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Neue jüdische Presse · 1906-06-22 · Heft 24 (22.6.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 24 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Beite 2. Nr: 24. KraoEfurter HsraeÜtrWes FamilieMall. Die Hooligans waren von Polizei gefolgt und Militär schritt ihnen voran, sodaß sie ihre grausige Arbeit ungestört verrichten konnten. Wo sich die heldenhafte Selb st wehr ihnen ent -- gegenstellte, wurde sie von Militär und Polizei niedcrgeschoffen. Militär und Polizei beteiligten sich in rohester Weise an dem Morden und Plündern. Ein Soldat, der als Posten einen der Geflüchteten führte, zeigte diesem prahlerisch' 3 Patronen, diese 3 allein hatte er von 120, die er besaß, nach zweistündiger Arbeit noch zurückbehalten. Ms am Donnerstag nachmittag 5 Uhr der kommandierende General Boganjcnsky auf der Straße erschien, hörte die Plünderung sofort auf. In aller Seelenruhe aber konnten die Plünderer und Mörder ihre Beute bergen, die vielen hohen Offiziere, das Militär und die Polizei sahen ruhig zu und rührten keinen Finger, im Gegenteil stachelten sie die plündernden Banden an einigen Orten noch auf. Am Bahnhof spielten sich ebenso schreckliche Szenen ab tvie in. der Stadt selbst. Im Wartesaal 1. Klasse wurden die jüdischen Flüchtlinge überfallen und in Gegenwart von Offizieren und Polizei tot oder halbtot geprügelt. Sechs an ko mm ende Passagiere wurden ermordet. Am Freitag begann die Plünderung von neuem und zwar auf der Nikolaistraße. Diesmal verbreiteten die Anstifter das falsche Gerücht, Inden hätten auf den Sarg einer getöteten Christenfrau Dachziegel geworfen. Eine Beruhigung trat erst ein, als die Mitglieder der Duma, die zur Untersuchung abgesandt waren, in Bialystok eintrafen. Während die Mörder und Plünderer ihre Arbeit in der Stadt verrichteten, war Bialystok von Militär umzingelt, das keine Juden aus der Stadt und in die Stadt ließ. Das Militär beschoß noch obendrein die Stadt, sodaß eine Reihe Häuser in Flammen aufgingen. Die Stadt Bialystok macht einen furchtbaren E i n d r u ck. Die Straßen mit den demolierten Häusern, mit den zerbrochenen Möbeln, den ruinierten Waren und den vielfachen Leichen bieten ein grauenhaftes Bild. Die Krankenhäuser sind überfüllt, in den Höfen der Krankenhäuser liegen die aufgestapelten Leichen, die von den Verwandten noch nicht agnocicrt worden sind. Bei glühender Sonnenhitze erfüllt ein furchtbarer Leichcngcruch die Stadt. Ueber das Schicksal der 6000 Juden, die sich in die Wälder geflüchtet haben und denen Militär nachgeschickt worden ist, h e r r s ch t n o ch U n g e w i ß h e i t. In seiner ganzen Größe ist das entsetzliche 'Unheil, daß die Juden Bialystoks mrd der Umgegend getroffen, noch nicht festzustellen. Wer soviel scheint klar zu sein, das Unglück ist noch furchtbarer als das von Kischincw und steht an Blut und Entsetzen den Metzeleien der Oktobertage nicht nach. Man muß mit der traurigen Tatsache rechnen, daß, was in Bialystok' geschehen ist, noch in einer ganzen Reihe anderer Städte zu inszenieren versucht werden wird. In dieser Auffassung werden wir bestärkt durch zwei Nachrichten, die wir erhalten haben, ein Telegramm aus Finnland, das von Freunden für uns anfgegeben worden ist. Dieses Telegramm vom 17. von absolut angesehenen und zuverlässigen Persönlichkeiten lautet: „Der Vorfall in Bialystok ist gewissermaßen der Beginn eines Planes, nach dem Vorbude der Oktobertage, Metzeleien über ganz Rußland zu veranstalten. Die Gefahr ist eminent. Das Leben Tausender steht wieder auf dem Spiele. Die öf-- fentliche Meinung der zivilisierten Welt muß über die bevorstehenden Ereignisse aufgeklärt werden." Nicht weniger bedeutungsvoll ist ein Schriftstück, das aus Paris und Berlin gesandt worden ist. Dieses Schriftstück stammt von führenden Persönlichkeiten einer der russischen Parteien her. Es ist so wichtig, daß es verdient in vollem Umfange wiedergegeben zu werden. Es lautet: „Die politische Polizei hat antisemitische Agitatoren in die Provinz entsandt, die zugleich einen Feldzug gegen die. Duma führen. Me Wirkung davon macht sich bereits in Moskau, Kvstroma und die ganze Wolga entlang bemerkbar. Die Juden dieser Gegenden fliehen. Nach Schitomir sind fünf dieser Agitatoren gekommen, die eine lebhafte antisemitische Propaganda entfalten. In Elisabethgrad ist eine Hetze in Vorbereitung; alle industriellen und kommerziellen Transaktionen sind infolgedessen unterbrochen. Jekatcrinoslaw: Die Vorbereitung der Judenhctze wächst von Stunde zu Stunde. Die Agitatoren haben als Acheina „Das jüdische Parlament" gewählt. Dieselbe Sachlage im ganzen Gouvernement Podolien und Kiew. In Njeshin das. Gleiche. In Aufrufen heißt es, daß „die Juden sich anschicken, mit ihren krummen Fingern die Ländereien an sich zu. reißen." Gymnasiasten von 15 und 16 Fahren nehmen an der antijüdlschen Propaganda teil. Die Bauern werden offen auf dem Markt abgerichtet. Iw Kischinew wird der Ausbruch der Hetze von Stunde zu Stunde erwartet. In Odessa — dieselbe Situation. Die Juden fliehen. Tie Behörden suchen die Wachämkeit der jüdischen Bevölkerung einznschläscrn, ohne irgend eine aufrichtige Maßregel zu schaffen. In Bogolopoje in Wolhynien hat der Stationsvorsteher den Gendarmen, die Bahnhofsdienst habe», eine augenscheinlich apogryphe Depesche aus Petersburg mitgeteilt, die aber trotzdem ihre Wirkung tut. „Tod den Juden, tötet sie alle. Nikolaus." Der genannte Chef hatte eine analoge Mitteilung an alle Bahnhöfe des Eisenbahnnetzes gegeben und durch die Gendarmen eine Quittung darüber ausstellcn lassen, daß Ihnen diese Meldung zugegangcn sei. In dem -ganzen Gouvernemeirt Jckaterinoslaw arbeiten die .„wahren Russen", welche in mehreren Ortschaften!dcr Gegend Sektionen haben, stark daran, die Bevölkerung gegen die Juden und die Intellektuellen .aufzureizcn. Der Gouverneur, an den sich die Juden 'wenden, Iveigert sich, die Juden — zu beschütze». ',5ln Saroki (Bessarabien) wird ein Boarom oifen i durch einen gewissen Kationsanski vorbereitet. Allgemeine Flucht der Juden. In Litthanen beginnt das Gleiche. In Pinsk und Umgegend macht man sich von Stunde zu Stunde auf Metzeleien gefaßt. Keine kommerziellen und industriellen Transaktionen niehr, alles steht still. Die 'Kosaken und eine gedungene Bande aus der Bevölkerung begannen'bereits dieser Tage die Läden zu plündern. Der Widerstand, den die Banditen fanden, scheint sie für den Augenblick zum Rückzug veranlaßt zu haben. Auf Grund dieser Tatsache ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß an den verschiedensten Teilen des russische» Reiches sich die furchbaren Ereignisse von Bialystok wiederholen und es fragt sich nun, was kann dem gegenüber geschehen? Der Versuch mit allen Mitteln dahin zu wirken, daß neue Grcueltaten in Rußland verhindert werden, ist die eine Aufgabe, die zu erfüllen bleibt; die andere Aufgabe besteht darin, den Opfern von Bialystok so schnell als möglich materielle Unterstützung zuteil werden zu lassen. (Schluß in der Beilage). Eduard von Hartmau« und seine Stellung zum Judentum. Von Dr. Jsak Unna, Rabbiner in Mannheim. Der Tod des Philosophen, den man vielleicht den größten Denker der Gegenwart nennen darf, weckt die Erinnerung an seine publizistischen Älusführungen zu der Judenfrage, die für uns naturgemäß ein besonderes Interesse haben. Eduard v. Hartniann hat sich nicht nur mit seinem Spezialgebiet, mit der Philosophie und ihrcir Hilfswissenschaften beschäftigt, er hat zu allen die Geister bewegenden Fragen Stellung genommen, und so erscheint es uns selbstverständlich, daß er sich auch zu einem Problem äußerte, ivelches seit Jahrzehnten alle Erscheinungen des öffentlichen Lebens in Deutschland mehr oder minder beeinflußt. Im Jahre 1884 erschien seine Schrift: „Das Judentuin in Gegenwart und Zukunft", und die Tatsache, daß die erste Auflage des Buches in ivenigen Wochen vergriffen war, zeigt, daß es der herrschenden Strömurtg entsprach. Nicht lange vorher hatte Heinrich v. Treitschke, der 'bekannte Historiker uird Publizist, seine antisemitische Tätigkeit begonnen, indein er in den „Preußischen Jahrbüchern" eine Reihe von Artikeln zur Judenfrage veröffentlichte, welche den „berechtigten Kern" derselben untersuchen wollten; im Anfang maßvoll gehalten, schlugen sie später infolge der scharfen Entgegnungen einen feindseligen und gehässigen Ton an, der gewissermaßen das Präludiunr bildete zu den maßlosen antisemitischen Tiraden, die Treitschke von da an in den Hörsälen der Berliner Universität gegen die Juden losließ. Treitschke kann als der geistige Vater des deutschnationaleu Antisemitismus der Studentenkreise gelten; aber auch Hartmann hat durch seine vorerwähnte Schrift und durch ihre wissenschaftliche Färbung den Antisemitismus nicht wenig gefördert. Er will, wie er sagt, die Gründe des Judenhasses bloßlegen und die Mittel angeben, durch welche die.Judenfrage zu lösen ist Ms Ursache für die instinktive Abneigung der niederen Volksschichten bezeichnet er in erster Linie die Tatsache der jüdischen Nationalität. Die Juden, sagt er, sind semitischen Ursprungs, und es fehlt ihnen nur der jüdische Staat mit jüdischem Landgebiet,. uin in demselben Sinne eine Nationalität zu repräsentieren, wie die Italiener und Franzosen. Es treten aber dazu noch Antipathien sozialer, religiöser, politischer und wirtchaftlicher Art. Dazu rechnet er gcivisse Züge der Entartung und Verkümmerung, die durch körperliche und geistige Erziehung beseitigt werden müßten. Die erworbenen Eigenschaften der. Juden seien überwiegend schlechter Art, während ihre ursprünglichen überwiegend gut und geeignet seien, zur Verringerung der Fehler des deutschen Volkscharakters beizutragen. Er stellt dem abstrakten Idealismus und der sinnlichen Genußsucht der Deutschen den Realismus der- Juden, ihre Ausdauer, Genügsamkeit, Sparsamkeit und ihren Fleiß gegenüber, rühmt ihre „klassische" Wohltätigkeit, ihre Achtung vor Bildung und Gelehrsamkeit, und sagt, daß sie sich mit den Deutschen begegnen in der Achtung vor der Arbeit, in dem Familieiisinn und in der Keuschheit des weiblichen Geschlechts-. Freilich sucht er diese guten Eigenschaften zum Teil ans schlechten Motiven 'herzulciten, wie z. B. wenn er sagt, die Achtung vor der Bildung fließe ans der Erkenntnis, daß Wissen Macht bedeute. Als die wichtigsten religiösen Differenzpunkte, welche die Juden beseitigen müßten, erscheinen ihm der Sabbat, die Speisegesetze und die hebräische Sprache als Kultsprachc. Den idealen Kern der Judenfrage aber erkennt er in dem Ueberwicgcn des Stammesgefühls über das deutsche Nationalgefühl, und dieses Ueberwiegen hinwiederum hat seinen Grund in dem jüdischen Solidaritätsbewußtsein. Ter einzelne ordne stets seine Interessen denen des Gesamtjudcntums unter, und das Streben des letzteren sei auf eine Weltherrschaft gerichtet. Der ursprüngliche Traun: einer späteren Weltherrschaft des jüdischen Volkes mit der Welthauptstadt Jerusalem sei zwar in dieser geographischen Bestimmtheit aufge- 'geben, aber im Sinne einer alle Völker beherrschenden jüdischen Aristokratie habe er sich erhalten. Mese groteske Annahme von dem Streben nach einer Weltherrschaft zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausführungen Hartmaiins. Das Judentum ist ihm eine internationale Freimaurerei, und die Miance israclite universelle die embryonale Anlage für die Zentralregierung der zukünftigen jüdischen Weltherrschaft. (!) Hartmann verlangt von den Juden als Entgelt für die Emanzipation, die keine rechtliche Verpflichtung, sondern eine freie Leistung des Volkes auf Grund humanerer Anschauung gewesen sei, daß sie ihr Stammesgefühl ansgeben. Die Taufe will er ihnen nicht zumuten, zumal da heutzutage kam» jemand das Christentum aus Ileberzeugung annchmen könne; aber der Staat solle die Bildung einer konfessionslosen Uebergangsschicht, die in dem Reformjndentum bereits angebahnt sei, begünstigen; dann würde das Judentum nach und nach schmerzlos aus dem Staatskörpcr verschwinden. In dem Vorwalte» des Stammcsgefühls bei den Juden sei zum Teil mich der gesellschaftliche Antisemitismus begründet; zum Teil aber leite er sich aus den den Inden noch anhaftenden Formen und Aenßcrlichkeiten und aus der Einseitigkeit ihrer Berufstätigkeit her. — In Kunst und Wissenschaft ist ihr Verhalten entweder skeptisch negierend oder eklektisch aiieiguciid. In der Journalistik reißen sie mit Witz, Ironie, Satire und Frivolität die Ideale des Volkes herunter, und während sie gegen das ihrige konservativ sind (?), üben sie an dem fremden ihre zersetzende Kritik. Auch in der Politik verfolge». sie überall ihre Sonderinteressen. Zwei Grundirrtümer sind es, welche die Anschauung Hartmaiins kcnnzeichncii. Einmal muß die Behauptung, die Emanzivatiou sei nichts als eine „freie Leistung" des Volkes auf Grund fortgeschrittener humanerer Anschauung gewesen, als eine durchaus falsche bezeichnet werden. Gewiß, eine rechtliche Verpflichtung, die Emanzipation zu gewähren, bestand nicht. Wer im Leben der Völker ist es umgekehrt wie im Leben der Individuen: bei dem Einzelnen sind moralische Verpflichtungen meistens weniger Ivirksam als rechtliche; 'im Völkerleben aber ist der Einfluß moralischer Faktoren, die zwingende Macht der Kulturentwicklung, iveit wirkungsvoller als formell festgesetzte Verträge. Die Emanzipation war nicht ein Geschenk des Volkes, sondern ein Produkt der historischen Entwicklung, eine, wenn auch langsanr herangercifte Frucht der französischen Revolution. Zudem darf auch nicht vergessen werden, daß die Juden sich an den Freiheitskriege» aktiv beteiligt lind daß sie sich dadurch auch schon ein gewisses Recht auf die Gewährung der Emanzipation erwürben chatten.

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