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Neue jüdische Presse · 1906-06-29 · Heft 25 (29.6.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 25 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ikraitkfrtrter Bfrurlitifdirs faiilintlilatl. (— . - - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiL pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— <;.. ■ ,.-.— — —» KedaKttoil und Hekchajtssterre: Frankfurt a. II?., Bleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße T-r-f-« 10507. H-pansgsVer: chets. .. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzelle. 25Psg. Die Reklamezelle. 100 .. Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueüereinkunst. 4. Jahrgang.. Freitag, de« 6. Vaimis 5666 (29. Juni 1966). Ro. 25. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Schönheit der Bibel. — Zwei Reden in der Dunla. — Nach dem Blutbad. — Pogrom-Schrecken. — Aus aller Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Die Schönheit der Bibel. Eine kritische Betrachtung über „Die Schönheit der Bibel" von Aug. Wünsche. Leipzig 1906. Verlag Ed. Pfeiffer. 390 S. Die Schönheit der Bibel — welches Unterfangen.' Ist nicht die Schönheit der Bibel mit der Schönheit der Natur identisch? Ist doch die Bibel ein getreues lebendiges Ebenbild der Natur/ deren Göttlichkeit ihre höchste Schönheit ausmacht! Und fürwahr — es haben ja auch die größten Künstler der Menschheit einerlei, ob sie Meister dch Poesie, der Malerei oder der Musik waren, die Bibel zum Urquell ihrer erhabendsten Schöpfungen gemacht! Bibel und Natur sind-unerschöpflich an Schönheit, an Größe, sie sind immer mode r n im e ch t e n Sinne des Wortes, da ihr Wort Gotteswort ist. Mein wir befinden uns in einer Zeit der Unnatur, des Krankhaften, des Erkünstelten .... Und für die „Modernen" der Unnatur ist die natürliche, göttliche Schönheit der Bibel'unmodern: für unsere Zeitgenossen ist die Religion ein Gespenst, vor dem man flieht; religiös zu sein, heißt so viel, als unmodern .... und nur einige besitzen den Mut, in einem hypermodernen Zeitalter als unmodern hingestellt und ausgelacht zu werden. Die Bibel gilt der breite» Masse nur als v Buch der Ethik, der Religion, nicht aber der Aesthetik — und mit diesem eingefleischten Irrtum aufzuräumen, schickt sich das Buch Wünsche's an. Wohl ist'nicht das Formale das Harlptsächlichste bei Wünsche, sondern das Stoffliche — die Idee, der Gedanke — allein hier wie dort — sowohl bei der Form wie bei dem Inhalt — weiß Wünsche mit Geschick das Schöne znzeigen. Die bewußte systematische Vcrneinilng, die sogen. Wissenschaft der Bibelkritik, die einseitige, schulmeisterliche, farbenblinde Schriftbehandlung der philologischen Kleingeister haben, sich an eine ihnen fremde Welt heranwagend, ohne in den eigentlichen Geist einer Sprache eingedrungen zu sein, ohne das jüdische Volkstum und dessen Ideale ergründet zn haben, — unter anderem zuwege gebracht, daß nicht nur der historische Wahrheitsgehalt des alten Testaments im Volke vielfach erschüttert wurde, sondern daß man auch das Auge für die wunderbaren, unübertroffenen literarischen und dichterischen Schönheiten der göttlichen Schrift verloren hat. Nun beginnen sich die kritischen Gewässer langsam zu verlaufen. Vom Osten kam infolge der neuen Ausgrabungen und Entzifferungen der Gegenstoß und das ganze morsche Gebäude der Zunft der Quellenscheider geriet in's Wanken; was früher Fabel, ist.jetzt Geschichte. Nun kommt Wünsche mit seinem grandiosen Werke und zeigt, welche Pracht die Bibel enthält, wenn man sie mit Verständnis und ungetrübtem Blicke 'ansieht, weint man mit Sachkenntnis I das Ganze im Zusammenhang betrachtet. Er zeigh daß man dann die Uebcrzeugnng gewinnt daß „die Bibel Perlen der Weltliteratur enthält, einzigartige Bücher und Stücke, die allen Geistcserzengnisseir der Völker auf dem Gebiete der Dichtkunst die Wage halten, ja, sie an Schönheit, Kraft, Würde und Tiefe des Gehalts sogar weit überstrahlen." Man lernt, „daß der Propheten Reden Denkmäler der Macht der Sprache sind, die sich ebenso durch hohen Gedankenflug, wie durch malerische Schönheit der Darstellung anszeichnen und daher "für alle Zeiten ihren Reiz und ihren Zauber behalten werden"; und man erkennt, daß „die Bibel, von ihrer S chö n h e i t s s e i t e betrachtet, ist Gottes — und wir haben in ihr Gottes Wort." Wünsche mit seinem kostbaren Werke zeigt, toi,“ die Bibel eine Fundgrube, eine nie versiegende Quelle der Erbauung, der Erhebung, Belehrung und Veredlung und eine unerschöpfliche Quelle zu poetischem und bildendem Schaffen ist. Der große Einfluß, den die Bibel auf Dante, Milton, Shakespeare, Lessing, Schiller und Goethe einerseits, und Rosin, Verdi, Gold-» mark, Michelangelo, Raffael u. A anderseits gehabt hat, beweist es zur Genüge. Wünsche unterstreicht sogar, Ivelche historischen Momeilte in der Bibel trotz ihrer Schönheit wenig Berücksichtigung von den Künstlern gefunden haben, so z. B.: die Heroengeschichte der Richter u. a. (siehe Kapitel XV, S. 352). Noch in seinen Studienjahren hat sich Wünsche die hohe Schönheit der Bibel offenbart. Herders Prachtwcrk „Vom Geist Ber hebräischen Poesie" tat das Auge des jungen Studenten auf, und bereits damals staird das vorliegende Werk init ziemlicher Klarheit vor der Seele des Verfassers, und was Herder begann, hat der Verfasser in einer Reihe von Jahren in einer selbständigen Schrift in erweitertem und vervollständigtem Sinne niedergelegt. Standen doch Wünsche mehr Mittel zur Verfügung als Herder, und verfügt er doch überdies über ein reiches Wissen in der hebräischen Literatur. Ms Fachmann auf dem Gebiet der alten Sprachen gelang es ihm, in den Geist einzudringen und obgleich eine eigene metrische, wohlgeliederte hebräische Uebersetzung ziemlich wortgetreu ist, hat jedoch weder die eigenartige Schönheit der Poesie, noch der echte Sinn der Sprache darunter gelitten. Wünsche bietet uns mit seinem schönen Buche ein umfassendes Panorama der poetischen Kräfte der Bibel. In fünfzehn Abschnitten beleuchtet der Verfasser den reichen Stoff in klarer, plastischer und übersichtlicher Weise und befaßt sich eingehend — natürlich nur, soweit es her Rahmen eines Bandes gestattet — sowohl mit den Reizen einzelner Bücher der heiligen Schrift, als auch mit einigen ausgewählten Stücken derselben. Nachdem der Verfasser im ersten Kapitel seines Werkes die Schönheit der Bibel im allgemeinen dargelegt und für alle Gattungen der Poesie treffende Beispiele gesunden hat, nachdem er auf den reichen Bilderschmuck der Reden Und Schilderungen aufmerksam gemacht hat, behandelt er zunächst die Schönheit in der biblischen Geschichtsdarstellung in der Patriarchengeschichte und ihren Uebergang in die Volksgeschichte, überall seine Erörterungen durch glänzende Beispiele belegend. An die Spitze der Betrachtungen (über die Schönheit der Heiligen Schrift in seinen poetischen Schriften) stellt Wünsche das Buch Hiob, die Tragödie des menschlichen Lebens, dessen gehaltreiche, ergreifende Schönheiten er mit wunderbarer Anschaulichkeit zu schildern versteht. Die göttliche, bewegte Dichtung mit all' ihren strömenden Gedankentiefen und sprudelnder Empfindung hinterläßt einen mächtigen Eindruck. Eine gleich liebevolle Behandlung finden die Schriften Satomonis. Das 'Brich der Sprüche, die „goldne Früchte in silbernen Schalen" genannt werden, wird als umfassende Sittenlehre, die er höher als die Sprüche anderer Völler bewertet, dargestellt. Das vierte Kapitel behandelt die Propheten in ihrer religionssittlichen und ästhetischen Bedeutung und kommt zu dem Schlüsse, daß Israels Propheten in der Kraft ihrer Gottesbegeisterung, wie in der Erkenntnis der llebelstände ihrer Zeit und in ihrer Unerschrockenheit der Wahrheftsverkündung einzig in ihrer Art dastehen. Die folgenden Kapitel behandeln die Poesie der Fluch- und Segenssprüche, der Trauer- und Klagelieder. Wünsche spricht von einer Poesie des Todes in der Bibel, die sich gewissermaßen als eine Poesie der Resignation, der Entsagung und Berzichtleistung offenbart. Er gibt zu, daß die Idee der Unsterblichkeit sehr deutlich in der Bibel hervortritt, nur meint er, daß diese sich in allmählicher Abstufung zn einer größeren Reinheit und Vollkommenheit entwickelt hatte. Die Schönheit der Naturpoesie (der Hebräer), die schon Alexander v. Humboldt u. a. sehr hoch einschätzten, und die der religiösen Poesie, die in dem wundervollen Davidischen Psalinenbuch gipfelt, sind weftere Gegenstände der Betrachtung. Gerade die an poetischem Wert unübertroffenen Psalmen, in denen alles fromme Gefiihlsleben in mächtigster und schönster Weise zum Ausdruck kommt, sind die volllommenste Manifestation des religiösen Seelenlebens in Israel. Zwei Kapitel schildern vor dem Schlüsse die Poesie des Lebensgenusses und die bildende Kunst in der Poesie der Bibel. Das Ganze schließt mit einem großen, reichhaltigen Nachtrag. So weit der Inhalt — ein reiches, ein interessantes Panorama! Allein wir wollen auf einige sehr wertvolle Kapftel besonders aufmerksam machen. Bor allem wollen wir auf Kapftel II besonders verweisen. Die wahrhaft epische Schönheit der biblischen Majestät in den Patriarchengeschichten, die schon Goethe in „Wahrheit und Dichtung" hervorhebt, findet von dem Verfasser eine feinfühlige Darstellung, die eine gründliche Widerlegung der Ansicht der jude-- folischen Halbbildung von der angeblichen sfttlichen Wertlosigkeit der biblischen Geschichte bietet. Interessante Gesichtspunkte erscheinen in Wschnftt X, wo die Spottlieder nach der ästhetischen Sefte der Satire,, des Sarkasmus beleuchtet werden. Gedankenreich ist der Abschnitt vom Tode, auch Wschnftt XII von der Naturpvesie ist besonders hervorzuheben. Es sei noch zn erwähnen -der Unterschied, den Wünsche zwischen Prophetie und Psalmistik macht: während erstere das Hauptgewicht auf den Staat

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