Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 24 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. Nach Schluß der Konferenz begab sich eine D e - putation zum Kultusminister Gras Alpst o n y i, und Dr. Mezey, als Führer der Deputation, hielt eine Ansprache an den Minister, in der er Folgendes sagte: Wir bitten, daß wir das durch Baron Eötvös 1868 begonnene Werk, das berufen war, unser Autonomie-Statut scstznstellen, fortsetzen können. Unsere seither oft wiederholte Bitte blieb immer fruchtlos, trotzdem es natürlich ist, daß das vor 40 Jahren geschaffene^ Statut in vieler Hinsicht Aendernngen bedarf. Wir fürchten, daß mau unser Bestreben wieder mit dem Schlagworte verdächtigen wird, daß es gegen die Gewissensfreiheit verstößt. Demgegenüber weisen wir darauf hin, daß Unser Kongreß sich mit keiner Frage der Religion oder'des Gottesdienstes befaßt; wir wollen nur das Rechtsverhältnis'unserer Konfession zum Staate regeln, die Verwaltung unserer Religions-Gemeinden organisieren und unsere dem öffentlichen Unterricht, der Wohltätigkeit und der Bildung dienenden Institutionen in ungarisch-nationaler Richtung entwickeln. In dieser Hinsicht wurden uns sehr viele Hindernisse in den Weg gelegt; namentlich, als der frühere Minister Georg Lukacs ans einmal aus der einzigen ungarischen rezipierten jüdischen Konfession zwei Konfessionen machte. Nirgends gibt es verschiedene Judenschaften, und auch das ungarische Gesetzbuch hat nur ein .Judentum gekannt, und nur eine jüdische Religion rezipiert. Wir bitten daher, namentlich die in der jüngste» Zeit (bezüglich der orthodoxen Organisations-Ergänzung) erlassenen Verordnungen einer Revision zu unterziehen, und all' das, was dem Standpunkte, den die ungarische Gesetzgebung von Beginn an eingenommen hat, widerspricht, abändern zu woUen. Denn würde der gegenwärtige Zustand bleiben, dann würden die Existenz-Grundlagen der Gemeinden gefährdet, indem jede Gemeinde jeden Augenblick in zwei Gemeinden geteilt werden kann, wenn sie die Ansprüche irgend eines streitsüchtigen (sic!) Menschen nicht befriedigt. Ferner bitten wir, die st a a t l i ch e Subvention unserer Konfession ihrer Seele «zahl entsprechend zu ändern. Die Subvention ist sehr gering, und die kleineren Gemeinden sind kaum iin Stande, ihre kulturellen Einrichtungen zu erhalten. Auch können wir die Opferwilligkeit unserer Gemeindcmitglieder nicht in höherem Maße in Anspruch nehmen, eben Ivegen der uns gegenüber befolgten Politik, da sonst sofort eine neue Religionsgcmeinde entsteht. — Der Minister erwiderte: ' Ich wäre sehr glücklich, die Angelegenheiten der jüdischen Konfession aus ihrem gegenwärtig zerrütteten Zustande h e r a u s z u f ü h - r e n. Wer hinsichtlich "der jüdischen Konfession ist bei der vorliegenden Sachlage diese Aufgabe für mich so schwierig, daß ich mich im voll st e n Maße für unkompetent halte. Kommen doch hier Fälle vor, .daß das Ministerium angerufen wird, jüdische rituelle Fragen zu entscheiden, was in' einem auf die Gewissensfreiheit und auf die Idee der Selbständigkeit des religiösen Lebens basierten Staate das denkbar größte Al b s u r d u m ist. Ich wäre sehr glücklich, wenn es mir gelingen würve — was keinem meiner Vorgänger gelungen ist — diesen Knoten zu lösen. Und wenn auch mein sehr geehrter Freund und früherer Mgcordnctenkollcge, Ihr Redner und Präsident, ausgeführt hat, 'daß man sich manchmäl in irriger Weise ans die Ge- Ivissensfreiheit beruft, s o muß mir d e n n o ch diese bei meinem Wirken als Leitstern dienen. Ich kann es unterscheiden, wann hierauf ohne und wann m t t Grund Berufung geschieht, doch kann ich natürlich in nichts davon abweichcn, diesem Leitstern und Prinzip zu folgen. Ich kann nur wiederholen, daß es nicht nur ein Interesse Ihrer Konfession, sondern ein nationales, ein staatliches und ein außerordentlich großes Jilteresse dieses M i n i st e r i u m s ist, den Wirren aus dem Gebiete Ihrer Angelegenheiten ein Ende zu mgchen und für das ganze ungarische Judentum eine Organisation zu schaffen, die den Forderungen der Religionsautonomie und der Gewissensfreiheit in allein entspricht. Von meiner Seite werde ich alles tun, damit wir dies erreichen. Ich gestehe cs vffen, ich bin heute in diesen sehr komplizierten Angelegenheiten noch nicht genügend orientiert, um eine weitergehende Erklärung abzugcben. Seien Sie überzeugt, daß auch hinsichtlich der D v t a - t i o n alle Faktoren mit der größten Billigkeit Vorgehen werden. Ich sehe sämtliche Jnkonvenienzen des heutigen Zustandes, doch kenne ich sie noch nicht in dem Maße, um in meiner Aeußerung weiter gehen zu können. Seien Sie jedoch überzeugt, daß ich mit größter Unbefangenheit Vorgehen und die Lösung dieser Frage mit größter Objektivität fördern werde. — - 1 Diese Antwort bedeutet eine gcwaltigeNiederlage derNeologie in ihrem Kampfe gegen die Autonomie der Orthodoxie. Personalien. Berlin. Jüdische Lehrkräfte der Handelshochschule. Dem Lehrkörper der Handelshochschule werden als Dozenten angehören: Professor Frankfurter JsraelitiMes Familtenblaki. Jastrow für Staatswissenschaften, Prokurist Ludwig Bendix für Bank- und Börsenwesen, Regierungsrat Dr. Eger für Eisenbahnrecht, Almtsgerichtsrat Prof. Heilbronn für Rechtswissenschaft, Professor Dr. M. Hermann für deutsche Sprache und Literatur, Dr. Al. M a r c u s e für Geographie und nautische Ortsbestimmung und Dr. H. Hreuß für Staats- und Vcrwaltungsrccht. Berlin. Sterbefall. Am 11. ds. Mts. verschied Frau Minna Israel, Witwe des' Kommerzienrats Jacob Israel und Schwester des Oberrabbiners Dr. Adler in London. Berlin. Zu Handelsrichtern ernannt wurden die Herren: Gerson Simon, i. Fa. Jakob u. Richter; Hartwig Goldschmidt, Mitinhaber der Firma Karl Schirmer; Direktor Richard Blume n f e l d von der Veltencr Ofenfabrik, A.-G. Heidelberg. Ernennung. Dr. Martin Jacobh, ein geborener Berliner, ist zum außerordentlichen Professor der Medizin ernannt worden. I. ist einer der hervorragendsten Biologen und Pharmakologen. München. Orden. Die Sächsisch kovnrggothaische Verdienstmedaille für Kunst und Wissenschaft erhielt der kgl. Kommerzienrat Hermann Heinemann in München. Den Orden der Büste Bolivars mit Stern 3. Klasse erhielt der Konsul und Vizekonsul Siegfried Ballin in München. 'Das kgl. Verdienstkreuz für freiw. Krankenpflege erhielt die Kommerzienratsgattin Emma Heim in Würzburg. Das kgl. Feuerwehrverdienstkreuz erhielt der Kaufmann Heinrich Lippmann in Würzburg. Die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen erhielt der stellvertr. Studiendirektor der Handelshochschule in Leipzig Professor Dr. Akbraham Adler für das Ritterkreuz 1. Kl. des kgl. sächsischen Allbrechtsordens. Ernennungen: Zum kgl. dänischen Generalkonsul wurde ernannt der Konsul Emil Neuburger in München. Zu Armenpflegschaftsräten der Stadt München wurden ernannt: der '.Fabrikant Norbert Danzigcr, der Rentier H. Niedermeier Und der Kaufmann Heinrich Kauniheimer. Sämtliche in München. Zu Mitgliedern des Gewcrbesteuerausschusses wurden ernannt: der Kanfmann Heinrich Eberhard und der Fabrikant Karl Schloß. Beide in München. Zum korrespond. Mitglied der kgl. Geographischen Gesellschaft in Wien wurde gewählt: der Forschungsreisende Dr. Gottfried Merzbacher in München. Zum stellvertr. Schwurgerichtspräsidenten der 3, Periode wurde ernannt: der kgl. Landgerichtsrat Jakob 'Vogel in München. Zum kgl. Fntendanturasscssor wurde ernannt: der Rechtspraktikant Dr. Albert Frank bei der Intendantur des III. bahr. Armeekorps. Zu kgl. Amtsgerichtssekretären wurden ernannt: der Sekretariatsaspirant Heinrich Heilbronner in Nördlingen und der Rechtspraktikant Rudolf Opfermann aus Fürth in Altdorf. Zu kgl. Postädjunkten wurden ernannt: die Aspiranten Friedrich Bär in Nürnberg, Joseph Engel in Pirmasens 'und David Zorn in Nürnberg. Zu kgl. Oberärzten der Reserve wurden befördert: die Assistenzärzte Dr. Adolf Bach, Dillingen, Sigmund Wolf, Kaiserslautern, Dr. G. Ebest, Nürnberg, Dr. E. Gottstein, Kaiserslautern, Dr. Al. Peiscr, Hof, Dr. Kurt Frankcnstein, Kissingen, Dr. Erich Pollack, Hof, Dr. Bernhard Mosberg, Alschaffenburg, Dr. Heinrich Stadtfcld, Zwcibrücken. Zn kgl. Assistenzärzten der Reserve wurden befördert: die Unterärzte Dr. Martin Sundheimer, München, Dr. Mfred Mendler, München, und D'r. Martin Kirschner, München. Zu Oberapothekern der Reserve wurden ernannt: die Unterapotheker Dr. Kurt Ehrlich 'und Wilhelm Guttenb'erg, beide in Nürnberg. Zum kgl. Leutnant wurde ernannt: der Fähnrich der Reserve Götz im 17. Infanterie-Regiment. Zur Disposition wurde gestellt: der kgl. Hauptmann und Kompagniechef Wilhelm Friedmann 'im 13. bayer. Infanterie-Regiment. Zum kgl. Bahnadjunkten wurde ernannt: der Amtsgehilse Ludwig Bacher in München. Der Abschied wurde bewilligt: dem Oberleutnant der Landwehr 2. Aufgebot Albert Kann in Nürnberg, dem Stabsarzt der Reserve D'r. Maximilian Seligmann, Aschaffenburg, den Oberärzten der Reserve Dr. Ludwig Seligmann, Aschaffenburg, Dr. Otto Bünz, Bad Kissingen, Dr. Karl Weißelberg, Bamberg und Dr. Salli Kaufmann, Ludwigshafen und dem Oberapotheker der Landwehr Dr. Wilhelm Wolfs in Bamberg. „Generalanz. f. Jnteress. d. Indent." Fulda, 20. Juni. Ster'befall. Ein imposanter Leichenzug, wie einen ähnlichen man lange nicht gesehen, bewegte sich heute nach "dem jüdischen Friedhofe. Galt es doch, einen "wackeren Jehudi und geachteten Bürger die letzte Ehre zu erweisen. Der über die Grenzen des engen Vaterlandes weit hinaus bekannte und berühmte Fuldaer Sofer, Herr'Wolf Grünebaum, ist nicht mehr; Montag hauchte er seine reine Seele aus. Sein Scheiden rief allgemeine Teilnahme hervor. War er auch Wochen lang, an das Schmerzenlager gebannt, so hoffte man doch, daß "die unabwendbar gewordene Operation, den ersehnten Erfolg haben würde. Es hat anders kommen sollen. Eine 'plötzlich eingetretene Herzschwäche hat allzuschnell den Tod herbeigeführt. Wolf'Grünebaum, eine imponierende Erscheinung, konnte sich nur, auf Stäbe gestützt, mühsam fortbewegen. Infolge der Strapazen des Krieges von 1870/71, in dem er sich durch 'Mut und Tapferkeit auszeichnete und' einen hohen Orden erhielt, hatte sich ein Leiden eingestellt, 'das der Aerzte Kunst nicht zu heilen vermochte. Er war vollständig gelähmt. Seite 11. Nichtsdestoweniger bewahrte er die Heiterkeit des Gemüts und Lebensfreude, wie sie nur ein unerschütterliches Gottvertrauen zu erzeugen vermag. Erzählte er von seinen Kriegserlebnissen — und er konnte interessant erzählen — so lauschte jeder gespannt seinen Worten. Wie als Soldat, so war er nicht minder pflichtgetreu als Jude. Ms Sohn unbemittelter Eltern, diente er als Husar in Hofgeismar. Ein Zug seines tiefinnigen religiösen Einstfindens dürste auch für weitere'Kreise-nicht, uninteressant sein und verdient, bekannt gegeben zu werden. Grünebaum ließ jeden Samstag,! um nicht den Sabbat zu entweihen, sein Pferd stutzen und zahlte dafür 50!Pfg. tim nun diese Ausgabe zu decken,§ übernahm er Sonntags freiwillig Stallwache. Der Zufall fügte es, daß ' sein Rittmeister ihn drei auf einander folgende Sonntage im Stafle fand. Auf die Frage nach dem Grunde, zögerte Grünebaum mit der Antwort. Doch der Rittmeister forderte diese, imd Grünebaum erteilte sie mit tränendem Auge. Gerührt wandte sich der Offizier ab. Dienstag Morgen wurde beim Alppell bekannt gegeben, daß -"der Husar Gr. vom Pferdeputzen am Samstage dispensiert sei» Dabei wurde ihm wegen seiner Glaubenstreue volles Lob gespendet. Auch während des Feldzuges hatte der wackere Jude seine religiöse Pflicht in seltener Weise erfüllt. Wie sehr man die Vorzüge und Charaktereigenschaften des Heimgegangenen zu schätzen wußte, erhellt daraus, daß ihn der Kriegerverein, der ihm unter Führung zweier Offiziere das Geleit zu seiner letzten Ruhestätte gab und am Grabe drei Salven abfeuerte, in den Vorstand wählte. Tiefergriffen entrollte Herr Provinzial-Rabbiner Dr. Cahn am Grabe des Verblichenen ein Lebensbild des Entschlafenen. Die Rede machte einen tiefen Eindruck auf die zahlreichen Hörer, unter denen man auch den Herrn Landrat erblicken konnte. Grünebaum war auch Mitglied des Vorsteheramts der Israeliten hier und' im Collegium wegen seines Biedersinnes und seiner Einsicht hochgeschätzt. Möge dem tenern Verblichenen die Erde leicht sein! Karlsruhe i. B., 19- Juni. Sterbefall. Gestern verschied der Konsul Karl Model, Inhaber der Firma I. Model, ein Mann, der durch seine persönlichen Eigenschaften, durch seine dichterischen Veröffentlichimgen und als kenntnisreicher Geschäftsmann angesehen war. M. wurde hier 1843 als Sohn des Kaufmanns Simon Model geboren. Grabe« (Baden). Neunzigster Geburtstag. Herr Gottschalk Bär, der älteste Einwohner unseres Ortes, feierte am.18. ds Mts. seinen 90. Geburtstag. Kattowitz. Orden. Dem Kauftnann Simon Wachsmann in Siemianowitz wurde der Kronenorden 4. Klasse verliehen. Posen. Ernennung. Justizrat Hamburger ist zum Notar ernannt worden. Deutsch-Krone. Sterbefall. An seinem 80. Geburtstage verschied Herr Nathan Werner, der Repräsentanten-Vorsitzcnde der jüd. Gemeinde und Vorsteher der Chewra-Kadischa. Wien. Orden. Herrn Dr. C. Kuranda, Ministerialrat im Eisenbahnministerium, wurde das Komthurkreuz des Franz Josef-Orden mit dem Stern verliehen. Budapest. Ein musikalisches Wunderkind. Der 9 jährige Sohn des Stuhlweißenburgcr Oberkantors S. Mersonist ein wahres musikalisches Wunderkind. Dies erfuhr dieser Tage die E r z h e rzogin Elisabeth Amalie, die Schwester des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und Gemahlin des Prinzen Alois Liechtenstein (nicht zu verwechseln mit dem antisemitischen Albgevrdnrten gleichen Namens). Sie ließ das Kind zu sich kommen und erklärte, als sie den kleinen Jungen zu ihrem höchstem Erstaunen meisterhaft hatte Klavier spielen höre», daß sie dessen musikalische Ausbildung aus eigenen Mitteln bestreiten wolle. Brünn. Sterbefall. Heute ist hier Herr Emanuel Oppenheimer, Fabriksbesitzer in Neu- Raußnitz im Alter von 76 Jahren gestorben. Sein industrielles Unternehmen, Erzeugung militärischer Posamente und 'Bänder, war eines der ältesten der Monarchie und besteht seit länger als hundert Jahren. Die Fabrik wurde bei den Weltausstellungen Paris, London und Wien 1873 durch erste Medaillen prämiiert. Die Brünner Handels- und Gewerbekammer hat Herrn Oppenheimer bereits im Jahre 1870 zum korrespondierenden Mitgliede ernannt. Herr Emanuel Oppenheimer war ein Mann von strenger Pflichterfüllung, Gewissenhaftigkeit und großzügigem Wohltätigkeitssinn. Er erfreute sich großen Ansehens. In seiner Heimatsgemeinde Neu-Raußnitz bekleidete er durch 20 Jahre das Amt des Bürgermeisters und Obmannes des Ortsschulrates, durch 18 Jahre war er Mitglied des k. k. Bezirksschulrates Wischau und seit 4869 Delegierter und Mitglied, des Kuratoriums des mährisch-jüdischen Landesmassefonds, welche Ehrenstellen er wegen vorgerückten Alters im Jahre 1900 niederlegte. Herr Emanuel Oppenheimer war ein Nachkomme jenes Samuel Oppenheimer aus Heidelberg, der 1677 als Faktor und Hofjüde bestellt wurde, dem Kaiser Leopold 1703 in Anerkennung seiner Verdienste um die' Reichsfinanzen das kaiserliche Bildnis mit der Gnaden-