Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 24 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite. 12 Frankfurter JsraelktWeI FaimlienLlatk. Nr. 24. kette verliefen und -den Prinz 'Eugen von Savoyen als „Retter in der Kriegslist" bezeichnet hatte. Tesche« (Oesterr.-Schlesien). Auszeichnung. Der Kaiser hat dem k. k. Gerichtsarztc, crzherzogl. Bczirksarztc und Stadtpyysikus, kaiserl. RatDr. Alois K o h n das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen.. Amsterdam. Sterbefälie. Hier verschied — 73 Jahre alt — Herr Marcus Beit und in 's. Gravcnhage Herr I. N Lausbe r g. In beiden Männern hat die holländische Judenhcit gute Söhne verloren; beide führten ein Leben im Sinne der Thora und hatten reges Interesse für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinschaft. Unser ehrwürdiger Herr Oberrabbincr verlieh dem vcrelvigtcn Herr Beit am Grabe den Chowcr-Titcl. Bern., Einer jüdischen Privatdozentin der Professor-Titel verliehen! Fräulein Dr. Phil'. Anna Tumarkin, eine Jüdin aus Kischiucw (Ikußland), Privatdozentin für Geschichte der Philosophie nrit besonderer Berücksichtigung der Acsthetik, ist der Titel „Professor" verliehen worden. Diese seltene Auszeichnung zeugt für die hervorragenden Leistungen der Dame. ( Zürich. Sterbefall. Die hiesige jüdische Gemeinde hat einen schweren Verlust erlitten, indem Herr Dr. mcd. Arthur B e r n h e i m plötzlich — erst 39 _ Jahre alt — verschied. Der Verstorbene war Mitglied der Schnlpflcge der jüd. Gemeinde und Arzt des Israel. Kraiiken-llnterstützungsvcreins, in welch' letzterer Eigenschaft er besonders sehr segensreich wirkte. Philadelphia. Sterbefall. Im jugendlichen Alter von 32 Jahren starb hier ein geborener Frankfurter, der Banlbeamic Arthur B. N a ch in a n n. Der Verstorbene erfreute sich infolge feiner hervorragenden musikalischen Fähigkeiten und seiner gleichfalls hervorragenden berufliche» Tüchtigkeit in weiten Kreisen großen Ansehens. ' Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Für den Nationalfonds gingen ein: Zur Eintragung des Herrn Medizinalrat Dr. Adler-Lübeck H. K. Jk 11,50, Adele Strauß Jk 10, Samuel Mayer Jk 10, zu's. Jk 31,50. Selbstbesteuerung : N. Liebes Jk 1,20, Dr. E. Jk 0,90, S. Gutmann Jk 0,50, S. N. 0,30, Beno Lamm, Sach Gci§, Selmar Geis, ü 60 Pfg., zusammen '4,70 Mark. S. H. Goldmann gratuliert Herrn und 'Frau Jos.^ Hackcnbroch zur Geburt ihres Sohnes Gabriel, Krakau lGalizien). Der Herausgeber des hiesigen Organs der Paualci-Zionisten „Der Jnd" stand letzten Samstag Wege» Beleidigung des Podgorzcr Raws vor Gericht. Der Rabbiner war in "einer Predigt scharf gegen die Zionisten zu Feld gezogen und hatte da u. a. geschrien, er lege die Rcschoim in den Chcreni, das Von-sich-abstoßen eines Zionisten -fei Vesser, als alle Tanesim 'zu fästen, — und! wegen dieser Predigt hatte ihn „Der- Jud" angegriffen. — Es kam zu einem -Vergleich... - Drohobyc; lGalizien) Hier fand unter dem Vorsitz des Herrn Dr. 'Ringel eine Konferenz der zionistischen Vereine der Städte und Bezirke StryilDrohobhcz-Borislatv statt, auf. der 21 Delegierte anwesend waren. Es wurde ein erfreuliches Fortschreitcn der zionistischen Idee konstatiert, so hat D'rohobycz jetzt - bereits über 500 Schekelzahler. Es Ovurden folgende Beschlüsse gefaßt: - „Die Konferenz fordert die zivil. Vereine der Städte Stryi, D'rohobycz und Borislatv ans, Propaganda für den Palästina-Schekel zu betreiben. . Ein jeder Verein hat für die Na t i o n a lb i b liothek in Jerusalem und für den „Bczalel" jährlich je 8 Kronen zu entrichten. Während der Ferien sollen in den naheliegenden Kurorten Vorträge zionistischen Inhalts gehalten werden. Ein jeder Verein hat für die Errichtung von Analphabeten-Kurscn zu sorgen." Außerdem sprach die Konferenz sich im Prinzip für die Errichtung eines volkstümlichen Kredit-Instituts ans; auch wurde die Errichtung 'einer Filiale der Jüd. Kolonialbank in D'rohobycz gewünscht Turka lGalizien). Jüdisch-nationale Schulkinder. Daß in unserer 8000 jüdische Seelen zählenden Gemeinde die'Zeiten, in denen die jüdischen Kinder polnische Nationallicder sangen, vorbei sind, beweist, folgender Vorfall: Die jüdischen Schulkinder der hiesigen Volksschule hatten erfahren, daß zu einem Ausflüge der Direktor für die polnischen und für die ruthcnischcn Kinder nationale Zahnen angeschafft habe; sie gingen deshalb znm Direktor und baten ihn, ihnen jüdische Nationalfahncn zu geben. Da der Direktor antwortete, daß 'solche Fahnen nicht vorhanden seien, so beschlossen die Kinder, an, dem Ausflüge nicht teilzunchmcn, wenn sic - keine jüdische Nationalfahnc» haben. Und wirklich verschafften sie sich vis znm Ausflüge die ersehnten^ Fahnen, und.stolz.zogcn sic, jüdische.Nationallieder singend, mit. ihren Fahnen unter, der Schar der anderen Schulkinder einher. „Lcinbg. Tgbltt." Aus den Vereinen. Gelnhausen, 17. Juni. Heute hielt Herr Provinzialrabbiner Dr.. Bambcrger -Hanau zwecks Gründung einer Ortsgruppe des Verbands der S a b b a t f r e u » d c dahier eine Versammlung ab. Der Redner wußte die Zuhörer derart für die Sache zu begeistern, das; sofort 25 Herren sich zum Beitritt 'meldeten. — Als Vorstand der neuen Ortsgruppe wurden gewählt: die Herren Arthur Meyer, Jakob Moritz und Michael Lörsch. Berlin. Der erste Obmannschaftstag der Jüdischen T u r » e r s ch a f t. Am 3. und 4. Juni hat in Prag die erste Tagung der Obmannschaft der Jüdischen Turnerschaft stattgcfundcn. Blutzer den Vertretern des erst während der Tagung dem Verbände beigctretcneii Jüdischen Turnvereins zu Prag, nahmen au den Beratungen der in Berlin ansässige Ausschuß der Jüdischen Turncrschaft und zum Teil durch mehrere Abgesandte die Bundesvercine in Berlin, Wien, Stettin, Proßnitz, Mährisch- Ostrau und Bilitz-Biala teil, während einige der am Erscheinen verhinderte» Obmänner schriftliche Referate eiugesaudt hatten. Die Obmannschaftstagung hat in verhältnismäßig kurzer Zeit ihren Teilnehmern eine Fülle von praktischen Anregungen gebracht und ein gut Teil ersprießlicher Arbeit geleistet. Bo» besonderem Interesse waren zunächst die Berichte des Ausschusses und der einzelnen Vereine, aus denen hervorging, das; die Turncrschaft im verslosscncn Jahre innerlich und äußerlich kräftiger geworden ist. Einige schwächlichere Vereine sind cingcgangc», dafür sind zukunftsreichere dem Vcrbando bcigetreten oder neu gegründet worden, sodaß die Zahl der Bundcsvereine ans 15 gestiegen ist. Die im vergangenen Jahre erfolgte Festlegung der Tendenz des Verbandes, die damals Gegenstand heftiger Angriffe eines Teiles der Presse geivescn ist, hat sich in der Praxis aufs beste bewährt. Der auf dem 2. Turntagc gegründete Verbandsfonds hat sich als sehr wirkungsvoll und segensreich erwiesen. Von den gefaßten Beschlüsse», die der Aufgabe der Tagung entsprechend, nur die praktische Arbeit berühren, sei erwähnt, das; die Herausgabe eines turnerischen Elcmcntarleitfadcns in Aussicht genommen ist, der den besonderen Bedürfnissen der Jüdischen Turncrschaft entsprechen soll, und daß die Entsendung eines Wandcrturnlchrcrs in einige der Vereine vorbereitet tvird. Für den tvciteren Ausbau der Organisation scheint es bedeutungsvoll, daß sich im mährisch-schlesischen Gebiete, wo mehrere Vereine einigermaßen benachbart zusammenliegen, spontan das Bedürfnis nach engerem Zusaininenschlussc in einem eigenen Kreise bemerkbar gemacht hat. Als größere Veranstaltung ist im Jahre 1907 der III. Jüdische Turntag geplant, der voraussichtlich zu Ostern in Wien verbunden mit einem Vcrbandsschauturncn, zu dem wie man hofft 150 Turner antreten werden, und mit anderen turnerischen Veranstaltungen abgchaltcn werden wird. Ais Grund eines von Dr. Ludwig Werner, Wien' dem Vorsitzenden der Obinaniischaft, vorgclcgtcn Entwurfes, wurde ein Normal-Statut für Jüdische Turnvereine, dessen Fehlen bisher schon lebhaft cmpfundcn worden ist, dnrchbcratcn. Abgerissen. Skizze von I. Di Be r ko w i t sch. Aus dem Hebräischen. Fortsetzung). II. Es geschah einmal, das; Dr. Winik benachrichtigt wurde, sein Bruder Salomon sei krank. Er war soeben von einer Visite nach Hause znrückgekchrt und traf da ein junges Mädchen, das ihn erwartete. Durch die Ankunft des Doktors in Verlegenheit gebracht, stand das Mädchen schüchtern auf und sagte leise: . „Die Mutter schickte mich hierher, zu sagen, das; Salomon krank sei. Die Mutter bat, Sie niögcn sofort kommen." „Wer ist das, Salomon?" fragte der Doktor. „Salomon . . .der Bruder . . . ." „Ah, gut . . . gut . . . sofort." Er betrachtete das liebevolle, längliche Gesicht des Mädchens, das aus Verlegenheit errötete, sein sauberes Kleid und den kleinen Schirm, welchen cs in der Hand hielt, und er fragte: „Und wer ist Deine Mutter?" „Rappoport .... Malke Rappoport." . „Bist Du also die Tochter der Tante Malke?" fragte der Doktor verwundert. Nachdem er eine Weile lang nachgedacht hatte, entschloß er sich, znni Bruder zu Fuß zu gehen, «in nicht die Verwandten durch seine Pracht zu beschänien. Unterwegs erzählte ihm das Mädchen, daß Salomon schon vier Tage lang krank sei. Am Freitag sei er aus einem Orte „schwarz wie die Erde" zurückgekehrt und habe nur über Seitcnstiche zu klagen begonnen. Ihre Mutter habe gebeten, baß man nach dem „Herrn Winik" schicke, aber der Kranke sei eigensinnig gelvordcn und behauptete in einemsort, daß er es nicht wolle, daß er gar nicht krank sei. „Und wo ist Moische-Aron?" fragte der Doktor. „Mvische-Arou ist jetzt zu Hause. Er war bereits diese Woche entschlossen, mit seiner älteren Tochter nach Amerika zu gehen, aber Saloinons Krankheit hinderte ihn daran." Das Mädchen erzählte ferner, daß sein Bruder, der in London lebt, drei Pfund Sterling wöchentlich verdiene („das ist dort bei „ihnen" eine solche Münze") und ihnen für den Lebensunterhalt schicke; daß er nicht heiraten wolle, bevor er seinen älteren Schwestern ihre Heirat nicht ermöglicht haben wird; daß es einen Lehrer habe und lerne. . . Der Doktor schritt an der Seite des Mädchens. Manchmal umschweifte er mit einem Blicke den raschen Gang des Mädchens; 'dessen weißen Schirm; die schwarzen Algen, die funkeln, wenn es spricht, - und er erinnerte sich der geschickten Schwätzerin, seiner Tante Malke; er empfindet alsbald vor diesem Mädchen eine ebensolche merkwürdige Angst, wie vor jener Men. Nach ihrem Eintreten im Hans erblickten - sie zunächst Moische-Aron, der am Bette des Kranken saß und mit ihin plauderte. Die Laden der Fenster, welche zur Straße hinansgingen, waren geschlossen, um die Sonnenstrahlen abznschwächen, und in der dunklen Ecke, wo das Bett des Kranken stand, verspürte man einen kalten Modergeruch. Anfangs schienen dem Doktor alle Gegenstände^ die im Hause sich befanden, ivie mit einem Nebel umhüllt, aber nach und nach fand er sich in derUnordnung, die da herrschte, zurecht: verschiedene Kasten, Bündel -Leder und einige Häuslein Zwiebel wareir in den Winkeln znsammcngcworsen. Der niedrige Plafond und die Wände waren mit Bündeln Fell behängen, welche sich zum Verkauf trockneten ilnd die Luft mit eincin warmen, schwülen und erstickenden Gerrlch erfüllten. Der Kranke lag auf seinen; Bette hingcstrcckt, in eine Decke eingehüllt. Auf dem Stuhle an seinem Bette stand ein Teller mit dem Reste einer Lampe. Doktor Winik sah um sich und ein schweres Gefühl preßte sein Herz zusannncn. Ws er an's Bett seines Bruders herantrat, bemerkte er das tief gerunzelte Gesicht und das Häubchen der Tante Malte. Der Doktor nickte mit den: Kopfe: „Guten Morgen, Tante!" „Guten Morgen, gutes Jahr ... ." Sonst sagte sie nichts. Aus einem dunklen Winkel kroch eine schwangere Frau init lebhoscui Gesicht hervor. Ans den Armen trug sie ein schmutziges Kind, welches schrie. Der Kranke hob den Kopf vom Kissen empor: „Röchet, Lea! Man muß. . . hier ist ein Teller auf den; Stuhl. Das Hans ist voll." Er lachte abgebrochen auf und blickte aufgeregt und schuldbeivußt den Doktor an. — Dieses Lachen harmonierte durchaus nicht mit den eingefallenen Wangen, den; gramvollen Gesichte und den zitternden trockenen Lippen. Die schwangere Frau nahm mit einer Hand und böser Miene den Teller fort. Der Doktor setzte sich ans den Stuhl. „So, Du bist gar krank?" versuchte der Doktor zu scherzen, um die unangenehme Schweigsanikeit zu unterbrechen. „Wozu denn? Es hat sich nicht gelohnt . . ." Er blickt in» sich, indem er ungemütlich zu lächeln beginnt. Mer die Tante Malke wandte sich an ihn: „Ja, hast Du solche Herzlosigkeit je angesehen! Schon vier Tage sind es, das; ich es ihnen auscinandersetze und schreie fortwährend: „Mörder! rufet doch Lcbele, eueren Doktor!" Aber sie machen sich nichts draus. Ich begreife nicht, soll er denn nur Reiche behandeln: Sind die ihm näher, als Ihr? Braucht Ihr Euch denn zu schämen? Er ist doch Euer Bruder, das kann er ja nicht verlangen. Ich schreie und schreie, aber nichts hilft. Dummköpfe! Kann man denn noch einen besseren Zufall haben: ei» Bruder — ein Doktor? Nun, was denn?: ist ein Doktor kein Bruder? . . . Hm. — Der Doktor erkennt gar seine Tante nicht, als ob sein Vater keine Schwester hätte! Nun, gut! Wäre nur kein größeres Unglück als dieses! Ist cs denn mir nicht einerlei? Der Meinige, Gott sei Dank, schämt sich seiner Mutter nicht. Zuerst Gott, dann Benjamin — gebe ihm Gott ein dauerndes Leben! Sa iprcche ich zu ihnen, aber sie künimern sich darum gar nicht, als ob sie nicht sehen würden, daß ei» gefährlich Kranker, „schwarz, wie die Erde", vor ihnen daliegt." Während der ganzen Zeit stand ihre Tochter erregt da und zitterte. Stur manches Mal flüsterte sic leise: „Mama", wobei sic schreckvollc undschnelle Blicke dem Doktor, der schuldig lächelte und den Puls des Kranken zählte, zuwarf. ..„Ach, Tante . . ." sprang plötzlich Moische- Aron von seinem Sitze auf, aber schwieg alsbald und setzte sich wieder nieder. Die Tante verstummte, trat an den Tisch heran, auf welchem kleine Bröcklein, Gurkenschale und andere Reste des Mittags zerstreut lagen. Sie stand mit zusammengefaltcten Händen, indem. sie den Doktor mit zufriedenen Blicken betrachtete, wie ein Mensch, der sein Amt gewissenhaft ausgeübt hat. Die Frau t des Kranken ■ setzte sich schwerfällig auf - eine: Bank