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Neue jüdische Presse · 1906-06-15 · Heft 23 (15.6.1906) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 23 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 23. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 11. ist die Beteiligung allgemein gestattet. Meldungen zur Teilnahme sind an Herrn Lehrer Mvops, hier, Sadvwastr. 69, zu richten, der sich zu weiteren Auskünften gern bereit erklärt. Hannover. Generalversammlung. Der Verein jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover hielt am 3. und 4. ds. Mts. seine 42. Versammlung ab. — Nach Eröffnung durch den Vorsitzenden begrüßte Landrabbiner Dr. Lewinsky- Hildesheim im Namen der Landrabbiner der Provinz die Versammlung und kommt hierbei auf die Audienz zu sprechen, die sie im letzten Jahre in Sachen des Schulunterhaltungsg'esetzes hatten. Er hob in erkennender Weise hervor, daß der Minister die Landrabbiner in außerordentlich wohlwollender Weise empfangen habe und ihren Wünschen soweit als, möglich Rechnung zu tragen versprach. — Dann gab der Vorsitzende einen kurzen Bericht über das letzte Bereiusjahr. — Herr Waller-Moringen erhält nun das Wort zu seinem Referate über das Schulünterhaltungsgesetz, an welches Referat sich eine lebhafte Diskussion knüpft. — Auf Anregung des Scminarlehrers L e v y - Hannover wird ein Antrag angenolninen, dahin zu wirken, daß in den größeren Orten der Provinz Hannover, namentlich aber in der Stadt Hannover selbst, jüdische Volksschulen errichtet toürden. Zur Ausführung dieses Planes wird eine Deputation gewählt, welche demnächst damit an die Vorstände herantritt. — Am zweiten Verhandluugstage wird die Sitzung eröffnet mit der llnterbreitung eines Telegramms, das seitens der Versammlung zur 50jährigen Jubelfeier des Vereins israelitischer Lehrer Rheinlands und Westfalens abgesandt wird. Hierauf erhält Herr Rvtschild das Wort zu sejnem Vortrage über die Wanderbibliothek und im Anschluß daran über literarische Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Pädagogik und der Religionswissenschaften. Referent stellte folgenden Antrag, der auch zur Annahme gelangt: „Zur Hebung des Interesses seiner Mitglieder, und mit Rücksicht darauf, daß der größte Teil der jüdischen Lehrer der Provinz Hannover wegen Unabkömmlichkeit nicht an den Ferienkursen der Rabbinatshochschulen teilnehmen kann, stellt der Verein dem Vorstande anheim, alljährlich mindestens einen wissenschaftlichen Vortrag zur Anregung und Belehrung halten zu lassen." — Zum Schlüsse hielt Herr Bach-Hildesheim einen Bortrag über Beiträge zur Vertiesüng des biblischen Geschichtsunterrichts, der allseitigen Beifall bei der Versammlung fand. Halle a. S. Generalversammlung. Die diesjährige Generalversammlung des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands wurde bei einer Präsenzliste von 34 Mitgliedern hier abgehalten. — Herr Steinhardt- Magdeburg, der Vorsitzende, hielt die Eröffnungsansprache. Mit banger Sorge sei die jüd. Lehrerschaft den Verhandlungen der' preußischen gesetzgebenden Körperschaften gefolgt, wo das zur Beratung stehende Schulgesetz dem jüd. Lehrer und damit der jüdischen Religion.schwere Schädigungen und Zurücksetzungen zu bringen drohte. Wenn man nun auch jetzt noch nicht über das Resultat dieser Verhandlungen klar sehen könne, so sei doch das Schwerste kies Befürchteten abgewendet worden, und es habe sich auch hier Wieder der Wahlspruch des Hohenzollernhauses, suum ouigue, jedem das Seine, Geltung verschafft. — Nachdem Herr Rabbiner Dr. Feßler und Herr Hirsch namens der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr Dr. Oppenheimer namens des Deutsch-israelitischen Gemeiudebunbes, Herr Fackenheim namens der Germania-Loge, Herr Kantor Wolfs als Ortskollege Worte der Begrüßung gesprochen hatten, trat man in die eigentliche Tagesordnung ein. Der Vorsitzende gedachte der im Laufe des Jahres verstorbenen Kollegen Fuchs-Braunschweig und Dr. van Gelder-Halberstadt. Es folgten Geschäfts- und Kassenbericht, dann ein Referat des Herrn Kantor Wolfs: „Die traditionellen Synagogenmelodieir und der Gottesdienst der Gegenwart" und zwei Referate der Herren Stern und Blach, Halberstadt, über: „Die Nvtwenotgkeit der methodischen Umgestaltung »des hebräischen Unterrichts". — Da sich besonders an dieses, Thema eine sehr ausgedehnte Diskussion anschloß und auch noch eine Reihe Einzelheiten zur Besprechung Vorlagen, so mußten aus Zeitmangel zwei der weiteren vorgesehenen Referate für die nächste Jahresversammlung, welche in Eisenach stattfinden wird, zurückgestellt werden. Bunzla«. St er befall. Herr Lehrer Moritz Fi nt er ist ani 2. d. Mts. nach längerem Leiden gestorben. Er hat mehr wie 30 Jahre in der hiesigen Gemeinde als Lehrer und Kantor gewirkt und sich durch die Herausgabe eines praktisch-musikalischen 'Werkes einen Namen erworben. Der Unterstützungskasse des Vereins isr. Lehrer in Schlesien und Posen gehörte er fast ein Vierteljahrhundert als Mitglied ihres Vorstandes an. Noch kurz vor seinem Tode war ihm anläßlich seines Uebertritts in den Ruhestand der Adler des Inh. d. Hansord. von Hohcnzollern verliehen worden. Jerusalem. Das hiesige Lehrerseminar des Hilfsvereins der deutschen Juden zählt jetzt in der Präparandenklasse 14, in der dritten Seminarklasse 10 (und 2 Hospitanten), in der zweiten Seminarklasse 7 und in der ersten Seminarklasse 5 Schüler. Der Unterrrcht in Gartenbau und Landwirtschaft ist aus 5 Stunden ausgehent worden. Den Zeichenunterricht hat Herr Julius Rothschild, Maler und Zeichenlehrer an der Schule „Bezalel" übernommen. Die vom Hilfsverein im vorigen Herbste gegründete Mädchenschule zählt in ihren beiden Elementarklaffen bereits 81 Schülerinnen. Aus den Vereinen. Treysa. Ortsgruppen-Gründung. Am 4. dss. Mts. wurde hier durch Herrn Dr. Schlesinger- Marburg eine Ortsgruppe des Verbandes der Sabbatfreunde gegründet. Zum Vorstande wurden die Herren Levi K a tz (Vorsitzender), Strupp l. und Lewinsky gewählt. Auch in Z i e g e n h a i n und in Kirchhain gründete Herr Dr. Schlesinger eine Ortsgruppe. 0 J-’riiillrtim. 0 Abgerissen. Skizze von I. D Berkowitsch. Aus dem Hebräischen. I. Nach langem Hin- und Herwauken und nach vielen Strapazen erreichte endlich der junge Arzt Winik eine stille und sichere Position eines Provinzialintelligente», der sich °uuii teilweise mit wohltätigen und gemeinschaftlichen Sachen abgibt, doch im Grunde genommen ganz isoliert in seinein eigenen kleinen Reiche lebt. Seine Jugend ist bereits abgestorben und mit ihr auch die jugendliche Heißblütigkeit, der stürmische Trieb nach Betätigung der Kräfte. Es war ihm jetzt, als ob all sein Streben, all seine Wünsche, die lange in ihm verborgen waren, sich plötzlich vor den kalten und verächtlichen Blicken der „Wohlgeborcnen" Bürger verkrochen hätte, die stolz üuf den Emporkömmling, den armen Knaben, der so unerwartet in die Höhe kam und aus freien Stücken Arzt wurde, herabsahen. Viele kleine Hindernisse, von denen jedes Einzelne an sich nichts bedeicket, die jedoch insgesamt einen Menschen ermüden und zusammenbrechen lassen, mäßigten seine Hitze. Doktor Winik hat dieser inneren Veränderung kaum Widerstand geleistet und wurde alsbald, ohne es selbst zu bemerken, in das stille Leben des Städtchens mithineingerissen. Die Jugend, die ihn früher umgab und viele Hoffnung aus ihn setzte, begann ihn nach und nach zu verlassen. „Er ist ein „Karrierist",, sprach man von ihm. Doktor Winik aber ließ es durchaus nicht merken, daß ihn dies betrübe, und setzte seinen gewöhnlichen gesellschaftlichen Verkehr fort. Wenn er einen wohlhabenden Juden auf deu Straße begrüßt hat Und dieser Gruß freundlich erwidert wurde, so dachte der Doktor lange darüber nach und analysierte zu Hause diesen „Vorfall" . . . Als er noch armer Knabe war und sich im Beth- Hamidrasch umhertrieb, pflegte ihn der „G'wijr" (der reiche Jude der Stadt) oft nach seiner Wohnung zu schicken, um nachzusehen, ob der Tee bereits fertig sei — und als Belohnung ließ er dann dem Knaben einen Apsei geben. Wie ein Kranker unter gesunden und munteren Leuten, so fühlte sich Winik in seinem jetzigen Gesellschaftskreise. Da er in einer einfachen, armen Familie geboren und in einer düstern und schmutzigen Umgebung erzogen wurde, fühlte er sich unter diesen „besseren" Leuten, ganz fremd. Alles geht „ihnen" so gut, alles geschieht bei- „ihnen" so leicht, wie von sich selbst. . . . . Immer bedrückte ihn ein peinliches Gefühl, selbst im Momente der größten Zufriedenheit. Dieses Gefühl gliche demjenigen, welches er in der Jugend empfand, als er ein armer, niedergeschlagener Knabe war und die reichen Knaben beneidet hatte. Er lief mit ihnen zusammen, spielte mit. ihnen zusammen, aber plötzlich, während der größten Fröhlichlichkeit, stieg in ihm ein Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit auf. Und auch jetzt, wenn er sich in Gesellschaft reicher Familien befindet und sich einen Augenblick in seinem eigenen Kreise zu fühlen glaubt, wird ihm Plötzlich all diese Herrlichkeit, all dieses Glück zuwider, und abermals sieht er sich einsam, beleidigt, und beneidet nun aUe Anderen. Darum hat er sich bis jetzt noch nicht verheiratet. Und wenn ihm eins von seinen bekannten Mädchen zu gefallen beginnt, da kommt ihm plötzlich seine noch unvermählte Schwester in Erinnerung, der er nach Amerika zu reisen verholfen hatte. Sie Pflegte gewöhnlich anstatt „Toilette" — „Taulette" zu sagen irnd spazierte jeden Mend allein, um „ihren Doktor", der mit „aristokratischer" Gesellschaft herumspazierte, zu treffen. Und wenn er sich auch in Gesellschaft junger Mädchen befand und glücklich war, daß er nicht schlechter, als die Anderen sei, so kam ihm plötzlich der Gedanke, daß es nur Liebenswürdigkeit — nur Rücksicht sei, doch eine-Gemahlin aus diesem Kreise würde er sich nicht wählen können, sondern kaufen, so wie man einen Gegenstand auf dem Markte zu kaufen Pflegt. Und so schrumpfte ihm das Herz zusammen und verkroch sich in eine finstere Hülle. Nach Hause kehrte er gewöhnlich düster und böse zurück. Es kommt ihm vor, daß er nur aus Versehen in diesen Kreis hineingeschleudert wurde, in welchem er umherirrt, wankt, zappelt und den er nicht mehr loswerden kann. Er fühlte sich wie ein Mensch, der in einen Sumpf hinabgesunken und bereits die Hoffnung verloren hat, aus ihm herausznkommen. Er flüchtete die Armut, in der er erzogen wurde und das Licht einst sah, er flüchtete sie und verbarg sich vor ihr, wie vor einem bösen Traum. Auf den ersten Augenblick scheint es, als ob er diese Armut schon vergessen hätte und an sie garnicht mehr denke; daß er als ein selbstbewußter Mann ihre Erinnerung bereits überwunden hätte. Wenn er arme Patienten behandelt, würzt er gewöhnlich sein Gespräch mit jüdischen Sprichwörtern; spaßt mit den Weibern, liekkost die Kinder und bemüht sich, den Anschein zu erwecken, als ob er aus einer schönen, guten und ihnen fremden Welt herstamme. Doch tief in der Seele fühlt er stets jenes Band, das zwischen ihm und diesen Armen noch besteht. Auch die Kinder wissen vom Hörensagen, daß dieser Mann da, der Samstags in seinem Wagen herumfährt — einer aus ihrem Kreise sei, welchen man einst „Lejbelc Masik" nannte. Sogar die Alten erinnern sich noch, wie er über das Dach kletterte, umj Vogelnester aufzubrechen und darum fällt es ihnen auch jetzt so schwer, ihn „Herr Doktor" anzusprechen. In der Stadt gibt es eine Straße hinter dem' Berge: dort wohnen seine Brüder. Sie handeln in den Dörfern und leben ebenso kümmerlich, wie ihr Vater. Wenn er diese Straße passiert und es ihm ungemütlich wird, die Blicke der alten Bekannten auf sich gerichtet zu sehen, da empfindet er ein qualvolles Gefühl in sich aussteigen. Bald lächelt er, bald macht er böse Mene und weiß nicht, wohin er sich aus Verlegenheit flüchten solle. >'In solchen Momenten möchte er so gern aus dem Wagen heraüsspringen und sich in einem .Winkel verstecken. Aus der Ferne sieht er seine Brüder, die mit dem Einpacken der Eier ln lange hölzerne Kasten beschäftigt sind. Beide haben ihre Röcke abgelegt und stehen in der 'Mitte des Hofes, der mit zerdrücktem Stroh bedeckt ist, und packen geschickt die Kasten ein, indem sie die jftnder, welche unartig sind und sich im Stroh und zwischen den Brettern umherwälzen, anschreien und wegjagen. Doktor Winik warf einen Blick auf sie. Er sieht nun den roten Nacken Moische - Aron's, des altern Bruders, der über Den Kasten gebückt steht und in ihm seinen langen zerzausten Bart wie untergetaucht hat, — den roten Flick auf den Hosen des jüngeren iBruders, der mit niedergebückten Knien sitzt und die Eier, welche auf dem Stroh liegen, aussammelt; dann den schmutzigen Knaben, der neben seinem Vater steht und ihn am Gürtel zupft. Als sie das Hereintreten einer Person gewahrten, blickten sie auf. - ■■■ Die Arbeit wurde unterbrochen, die Brüder reckten sich aus und blieben in Verlegenheit am Kasten stehen. Lächelnd wendet sich der Doktor den Brüdern zu . und sagt: „Nun, wie geht's?" Moische-Aron macht eine rasche Bewegung, als ob er zum Wagen gehen wolle, und antwortet: „Eh-wir arbeiten! Was sollen wir denn machen?", indem er den Schweiß mit dem schmutzigen Aermel wegwischt. „So .... so", murmelt der Doktor. Er will etwas sagen, aber weiß nicht was und dreht in Verlegenheit seinen schwarzen Schnurrbart. Auch der zweite Bruder steht. Als er den Blick des Doktors auf sich haften fühlte, lächelte er, nahm den schmutzigen Knaben an die Hand und zog ihn an"sich: „Jossele . . ." „Ist das Dein Sohn, Schloime?" „Hm . . lächelt Schloime und senkt -den Kopf zum Knaben. „Ein schönes Kind . . ." lobt der DoktorDlld dreht lächelnd den Schnurrbart. .-ß* Sobald Doktor Winik von seinen Brüdern wegfährt, beginnt er sich Vorwürfe zu machen und glaubt zu empfinden, daß ein wenig Schmutz an seiner Seele kleben geblieben sei. Er denkt dann an seine Kindheit zurück, an den runden Flick, den er an den Hosen seines Bruders gesehen, an den allen Berger, den Vater des jungen Doktors, der sich hier niederließ. Er erinnerte sich nun der Frage des Alten Wer seine Familie. Jener wunderte sich: „Mraham Winik? Abra—Ham Wi—int—il? Wahrscheinlich habe ich Ihren Vater doch nicht gekannt. .... Sonderbar: Abraham Wk—im—T . . . Diesen Namen höre ich znm ersten Mal! Vielleicht hieß Ihr Vater irgendwie anders? . . (Fortsetzung folgt.)

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