausgesprochenen Neologie überhaupt nicht die Schule besuchen, sondern hauptsächlich Kinder aus religiösen Kreisen: aber auch die heutige Ausschußsitzung hat wieder festgcstellt, daß Schulrat und Direktor energisch die Auffassungen der Neologie in der Schule gewahrt wissen moUen. Der Vorsitzende brachte nämlich ein Schreiben des Schulrates des Philanthropin zur Verlesung, in dem er sich zu dem bezüglich der Kopfbedeckung seitens des Ausschusses ausgesprochenen Wunsche äußert, und in diesem Schreiben heißt es: Der Schulrat könne von der seit 100 Jahren geübten Praxis nicht abweichen, die der Tradition der Schule entspricht, auch ein Gutachten des Herrn Direktor Dr. Adler führe aus, daß die Grundsätze, welche den hebräischen Unterricht ohne Kopfbedeckung gebieten, dcni Geiste entsprechen, der zur Gründung der Anstalt geführt hat. Auch dem Wunsche, daß wenigstens der darauf reflektierende Teil der Schüler die Kopfbedeckung im hebräischen Unterricht aufbehalte, könne aus Gründen der Schulzucht und Pädagogik nicht stattgegcben iverden. Uebrigens besuchen nur 20 Prozent der Schüler den hebräischen Unterricht nicht. Ter Ausschuß tritt in eine Besprechung dieses Schreibens ein. — Herr Max Bauer macht auf den Widerspruch, der zwischen dem Gutachten des Herrn Direktor Dr. Adler und seiner Aeußerung gegenüber Herrn Rabbiner Dr. Horovitz, er stehe der Einführung der Kopfbedeckung nicht unsympathisch gegenüber, bestehe, aufmerksam. — Herr Kaufmann tritt energisch für die Beibehaltung des bisherigen Modus ein. — Herr Dr. Baerwald klärt den von Herrn Bauer angeführten Widerspruch auf; Herr Direktor Dr. Lldler habe sich nur bereit erklärt, ein Schulzimmer zur Verfügung zu stellen für den Fall, daß eine größere Anzahl Schüler den Unterricht mit Kopfbedeckung verlange. Eine sehr lebhafte Debatte entfesselt die Eingabe des Freisinnigen Vereins, von der der Vorstand dem Ausschuß Kenntnis gibt. Die Eingabe weist darauf hin, daß bei der letzten Wahl sich große Unzuträglichkeiten in wahltechnischer Beziehung bemerkbar gemacht haben und verlangt — statt, wie bisher 1. — jetzt 3 Wahlbezirke (Westend, Innenstadt, Ostend), Ausdehn-

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