Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 24 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Fanrilienblati. Wr. 24. der Jude zerstört, um besseres aus eincr ander e n Grundlage anfba'ncn zu könne», also der ererbte Idealismus i st die Triebfeder seines Z e r st ö r e n s. Den Ausartungen des überwuchernden Großkapitalismus Amerikas in der Gestalt der Trusts wird niemand eine Träne nachwcinen, und sollte cs je de» ciuwauderndcu Inden gelinge» oder sie dazu nur ei» wenig beitragen, daß auf diesem Gebiete Wandel geschafft werde, so würde man alsdann von einem großen Verdien st e der Juden sprechen könne». Es folgt aus alledem, daß der jüdische Zuzug von Osten für Amerika nur von Segen sein wird. Aber was lvird die neue Welt der alte» und immer neuen jüdischen Welt bringen? Was wird der Amerikanismus dem Juden als Juden bringen? — Allein, um diese Frage zu beantworten, muß eine zweite Frage gestellt werde»: Was hat der Amerikanismus dem Indent» in bis dato gebracht? — Herzlich wenig! Ja, man kann eher von einem Schadeir, als von einem Nutzen sprechen. . . . lind doch! Und doch wollen wir nicht schwarz in die Zukunft sehen. Ter Zuzug von Osten nach Amerika wird immer größer, und was die kleine Schar ansznrichten nicht vermocht hat, lvird die große M u s s c vermögen. — Doch cs müssen Schritte zu einer Organisierung der Jndcnheit Amerikas gemacht werden und zwar auf nativ naler Basis. Ans religiöser Grundlage wird es nicht möglich sein, denn die Religion ist in Amerika wenig populär und ihre Anziehungskraft für Amerikaner minimal und dann sind die Differenzen auf diesem Gebiete zu groß, als daß sic tibcrbriickt werden könnten. Anders aber der Nationalismus! Der freie Amerikaner bekennt sich gern zu seiner Abstammung — und daß eine solche Organisation auch der Religion zugute kommen wird, braucht nicht erst ^bewiesen zu werden. lind welche ist nun die Antwort auf all' die gestellten Fragen? Ahasver wird möglicherweise seine p h >, s i s ch c Ruhe in der neuen Heimstätte finden, aebr nimmer seine geistige; denn im güiistigstcn Falle kann Amerika ihm zum bequemen „Nachta s y l" werden, aber zur wirkliche n Heimat niemals! * * * „Ter nächste Tag wird's uns sagen", der nächste Tag hat cs uns bereits gesagt; der weiße Terror hat gesprochen, er hat uns gesagt: daß er gar nicht daran denkt, sein altes, teuflisches Spiel aufzuhörcn, sondern es i» altgewohnter Weise fortsctzt. Ist denn gar keine Acndcrung im Lande der Pogrome eingetretcn? Keine . . . Und die Duma? Die Duma war dazu da, Geld zu bekommen, das ist erreicht, Geld ist da; jetzt kann die Duma nach Hanse geschickt werden. Wohl wird sic sich nicht ohne weiteres nach Hanse schicken lassen, sie ist — den, russischen Rationalcharaktcr gemäß — mit Ausdauer ausgerüstet : doch die einigen Repressalien werden ihre Geduld brechen. Nutzt das alles nichts, dann ein Pogrom, ein zweiter, vorerst gegen die Inden, dann aber gegen Intelligenz. Die Rechnung, wie man sieht, ist sehr einfach und klar, sic hat sich bereits bewährt. . . . Zivar geht dabei das Land zu Grunde, zwar kann eine solche Methode zu einer allgemeiiieu Erhebung führen; aber desto besser: unsere Kanonen — Gottlob —, unsere Armee, wie schlecht und untauglich sie sein mögen, werden schon mit den Barrikadcnhcldcn, niit den sogenannten Volkssreunden fertig werden und alle für einmal, für einmal? Ja, für einmal (wie entzückend!) totschlagcn. lind der Nachwuchs? Ja, den Nachwuchs werden wir dann sehen. . . . Mso kalkuliert Trcpow, also sprach die Tage General Maslow, Trepow's Schwager. Auf die Form konunt's ja nicht an, der S i n » ist derselbe. Es fällt ja sonst niemandem ein, sich mit Gedanken von Leuten; die notorische Mörder sind, und die längst dem Zuchthaus angehörcn miis-:..!,. zu befassen; aber leider hat der weise Zar diesen Ve.brechern die Macht in die Hände gelegt, und bis es dem Volke mit vereinter Kraft gelingen lvird, sie niederzustrcckcn, werde» viele Menschenleben, ja große Gemeinden, wie B j e l o st o k, ans dem Altar ihrer Mordlnst fallen. Und doch gibt's noch ändere Waffen, die keine Menschenopfer verlangen, um diese Bestien nnschädlich zu machen: Geld Verweigerung. Wie >vir mehrmals bereits ansgcführt haben, ist die russische Regierung ans das Geld Westeuropas und Amerikas angewiesen, die alte Anleihe ist bald verbraucht und eine neue muß gemacht werden. Und nun entsteht die Frage, ob Europa jetzt, nachdem cs weiß, daß die russische Burcankratie weit enticrnt davon ist, ans ihre Privilegien zn verzichten, der Regierung ohne weiteres, ohne Garantiocn, Geld gibt. Das Blut stockt in den dldern, wenn man sich erinnert, daß der Jude von Tanssig es ist, der der heirkerischcn Regierung Geld vorstrcckte und sic so die Mittel zn neuen Pogromen hatte. Das jüdische Volk steht vor einer neuen schweren Katastrophe, Bjelostok ist das Signal zn neuen Jndcninctzclcie» und da muß das jüdische Volk wie ein Mann anstreten.-Es müssen alle inneren Disfcrcnzcn für eine Weile verstummen. Zionisten, Territorialistcn, Assiinilanten, Orthodoxe wie Reformer müssen in geeinten Aktionen alle Hebel in Bewegung setzen, durch Masscnproteste, durch Rücksprache mit parlamentarischen Parteiführern, Regiernngsmäiinern n. dgl. m., um der großen Gefahr cntgcgenzntrctcn und den Brand zn lokalisieren. Zwei eben abgcdanktc Henker, Witte, Dnrnowo, befinden sich im Auslande; cs muß diesen der Boden heiß gemacht werden, damit sie erfahren, welche Verachtung ihnen Europa entgegenbringt. Durch die Massenproteste wird vielleicht verhindert werden können, daß eine neue Anleihe bald wieder abgeschlossen werden kann. Zwar hat Rußland in o in e n t a n keine Geldnot — sonst würde cs keinen Pogrom gemacht haben — aber cs genügt die Furcht vor der nächsten Zukunft, die Bnrcankratie von Pogromen abznhaltcn, denn ohne Geld kein Stehlen . . . ohne Stehlen zn können, keine Burcankratie. Ans! ans! Volk Inda! zn deiner Errettung selbst! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt an« Main. Der .Verband der deutschen Juden" schreibt uns: „Die d c n t s ch - r u sfische» Paß- und Aufenthalts-Verträge habe» durch den r n s s i s ch - f r a n z ö s i - s ch e n Handelsvertrag keine Veränderung erfahren. In dem Caprivischen Handelsverträge mit Rußland vom 10. Februar 1894, 29. Januar, Art. 1 und 12 ist bcstimnit, daß die Angehörigen beider Teile, welche sich im Gebiete des -anderen Teiles niedergelassen haben ober sich vorübergehend dort aufhaltcn, int Handels- und Gewerbebetriebe die nämlichen 'Rechte genießen und keine» anderen Abgaben nntcrworfcn sind, als die Inländer. 'Sie genießen die Vorrechte der Angehörigen des meistbegünstigten Landes. Ten besonderen Gesetzen und Vervrdiinngen ans dem 01cbictc des Handels, der Gewerbe und der Polizei, die im Jnlandc gelten oder ans alle Ausländer Anwendnng finde», sind auch die Angehörigen der Vertragsländer unterworscn. Hinsichtlich der Pässe und der den Handelsbetrieb treffenden Abgaben sind Kauflente, Fabrikanten, Gewerbetreibende und Handlnngsreiscnde, denen übrigens die Befugnis zum Warencinkanf und zur Aufsuchung von Bestellungen wie in ihrer Heimat znsteht, wie Angehörige der meistbegünstigten Nation zn behandeln. Ter ncnc deutsche Handelsvertrag mit Rußland vom 28. (13.) Juli 1904 enthält zn Art. 12 den Zusatz, daß hinsichtlich der Gewerbescheine und des Betrages der Gebühren dafür zwischen den Personen der christlichen Religion und denjenigen der mosaischen Religion ein Unterschied nicht gemacht wird. Diese Vcrbcsscrnng ist-cinc Folge der Vorstellungen,. welche seiner Zeit der Zcntralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glanbcns rechtzeitig veranlaßt hatte. In der Presse ist neuerdings behauptet worden, daß die französische und die Regierung der nordamcrikanischeii Union für ihre jüdischen Staatsangehörigen die Berechtigung erreicht habe, auch in denjenigen Ländestcilcn Rußlands sich anfznhalten, welche als sogenannte Oblasti den russischen Inden verschlossen. seien; sowie ferner, daß die Aufcnthaltsbefugnis ans Nichtgewerbetreibendc ausgedehnt sei. Die Nachricht ist u u r ichtig. Die Durchsicht der neue» Verträge und Erkundigungen an den bestinformiertcn Stellen ergeben, daß Rußland beiden Ländern nicht wcitcrgehende Befugnisse zugestanden hat als dem Deutschen Reiche. Die Meistbegünstigungs-Klausel käme dem deutschen Reiche nach dem mitgeteilten Vcrtragsinhalt übrigens nur für seine in Rußland sich aufhaltcnden K a u f l e n t e und Gewerbetreibenden zn Gute, nicht für Angehörige der sogenannten freien Berufe. So sehr dieser Zustand einer Verbesserung bedarf, so wenig kann behauptet werden, 'daß Rußland in dieser Beziehung die mit dem Deutschen Reiche bestehenden Verträge verletzt, oder daß die deutschen Behörden die Jnnehaltnng der Verträge nicht mit genügendem Ernste verlangen. Sollten russische Konsnlc in Deutschland, wie znweilen gemeldet wird, noch jetzt bei Erteilung der Paßvisa für deutsche Kanslente und Gewerbetreibende jüdischer Religion hinsichtlich der Gültigkeits-Dauer Unterschiede machen, so wäre allerdings eine Vorstellung an das Deutsche A n siv ä r t i g e Amt geboten. Berlin. Am 18. ds. Mts. fand eine Sitzung der g a l i z i s ch e n K o in m i s s i o n unter Zuziehung einer Unzahl kompetenter Persönlichkeiten statt. Bon dem „Hilssverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien", Wien, waren' die Herren Dr. P a p p e n h c i m und Tr. Lederer nach Berlin deputiert worden. Als Vertreter der „Jewish Colvnisation Association (Jca)" war Herr Justizrat Dr.' E d IN n n d 'L a ch m a n n erschienen. Aus .Hamburg wohnte der Sitzung der Vorsitzende des „Indischen Zweigkoinitces des deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels" Herr G n st a v T n ch bei. Die „Großloge für Deutschland" war vertreten durch Herrn Jnstizrat T i m e n d v r f e r und S i e g in ii u b Berget, der „Hilssverein der Dcntschcn Inden" durch Herrn I a in e S Simon und Dr. Paul N a t h a n. Auf spezielle Einladung wohnte der Sitzung ferner Herr Bankier E r n st Caro-Bcrlin bei. Ihre Abwesenheit entschuldigt hatten die Herren: Dr.'Hildesheimer und I. Wisloch-Frankfnrt ä. M. ■ ‘ Die Wiener'Herren waren ln der Lage, neue Projekte vorznlegeii, um unseren Brüdern in Galizien Arbeitsinöglichkeiten zn schaffen. Einen besonders erfreulichen Aufschwung hat die Spitzen- Häkelei genommen. Ans den Berichten, die die Wiener.Herren zur Verfügung stellten, teilen wir die folgenden Tatsachen mit: „N e n s a n d e z: In der Sitzung der Ortsgruppe wurde hcrvorgehobcn, wie sehr dieser Erwerb den verschämten Armen dieser Stadt zugute komme. S a in b o r: Die Spitzenhäkclei bewährt sich ausgezeichnet und entwickelt sich von Tag zn Tag; es sind 62 Arbeiterinnen beschäftigt, für welche dieser Verdienst eine wahre Wohltat ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir noch höhere Sninincii an .Verdienst erzielen werden. Tlninacz: Alle klamnicrn sich an die Spitzenhäkelci; cs sind schon beinahe 30 Mädchen. W y g o d a: Ich habe über 30 Tchülcrinnen. Wenn ich abends spazieren gehe, sehe ich vor alle» Häusern die Mädchen sitzen und häkeln. Die Industrie ist wirklich ein Segen für alle. Von Bolchow höre ich, daß die Mädchen bis zn 5 Gulden wöchentlich verdienen. P i st Y n: bittet um Einführung der Häkelindnstrie. N a d w o r n a: Die Sache macht großartige Fortschritte. Etwa 100 Frauen und Mädchen arbeiten und verdienen 5—10 Kr. wöchentlich. Glinianh: Es verdienen solche Mädchen 6, 7 und 8 Kr. wöchentlich, die noch nie, was Arbeit und Verdienen ist, wußten." Allseitige Ziistiminung fand 'der Plan, Analst h a b e t e n s ch n le n in Galizien zn errichten. Der Wiener Hilfsverein wird mit den Vorarbeiten betraut. Durch die Tätigkeit des Herrn Tuch in Hamburg besteht bereits eine solche Schule in Lemberg. Andere Projekte, die vorgelegt worden sind, wurden bis auf die Einzelheiten dnrchgesprochcn. Es mußte aber allseitig konstatiert werden, daß noch eingehende Uiitcrsiichnnge» angcstellt werden müssen, bevor an die Verwirklichung der Pläne herangetreten werden kann. Da es außerordentlich schwierig ist, auch von Wien ans die geeigneten Jnformatioiicn und die nötigen Details über die Verhältnisse in Galizien zn erhalten, so bewilligte der Hilssverein der Deutsche» Inden in Uebereinstiininnng mit der Großloge für Deutschland 4000 Kr. ausschließlich zn dein Zwecke, damit eine geeignete Persönlichkeit angcstellt wird, die 01 a l i z i cn bereist und die einschlägigen Verhältnisse studiert, sodaß ans Grund der so gesammelten Materialien zweckmäßige Vorschläge für die Wetterführung des galizischcn .Hilfsvereins gemacht werden können.. Somborn bei Gelnhausen. Synagogen-Einw c i h n n g. Freitag, den 22. d. M., findet hier unter Leitung des Herr» Prvvinzialrabbiner Dr. B a mb e r g e r - Hanau und unter Mitwirkung des Synagogcnchorcs in Gelnhausen die Einweihnng der ncucrbauten Shnagoge statt. — Die Synagoge ist ein stattliches, imposantes Gebäude, das eine Zierde des Ortes ist. Oesterreich-Ungarn. Wie». Eine wahre Schülerin Pestalozzis. Ist der „Freien Lchrerstiiiimc", einem in Oesterreich erscheinenden pädagogischen Organ lesen wir: „Rosa Goldhamincr wurde vor kurzem in Wien begraben. Trotz ihrer 23jährigen Dienstzeit ist sie als Lehrerin 2. Klasse (als Untcrlehrerin) gestorben. Freilich wirkte sie während der 25 Jahre als echte Fiingerin Pestallozzis, erfüllt von seinem Geiste und seiner Menschenliebe, wie keine zweite Lehrerin Wiens. Da weder has liberale noch das christlichsoziale Wien