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Neue jüdische Presse · 1906-06-15 · Heft 23 (15.6.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 23 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 23. den Persönlichkeiten der regierenden Kreise in England den Zionismus auf die schändlichste Weise verleumdet und sich zum einzigen rechtmäßigen Nachfolger Dr. Herzl's erklärt haben soll. Es ist natürlich unmöglich nachzuweisen, wie weit sich Mr. Zangwill dies zn Schulden kommen ließ; daß aber die Beschuldigung, deren das Gros der Jtoisien geziehen wird, nicht unbegründet ist, steht fest und braucht keiner ferneren Beweislieferung. Die territorialistischen Redner und Agitatoren übereiferten sich zuweilen soviel, daß sie manchmal die Sache wirklich ein wenig zu weit getrieben haben. Als ferneren Beweis ihrer Friedensliebe führen die Zionisten die häufigen Versuche der Versöhnung an, welche ihrersetis gemacht wurden und. die, . wie gesagt, nur an dem Eigensinn Mr. . Zangwills gescheitert waren, als er zu Beginn seiner ,'toistischen Tätigkeit noch so siegesbewußt und erfolgssicher war... Dieser Kampf bildet jetzt das Hauptinteresse der hiesigen Judenheit, obwohl so viele andre wichtige Fragen wie die. Sonntagsruhe und die Reform des Schulwesens auf der Tagesordnung stehen. Ein Blick in die englisch-jüdische Presse (genügt, um sich zu überzeugen, welche Höhe die Leidenschaft auf beiden Seiten erstiegen hat. Die erbitterten Angriffe, die rücksichtslosesten Beschuldigungen, die galligstenWorte. Es ist klar, daß auch die offizielle Jto, die sich sonst um die breite Masse wenig kümmert, aus ihrer Reserve treten und ebenfalls Massenversammlungen veranstalten mußte, um Gegenresolutionen zu fassen und die Hoffnungen der Zivilisten ins lächerliche zu ziehen. Die gestern „vivo!" gerufen haben, johlen heute „ä bas!" ..... . Zeichnen sich auch die Jto man Meetings durch die Beredsamkeit Mr. Zangwills aus, so können sie doch unmöglich die.Begeisterung Hervorrufen, wie sie bei den Zionisten der Fall ist, da die Leitung der Jto in ihrer steten — ä propos erfolglosen — Jagd nach den. Geldsäcken Israels, es unterlassen hatte, die Massen zu organisieren und sie für sich zu gewinnen. In dem Teile des Kampfes, der sich in der Presse abspielte, ergriffen auch einige Mchtjuden das Wort, die ihre Mißbilligung über diesen Bruderkampf aussprachen und zur .Versöhnung zuredeten. Auf zionistischer Seite wurde die „Liverpooler Resolution" mit besonderer Schärfe von Dr. G a st e r verdammt. Leider ist Dr. 'Gastcr hier zu viel als „Tomer verkehrt" Jude verschrien, als daß eine von ihm geübte Kritik auch nur den mindesten Eindruck machen könnte. Der letzte, der in dieser Kmitravcrse das Wort ergriff, war Herr M.. U s s i s ch k i n, der von Köln nach London herstberkain, um hier einflußreiche jüdische Industrielle für industrielle Unternehmungen in Palästina zu gewinnen, und der hier vorige Woche eine äußerst gelungene Massenversammlung adressierte. Er verglich die Jto mit der Poroh adumoh, von der unsre Weisen sagten: metaher tmeim umtame thorim. „Für den Assimilator Lucien Wolf bedeutet die Jto einen Schritt vorwärts, für den Zionisten Zangwill aber einen Schritt rückwärts." Mit besonderer Schärfe wendete er sich gegen Zangwill, der in seiner letzten Rede erklärt hatte, ein zionistischer Bankier solle sich an der letzten russischen Anleihe beteiligt haben, und forderte ihn auf, den Namen dieses Bankiers gu nennen. Wir wollen hoffen, daß diese Rede das Epilog dieses unerwünschten Bruderkampfes bilden wird. Die Woche. Der 10. Delegiertentag der zionistischen Vereinigung für Deutschland hatte eine stattliche Zahl von Delegierten, nahezu 90, darunter auch allbekannte lind hervorragende Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung, in Hannover vereinigt. Doch die Resultate hätten großer sein können, sie wären es auch gewesen, wenn nicht der unglückselige Streit, der seit dem 7. Kongreß das zionistische Lager in zwei Teile teilt, die Tagungen beherrscht hätte und so die Fragen der Propaganda und der Organisation nicht aufkommen konnten. Zwar wurden viele schöne, wenn auch isicht neue Anregungen vorgebrächt, so hie Erziehung eines kommenden Geschlechts für den Zionismus (Dr. Citron)^ die Gründung von wirtschaftlichen.Organisationen auf nationpler Grundlage (Dr. Mühsam) und dergl.; doch Frankfurter Israelitisches Familienblaü. alle diese Vorschläge wurden.nicht einmal ernst diskutiert. Die Differenzierung, das trennende Moment, nicht aber das einigende, gemeinschaftliche beherrschte alle. Gewiß ist's eine schwerwiegende Frage, ob die Kolonisation in Palästina gegenwärtig zu fördern sei oder nicht; aber abgesehen davon, daß diese allein nicht, die einzige, ausschließliche Aktion einer Organisation, wie die zionistische, ausmachen darf, sollte doch dem Delegiertentag der auf dem Kongreß angenommene Eintrag Marmorcck-Ussischkin, der die Grenzen der Arbeit im Lande unserer Hoffnung festsetzt, zur Richtschnur dienen: bildet doch dieser Antrag die Mittellinie, auf der beide Parteien gehen können. Was sonst in Palästina getan wird, hat auf privatem Wege zu geschehen. Der Palästina-Kommission, sotvie der palästinensischen Filiale der Kolonialbauk fällt da die Aufgabe zu, den Unternehmern zur Seite zu stehen; auch darf die Palästina-Kommission Forschungs-Aktionen vornehmen, darüber hinaus hat aber erst ein neuer Kongreß zu beschließe». Und doch will es uns scheinen, daß der Delcgiertentag nicht vergebens getagt hat. Der stille, schmollende Groll ist manchmal viel schlimmer als der offene. Die lärmende Austragung des Grolls führt doch zur Verständigung, — und wo. Verständigung, da ist G e s u n - d lt n g. Der Zionismus bedarf des inneren Friedens, und tvenn auch Opposition als Zeichen des Lebens einer Bewegung zum Nutzen gereichen kann, so muß sie doch vor allem sachlich und nicht persönlich sein, denn es ist das Persönliche, das meistens keine Verständigung znläßt. Unsere Mahnworte zum Frieden sind an die Adresse der Zione-Zionisten gerichtet. Ihnen, muß einmal gesagt werden, daß das intransigente Eleincut kn i h r e m Lager zu suchen ist. Auch auf diesem Delegiertcntage tvarcn es die politischen Zionisten, die nachgaben. * * * Die traditionelle Judenheit Deutschlands ist in eine große Aufregung versetzt worden ob der neuen Judeuverfassung in Gestalt eines Synodal-Konsistorial-Judentums, mit dem die „Liberalen" sie bescheren wolle». Und mit Recht! — Ist doch die Konsistarialisiernng erfahrungsgemäß ein stilles Begräbnis für das Judentum! Man bedenke: Irgend ein hochvermögcnder Protz, ein Geheimrat, Koinmerziciirat, Justizrat, oder sonst wie all die „Leuchten" des westeuropäischen Judentums heißen mögen, ein „Bur deauraiso", ein Mann, der das Judentum bloß aus einer modernen, niedlichen, klein zugeschnittenen „Tefilloh" in Uebersetz n n g kennt oder nicht kennt . . . . ein Mann, der in keine Berührung mit den jüdischen Massen kommt, der weder die Vergangenheit noch die Gegenwart, noch die Zukunft seines Volkes kennt, da er cs ja nicht fühlt und daher cs nich t v erst e h e n kann, ein solcher Mann — cs muß nicht gerade ein Lutherjude, ein Reform mach er sei» — mit behördlicher Machtvollkommenheit ausgerüstet! Doch es ist nicht das Maß jüdischen Wissens allein — schon ei» aufgezwungener, mit behördlicher Machtbefugnis versehener Vormund für das Judentum einer Gesamtheit oder einer Krhiloh ist für uns undiskutabel, auch wenn er ein Goaun wäre. Wir gehen sogar noch weiter'und behaupten, daß sogar einem Sanhedrin autokratische Machtbefugnisse auf dem Gebiete des Judentums nicht eingcräumt werden dürfen. Das napoleonische Sanhedrin, das in sich, bedeutende Männer vereinigte, das aber zur bloßen Behörde Napoleons herabsank, beweist zur Evidenz, welche Gefahren für das Judentum eine Judentumsbehörde in sich birgt. Ist doch sogar ein Sanhedrin auf dem eigenen jüdischen Boden nicht immer von Segen für das Judentum gewesen. So richtete das Sanhedrin der Saducäer, das dem Könige unterstellt war, viel Unheil dem Judentume an. Nur ein lebendiges Sanhedrin, wie das der Pharisäer, das sich aus den Gelehrtesten auf dem Gebiet der Tauroh und - Gerechtesten in Israel rekrutierte und daher über dem König stand — und noch dazu auf der eigenen Scholle mit dem frisch pulsierenden jüdischen Leben in engster'Fühlung stehend — nur ein solches kann von. Segen für das. Judentum sein; aber kein anderes! All das ist klar und selbstverständlich für jeden, dem der Bestand des Judentums erwünscht ist. — Sogar die „Allgemeine Zeitung des Judentums" von g e ft c r n ist objektiv genug, das anzuerkcnnen. In einer ihrer letzten Nummern in der Rubrik „Die Woche", bei einer Besprechung der Zustände der französischen Judenheit nach dem Trennungsgesetz wird dort gesagt: daß die Konfistorialisierung zu einem S t i l l st a n d im Judentum führt. "Also auch das Zentralorgan für liberales Judentum gesteht das zu. Welche Verheerungen muß da die Kvnsistorialisierung in der Judenheit bereits angerichtet haben, daß'die zur Negation und Verchristlichuug neigenden Rcformjuden dies endlich unter dem Druck der Tatsachen zugcbcn mußten! — Und doch .... Wir sagten die ,/Allg. Ztg." von gestern, denn siehe! die „All-- gemeine" von heute — ein Zwischenraum von einigen Wochen — ist ganz konsistorial! Und noch mehr — in ihren Kops will cs heute nicht mehr hinein, wie mau überhaupt gegen eine Konsistorialisierung sein könne. — Und die Lösung dieses Rätsels? Dia Lösung! Die Wege unserer „Liberalen" sind zu schief und zu steinig, als daß man sie verfolgen könne, und all' ihre Krümmungen und Drehungen . . . . zn erraten imstande wäre. Vielleicht spielt bei dieser Drehung der heilbringende Wink von Oben mit .... Vielleicht etwas anderes. .... Uns ist es gleichgültig, welche lauteren oder unlauteren Motive im Spiele sind; nur auf eines wollen wir reagieren: Die „Allgemeine" kann es nicht verstehen, wieso Herr Benjamin Hirsch-Halberstadt noch vor einem Jahre den vielgepriesenen Verfassungs-Entwurf des Geheimrats . . . . gut geheißen hat. Wieso? Ja, das Wieso haben andere zn fragen, aber nicht die „Allgemeine". Allein, wenn auch die Drehung der „Allgemeinen" schwer zn beantworten ist, so ist die Frage, wie konnte Herr Benjamin Hirsch zustimmen, dahin zn beantworten, daß ein Laie, wenn er noch so fromm ist, sich allein auf solch' schwerwiegendes Gebiet nicht begeben darf. .... Aber das beweist auch, wie gefährlich es ist, das Schicksal des Judentums Einzelnen zn überantworten. Aus alter Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 12. Juni. Wir hatten vorige Woche keinen Bericht über die Versa m m k u n g der Rabbiner-Kommission der freien Vereinigung fürdie Interessen des orthodoxen I u d e n t u m s bringen können, da die Sitzungen dieser Kommission nicht össcntlich ' sind. Heute! erhalten wir nun von der Rabbiner-Kommission folgenden Bericht: „Gestern und heute (6. und 7. Juni! tagte im Hörsaal der israelitischen Religionsgesellschast eine zahlreich besuchte Versammlung der Rabbiner-Kommission der freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums unter dem Vorsitz des Herrn Rabbiner Dr. Breuer. Gegenstände der Beratung bildeten wichtige das Judentum Zurzeit berührende Fragen. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Vorsitzenden berichtete der Schriftführer des Vorstandes, Herr Prov. - Rabb. Dr. Hirschfekd -Gießen über dessen Tätigkeit seit der jüngsten Generalversammlung. Der Vorstand hat sich mit allen einschlägigen Fragen, die in den letzten Jahren auftauchten, eingehend beschäftigt und eine rege Tätigkeit nach, jeder Richtung hin entfaltet. Naturgemäß wären es in erster Linie innere Fragen, denen er seine Aufmerksamkeit zuwenden durfte. Der Berichterstatter kann Mitteilen, daß das Eingreifen bei einer Anzahl wichtiger Angelegenheiten den erstrebten Erfolg gebracht und viel zur Wahrung unserer heiligsten Interessen beigetragen habe. Unter Ausscheidung derjenigen Punkte, zu deren Besprechung die Spezialreferate Anlaß geben mußten, wurde der Rest des Berichtes zur Diskussion gestellt und es ergab sich, daß die Generalversammlung sich mit. den Jntensionen des- Vorstandes in voller Nebereinstimmnng befand. Zugleich wurden dem Vorstande verschiedene wertvolle Anregungen aus der Mitte der Versammlung gegeben, denen dieser entsprechend ihrer Wichtigkeit Folge zu geben versprach. Herr Dr. Schiffer-Karlsruhe erhält sodann das Wort zu einem eingehenden Referat über die Meziza-Frage, Mit großer Sachlichkeit und außerordentlicher Gründlichkeit beleuchtet der Referent alle Seiten seines Themas. Unter Zusammenstellung und Sichtung der ganzen halachischen und polemischen Literatur bis auf die jüngste Zeit kommt er zu dem Resultat, daß die Meziza nicht nur aus prophylaktischen Gründen geboten sei, sondern einen, wesentlichen Bestandteil des. Beschneidungs-

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