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Neue jüdische Presse · 1906-06-22 · Heft 24 (22.6.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 24 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Inhalt der Beilage: Artikel: Die Juden in England, — Assimilation und Politik. — Das Blutbad in Bjelostok, — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus derzionistischenBewegung. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Abgerissen. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. Die Juden in England. Ein Rückblick auf ihre Geschichte und ihre gegenwärtige soziale und wirtschaftliche Stellung. Von Max G i l l i s. Die früheste Erwähnung der Juden in England in einem englischen, historischen Dokument, finden wir in den kanonischen Gesetzen von Egbright, des Erzbischofs von Dort, welche den Christen die Beteiligung an jüdischen Gastmählcrn verbieten. Ebenso beweist ein anderes Gesetz aus dem Jahre 833, daß zu jenen frühen Zeiten schon Juden in England gewohnt haben müssen.- Außer diesen beiden interessanten Dokumenten besitzen wir keine Ueberliesernng aus jener Zeit, ans welcher wir auf die Zahl der Juden, ihre bürgerlichen Rechte und ihre damalige soziale Stellung schließen könnten. Erst aus der Mitte des 1l. Jahrhunderts hören wir wieder etwas von ihnen. Eduard, der Bekenner, erließ nämlich um jene Zeit ein Gesetz, welches erklärt, daß die Juden unter dem Schutz des Königs stiinden, und daß alles, was sie besäßen, ihm gehöre. Sie Waren also das, was die Juden um jene Zeit in fast allen europäischen Ländern waren: Leibeigene der Krone. Nach der normännischen Eroberung vermehrten sich die Juden in England rasch. Wilhelm, der Eroberer, ermutigte sie, wahrscheinlich durch finanzielle Beweggründe veranlaßt, nach England zu kommen. Die englischen Historiker Francis Peck und Anthony Wood haben uns interessante Angaben über die Inden der damaligen Zeit hinterlassen. Sie legten damals den Grundstein zu den Reichtümern, die ihnen später so sehr, zum Verderben werden sollten. Von dem romantischen, schwärmerischen Geist der Epoche der Kreuzzüge angetrieben, verkauften die Adligen ihre Güter zu Spottpreisen an die Juden, um sich die Mittel zu einer Reise ins heilige Land zu erwerben.' Daß die so reich gewordenen Juden natürlich Freunde ihrer Könige wurden, ist erklärlich. Besonders kann man dieses von dem sich stets in Geldverlegenheit befindenden König Wilhelm Rufus sagen, der sich sogar einmal bereit erklärte, zum Judentum überzutreten, falls die Juden in einer von ihm veranstalteten öffentlichen Disputation Sieger bleiben sollten. So genossen die damaligen Juden in England von seiten ihrer Könige die Unterstützung und den Schutz, welche sie zur Hoffnung berechtigen durften, in England ein dauerndes Asyl gefunden zu haben. Sehr bald jedoch wurden ihre Hoffnungen enttäuscht, denn mit ihrem Reichtum schwand ihre Sicherheit, und in demselben Maße als ihr Wohlstand wuchs, wuchsen auch ihre Unterdrückungen. Stephan und Heinrich II., die Könige der letzten Hälfte des 12. Jahrhunderts, besteuerten sie, durch Habsucht angctrieben, bis zu einer unerträglichen Höhe und erpreßten das Geld durch Beschlagnahme ihres Eigentums, durch Einkerkerung und durch unerhörte körperliche Torturen. Unter den unglaublichsten und albernsten Vorwänden hetzte man den Pöbel gegen sie auf und ermordete ohne Rücksicht ans Alter und Geschlecht, hunderte von ihnen. Als um jene Zeit Mathilde, Exkaiserin von Deutschland, dem König Stephan den Besitz der Krone streitig machte, erpreßte diese streitbare Dame von den Oxforder Juden einen sogenannten Exchange of money, welches edle Beispiel König Stephan, der Sieger geblieben war, noch dreimal wiederholte. In jenen Wirren entstand auch das Blutmärchen, und Thomas .Füller, ein englischer Historiker, versichert, als das Resultat seiner Nachforschungen über diesen Punkt, daß Juden nur zu den Zeitäl'dieses "Verbrechens beschuldigt worden wären, wenn der König Geld brauchte. Die Regierung Heinrichs II. ist, abgesehen von den üblichen JUdenverfolg- . ungen, insofern bemerkenswert, als er den Juden auf ihre wiederholten Bitten gestattete, ihre Toten zu begraben, wo sie wohnten. Bis dahin hatten die Juden des ganzen Landes nur einen Begräbnisplatz, der sich in der Nähe des damaligen London, wo heute die Redcroß- und Aldersgatestreets liegen, befand. Der Nachfolger Heinrichs II., Richard Löwenherz, begann seine glorreiche Regierung damit, indem er den Juden verbot, sich während des Krönungsaktcs der Westnlinster-Wtei zu nähern. Als es trotzdem einige angesehene Juden wagten, ihm anläßlich seiner Krönung Geschenke zu überbringen, wurden sie vom Pöbel überfallen und niedergemacht. Dies war das Signal zu einem furchtbaren Blutbad. Die Häuser der Inden wurden überfallen und angezündet, und was nicht durch das Schwert der Verfolger umkam, fand den Tod in den Flaminen. Als der König davon hörte, gab er Sir Richard Glanville, dem Lord High Steward, den Befehl, den Tumult zu unterdrücken. Derselbe mußte sich aber, da der Pöbel ihm und seinen Truppen mit Gewalt drohte, zurückziehen. Dieselben Gewalttaten wurden in den verschiedensten Teilen des Reiches begangen. In Park flüchteten sich die Juden in ein Schloß und befestigten es. Der Pöbel, durch die Geistlichkeit aüfgehetzt, belagerte dasselbe längere Zeit, konnte es aber dank der verzweifelten Gegenwehr nicht einnehmen. Als die Lage der Juden aber unhaltbar geworden war, töteten sie mit einer Entschlossenheit, die, wie der Historiker Schaible sagt, in der Geschichte kaum ihresgleichen findet, zuerst ihre Weiber und Kinder, und dann sich selbst. Der König ließ zwar die Schuldigen bestrafen, doch lag ihm wohl weniger an der Ermordung der Juden, als daran, daß ihr Geld anstatt ihm dem Pöbel zugefallen 'war. Fortsetzung folgt). Assimilation und Politik. Bon Maxime Le Maitre, Paris. IV. (Schluß.) Das Judentum als selbständiger Knltnrkörper begriffen, bildet eine kleine Kulturinsel im großen Meere des uns umgebenden Lebens. Diese Insel wird von den Userwogcn des Meeres oft bespült, fremdes Wasser dringt oft in unsere Kanüle und richtet zuweilen Verheerungen an. Das ist — bildlich ausgedrückt — die kulturelle Existenzform des jüdischen Volkes in der Diaspora. Wgesehen von dem Eindringen fremder Kulturprinzipien in das Judentnni, von dem Hineingezerrtwerden in frenide Kultursphären, die das Golusleben in seiner heutigen Gestalt bedingt, bildet die Existenzform des jüdischen Volkes in seiner gegenwärtigen politischen Lage einen Widerspruch in sich selbst. Dieser Widerspruch ist ein Urquell von Verhängnissen und bösen Geschicken. Das Volk in seiner Einheit bildet die Grundlage für jede politische Moral, aber mit der Grundlage allein ist noch nicht viel getan, denn diese bloße Grundlage muß durch eine ändere — ethische Institution-durch den Staat entwickelt und ergänzt werden. Erst der Staat objektiviert die Gesellschaft. Aus der Einheit des Volkes und des Staates entsteht die sittlich objektivierte Gesellschaft. Nun bildet das jüdische Volk eine nationale Einheit, entbehrt aber jener politischen Existenzform, mittelst deren es als eine objektiviert-sittliche Gesellschaft angesehen werden kann. Da wir auf fremdem Boden leben — uns der nationalpolitischen Einheit nicht erfreuen, so machen wir als Volk vermöge unserer historischen Traditionen nur eine soziale Einheit aus. Aber auch diese soziale Einheit wird dürch ökonomische Moinente gestört. Wir sinken da bald zu einem Aggregat von Besonderheiten herab. Aus dieser Disharmonie zwischen. Sein und Sollen — oder zwischen Sollen und Sein ist das Umsichgreifen der Zersplitterung unserer nationalen Kräfte in den letzten Jahren zu erklären. Und im letzten Grunde ist auch der „Bund" eine Ausgeburt dieser Disharmonie. Nur ein jüdischer Staat kann die Besonderheiten, diese einzelnen, bis jetzt sieden Zentrums entbehrenden Glieder des jüdischen Volkes, zu.einem Ganzen zusammenfassen. . Was die einzelnen Glieder des jüdischen Volkes trotz aller Breschen aneinanderhält, ist doch nicht die Objcktivation ihres politischen Seins, sondern reiner, sittlicher .Wille und historische Bande. Diese Faktoren allein sind unzureichend, um irgendwie als positiv wirkender Inhalt mit aggressiver Kraft in der Weltgeschichte eine Rolle zu spielen. Aus diesem Grunde bilden wir jetzt in unserer politisch dezentralisierten Seinsform einen negativen Inhalt in der Geschichte.*) So lange die politische Kultur unserer Wirtsvölker wenig oder nicht genug entwickelt ist, mag der reine sittliche Wille der einzelnen Glieder des Volkes dazu ausreichen, die Equivalenz in unserer Gesamtheit zu erhalten. Anders, wenn wir in der Mitte einer entwickelten politischen. Kultur leben. Da zeigt sich der reine, sittliche Wille des Einzelnen als zu schwach, um unsere historische Existenz in ihrer traditionellen Form lvcitcr zu sichern. Tie Geschichte des letzten Jahrhunderts ist der beste Beweis für diese Behauptung. In den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts ist die russische Gesellschaft in die Sphäre westeuropäischer Kultur eingetreten. Aber zum Unglück wehte zu jener Zeit ein realistischer Wind in Westeuropa. Diese Tatsache, daß Rußland zu einer Zeit einer Kulturreaktion in die Kultur eingetreten, war für sein weiteres Geschick verhängnisvoll. Während dem deutschen Realismus die glanzvolle Epoche des Idealismus und Klassizismus vorausgegangen war, ist der Realismus — wenn wir von dem minimalen Einfluß Hegels auf die russische Kultur absehen — die erste Phase der russischen Kultur. Dieser Realismus in seiner vulgären, verwässerten Form hat in Rußland zum Sozialismus geführt. Damit setzt in Rußland die Freiheitsbewegung mit voller Intensität ein. Mer indem die Freiheitsbewegung von unten beginnt, bemerken wir den Versuch einer Zusammenspannung der Kräfte und Verfestigung des Status quo von oben. Parallel mit der Entwicklung der russische» Kultur und des russischen Freihcitsgedankens entlvickelt sich die panslavistische Idee und strebt ihrer Realisierung entgegen. Samarin, Katkow und Pobiedonoszew sind ihre Förderer und Theoretiker. Der Panslavismus konnte und kann sich nur aus Kosten der Existenz der anderen in Rußland lebenden Völker entwickeln. Und tatsächlich sehen wir auch, wie die Wortführer des Panslavismus die Russifizierung der baltischen Provinzen, die Verfolgung der Polen, Entrechtung der Finländer und grausame Verfolgung der Juden veranlassen und ins Werk setzen. Die intensive Freiheitsbewegung und der Versuch einer Verwirklichung des Panslavismus zu einer und derselben Zeit bringen Rußland in einen unentwirrbaren Knäuel innerer Verwicklungen. Die sechs Millionen russischer Juden sind aber da einem zweifachen, ja einem mehrseitigen Feuer ausgesetzt. Schon die ersten Anfänge russischer Kultur treiben einen Keil in die bisher bewahrte Einheit der russischen Judenheit. Die Ilebermacht der Majorität in einer bewußten Form vergrößert die Disharmonie zwischen Sollen und Sein. Diese Disharmonie artet zu einem Chaos und zu einer zügellosen Individualisierung der Massen aus. Es kommt zur Zersplitterung und zum scharfen Reagieren der einzelnen Bolkssplitter, was eine noch größere Verschärfung der Gegensätze veranlaßt. Die Beobachtung einer starken Bewegung und Gährung durch Herrn Podbiedonoszew und Konsorten hat eine Reihe furchtbarer Repressalien zur Folge. So geht es stufenweise weiter mit Aktion und Reaktion. — — — In den ersten Anfängen war die Empörung jüdischerseits gegen die Vergewaltiger ein Protest, eine instinktive Wehr gegen die Zerfleischung und Absorbierung eines so großen Volkskörpers, wie es die sechs Millionen russischer Juden sind. Wie jedes lebende Wesen, so wehrten sich auch sie und wollten nicht dem panslavistischen Tiger zum Fräße dienen. Die Wortführer und Verfechter des Panslavismus, die Ohnmacht der russischen Kultur erkennend, wußten, daß sie zu schwach ist, um andere Knltnrkörper *) Bergl. Artikel I, Assimilation und Politik.

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