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Neue jüdische Presse · 1906-06-22 · Heft 24 (22.6.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 24 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Stc. 24 Leite 5. in entsprechender Weise für die schwachsinnigen Kinder sorgt, führte sie ohne Entlohnung neben ihrer offiziellen Klasse noch eine von ihr errichtete Schwachsinnigenktasse. Schon als provisorische Unterlehrerin hatte sie sich diese schwere Last auferlegt und doch tvurde sie erst 10 Jahre nach Erlangung der Lehrbefähigung definitiv üngestellt und weitere 10 Jahre blieb ihr die Vorrückung verschlossen, weil sic — Jüdin war. Kein Schulrat verirrte sich je in ihre Schule, stammte sie doch aus armer Familie und besäst keinen andereil Adel, als den der Seele. Das Reifezeugnis hatte sie sich durch privates Studium erwerben müssen. Erst im vorigen Jahre gelang es ihr, das Schicksal der von ihr errichteten Schtvachsinnigenschulc sicherzustellen, indem sie im Verein mit ihrer Schwester eiuen Verein „Providentia" zu diesem Zwecke gründete. Auch ihr Tod erledigt einen Rekurs gegen ungerechte Einreihung. Die Wiener Schulpflege wird durch die Behandlung, tvelche diese edle.Lehrerill gefunden hat, grell beleuchtet. Wer in Wien kann sich messen mit dieser Vertreterin eines nimmermüden Idealismus, mit dieser pflichttreuen,, fleißigen und doch so bescheidenen Lehrerin! Und doch äußerte sich ihr taktvoller Inspektor, als man ihm nahelegtc, sie zur Lehrerin der 1. Klasse vorrücken zu lassen: Ich muß sie doch erst inspizieren! In dem offiziellen Wien, bas Gesinnungslumpen und Krebspädagogen init 'Ehren und Aemtcrn -überschüttet, konnte Rosa Goldhammer es freilich nicht weit bringen. Aber ein Denkmal im Herzen aller, die sie kannten, hat sich diese „Untcrlehrerin" erworben." Budapest. Die Wahl zum Präses der i s r a c k. Gemeinde an Stelle des demissionierten Sigmund Kohner ist noch immer nicht vollzogen. Vorige Woche trat die 200gliedrige Repräsentanz zur Wahl 'zusamnien, da aber die beiden Kandidaten — Vizepräsident Philipp Wein in n n n und Hofrat Berthold Weis — .Stimmengleichheit erzielten, so war der Wahlakt erfolglos. Man hatte darauf gerechnet, das; der gemäßigte Weis gegenüber dem radikalen Heißsporn Weinmann die erdrückende Mehrheit 'erhalten würde, und ist deshalb über das Resultat der Wahl erstaunt. Rußland. Petersburg. Die Abgeordneten Jacobson und Winawer erhielten von der jüdischen Gemeinde in Sloniin eine Depesche, daß die Behörde bei den Wahlen zur Stadt-Duma die Juden, die 85»/o der Wähler ausmachen, an der Au s übun g ihres Wahlrechtes hindern. Shitomir. Zehn Tage Arrest erhielt durch den Friedensrichter ein bekannter Reaktionär, weil er, als er aus dem Fenster auf den Hof seines Hauses sah, einem ihm-unbekannten Manne zurief: „Mach', daß du hier wegkommst, Fude!" — Der so angernfene lvar ein christlicher Zollbeamter. Tiraspol. Aus dem hiesigen Gefängnisse sind dieser Tage die letzte Gruppe Arrestierter befreit 'worden, die bei den November-Pogromen Juden Mißhandelt und beraubt hatten. In demselben Gefängnisse sitzen noch 13 als politisch verdächtig Inhaftierte, die bereits seit mehr als 5 Monaten inhaftiert sind, ohne zu wissen, warum. Rumänien. Bukarest, 16. Juni. Für den Wiener Bürgerin e i st e r D r. L u e g e r und die ihn begleitenden christlich-sozialen Wgcordnetcn und Gcmcinderäte, die auf dem Umwege über Krakau, Lemberg und Czernowitz gestern nach Bukarest gekommen sind, lvurdc auf riunänischem Gebiete von der Grenze an — hier erwartete sie ein von der Regierung zur Verfügung gestellter Salonwagen und der Vizebürgermeister von Budapest C i u r c u — in allen Stationen ein demonstrativer lärmender Empfang vorbereitet. Auf dem Bnknrester Bahnhofe wurden sie von einer großen Menschenmenge erlvartct. Bürgermeister Cantacuzene hielt an 2 r. L u e g e r^eine Ansprache, auf die Dr. Lueger und Mg. Schneider mit hochtrabenden Worten antworteten. Im Laufe des gestrigen Tages wurde von Studenten ein Flugblatt verbreitet, worin Lueger als „Vorkämpfer der arischen Rechte gegen die semitische Gefahr" verherrlicht wird, Lueger wurde in den Begrüßungsreden mit „Exzellenz" angcsprochen, was ihn sichtlich erfreute. Heute abend findet im Ministerium des A e u ß e r n ein großes, von der Kommune zu Ehren Luegers veranstaltetes Bankett statt. Auch wird Lueger heute vom König C a r o l in .Audienz empfangen tverden. Amerika. Netv-Aork. Die vernünftige, klare, von Vorurteilen freie Auffassung der Amerikaner hat sich schon oft gezeigt. Auch die jüngste bei der Grundsteinlegung zur neuen Synagoge in Worchester von Dr. G. Stanley-Hall, Präsident der Clark-Universität, gehaltene Ansprache, lvar ein Beweis davon. Er ermahnt nämlich die Jilden, ihre Mstammung nicht zu verbergen, im Gegenteil sich ihrer zu rühmen, stolze auf ihre Rasse, auf ihren Name», ihre Religion zu sein. „Erhalten Sie", so führte der Redner ans, „Ihren Kindern die großen alten Namen Israel, Abraham, Moses, Rebekka usw.! Erziehen Sie. ihre Frankfurter Israelitisches FamUienblatt Kinder, indem Sie ihnen von den großen Ueberlieferungen Ihrer Vergangenheit erzählen und lassen Sic sie im Hebräischen unterrichten, in der jüdischen Geschichte!.. In unseren amerikanischen Gymnasien und Universitäten gibt es Juden und Christen. Unsere Gelehrten studieren semitische. Sprachen Schulter an. Schulter mit den Ihrigen. Wir graben Babylon, Niuiveh und Jerusalem aus, wir entziffern alte Inschriften, sammeln archäologische Reliquien und gemeinsame gelehrte Stlldien. Es ist jetzt für uns an der Zeit, alle alten Verschiedenheiten zu vergessen und nicht weniger herzlich und ehrenvoll in allen anderen Dingen zusaminenarbeiten. Endlich sind wir Bürger eines Vaterlandes und schlingt die die Erinnerung an die patriotischen Taten Ihres Stammes in der Geschichte dieses Landes ein gemeinsames Baud um uns." Argentinien. Buenos-Aires. Bau einer Synagoge. Die hiesige jüdische Gemeinde hat mit dem Bau einer Synagoge begonnen, die 1500 Plätze fassen und 150 000 Doll, kosten wird. Die Cohnheims. Roman von Jacob Levh. (Fortsetzung.) Das Wetter war schlecht geworden. Ter Himmel hatte sich mit eintönigem Grau überzogen und es regnete unaufhörlich. Das Speisezimmer der Villa, in dem sonst die Mittagssonne die bunten Glasscheiben hell erglänzen und sprühende Lichter blitzen ließ, war jetzt duiikel und nüchtern. Die schwere Luft lastete auf den Eltern und auf Lncie, die schweigend an der Tafel saßen. Das Gedeck Rolfs fehlte, es war am Tage nach der Aussprache. Herr Cohnheim stand auf und öffnete das Fenster. Das leise Fallen der Tropfen klang melancholisch herein. Da erklirrten Sporen und Rolf trat ein. Er warf einen Blick auf den Tisch und brummte: „Ihr haltet mich wohl schon für verheiratet?" Die Mutter hatte inzwischen ein Gedeck aufgelegt, Rolf vermied den Blick seiner Eltern und beugte sich über die Platte. Die Mahlzeit verlief stumm. Schließlich sagte Rolf: „Gestern war ich aufgeregt, cs kann alles bleiben wie immer." Herr Cohnheim sagte ironisch: „Bist Du inzwischen Deinen Schwiegereltern zu bürgerlich geworden, das; Du wieder zu uns zurückkehrst?" Er crwiederte gereizt: „Rein, cs ist alles; wie cs lvar. Ich glaubte nur, so lange zu Euch, zu meinen Eltern und meiner Schwester kommen zu müssen, tvie cs nur eben möglich ist." „Und wann wird es Dir unmöglich?" fragte sein Vater, sich mühsam beherrschend. „Lieber Vater, wenn ich verheiratet bi», haben vor allem meine Frau und dann meine Schlviegermutter Anrechte auf inich. Und da leider zwischen Euch und meinen neuen Verwandten zu viel Trennendes liegt, ist dann ein engerer Vermehr ausgeschlossen. Das heißt" — rief er eilig — „Ich werde Euch ja immer besuchen und Lncie ist ja eine Freundin meiner Braut." Lncie rief empört: „Wie magst Du glauben, daß ich dort verkehre, wo meine Eltern nicht willkommen sind! Du verlierst mit Deineil Eltern auch Deine Schwester." „Na denn nicht," meinte er kaltblütig, „Lieselotte hatte sich auf dich gefreut." Herr Cohnheim beschwichtigte seine Tochter und wandte sich an Rolf: „Wir danken für das Mmosen Deines Besuches. Du schämst dich Deiner Eltern — wir haben keinen Sohn mehr. Und da lvir mit Vorbereitungen für eine längere Reise beschäftigt sind, schließen wir unser Haus -von heute ab für Fremde." „Gut Vater, wie Du befiehlst. Aber ich nkuß Dich um etwas bitten. Von meiner Leutnantsgage kann ich nicht leben, und da Du mich einen bürgerlichen Beruf nicht lernen ließest, ist es Deine Pflicht, mir Mittel zum Lebensunterhalt sicher zu stellen." „Melde Dich morgen an ineiner Hauptkasse. Es soll Dir eine Anweisung auf die Reichsbank ausgefertigt werden, welche Dir eine jährliche Rente von zehntausend Mark garantiert. Das wird wohl den Ansprüchen Deiner Schwiegereltern genügen." „Vater, Du bist nobel, wie immer." Er erhob sich. Mit einem langen Blicke umfaßte er das Ziinmer, wo ihn alles an die glückliche Zeit seiner Jugend erinnerte. An jener Tür maß ihn immer sein Pater am Geburtstag, um seine Größe festzustellen; dort an der Portiere warteten er und seine Schwester am Weihnachtsabend auf das Klingelzeichen, das zur Bescherung rief. Mles mahnte an die Fürsorge seiner Eltern für ihn. Pah, es war doch der Liebe eine gute Portion Eitelkeit beigemischt, es klingt so blendend, wenn ein Jude seinen Freunden sagt, mein Sohn, der Husarenoffizier. .Er. sah auf. Die gramvollen Züge, einer Mutter rührten und erbitterten ihn zugleich, weshalb hatten ihm seine Eltern eine Ausnahmestellung gegeben, sodaß er von einein vollkommenen Glück ausgeschlossen sein mußte? wenn er das Mädchen seines Herzens aus einem vornehmen, christlichen Hause, heimführen will, muß er seine Eltern verlieren. Das peinliche Schweigen unterbrechend, sagte er mit ungewisser Stimme: „Ihr dürft mir nicht grollen, denn ihr habt mich in einer anderen Weltanschauung erzogen. Ich kann nicht anders, ich gehöre als Christ zu meinen christlichen Verwandten. Wenn ihr inich aber überhaupt nicht mehr sehen wollt". — Sein Vater unterbrach in mildem, aber festem Tone: „Dein Sohne, der mit kindlichen Gefühleir zu uns zurückkehrt, wird unser Herz immer geöffnet sei». Auf einen Pflichtbesuch, dessen Du Dich bei Deinen neuen Angehörigen zu schämen hättest, verzichten wir. Und nun Gott befohlen." Rolf eilte zu seiner Mutter, umarintc sie ic stürmisch, rief „lebt wohl" und war verschwunden. Herr Cohnheim sagte zu seiner Frau: „Käthe, sollte es nicht doch einen rächenden Gott geben?" „Erich, Du warst iinmer brav und gut und brauchst keinen Gott zu fürchten." „Ach, wenn man nicht gut und brav ist, kommt man in'S Gefängnis, wir haben uns aber doch zu gleichgültig über unsere Religion hinweggesetzt.- Ich darf nicht darüber Nachdenken, sonst könnte ich wahnsinnig lverden." „Vater, Elternliebe entschuldigt alles. Jetzt laßt Ihr das Grübeln sein und denkt an unsere Reise. In drei Tagen wollen wir in Hamblirg sein. Jetzt gehe ich zu Clementinen." — 13. Kapitel. Auf ihrer langen Reise war die Familie Cohnheim in Nizza angelangt, wo sie den Carneval zn verleben gedachte. Im Sommer waren sie bis Island gekommen, dann reisten sie langsam zurück, sahen in Bevey das Winzerfest und brachten de» Herbst und Winter im südlichen Frankreich und in Italien zu. Die Eltern boten alles auf, um Lncie zu zerstreuen. Das junge Mädchen nahm wonnetrunken die herrlichen Naturbildcr in sich auf, mit großem Eifer und feineni Verständnis studierte cs in den Museen und Galerien die Kunstschätze und schwelgte selbstvergessen in den Ruine» Rom's. - Mends waren sie beiin Mondschein im Colosseum. In bläulichem Schimmer lag die ungeheure Rotunde da, in der Mitte ragte gespenstisch schlvarz das Kreuz. In dem Gemäuer huschten Schatten, es war Lucicn, als ob die Arena sich mit bleichen Gestalten bevölkerte. Auf dem Purpursessel saß der lorbeerbekränzte Narr, den Smaragd vor das kurzsichtige?lugc haltend, aus den geöffneten Zwingern krochen die wilden Tiere, sich zum Todessprung niederduckend. Ein schwarzer Nachtvogel durchflog lautlos den Raum. Lucien durchströmte unendliches Mitleid mit den Vor zweitausend Jahren Geopferten, sie hatte ja auch ihr Leben, ihre Liebe zum Opfer bringen müssen. Das Leiden der Märtyrer wurde durch die Krallen der Löwen im Nn beendet, sie aber mußte ihr Leid trageir. Sie senkte ihr Haupt und weinte bitterlich. Tötlich erschrocken faßte ihre Mutter sie an der Hand. > „Lncie, was fehlt Dir?" Sie stammelte „Nichts, die Erinnerung an die Opfer, die hier geblutet haben, ergriff mich übermächtig." „Komm Kind, es wehen Fieberdünste aus den Sümpfen der Campagne, die Nachtluft kann Dir schaden." Und sie fuhren heim. — Wie auf stillschweigende Verabredung wurde Rolf's niemals erwähnt.?lber trotz aller Zerstreuungen lag es wie eine stille Trauer auf der Fainilie, es war Jedem, als ob der Andere sich zur Fröhlichkeit zwänge. Der Blick der Eltern ruhte heimlich iinmer auf ihre Tochter, die so träumerisch und weltvergessen vor sich hinsinnen konnte. Es schien ihnen, als ob ein Leid auf dunkeln Flügeln herannahe, etwas Ungestaltetes, Unfaßbares, aber unabwendbar, wie das Schicksal. .Und. die Melancholie lagerte sich immer mehr auf Lucie's Sinnen, sie konnten im bunten Treiben auf dein Markusplatz in Venedig oder bei einen! Sonnenuntergang auf Capri düster vor sich hin brüten. Mit der Heimat hatten sie wenig Verbindung, sie unterhielt nur mit ihrer Freundin Clementine eiircn lebhaften Briefwechsel. — Nach dem Blumenkorso iir Nizza sagte Lncie zu zu ihren Eltern: „Ich habe Verlangen »ach unserem ruhigen, gemütlichen Heim. Ich sehne mich nach den entlaubten Bäumen des Gartens, den rauhen Winden und Märzschauern des deutschen Frühjahrs. Wir wollen nach Hause reisen." Die Eltern, die sich schon längst 'heinigesehnt hatten, stimmten gerne bei. — — Im Wohnzimmer der Villa Cohnheim brannte ein Feuer, den Raum behaglich durchwärmend. Herr Cohnheim saß nehen seiner Frau auf dem Sophä, eine Zigarre rauchend, Lncie war mit einer Stickerei beschäftigt. Draußen brauste der

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