Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 25 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692485--02511-2697121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«W> Seite 2. Frankfurter ZffraeMDes FatnilienLlaü. Nr. 25. legt, tritt bei letzterer der Tempel in den Vordergrund, der Staat ist ihr gleichgültig; bei der Prophetie gewinnt das Allgemeine die Oberhand, bei der Psalmistik dagegen das Subjektive, Persönliche, alle beide aber nur von der Gottes-Idee ausgehend and dieser sich alles unterordnend. Die Lektüre des überaus reichhaltigen und anregenden Buches gewährt auch demjenigen Genuß, der die kritischen Voraussetzungen des Verfassers nicht zu teilen und seinen Ansichten nicht überall beizustimmen vermag. Ms Ganzes betrachtet, hat Wünsche's Arbeit so große Vorzüge, daß die Mängel daneben .nicht aufzukommen brauchen. Nur .auf eins wollen lwir Hinweisen, das uns besonders befremdet hat: nämlich die Betonung der „Ergebnisse der kritischen Beleuchtung". Schickt sich, doch Wünsche mit der ästhetischen Betrachtung der Heiligen Schrift an, den „Gebildeten unter ihren Verächtern" wieder „für die alten, ehrwürdigen Urkunden unseres Glaubenslebens und unseres sittlichen Handelns" zu gewinnen — und da müßte die'chipotätische, haarspaltende Wissenschaft der zersetzenden „Quellenscheiderei", die doch vielen den Geschmack lan der Bibel verdorben hat, schweigen. Lag doch keine Notwendigkeit vor, in diesem Buche, das doch mit dem „Ganzen", mit der Harmonie des Einheitlichen zu tun hat, das „Scheidende" zu betonen. . . Und doch einpsehlen wir das vortreffliche Buch auch denen, die so große Furcht vor dem Gespenst „Bibelkritik" haben, abgesehen davon, daß die „Fragestellung" noch lange nicht so gefährlich ist, läßt sich bei ein klein wenig Geist und Intelligenz manches widerlegen, so wiegen doch die Vorzüge des Buches die Gefahren auf. Die Bibel wird immer schöner, je mehr man sie versteht, sagte Goethe. Die moderne Welt ist geneigt, eher vom Schönen zum Wahrenzu gelangen, als umgekehrt. Wenn unsere Jugend die lebendigen Wasser im prächtigen Farbenglanz der reizenden, malerischen Sprache strahlen sieht, wenn sie die mächtigen Akkorde der wunderbaren Mänge des Gotteswortes rauschen hört; wenn sie endlich die starken Wallungen des gottbegeisterten Menschenherzens verspürt, dann tritt: sie vielleicht den Idealen der Bibel näher. S. H.—n. Zwei Reden in der Duma. 1. Fürst Urussosf über die Frage, wie Progrome veranstaltet werden. Aus der Rede des früheren Ministergehilfen Fürsten Urussosf bringen wir nach der „Rufs. Korresp." folgende Stelle, die sich speziell mit der Veranstaltung der Pogrome in Rußland befaßt. Die offizielle Stellung, die Fürst Urusoff früher bekleidete, verleiht seinen Ausführungen eine besondere Bedeutung und sie verdienen deshalb' besondere Beachtung:: „Eine aufmerksame Untersuchung der sog. Pogrome, sagte Fürst' Urussosf, zeigt dem Beobachter vollständig homogene Erscheinungen: Dem Pogrom gehen immer Gerüchte Wer ihn voraus, die von einer weit angelegten Verbreitung verhetzender Flugschriften begleitet sind. Nachher erscheinen die, ich möchte sagen, „Sturmboten" — zweifelhafte Existenzen, die bisher das Licht der Oeffentlichkeit vermieden! haben. Mich das ist für alle Pogrome charakteristisch, Laß dieoffizielle »Behauptungen über den Anlaß, der zum Pogrom geführt hat, sich immer nachher als unrichtig Herausstellen. Weiter kann man darauf' Hinweisen, daß in der Tätigkeit der Hooligan eine Zewisse Planmäßigkeit beobachtet werden kann, sie handeln ini Bewußtsein eines gewissen Rechtes,' . . im Bewußtsein einer gewissen Straflosigkeit und handeln nür bis zu dem Moment, wo dieses Bewußtsein bei' ihnen erschüttert wird, worauf der Pogrom sehr leicht und bald aufgehalten werden kann. In den Handlungen der Polizei wird dagegen immer eine Planlosigkeit und Uncinheitlichkeit beobachtet. In - einigen Polizeibezirkcn, wo genügende Kräfte vorhanden find, nehmen die Pogrome gleichwohl' den Charakter eines elementaren Unglücksfalles an, während in den anderen, wo nur vereinzelte Polizeiagcnten tapfer und entschlossen gehandelt haben, der Pogrom schon im Anfang Unterdrückt werden konnte. Nachher hört der Pogrom aus. Dann werden Verhaftungen vorgeiwmmen, die Verhafteten werden im Gefängnis interniert und die das' Gefängnis aufsuchende Behörde kann sich des Eindrucks nicht er- , wehren, daß hier nicht.Verbrecher, sondern von jemanden getäuschte Menschen sitzen. Mit einem Worte, man fühlt, daß hier immer eine weit angelegteOrganisationporhandenist. Diejenigen, die diese Organisation als eine Regierungsorganisation bezeichnen, irren sich, aber nicht ganz. Einige Tatsachen können uns dienen, diese dunkle Machenschaften zu beleuchten: Im Januar 1906 liefen bei einer Person, die im Ministeriunl des Inneren eine gewisse Stellung bekleidete und für einen Gegner der Pogrompolitik galt, — ich rede hier nicht von mir selbst — Flugschriften ein, die gut und säuberlich gedruckt waren. Sie kamen aus dein Süden und Westen Rußlands und gleichzeitig mit ihnen trafen auch beunruhigende Klageschriften ein mit Hinweisungen, daß in Biakystok, Kiew, Wilna, Nikolajcw, Al ex a n dr o w s s k und in einigen anderen Orten Pogrome vorbereitet würden. Der Homcler Pogrom iin Januar hat bewiesen, daß solche Befürchtungen volle Berechtigung besitzen und dies veranlagte die erwähnte Person, aufmerksam diese Angelegenheit zu studieren und alles zu tun, um einen Pogromausvruch zu verhindern. -Das gelang auch hauptsächlich Dank der energischen Unterstützung des damaligen Vorsitzenden des Ministerrates (Witte); dabei wurde aber ein sehr interessantes Bild von der Tätigkeit der Pogromschtikis enthüllt. Eine Gruppe von Personen, die gewissermaßen die Kampfbruderschaft einer unserer patriotischen Vereinigungen („Russische Versammlung"? Red. d. R. C.) bildet, in Verbindung mit Persönlichkeiten, die sehr nahe der Redaktion einer nicht Petersburger Zeitung (Moskowskija Wedoniosti? Kicwljanin? Red.) stehen, fanden gemeinsam den Beschluß, die Revolution zu bekämpfen. Die Ursache der Revolution sahen sie in den Polen, Armeniern und den Einwohnern des jüdischen Ansiedelungsrayous. Durch Flugblätter wurde die Bevölkerung zuin selbständigen Vorgehen aufgesordert, wobei an die Soldaten eine besondere Proklamation gerichtet wurde, die ihrem Inhalte Nach besonders interessant ist. Diese Flugblätter wurden nicht in Hunderten, sondern in Huuderttausenden von Exemplaren . verbreitet. Unter den Personen, die sich mit der Verbreitung beschäftigten, befanden sich auch sehr vieleBeamte. .Die Verbreitung wurde mit großem Geschick und nach einem gewissen Plan durchgeführt. Dabei konnte man ein sehr interessantes Bild beobachten. Ein Polizeimeistergehife z. B. konnte Don der Verbreitung unterrichtet sein, machte aber darüber seinem Chef, dem Polizeimeister, keine Mitteilungen. Ein Priffaw wurde mit .Vertrauen beehrt, der andere nicht. Bei irgend einem Beamten der Gendarmerieverwaltung tauchten plötzlich besondere Geldsummen auf. Diese Beamten begannen die oben erwähnten zweifelhaften Existenzen aufzusuchen. In der Stadt verbreiten sich beunruhigende Gerüchte, die Einwohner beeilen sich die Stadt zu verlass?», der Gouverneur sucht alle zu beruhigen, aber ist selbst nicht sicher, ob alles gut, ablaufcn wird. Aus dem Ministerium treffen Telegramme ein, beunruhigende, mit dem Hinweise, daß Unruhen vorbereitet werden und mit dem Befehl, die energischsten Maßnahmen zu treffen. Man traf sie auch, aber nicht alle beachteten sie. Es kam auch vor, ich selbst bin Zeuge dafür, daß die Polizeibeamten den Befehlen des Gouverneurs keine» Glauben schenkten; sie nahmen an, daß dies alles nur zur Irreführung der öffentlichen Meinung gemacht sei, und daß sie selbst die 'wahren Absichten der Regierung besser kennten. Sie hörten auf eine andere Stimme, die von weither an sie herantrat, und der sie mehr Glauben schenkten. UW zu derselben Zeit arbeitete schon in Petersburg, auf der Fontanka, im Haus Nr. 16, in einem der entlegentsten Winkel des Polizeidepartements eine Druckmaschine. Zu Bedienung ihrer wurde der Ossizier des Gendarmeriekorps Kommissarow direkt befohlen. Er hatte einige Gehilfen in Zivilkleidern, Kommissarow und seine Gehilfen beschäftigten sich mit dem Druck der erwähnten Proklamationen. Alles war sehr konspirativ eingerichtet. Nicht nur im Ministerium, sondern auch im Polizeidepartcmcnt selbst, wußte gewiß niemand von dieser Tätigkeit. Die Heimlichkeit änderte aber nichts an dem Erfolg des Unternehmens, und als ' die Person, die die Druckerei'entdeckt hat, den Komnrissarow gefragt hat, wie gehts mit dem Geschäft, antwortete dieser: „Man kann einen beliebigen Pogrom veranstalten; wenn Sie wollen stuf 10, aber auch auf 10000 Menschen." Das ist eine historische Phrase. Zur Kenntnis der Kiewer Vertreter kann ich mitteilen, daß für'den 3./16. Febr. ein Pogrom gerade auf 10 000 Menschen organisiert wurde, aber es gelang, ihn zu verhindern. 'Ms der Präsident des Ministerrates (SBiite) davon erfuhr, bekam 'er einen Anfall Don nervösem Asthma und dieser Umstand wohl verhinderte ihn, unverzüglich diese Organisation an Ort und Stelle aufzulösen. Wie dem auch sei, aber jedenfalls begnügte er sich damitdaß er Kommissarow zu sich bestellt hat. Dieser erzählte ihm von seinen Taten und'wohl auch über seine Vollmachten. Das Resultat war Wer, daß in drei Stunden die Druckmaschine, die Flugschriften, Kommissarow und seine Gehilfen verschwanden. Es blieb ' nur ein leeres Zimmer und deshalb wird nieinand, weder der Minister des Innern noch wir, die Personen kennen lernen, die die Tätigkeit dieser weit ' angelegten Organisation geleitet HWen, die den Beteiligten Schutz gewährten, die einen magischen Einfluß auf die Polizei und andere Beamte ausgeübt haben und die die Macht hatten, für diejenigen, die sich hervorgetan haben, Beförderungen im Dienst und G e s ch e n ke zu erzielen." Die Rede Urussoffs hat ein ungeheures Aufsehen in Rußland hervorgerufen. ' ■ ~ * * * Mg. Lewin über das Bialystoker Blutbad. Ich muß mit aller Kraft an mich halten, um nicht in einen Tvn zu verfallen, der sich für dieses. Haus nicht eignet. Denn die Leichen in den Straßen von Biakystok sind noch nicht gesammelt. Wer ich will nicht das Gefühl des Mitleids Hervorrufen; denn wo es 'sich um das Schicksal vou sechs Millionen Menschen handelt, ist Mitleid nicht am Platze, nur Gercchtigk ei t f o r d e r e i ch.; In Bialystok ist etwas Schreckliches geschehen. Es waren dieselbe» Erschießungen, die wir kennen, nur ohne Kriegsgericht, und' ihre Opfer waren nicht die, welche vom Standpunkt der Sicherheit die Schuldigen waren, sondern ruhige Bürger, wehrlose Greise, Mütter und Kinder. In dem Massakre von Bialystok sehen wir nicht einen vereinzelten Fall, nicht eine abgesonderte Monographie, das ist nur ein Kapitel des vielbändigen Buches der Judenmassakres, deren Autor ein Anonymus ist, den das Polizeidepartement genau kennt. Bialystok ist ein Glied in der langen Kette der jüdischen Leiben. Das ist die Folge jenes Systems, mit welchem Sie, meine Herren, kämpfen wollen. Die russische Regierung muß einige Millionen schwacher Bevölferung haben, die keine Rechte hat. Ich sage mehr: Wenn es keine Juden in Rußland gäbe, müßte die russische Megierung aus anderen Ländern irgendwelche Bevölkerung hieher Dringen, die ohne Recht und Hilfe ist, um im kritischen Moment den Zorn der Volksmassen 'auf die Linie des' geringsten Widerstandes lenken zu können. r Dieses Opferlamm ist bei üns das der Rechte beraubte JWentum. Die Massen wissen, daß es bei uns Bürger erster, zweiter und dritter Kategorie gibt. Zur letzten Kategvrie werden die sechs Mill. Juden gezählt. Die Massen sind in dieser Ueberzeugung erzogen, daß gegenüber den JWen alles möglich ist, weil sie Bürger niederer Kategorie sind, weil sie keinen Schutz finden, wenn sie ihn brauchen. Die Massakres sind ein ganzes System. In den Oktobertagen, .als das russische Volk wie ein Mann sich von seinen Fesseln zu befreien begann, hat die Regierung kein anderes Mittel gegen den Freiheitskampf gefunden, als das bekannte Manöver, den Zorn der Massen auf die Linie des geringsten Widerstandes zu lenken. Ihr wißt, meine Herren, wie dieser Wschnitt der Geschichte geendet hat. Jetzt wiederholt sich dasselbe. Das ist die zweite verbesserte Auflage. > Man hat die Duma einberufen, in ihr ist der Wille des Volkes ausgedrückt, wir alle streben nach Freiheit, und dieser Wille des Volkes stößt auf Widerstand. Ich fürchte, Bialystok ist die erste Seite des zweiten Kapitels. Dieses System war vorbereitet, in allen Details durchdacht. Und wir wissen, iver diese Massakres vorbereitet. Wir "kennen die 'Gouverneure, welche die Greise unter der jüdischen Bevölkerung zu sich riefen und ihnen sagten: „Wenn es euch nicht gelingt, eure Jugend zu beruhigen, so werden wir uns. mit euch nach unserer Art auseinandersetzen." So können nur Leute sprechen, die bar jedes. Gewissens und der elementarsten Begriffe der Gerechtigkeit, sind. Nicht bloß die Gouverneure, auch Die 'Polizeikommissäre, diese kleinen Tyrannen, veranstalten Massakres gegen ihre Untertanen, weil auch sie. wissen, daß ihre Untertanen in Kategorien zerfallen, und sie knit der letzten Kategorie verfahren können, wie sie wollen. Wir kennen die Erschießungen, die von den Kriegsgerichten vorgenommen werden, aber dort ist wenigstens der Schatten einer Gerichtsform, hier fehlt sogar das, hier ist der Richter die wilde Masse, die gern von dem Rechte der Straflosigkeit Gebrauch macht. Die Regierung hat uns än den Bürgerrechte« eingeschränkt, sie nimmt uns das Recht der Freizügig-