Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 24 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 13. Nr. 24.. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. nieder und ließ ohne Worte das Kind herunter. Es schien, daß Jie keinen Anteil an dem, was im Hanse vorgeht, nehme . . . Dr. Winik fühlte eine» Abscheu vor diesem gleichgültigen Gesicht und vor diesen bösen Angen, welche ihn mißtrauisch angafftcn. Er half seinem Bruder das Hemd aufknöpfen und anskultierte ihin die Brust und den Rücken. Der Kranke ließ den Kopf auf die nackte Brust nieder und betrachtete die Hände; den Körper stellte er seinem Bruder, dem Doktor, völlig zur Verfügung. Während der Auskultation lächelte er schüchtern und scheute sich, auch die kleinste Bewegung zu machen. Aber auch Dr. Winik war sehr aufmerksam während der Auskultation. Zuerst empfand er ein angenehmes Gefühl: er erinnerte sich des alten Doktors, des Polen Franziskus, welchen man einst znm Vater herbeiholtc. Me standen damals in ehrerbietiger Entfernung von dem Doktor, der sie mit jüdischen Schimpfworten reizte. Der ältere Moische-Aron stand sogar ohne Hut vor ihm. ,Laben sie denn damals geahnt, daß er „Doktor" sein würde?" Aber dieser Gedanke erfüllte ihn jetzt init stolzem Bewußtsein, als ec das Ohr an beit Rücken des kranken Bruders anlegte und seine frisch rasierte .Wange die Hitze des brennenden Körpers empfand, überging bald sein stolzes Gefühl in ein so schweres Empfinden. Alles kam ihm sonderbar und merkwürdig vor. Sonderbar und merkwürdig: diesen Körper, den er jetzt zwischen den Fingern fühlt, es ist ja der Körper Schloimkes, dieses gesunden und blühenden Knaben; dieser, schüchterne Jude mit dem schwarzen Halse, behaarter Brust und behaarten Händen — cs ist der Schloimkc, mit welchem er zusammen die Suppe leerte, welche ihnen die Mutter gab und »nt welchem er lange in cineni Bette schlief. . . . „Entzündung . . . ." sagte der Doktor leise zu deni älteren Bruder und der Tante, welche ihn bis zur Tür begleiteten, als er das Rezept hingeschricben hatte und hinauszugchen sich anschicktc. Tante Malkc schlug die Hände zusammen. „O, ein Unglück! . . . Ein Unglück!" Einige Mimitcn noch sprachen sie leise an der Tür. Die schwangere Frau sah sie mit düsteren Augen an. Der Kranke drehte sich zu ihr um und flüsterte ihr etwas zu. Das Kind, welches ans dem Schoße der Mutter saß, fing plötzlich zu weinen an. Bon allen Ecken guckten Unglück und nackte Armut hervor. Der Doktor zog seinen Beutel aus der Tasche: „Moische-Aron, da hast Du . . . vielleicht lvird es Dir nützlich sein. . . . Wemi Ihr eine Veränderung in Salomons Zustand bemerken lverdct, lasset es mir sagen. Morgen früh komme ich." Er steckte in die Hand des Bruders eine goldene Münze, schüchtern sah er die.Tochter der Tante an, die ihrerseits sie beide betrachtete, und beeilte sich, sortzugehen. — — Mends spazierte Winik mit dem jungen Doktor Berger, mit dessen Vater und jüngeren Schwester. Er schritt auder Seite eines schlanken, hübschen Mä.o'chens, oas er schweigend anhörtc. (Fortsetzung folgt.) Bunte Chronik. Diese Juden! Der frühere französische Gesandte in Rom Billot erzählt in seinem kürzlich von ihm veröffentlichten Werke eiueii Vorfall, der so recht zeigt, wie selbst gebildete und hochstehende Männer sich zu Aeutzerungen gegen Juden Hinreißen lassen, sobald diese etwas tun, was den hohen Herren wider den Strich geht. Als im Jahre 1801 Rudini an der Spitze der Regierung in Italien stand, waren die Beziehungen Italiens und Frankreichs nicht die freundschaftlichsten. Italien brauchte damals Geld sehr nötig, und um die eben ausgegebcnen Eiscnbahnobligationeu zur offiziellen Cotierung an den französischen Börsen zuzulassen, war die Mitwirkung der großen französischen Bankinstitute, namentlich des Hauses Rothschild, unentbehrlich. Die großen französischen Bankiers wußten gar wohl, daß das Publikum ihnen nicht folgen würde, wenn sie der italienischen Negierung die gewünschte Hilfe gewähren würden, ehe diese Beweise ihrer veränderten Haltung gegeben. Billot kam nun eines Tages auf die Consulta gerade in dem Moment, als die Vertreter der Pariser baute kiuanco das Kabinett des Premierministers verließen. Rudini war nervös, aufgeregt üind sagte zu dem französischen Gesandten, Herrn Billot: „Ihre Finauzmänner haben mich in diese Lage gebracht. Würden Sie es glauben, daß sie soeben gewagt haben . . Siehalten uns für so heruntergekommen. O, sie kennen mich sehr schlecht. Sie haben mir ihre Hilfe zum Kaufangeboten. Sie haben sich erlaubt von dem Dreibund zu sprechen; sie haben gewagt, mir Bedingungen zu stellen, mir! O diese Juden! Ich weiß nicht, wie ich mich habe zurückhalten können, sie zum Fenster hinauszuwerfen." Billot erwiderte: „Pst! Herr Präsident! Sprechen Sie leiser! Herr Luzzatti und Herr Malvano, Ihre Mitarbeiter und Freunde, sind doch sehr ehrenhafte und sehr ausgezeichnete Semiten. Wenn sie Sie hörten!" Der Ministerpräsident beruhigte sich, fing an zu lachen und entschuldigte sich wegen seines heftigen Ausfalls. Und dennoch haben die jüdischen Bankiers ihre Bedingungen nicht als Juden, d. h. in irgend einem jüdischen, sondern als Franzosen, im französischen Interesse gestellt. Sie waren französische Patrioten, nicht Inden, nicht Kosmopoliten. ' Mer die Juden können machen, was sie wollen, immer finden sich welche, sogar, wie gesagt, gebildete und hochstehende Persönlichkeiten, die bei jeder ihnen unbequemen Gelegenheit „O diese Juden!" ausrufen. Kunst und Literatur. B l ü t e n l e s e, aus der nachbiblischen jüdische» Literatur, von Dr. Armin Frisch, Budapest, XI und 4098, Pallas-Verlag, 1906 (ungarisch). Der Zweck vorliegenden Buches, die Kenntnis der jüdischen Literatur zu verbreiten und auch solchen Kreisen näherzubringen, die ihr bis jetzt indifferent gegenüberstehen, kann als nützlich sowohl, wie auch als sehr notwendig bezeichnet werden. Ist doch der Krebsschaden, an welchem das Judentum leidet, die Interesselosigkeit, mit welcher jüdischcrseits der jüdischen Wissenschaft entgegeugetrcten wird, hauptsächlich darauf znrückznsühren, daß man in jüdischen Kreisen von einer jüdischen Wissenschaft überhaupt nichts weiß. Und haben manche auch — in den meisten Fällen erst aus nichtjüdischen Büchern und Zeitungen von der Existenz des Talmud und vielleicht noch einiger Werke der jüdischen Literatur, z. B. vom Joscphus, Philo u. A Kenntnis erlangt, so beschränkt sich diese regelmäßig auf die bloße Kenntnis des Titels. Von dem Inhalte dieser Werke haben nur verschwindend wenige eine Kenntnis. Der Verfasser vorliegenden Buches hat es unternommeu, eine Blütenlese ans den Hauptwerken der nachbiblischen jüdischen Literatur zusammenzustellen, um lauf diese Weise einiges aus dem unerschöpflichen Borne der jüdischen Ueberlieferung und jüdischen Geistcsschaffens auch solchen zukomnien zu lassen, die sich mit den Originalen dieser Werke nicht befassen können. Dies ist ln Anbetracht der Verhältnisse in Ungarn, wo die Magyarisicrung der Inden stetig fortschreitct, umso eher zu begrüßen, da hierdurch auch die n u r ungarisch sprechenden etwas vom jüdischen Schrifttuine erfahren. Es werden da Auszüge aus den bedeutendsten Werken der jüdischen Literatur mitgcteilt, die auf den tiefen Gehalt dieser Werke einerseits schließen lassen, wie auch über pie Ideen im allgemeinen, die das jüdische Volk stets beherrscht, dessen Denken und Fühlen, Sinnen und Trachten stets beeinflußt haben. Ist doch diese Literatur der Spiegel des jüdischen Volkes, der sein ganzes Wesen, und Sein, wie es sich in der wechselvollen Zeit seiner nachexilischen Gcchichtc gestaltet hat, treu wiedergibt. Bei der Zuammeustellung der Auszüge ist das ganze Gebiet -er nachbiblischen Literatur berücksichtigt worden. Me Religions- und Moralphilosophie, die Geschichte, die Werke der Religionswissenschaften, der Kabbala, Alpologetik, der Sprachwissenschaft, die rabbinische Literatur (Anordnungen „Tekanoth", Gesetzbücher, Dezisionen und Moralbücher), die Poesie und die historische Literatur. Dem didaktischen Zwecke des Buches entsprechend überwiegen die Auszüge aus den relizions-moralischen und philosophischen Inhalts. Bon rer Literatur der Neuzeit teilt der Verfasser manches aus den Werken M. Mendelssohn'», Hartwig Wesely's und L. Zluiz's mit. In letztere Wteilung hätte gebührlich auch einiges alis den epochemachenden Schriften S. R. Hirsch's, wie z. B. aus den neunzehn Briefen und ans den Jeschnrun-Aufsätzen, hineingehört. Der Verfasser schickt den einzelnen Abteilungen rer verschiedenen Literatnrzweige kurze, aber gut informierende literarhistorische Notizen voraus, die die nachfolgenden 'Auszüge auch den weniger Kundigen verständlicher machen. F. Monatsschrift für Geschichte und Wisse n s ch a f t d c s Judentums, herausgegeben von Dr. M. B r a n n. Heft 3/4. Koebner'sche Verlagsbuchhandlung, Breslau. Inhalt: R. Urbach, Zwei Bücher über das Wesen des Judentums; S. Jampel, Studien zum Buche Esther; S. Horowitz, Der Sifre sutta nach dem Jalkut und anderen Quellen; Leo Back, Simon Kepha; A. Epstein, Ein wiedergefundener Grabstein auf dem Wormser jüdischen Friedhöfe; Moritz Steinschneider, Mathematik bei den Jude»; A. Berliner, Die beiden Gedaljah in Obersitzko; Nachbemerkung des Heraus-, gebers dazu; Martin Philippson, Der Anteil der jüdischen Freiwilligen an dem Befreiungskriege 1813 und 1814 usw. Briefkasten. X. f). Die 'Adresse des Autors der in Nr. 20 unter der Rubrik „Preßstimmen" gebrachten Ausführungen ist: Rabbiner Dr. Duschinsky, Kostet (Mähren). Anonymus. Trotzdem Anonymes stets in den Papicrkorb wandert, nehmen wir aus Ihren Mitteilungen davon Kenntnis, daß auch der Umstand Schächt-Gegner erzeugt, daß die Häute geschächteter Tiere durch den Schnitt Einbuße in ihrer Flächenausdehuung erleideii._ Vereins-Kalender. Jüdische Bibliothek und Lesehalle. Mittwoch 20. Juni, abends 9 Uhr, in der Bibliothek (Bleichstr. 21): Generalversammlung. Tagesordnung: Wahl eines neuen Vorstandsmitglieds, Statutenänderung, Eventualia. Verein Montefiore. Mittwoch, den 27. Juni, ckbends 9 Uhr: Vortrag des Herrn Leo Perlmutter: „Heine's Beziehungen zum Judentum." Das staatlich autorisierte Internationale Handels-Lehrrnstitut (Direktion: Dr. jur. R. Caleb) in Straß bürg hat sich als Aufgabe gestellt, jungen Ausländern, die nach Absolvierung ihrer allgemeinen Bildung in der Heimat, fich dem Kaufmannsstand widmend die deutsche Sprache an Ort und Stelle in Verbindung mit der Theorie der Handelswissknschaft erlernen wollen, eine der modernen Handelspädagogik gemäß eingerichtete Schule zur Verfügung zu stellen. Es werden in dieser Schule die deutsche, sowie die französische Sprache— die erste als Lehr-, die zwelle als Umgangssprache gelehrt — und den Schülern die Kenntnisse eines kaufmännisch gut durchgebildeten, weitblickenden Kaufmanns gegeben. Interessenten stehen Prospekte seitens der Direktion zur Verfügung. V. 1VAIV HA Schäfergasse 7. 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