Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 24 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HedaLti-tt «nd cheschäfjsstette: Sranlcfurt a. ITC., Lleichstraße 2, Lcke VUbelerstraße ' %etefou 10507. —r-S-ag=s~ HerauSgeösr: Karg chsis. «7^ " Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— -- . --n Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinknnft. » _ 3 4 Jahrgang. Freitag, de« 29. Siwan 5666 (22. Juni 1906). 24. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Das Blutbad inBjelostok. — Eduard von Hartmann und seine Stellung zum Judentum. — Preßstimmcn. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Wochenkalender. — Familien-Nachrichten. Das Blutbad in Bjelostok. Das Wort ist zu schwach. Ms wenn der Natur Gewalten sich losgelöst — zu einem wilden Hcxeiitanz vereinigt hätten, so tvbt'S im Herzen und umtost cs wild die pochenden, brennenden Schläfen. Und'wem sollte fluchen der Mund? Soll er fluchen jenen — ich mag sie nicht Bestien nennen, daß nicht entweiht werde die Bestie —, die im Nenßenpalaste um Menschenleben würfeln, ihnen, denen, der Tod ihres Kanarienvogels mehr Mitleid abzuringen ivciß, als die Blutlachen zuckender Plenschcnleiber, hingemordet durch einen lässige» Wink ihres kleinen Fingers? Oder soll er fluchen den Werkzeuge»? Soll er wirklich fluchen diesem Answurf der Menschheit, einem Auswurf, auserlesen ans Millionen? Oder soll er gar fluchen jene», die sich Brüder nennen, Brüder der Hingemordcten, verbunden durch die Bande der' Vergangenheit, aneinandergeschmiedct durch ein gemeinsames Brudergcschick — und nicht retteten den Bruder, dem da wankte die Hand, ans der Grube des Verderbens, ihn nicht retten wollten, denn gleichgiltig gingen . sie ihres Weges und buhlten uni die Bruderschaft mit Fremden? Doch der Mund schweigt; die Kraft des Redens ist dahin. — * * ■. * Me Angst vor einem Pogrome lagerte auf der Bjetostocker Jndcnhcit schon seit einem Jahre. Daß ei nicht schon während der Oktober/Novembcr-Mctzcleien aus'brach, war dem jüngst, wahrscheinlich durch .die Holigans ermordeten Polizeimeister Derkatschcw 'zu verdanken, der damals eine bürgerliche Miliz zur Ansrechtcrhaltnng der Ordnung organisierte. Bereits vor kurzem tvnrde ein Pogrom versucht, schon loderten die Flammen des Aufruhrs; doch cs gelang diesmal noch dem energischen Eingreifen der jüdischen Selbstivehr, ihn zu unterdrücken. Es wurde so der Regierung klar, daß sie ein Blutbad unter den Inden nur durch die llebcrgewalt des Militärs anrichten könne — und heute ist 'Nun -das Schreckliche geschehen. * . ■ * Der Hilfsvcrein der Tentschen Inden stellt uns aus den telegraphischen Berichten, die ihm über den Bialystokcr Pogrom zugegangcn sind, die nachfolgenden Mitteilungen zur Verfügung: Me erste Nachricht, die wir erhielten, tvar von ' unserem Grenzkomitec in Prostkcn. Das.Telegramm (in der Nacht vom 13.—14. Juni aufgcgeben) kautet folgendermaßen: „Reisende aus Rußland, sowie mit heutigem Mendzugeeingctroffencs russisches Zugpersonal . berichten, daßStadt Bialystok von Militär umringt ist, in der Stadt selbst wiederholen sich Kischinewer Grenelszenen. Vielleicht könnte Petersburg drahtlich intervenieren." Ans diese Mitteilung hin telegraphierten wir sofort den Sachverhalt nach St. Petersburg, und wir ersuchten vor allem unsere Freunde in den Bialystok benachbarten Städten, uns nähere Mitteilungen zukvmmcn zu lassen. Ein Telegramm vom 16. Juni, 9.22 Uhr morgens air der russischen Grenze anfgegeben, lautete bereits folgendermaßen: „Metzeleien dauern in verstärktem Maße fort. Militär hält noch immer Bialystok zcrniert und Hooligans morden und plündern.. Nach dem Walde Geflüchtete wurden von Militär umzingelt ,iitb ermordet. Augenzeugen erzählen, ein Offizier habe auf dem Bahnhof selbst 2 Durchreisende ohne Anlaß mit seinem Revolver erschossen. Außer den dort garnifoniertcn vier Regimentern und kommandierten Kosaken ist ein Reginient aus Brestlitowsk zur Ausführung der Metzeleien zngezogen worden. Bialystok soll dem Boden gleich gemacht werden. Allgemcinc Panik ergreift auch die umliegenden Städte. Wenn nicht von oben sofort Hält geboten 'wird, ist überall Schlimmstes zu befürchten. Ans gestrige an die Kommerzbank Bialystok gerichtete telegraphische Anfrage, ob Metzeleien fortdancrn, ist soeben eine telegraphische bejahende Antwort eingetroffen. Das Telegramm lautet: Bialystok, 4.5,0 Uhr. Tut das Menschenmögliche, appelliert an die öffentliche Meinung." '. Das ist unsererseits sofort geschehen. Wir haben unmittelbar, nachdem uns die Telegramme zngingen, dieselben den Tageszeitungen zur Verfügung gestellt, die sie in dankenswertester Weise veröffentlichten und auch die deutsche Reichsregiernng ist von den Telegrammen, die uns übermittelt worden sind, unterrichtet worden. Wir haben natürlich gleichfalls fortlaufend die großen auswärtigen Organisationen unterrichtet, und da uns eine große Anzahl Korrespondenten auswärtiger Blätter Frankreichs, Englands und Amerikas um nähere Nachrichten ersuchten und da sie die erhaltenen Nachrichten sofort telegraphisch weitergcgebeii haben, so ist auch die Presse Frankreichs, Englands, der Vereinigten Staaten von den Telegrammen, die wir erhielten, verständigt worden. Wir entsandten ferner sofort zwei Berichterstatter nach Bialystok. Der eine nahm seinen Weg über Prostken, der andere über Warschau. Es sind ihnen die weitgehendsten Vollmachten zu einer Hilfsaktion erteilt worden und wir haben sie auch mit dem nötigen gedruckten Material versehen, das bereits bei den Oktoberpogromen traurigen Angedenkens zur Verwendung gelangt ist, damit sie eine genaue Aufnahme über die. Verwundeten, &ctötetcn und den Schäden zu machen in der Lage sind. Da Bialystok bisher vom Militär umzingelt war, so gelang es erst einem unserer Berichterstatter nach Bialystok zu komnien. Ans der Gesamtheit der Nachrichten, die wir erhalten haben, ergibt sich für den Pogrom das folgende Bild: , Seit dem im vorigen Jahre stattgefundenen Pogrom in Bialystok haben sich die Inden dort in fortwährender Aufregung befunden. Obwohl die 60 000 Juden mit den 20000 christlichen Einwohnern im besten Einvernehmen lebten, waren die dunklen Mächte, die leider noch immer Rußlands Schicksal beherrschen, bemüht, Verhetzung zu entzünden und einen neuen Pogrom hervorznrnfeu. Dies scheiterte an dem Widerstreben des gerechten und liberalen Polizcimcisters D e r k a t s ch o w. Am Sonntag, den 10. Juni wurde dieser ermordet. Es ist zweifellos, daß bei den:'Morde die Schwarze Bande nicht unbeteiligt ist. Die Trauer um den ermordeten Derkatschow war unter den Inden besonders stark. Die Jüdische Gemeinde wollte ihrer Trauer Ausdruck geben, indem sie einen Kranz an den: Grabe des Ermordeten nicdcrzulegen gedachte. Die Familie des Ermordeten, die von diesem Vorhaben verständigt war, lies; der Jüdischen Gemeinde sagen, daß sie dankbar diese Ehrung und Anerkennung des Ermordeten von den Inden annehmcn werde. Als sich am Dienstag Nachmittag gegen 2>» llhr die jüdische Deputation mit dem Kranze zur Witwe des ermordeten Polizeimcisters begeben uwllte, wurde sie von dem Gehilfen des Polizeimeisters Scherein e t j c w angehalten. Er schrie der Deputation entgegen: „Bon Euch Blutfangern werden wir keinen Kranz annehmcn, Ihr habt unseren Polizcimeistcr ermordet, und nun wollt Ihr das Blut mit den Blumen verdecken. Ich verbiete Euch, den Kranz niederzulegen; wenn Ihr es doch lvagt, sollt Ihr am Donnerstag sehen, was wir mit Euch machen werden." Als die jüdische Deputation empört fragte, was diese Anspielung bedeuten soll, fiel der inzwischen hinzngekommcne Untersuchungsrichter W i f ch n c w s k y ein und sagte: „Was ist hier unverständlich? Scheremetjew sagt deutlich genug, das; am Donnerstag ein Pogrom stattfindcn wird." In höchster Aufregung fuhren sofort drei Herren von der jüdischen 'Gemeinde zum Gouverneur »ach Grodno. Der Gouverneur erklärte ihnen, daß er das Vorgehen Schercmetjew in Bialystok der jüdischen Deputation gegenüber nicht mißbilligen könne, er werde zwar für die Ruhe am Donnerstag garantieren, darüber hinaus aber gebe, er keine Garantie. Donncrsstag um 2 Uhr begann ans Anlaß des Frohuleichnamsfestcs die katholische Prozession, an der etwa 10 000 Personen teilnahmen. Eine griechisch-orthodoxe Prozession von 500 Personen, die in ihrer Mehrheit nicht aus Bürgern Bialystoks, sondern ans Bauern der Umgegend» Chausseearbeitern ans Mittelrußland, welche für den Pogrom herangeholt ivorden sind, und einigen Beamten bestand, zog in entgegengesetzter Richtung durch die Straßen. Kurz nach 2 Uhr entstand in der orthodoxen Prozession eine Verwirrung. Ein leichter Knall wurde hörbar. Es soll eine Petarde aus einem Hanse .der Alexanderstraßc in die Prozession geschleudert worden sein. Es steht jetzt mir Sicherheit fest, das; hie Explosion der Petarde ein Zeichen für die Hooligans war mit dem Pogrom zu beginnen. In kaum 5 Minuten waren die Plünderer und Mörder bereits am Werke. Tie Nachricht, daß ein Pope oder daß Kinder getötet worden seien, war zum Zweck der Aufreizung des Pöbels erfunden. Zwei Kinder, die Heiligenbilder trugen, wurden allerdings durch die zum Zeichen Bes Beginns erfolgte Explosion einer Petarde angeblich leicht verwundet und die Heiligenbilder — sicherlich wie von den Anstiftern geplant — zerrissen. Tie zerrissenen Heiligenbilder ließ man stundenlang ans der Straße liegen, um die Wut h'cs Pöbels anzufachen. In Rotten zu 50 zogen die Hooligans sofort durch die Straßen .mit eisernen Stöcken und Steinen bewaffnet. Tas Vorspiel war die Plünderung des Eisengeschäftes von Kaplan' aus der Deutschen Straße, dann zogen die Plünderer vor die Wohnung des greisen Rabbiners D r. M c» - h i l e w e r. Dort wurde alles vernichtet und die Möbel ans die Straße geschlendert. Tann tobte über 2 Stunden ein wildes Morden und Plündern. An.200 Häuser und Läden wurden vernichtet und ausgeplündert, namentlich Juwelier- und Uhrenläden. DieTotennnd Verwundeten zählen nach vielen H n n d e r - t e n. Genaue Ermittelungen liegen noch nicht vor.