Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 24 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite iö- Frmckfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 24. aufzufresscn, und daher gab cs für sie nur ein Mittel, dem Allrussischen-Gedankcn zu einem Siege zu verhelfen: die rauhe Faust, die brutale Gewalt. Und sie begannen auch mit der Schreckensherrschaft. Was speziell die Juden anbetrifst, so vergewisserten siesich, daß man die sechs Millionen Juden nicht so leicht wird vernichten können, und daher versuchten sie, die Juden vom Schauplatz des Kampfes zu entfernen, indem sie sie in einen bestimmten Rayon einschlossen. Wer cs war vergebliche Mühe. Die Freiheitsbewegung riß die Tore der Ghettis auf. Es war vielleicht der größte politische Fehler Pobicdonoszews, daß er den Juden die Hochschulen verschloß. Damit zwang er die erbitterte jüdische Jugend Rußlands, nach dem Auslande zu wandern.-Damit hat er selbst die Revolution beschleunigt. Aber was für uns von Bedeutung ist, ist, daß die Revolution samt ihrem ethischen Kern von einer dicken Schale umgeben ist Sie wird vom Sozialismus, vom russischen Sozialismus getragen, weil der Sozialismus die vorherrschende Kultur des modernen Rußlands ist. Me russische Judenheit, sofern sie in die Kultur ihres Wirtsvolkes wird eintreten müssen, und eines Tages wird sie es, befindet sich an jenem Tage in einer kranken Kulturwelt. Und derjenige Teil, der schon bereits in die russische Kultur eingetretcn ist, befindet sich in einer Übeln Situation. Durch die Gestalt der heute in Rußland vorherrschenden Kultur findet er kein Verhältnis zu seinem eigenen Volk." Das Russentum ist Zu schwach, ihn aufzuzchren, er, durch die Uebermacht seines Wirtsvolkes, zu schwach, das Russentum zu überwinden. Mit anderen Worten: Die innere Zerrissenheit derjenigen russischen Juden, die schon auf dem Wege der Assimilation sind, besteht in der Disharmonie der Kräfte, wie sie nur im Golü sieben möglich sein können, in der kulturellen Inferiorität und materiellen U Überlegenheit der Wirtsvölker und der entgegengesetzten Qualitäten des eigenen Volkes. Dieser Kampf, verbunden mit dem Kampf zwischen Sollen und Sein innerhalb der nationalistischen Domäne, haben den „Bund" zur Welt gebracht. Denn der Bund, da er eine assimilatorische Bestrebung im nationalen Gewände ist, i st n u r e i n S t o t t c r n in der Beantwortung der Frage Sein oder Nichtsein des jüdischen Volkes. Und weil ihn abnormale Ursachen zur Welt gebracht, muß und^ kann er nur abnormal und schädlich wirken. . .V. Der Bund ist eine offene, blutend« Wunde im jüdischen Volkskörper. Will man diese Krankheit heilen, so muß man ihren Keim ausrotten. Nur durch das Werden der Juden als Volk zu einem positiven Inhalt in der Geschichte, nur durch Konzentration der nationalen Kräfte auf einem selbständigen Boden kann die Ursache dieser Krankheit verschwind en, Das Blutbad in Bjelostok. (Schluß aus dem Hauptblatt). Köln a. Rh., 18. Juni. Folgendes 'Telegramm lief heute bei dem „Zionist. Zentralbureau" ein: „Profilen, 48. Juni, 11.25 M. Antwortlich Ihrer Depesche teile Ihnen folgendes mit: ZU Bia ly stack veranstaltete Behörde und Militär mit Hilfe niederer Volksschichten, Fabrikarbeiter, auch verkleideter Schuljungen, einen beispiellosen Pogrom. Derselbe wütete drei Tage (14., 15., 16. Juni). GegenhundertgräßlichErmordete liegen im jüdischen Hospital, außer vielen in Häusern und umliegenden Feldern. Verwundete zahllos, fast sämtliche Geschäfte auf ben Hauptstraßen vollständig kahl ausgeplündcrt, Nebenstraßen, wo weniger Militär, meistens verschont, wodurch es der jüdischen Selbstwehr gelang, die Hooligans zu vertreiben. Grenzenloser Jammer, unzählige Witwen, Waisen, unglückliche Krüppel. Dringend sofortige Hülfe notwendig. Ein noch schrecklicherer Pogrom wird den Nebenstraßen gedroht, endlose Panik. Handel, Erwerb für unabsehbare Zeit völlig gelähmt. Massenemigration bevorstehendman appelliere an das europäische Gewissen zwecks Vorbeugung solch' bestialischer Greueltaten für die Zukunft. Suchowolski." Der Absender wohnt in Bialystock und ist ein dem „Zionist. Zentralbureau" bekannter, sehr zuverlässiger Mann. Berlin, 18. Juni. Aus allen feilen Riüßlands werden Vorbereitungen zu Pogromen gemeldet, so aus Elisabethgrad, Jekaterinoslaw, Reschin, Kischinew, Odessa, Pinsk, Kiew. In Pinsk plünderten Kosaken und Hölig ans bereits mehrere Läden, wurden jedoch durch den heftigen Widerstand, den sie fanden, zum Rückzug veranlaßt. Berlin, 19. Juni. Der „Voss. Ztg." wird aus Bjelostok geschrieben, daß die Mordbanden hauptsächlich Erdarbeiter waren, die erst vor einigen Wochen'aus dem Innern des Reiches zur Erweiterung der Eisenbahngeleise auf Empfehlung der Administration herangezogen worden waren. — Da die Fabriken außerhalb der Stadt liegen und das Militär die Stadt umzingelt hatte, konnten die Fabrikarbeiter nicht zur Hilfe eilen. Me Arbeiter, in ihrer überwiegenden Mehrheit Christen, schwuren, daß sie keinen der Mordgesellen am Leben lassen werden. Petersburg, 19. Juni. Ein Spezialkorrespondent der „Odeskaja Nowosti" meldet aus Bjelostok, er habe die Opfer der Massakres gezählt und ihre Zahl mit zweihundertneunzig Toten festgestellt, von denen ein Drittel furchtbar verst ü m m e l t ist. Von den Christen seien nur 6 getötet und 8 verwundet worden. » . * * Paris (M), den 18. Juni. Das neue Bjelostocker Blutbad, obgleich man es hierzulande für möglich hielt, hat die französische Bevölkerung doch überrascht. Seitdeni die Duma tagt, glaubte man nämlich, daß die russische Frage aus dem Wege der Lösung sei, und nahm an, die Gewalt zarischer Despotie sei für eine Zeit lang paralysiert.' Nun, die fürchterlichen Judenmassakres haben die schönen Illusionen der Franzosen von einem ruhigen, „kreditfähigen" Rußland zerstört. So ist denn die Aufregung nicht gering. Nicht etwa, weil die Franzosen so feinfühlig und für den Schmerz anderer empfindlich sind, sondern weil die Pogrome das Signal zu einer Gegenrevolution sind, das Zeichen eines Aufeinanderplatzens der Kräfte, und so lange die Franzosen nicht wissen, wer da in diesem Krieg zwischen Regierungsbestie uitb Volk Sieger bleibt, find sie stark um ihre fünfzehn Milliarden besorgt. Me hiesige Presse bringt ausführliche Berichte über die Bjelostocker Bartholomäustagc, begnügt sich aber mit den Angaben der antisemitische» Havasagcntur, die die Juden für alles Unheil verantwortlich macht. Sogar der antisemitische „Jntrasigeant" Rocheforts berichtet ausführlich über die Bjelostocker Judenmassakres. Wgesehen von diesen Berichten hat noch keine französische Zeitung das blutige Ereignis besprochen. Sie wissen, daß die Regierung dieses Blutbad angerichtet, wagen aber nicht, gegen die Henkerregierung, der sie noch vor kurzem zur Aufnahme einer Riesenanleihe verholfen, aufzutreten. Rußland muß „kreditfähig" bleiben, das ist der Wunsch der Franzosen, und diese Parole genügt der Presse als Richtschnur für ihr Verhalten. Sogar die hiesigen sozialistischen Zeitungen haben bis jetzt kein Wort des Mitleids und der Sympathie für die Opfer gesunden, auch diese „weltverbessernde" Presse hat bis jetzt kein Wort des Protestes gegen die russische Regierungsbestic gefunden. Nicht wahr! eine merkwürdige Erscheinung, fast'ein Rätsel. Aber der „Cri de Paris" hat uns jüngst dieses Rätsel gelöst. Me russische Regierung — noch mit dem Grafen Witte an der Spitze — hat anläßlich der großen russischen Anleihe vier Millionen Franken für die französische Presse assigniert und „Proportionen" verteilt. Und auch die sozialistischen Zeitungen hat man, mit Ausnahme der „Humanitä", die von Jaures redigiert wird, Proportionen mit Neincn Zuwendungen bedacht. Wien, 19. Juni. Abgeordnetenhaus. Am Schlüsse der heutigen Sitzung, in welcher die Debatte über die Gewerbereform fortgesetzt wurde, fragte Graf Sternberg, warum anläßlich der letzten Judenverfolgungen in Rußland keine Kundgebung' des Parlaments wie bei dem Attentate auf den spanischen König erfolgte. Wien, 20. Juni. Me „Neue Freie Presse" widmet in ihrem gestrigen Abendblatt einen Leitartikel der englischen Interpellation, wegen Bjelostok. Sie meint, daß trotz der ausweichenden Antwort Lord Greys es eine höchst bedeutsame Sache sei, daß die neuen russischen Greuel im englischen Unterhause zur Sprache gebracht wurden. Wenn man sich erinnere, daß bor einigen Jahren die Vorstellungen, jvelche die Regierung der Bereinigten Staate» aus dem gleichen Anlasse in Petersburg erhoben, fruchtlos waren, so sei es begreiflich, daß europäische Regierungen sich sträuben, neuerdings etwa offizielle Schritte mit demselben negativen Resultat an der Newa zu unternehmen. Heute sei jedoch Rußland daraus angewiesen, den Ausdruck, welchen die Stimme der Welt im englischen Parlament fand, nicht als leeren Schall zu betrachten. Um sich aus seiner äußeren und inneren Katastrophe mühsam wieder aufzurichten, bedürfe Rußland der Hilfe der Zivllisation, anstatt ihr zu spotten, in jedem Betracht, und es hänge wohl auch mit den blutigen Nachrichten aus Bjelostok zusammen, daß Lord Rothschild mit Lord Grcy in Downingstrcet eine Unterredung gehabt habe. Möge auch Rußland wähnen, der Sympathien der Welt entraten zu können, auf die Milliarden des Auslandes sei es aber angewiesen. Kopenhagen, 18. Juni. Professor D r. S i m o n s e n, früher Oberrabbiner der hiesigen jüd. Gemeinde, veröffentlicht heute in der offiziösen „Berlingske Tidende" eine Mitteilung, die er vor einigen Tagen — noch bevor die Nachrichten über neue Judenhetzen in Bjelostok hier eintrafcn — erhielt, und zwar von einem völlig zuverlässigen, in Bjelostok wohnenden Gewährsmann. Dieser schreibt, die Unteroffiziere der daselbst garnisonierenden Regimenter hätten bereits vor einiger Zeit ihre Mannschaften dahin instruiert, daß „bald Un r u Henaus b rech en würden und das Militär den Auftrag'erhalten würde, die Ordnung wicderherzustcllen; dann sollten die Soldaten aber ausschließlich die Juden auf's Korn nehmen." — Professor Simonsen kann nicht glauben, daß die russischen 'Unteroffiziere mit prophetischer Gabe ausgestattet seien, ebenso wenig, daß sie von sich selber aus solche Instruktionen erteilen. London, 19. Juni. Jin Unterhaus fragte gestern Keir Hardie den Staatssekretär des Auswärtigen Sir Edward G r e y, ob er in den Zeitungen das von fünf Mitgliedern der Duma Unterzeichnete Telegramm gesehen habe, nach dem die.Judenmetzeleien in Bjelostok noch andauern werden. Diese würden offiziell von der russischen Regierung unterstützt, und ob das nicht Grund genug für seine Amtsstelle sei, um ihren Einfluß bei der russischen Negierung geltend zu machen, daß solchen Verbrechen gegen die Zivilisation Einhalt getan würde. — Grey erwidert, daß er die Depesche in den Zeitungen gelesen habe, aber keine amtliche Kenntnis irgendwelcher Art davon besitze. — Daily Telegraph, der unter dem letzten Kabinett vielfach das Sprachrohr des auswärtigen Amtes war, schreibt: „Wir können im Westen nicht beisteuern, um eine Regierung des Blutvergießens und der Grausamkeit im großen Stil dauernd zu stützen. Wenn Europa nichts «anderes tun kann, so kann es wenigstens die Gewährung der Geldmittel cinst c l l e n u n d d a m i t der russischen Oligarchie und dem ganzen Großfürstenregiine die letzte Warnung ankündigen, daß Verbrechen, die das Gewissen der Welt erschüttern, nicht länger in einem Lande geduldet werden können, das auf die Sympathie der Welt Anspruch erhebt." London, 19. Juni. Offiziell wird bestätigt, daß bei dem Auswärtigen Amt Vorstellungen über die Bluttaten in Bjelostok gemacht wurden und daß die großen Finanzhäuser Maßnahmen treffen, um die Wiederholung solcher blutigen Ereignisse in ganz Rußland zu verhindern. Petersburg, 16. Juni. In der Duma kam gestern der Pogrom in Bjelostok zur Besprechung. Der Jude Lewiu, der polnische Bauer Skuk o w s k i, der polnische Rechtsanwalt Dänintowski, der russische Rechtsgelehrte Kowalewski, die Bauerndeputaten Anilin und Madin, waren einig in ihrer Verurteilung der Versuche der Polizei, bas russische Volk gegen die Juden zu Hetzen. — Kowalewski drückte die Stimmung der Duma in den Worten saus: „Wir sind alle Brüder, wir kenne»' keine Unterschiede an Nationalität, wir wollen alle für einander stehen." — Die Kommission zur Untersuchung der Verbrechen von Beamten ist beauftragt worden, einige von ihren Mitgliedern an den Ort der Ereignisse zu schicken, um dort eine Untersuchung vorzunehmen. Warschau, 17. Juni. Hilfsaktionen. In Bjelostok sind aus Grod no Abgesandte der jüdischen Gemeinde mit Brot und anderen Eßwaren angekommen. In Grodno, Wilna und Bj.elostok werden Geldsammlungen veranstaltet. In Bjelostok hat sich ein Hilfskomitee gebildet. Petersburg, 19. Juni. In der Duma spricht Petrankewitsch für die Rechte der Juden unter Hinweis auf die Vorgänge in Bjelostok und führt aus, man müsse sich beeilen, die Gleichberechtigung der Juden einzuführen, im anderen Falle würde Blut fließen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Das Herrenhaus lehnte sämtliche, zum § 40, der von der jüdischen Schule handelt, von der Linken' entsprechend den Petitionen jüdischer Gemeinden gestellten Anträge ab. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Am 11. ds. Mts. tagten hier hinter verschlossenen Türen die Di str i k t s pr ä s i d e n t e n der organisierten neologen israelitischen Gemeinden. Den Vorsitz führt Dr. Moriz Mezey, der Präsident der neologen .Laudeskflnzlei.